Berlin in den zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts, den Jahren nach dem Ersten Weltkrieg, dem Deutschland der Weimarer Republik, das ist in der ersten Assoziation verknüpft mit urbanem Leben, mit einer pulsierenden Metropole, die sich gleichrangig sieht mit anderen Weltstädten wie Paris, London oder New York. Große Varietees, Theater, Kinos, Kleinkunstbühnen ohne Zahl verliehen ihr Glanz, speziell wir Literaturfreunde denken beispielsweise an das Romanische Café als Treffpunkt einer städtischen Bohemé aus Künstlern und Kreativen. Aber dieser Glanz überstrahlt anderes: Berlin war auch eine Industriestadt (AEG, Siemens u.a.) mit bedrückenden sozialen Verhältnissen. Das Wort von der Stadt, die niemals schläft, galt in anderer Bedeutung auch hier: knapper Wohnraum wurde schichtweise als Schlafstätte vermietet, das Bett wurde nie kalt…. die Arbeiter, die in Berlin lernten, nach der Stechuhr zu leben, sollten zu denen werden, die später dann im Stechschritt durch die Stadt marschierten.

Groß-Berlin war 1920 durch einen Verwaltungsakt entstanden, diese erweiterte Stadt von der Größe des Ruhrgebiets beherbergte um die vier Millionen Einwohner, in ihr fand sich urbanes Leben genauso wieder wie idyllisches, zu ihrem Stadtgebiet gehörten Wälder, Seen und Wiesen. Das urbane Leben konzentierte sich jeweils in bestimmten Bezirken, in der südlichen Friedrichsstraße das Filmquartier, nicht weit entfernt, Koch- und Zimmerstraße, das Zeitungsviertel, das quartier latin mit den Klinken und Instituten nördlich vom Friedriechsbahnhof von der Luisenstraße bis zur Invalidenstraße, um die Gedächtniskirche und die Tauentzienstraße das Amüsier- und Luxusviertel, dann die dunkle zweifelhafte Gegend zwischen Münzstraße und Rosenthaler Platz [3].

Diese ‚dunkle, zweifelhafte Gegend‘ begann direkt hinter dem Alexanderplatz. Es ist das Viertel, in das Franz Biberkopf direkt, nachdem er aus dem Gefängnis entlassen worden war, eintauchte, eintauchen musste. In einem finsteren Hofe stehend überkam es ihn und er fing an zu singen, laut zu singen, etwas, was er im Gefängnis nie hätte tun dürfen. Im Hof beachtet ihn niemand, aber am Tor nahm ihn der Jude in Empfang. Er folgte ihm auf der Straße, nahm ihn beim Arm, zog ihn unter unendlichem Gespräch weiter, bis sie in die Gormannstraße einbogen, der Jude und der starkbauchige Kerl im Sommermantel, der den Mund zusammenpreßte, als ob er Galle spucken müßte. [4]

Gormannstraße, Münzstraße, Rosenthaler Platz, Mulackstraße, Grenadierstraße: unter anderen diese Straßen bildeten das Scheunenviertel [5] in Berlin, in dem sich ein Bodensatz des Kleinkriminellen und der Prostituierten tummelte. Enge, verwinkelte Straßen, alte, teils baufällige Häuser, kleine Geschäfte und Handwerker, Unübersichtlichkeit und Gedränge: das Scheunenviertel war also nicht originär ein jüdisches Viertel. Die Berliner Juden lebten mehrheitlich im Westen der Stadt, hatten sich im Gegenteil ‚assimiliert‘ und sollten sich, als nach dem ersten Weltkrieg ihr Glaubensbrüder aus dem Osten Europas nach Berlin kamen, derer schämen. In einem umfangreichen und nicht immer leicht zu verstehenden Essay widmet sich der Soziologe Eike Geisel der Geschichte und dem Charakter des Scheunenviertels im Allgemeinen und seiner Bedeutung für das deutsche bzw. osteuropäische Judentum im Besonderen.

