Pat Barker: Die Straße der Geister

Die Straße der Geister ist dritte und abschließende Teil von Pat Barkers bemerkenswerter Trilogie über den Ersten Weltkrieg, die die Schrecken dieses Krieges aus britischer Sicht darstellt. Der erste Band Niemandsland hatte uns in eine Nervenheilanstalt geführt, in der traumatisierte Offiziere wieder fronttauglich gemacht werden sollen. Der Krieg war zu diesem Zeitpunkt, 1917, schon in ein Stadium getreten, in dem er ohne ausreichende Begründung einfach weiter geführt wurde, der Dichter  Siegfried Sassoon hatte einen entsprechenden Aufruf veröffentlicht und wurde daraufhin unter einem vorgeschobenen Grund in die Nervenheilanstalt eingewiesen. In Niemandsland erfahren wir den Krieg indirekt, durch die Alpträume und Traumata der Soldaten, die von Dr. Rivers behandelt werden. Dr. Rivers ist ein einfühlsamer Arzt, der mit modernen Methoden mit Gesprächstherapie behandelt, andere Ärzte, die meisten, wenden gröbere Mittel an, um die Soldaten wieder zu ‚heilen‘: Er [i.e. Rivers] hatte beispielsweise keine Elektroden an Moffets [einer seiner Patienten mit einer psychosomatisch bedingten Lähmung der Beine] Beinen angebracht und dann den Strom eingeschaltet, wie Dr. Yealland es mittlerweile bestimmt getan hätte. Er hatte ihm keine Radiumröhren an die Haut gehalten, bis sie versengt war. Er hatte ihm keine subkutanen Ätherinjektionen gegeben. Alle diese Dinge wurden praktiziert, um Soldaten wieder einsatzfähig zu machen…

Ein weiterer Patient von Rivers ist Billy Prior, ein sehr komplexer, intelligenter Charakter mit einer analytischen Fähigkeit, die der Rivers kaum nachsteht. Er ist neben dem Arzt die Figur, die uns im zweiten Teil der Trilogie, Das Auge in der Tür, begleitet und die Zustände in England selbst vorführt: die Hatz auf Minderheiten aller Couleur, die grassierenden Verschwörungstheorien und politischen Ränke. Schließlich hält es Prior in England nicht mehr aus, obwohl er sich mit Sarah verlobt hat und sein zeitweiliger Geschlechtspartner Mannings ihm eine Arbeit im Ministerium verschaffen könnte, will er zurück nach Frankreich, an die Front.

Endlich, so ist man fast versucht zu sagen, führt uns Barker also hinein in die Hölle. In einer Art Tagebuch hält Prior am 5. Oktober 1918, nachdem sie unter feindlichem Beschuss stehend eine schwerstverletzten Kameraden ‚gerettet‘ haben, fest: Die ganze Szene sah aus wie etwas, das sich unmöglich auf Erden ereignen konnte, teils die Sonne, teils die absolute Leblosigkeit der zerstörten, zerwühlten, pockennarbigen Landschaft mit ihren stinkenden Kratern und den Stacheldraht verhauen. Kein einziger Vogel, nicht einmal Aasfresser. Selbst Krähen haben kapituliert. ….

Aber vor diesem Szenario lagen noch ein paar Tage, ein paar Wochen. In England vertreibt sich Prior die Zeit, er muss noch einmal vor eine Kommission, die seinen Zustand zu beurteilen hat und ihn dann trotz Asthmas tatsächlich nach Frankreich schickt. Bei seiner Verlobten Sarah zuhause erlebt er noch einmal die Prüderie und Verlogenheit der englischen Provinz, von Rivers verabschiedet er sich mit einem Besuch. Die ersten Wochen in Frankreich ähneln fast einer Art Sommerfrische, eine gute Unterkunft, keine Front, allenfalls die ewigen Gasübungen verderben die Laune der Soldaten. Es ist die Zeit, in der Prior nach dem Besuch der Divisionsbadeanstalt in sein Tagebuch schreibt: Die Westfront ist ein Wichserparadies. Aber sie ist es nicht ewig, auch Billy Prior und seine Einheit werden an die Front verlegt und es sollte so kommen, wie Prior schon lange vorher geunkt hatte: viermal ist einmal zu viel…..

Neben Prior begleiten wir den Arzt Dr. Rivers durch die Zeit, die der Roman überstreicht. Schildert Barker dessen Tätigkeit anfänglich noch im Rahmen des Üblichen mit diversen Fallbeschreibungen, so läßt sie ihn später selbst fiebrig erkranken. Obwohl nicht explizit erwähnt, erinnert dies an den katastrophalen Seuchenzug der ‚Spanischen Grippe‘, der 1918 seinen Anfang nimmt. Im Fieber, das weiß Rivers, kehrt sein Erinnerungsvermögen zurück: so auch jetzt. Erinnerungen an seine Kindheit, an den übermächtig tapferen Großvater, dessen Namen William er trägt und dem der ängstliche, schnell weinende Junge so wenig entsprach…. Ferner drängen die Erinnerungen an seine letzte Expedition in die Südsee immer stärker in den Vordergrund. Die Berichte der Patienten und seine Erinnerungen an das Erlebte bei den Kopfjägern zeigen Analogien, verschmelzen, verschränken sich. Krankheiten, die durch Geister hervorgerufen werden, so der Glaube der Eingeborenen, so die Übertragung des Arztes auf seine Kriegspatienten, die durch die in ihren Seelen verborgenen Schrecken erkrankten. Was den Kopfjägern ihre Geisterbeschwörung waren in England die Sceancen…. Im Ganzen gesehen war es für mich ein rätselhaftes Element des Romans, in ihrem Nachwort hilft Angela Schrader jedoch es zu entschlüsseln.

Rivers und Prior sind die Figuren, die uns durch das gesamte Werk begleiten. Ist Rivers eine historische Figur, so hat Barker Prior als seinen Gegenpol geschaffen: ein Angehöriger der unteren Klasse, der sich in frühen Jahren Geld durch sexuelle Dienstleistungen an Männern verdiente steht einem Arzt aus gehobender Gesellschaftsschicht gegenüber. Beide sind intelligent und weisen ähnliche analytische Fähigkeiten auf, Rivers ist geschult und setzt sie behutsam ein, Prior dagegen ist direkter – er ist es, der Rivers brutal auf seine verdrängten Erinnerungen anspricht. Zwischen beiden besteht ein nur in wenigen Andeutungen der Autorin erkennbares Band der Zuneigung.


Pat Barkers Trilogie ist weit mehr als die Beschreibung eines grausamen Krieges. Sie ist eine sehr vielschichtige und tiefgründige Analyse dessen, was ein Krieg im Menschen anrichtet und wie dieser auf diese existentielle Bedrohung reagiert. Barker konzentriert sich auf England, in dem – fern der Front – 1917 ein unbedingter Glaube an den Sieg herrschte, obwohl die riesigen Menschenverluste nicht mehr zu leugnen waren, sie charakterisiert dieses Land als Klassengesellschaft, in die der Krieg als auch die Ideen vom Bolschewismus und Sozialismus Unruhe gebracht haben und den Nährboden bereitet haben für Verschwörungstheorien und die Hatz auf Andersdenkende, mit der die Kriegsauswirkungen überspielt und verdrängt wurden. Dazu kam, daß nennenswerte Teile der männlichen Gesellschaft offensichtlich durch homoerotische Tendenzen geprägt waren. Der Krieg, mag er anfänglich noch mit einem definierten Ziel geführt worden sein, verselbstständigte sich im Lauf der Jahre, die Generalität, die von den Frontverhältnissen und wenig mitbekam, hatte sich eingerichtet. In der Vierten Armee sind jedwede Diskussionen über den Frieden ab sofort untersagt. (Tagesbefehl vom 11. Oktober 1918). Noch in den Gefechten, die stattfanden, als anderswo schon über einen Waffenstillstand verhandelt wurde, verreckten Soldaten auf den Schlachtfeldern, so auch Prior und Wilfred Owen, neben Sassoon einer der ‚war poets‘ Englands.

 


Anthem For Doomed Youth
Poem by Wilfred Owen

What passing-bells for these who die as cattle?
Only the monstrous anger of the guns.
Only the stuttering rifles‘ rapid rattle
Can patter out their hasty orisons.
No mockeries now for them; no prayers nor bells;
Nor any voice of mourning save the choirs,
The shrill, demented choirs of wailing shells;
And bugles calling for them from sad shires.
What candles may be held to speed them all?
Not in the hands of boys, but in their eyes
Shall shine the holy glimmers of good-byes.
The pallor of girls‘ brows shall be their pall;
Their flowers the tenderness of patient minds,
And each slow dusk a drawing-down of blinds.

 


Ich war durch Zufall an dieses Buch gekommen: es lag in einer Ramschkiste, war gut erhalten und brauchte ein zuhause. Dort habe ich dann festgestellt, daß es der letzte Teil eines Werkes war.. na ja. Es gibt Sachen, die man leicht in Ordnung bringen kann…

Barkers Trilogie hat mich sehr beeindruckt. Sie ist meiner Ansicht nach deutlich tiefgründiger, tiefschürfender und umfassender als zum Beispiel Im Westen nichts Neues. Natürlich kann man das, was Barker über England und die englischen Verhältnisse schreibt, nicht auf andere Länder übertragen, aber da England ein Kriegsakteur war, an den man eigentlich gar nicht so denkt, wenn man an den 1. Weltkrieg denkt, ist das Verdienst Barkers um so höher einzuschätzen. Ich kann jedem, der sich für diesen Krieg interessiert,  nur empfehlen, Barkers Werk zu lesen.

Links und Anmerkungen:

[1] Die Besprechungen der drei Bände hier auf dem Blog:
Niemandsland
Das Auge in der Tür
– Die Straße der Geister
Dort finden sich auch weiterführende Links.
[2] Das Gedicht Owens (Gesang für eine dem Untergang geweihte Jugend) wurde dieser Quelle entnommen:  https://www.poemhunter.com/poem/anthem-for-doomed-youth/

Weitere Bücher, die ich hier im Blog vorgestellt habe und deren Handlung im 1. Weltkrieg angesiedelt sind, sind unter folgendem Link zu finden:

https://radiergummi.wordpress.com/tag/1-weltkrieg/

Pat Barker
Die Straße der Geister
Übersetzt aus dem Englischen von Matthias Fienbork
Mit einem Nachwort von Angela Schader
Originalausgabe: The Ghost Road, London, 1995
Deutsche Erstausgabe: Hanser, 2000
diese Ausgabe: dtv, ca. 256 S., 2002

Advertisements