Mir hatte sich bis dato dieses Scheunenviertel literarisch erst einmal bemerkbar gemacht, in Israels J. Singers Die Familie Karnovski ist es ein Schauplatz der Handlung. Mit dem Worten In den altersgrauen, zerfallenen Gebäuden der Dragonerstraße im Scheunenviertel, dem Viertel der Altkleiderhändler, das die Nichtjuden spottend die Jüdische Schweiz nannten, lagen eng nebeneinander Läden, Märkte, Metzgereien Gasthäuser und Bethäuser…. leitet er eine Beschreibung des Viertels und seiner Bewohner ein [6]. Für diese (und weitere zum Viertel gehörende Straßen) hält die Statistik für das Jahr 1929 (dem Jahr, in dem der Roman spielt) tatsächlich auch fest, daß die Wohndichte fünfmal höher ist als in der ganzen Stadt, die hygienischen Verhältnisse sind katastrophal….

In Martin Beradts Straße der kleinen Ewigkeit (ein weichgespülter Titel des Buches, das ursprünglich Die Beiden Seiten der Straße heißen sollte), sind es nicht die vorstehend genannten Straßen, sondern die Grenadierstraße, die im Mittelpunkt steht. Martin Beradt (1881 – 1949) war selbst Jude, 1913 zog die Familie, als es ihr besser ging, in den Westen. Beradt wurde später auf zwei Tätigkeitfeldern erfolgreich: er reüssierte sowohl als Schriftsteller und kam andererseits als Notar und Rechtsanwalt zu Wohlstand. Beides wurde nach 1933 sukzessive durch Berufs- und Publikationsverbote (1933 verlor er seine Zulassung als Notar, 1938 die als Rechtsanwalt zunichte gemacht. Der vorliegende Roman war 1933 (angeblich) fertig gestellt, der Rowohlt-Verlag, bei dem Beradt publizierte, war jedoch zu dieser Zeit der Auffassung, einige Stellen des Romans könnten tendenziös aufgefasst werden und lehnte eine Veröffentlichung ab. Daß Beradt am 10. Mai 1933 von den Machthabern und ihren studentischen Schergen nicht übersehen wurde, versteht sich danach von selbst. In seinem Nachruf geht Eike Geisel auf die Publikationsgeschichte des Buches ein.

Es erscheint schon fast ironisch, daß auch nach dem Krieg erhebliche Schwierigkeiten auftauchten, den Roman zu veröffentlichen, jetzt weil potentiell Antisemitisches darin gesehen wurde: Eine hiesige [i.e. New York, wohin Beradt 1939 geflohen war] jüdische Buchorganisation wollte ihn nicht veröffentlichen, wie ich unter der Hand erfuhr, weil er antisemitisch, sei, das heißt offenbar, daß er nicht aus Marzipan besteht: ich hatte gute und schlechte Juden geschildert und wende die Mittel des modernen Romans an Stelle der Sentimentalität an. … War dies noch Anfang der 40er Jahre, so lehnte Beradts alter Verleger Rowohlt noch 1957 eine Veröffentlichung aus nämlichen Gründen ab, auch andere Verlage zuckten zurück, erst 1962 fand ein kleiner Verlag in der Herausgabe des Romans ‚eine Freude und schöne Aufgabe‘ [Verlag Heinrich Scheffler, Frankfurt]. Eine weitere Buchausgabe erschien 1993 unter dem ursprünglich vom Autor gewählten Titel, 2000 schließlich gab Enzensberger den Roman zusammen mit den beiden umfangreichen Begleittexten von Geisel in Die Andere Bibliothek heraus, diese Ausgabe ist es, die bei mir im Regal wohnt.

beradt


…. mit den Juden dieser Gasse, die neben ihrem bescheidenen irdischen Dasein noch ein zweites, hohes, übersinnliches Leben führten.

Im Mittelpunkt des Romans steht – so deutet es der ursprüngliche Titel schon an – eine Straße und deren Bewohner. Sehr locker wird der Text durch eine Person zusammengehalten, dem jungen Ephrain, genannt Frajim, der schon früh eine unbeherrschte Unterlippe aufwies, der dazu gehörige Mund verriet die gröberen Instinkte, die Nase aber war edel, die Stirn klug – so überlegte sich die Mutter. Dieser Frajim sollte nach dem Willen der Eltern Karriere machen, erfolgreich sein, das ging nur als Kaufmann, aber nicht natürlich im litauischen Elend des Dorfes, in dem sie lebten, sondern vielleicht in Krakau oder Lodz? Man entschied sich letztlich dann für Berlin, denn Deutschland stand in ihren Augen sehr hoch, vor allem stand Polen in ihren Augen sehr viel tiefer. Und wo ging man als Ostjude in Berlin hin, wo zog es einen hin? Dorthin zog es einen, wo schon andere waren, mithin kam auch Frajim ins Scheunenviertel hinter dem Alexanderplatz. Nur zeigte sich dort, daß Deutschland vielleicht sehr hoch stand, doch sicher nicht in diesem Viertel, in dem er, der junge Frajim keinen Erfolg hatte, keine Arbeit fand, obwohl sich seine Zimmerwirtin selbstlos um ihn kümmerte, ihn vermittelte, anpries und in Lohn und Arbeit brachte. Meist jedoch nur für kurze Zeit, was Frajims Ungeschicklichkeit geschuldet war oder der Tatsache, daß wirtschaftliche Probleme zur Entlassung von Beschäftigten zwangen.

Im Umfeld von Frajim führt Beradt eine Vielzahl weiterer Figuren ein. Der achtbare Bettler Fischmann zum Beispiel, dessen Berufung es war, Menschen Gelegenheit zu geben, großzügig und mildtätig zu sein und der wahrnehmen muss, sie sein Berufsethos hier in der Fremde verloren geht. Die Schwägerinnen Riwka und Julchen, die stundenlang auf einem harten Stuhl vor ihrem Verkaufstand mit Wäsche, Unterwäsche (darunter auch orangefarbene (!) Schlüpfer) und Trikotagen stehen und meist vergeblich darauf warten, daß jemand nicht nur schaut, sondern auch kauft. Joel, der Wirt, mit seinem weitbekannten Gasthaus, in dem er auch Zimmer vermietet, an drei, vier der armseligen Gestalten einen Raum….

Sie lebten elend dort in ihrem Viertel, in dem sie nicht unter sich waren, sondern das sie sich teilten mit anderen verschlissenen und unscheinbaren Existenzen. Christliche Minderheiten waren dies, aber auch alteingesessene Juden, darunter ganz arme, halb arme, wohlhabende, aber auch zugewanderte und wohlhabend gewordene und diese noch nicht einmal vereinzelt. Ganz abgesehen vom höchsts bedenklichen Gesindel der gewerbs- und gewohnheitsmäßigen Verbrecher samt ihrem weiblichen Anhang. Es gab Bordelle und es wurde Alkohol getrunken und die Glaubensfestigkeit der Juden auf schärfste geprüft wurde. Sie waren ein Fähnlein Aufrechter, im Quartier mit der Unzucht und dem Verbrechen, eine letzte Kompanie vor Gott. Und warum kommen sie jetzt aus Europas Osten nach Berlin? Nun, ihnen erschien die Wahrscheinlichkeit, in Berlin zu verhungern immer noch attraktiver als die Sicherheit, es in Polen zu müssen….

Zwar war Berlin für manche der Ostjuden der halbe Weg zum eigentlichen Ziel, das New York hieß, aber für die meisten war im Scheunenviertel Endstation. Die Welt außerhalb dieser wenigen Straßenzüge war schon Exil, sie vermieden es, in diese Welt zu gehen, aber diese Welt kam zu ihnen: in Gestalt der Polizei und der Baubehörden. In Joels Wirtshaus wurde Schwamm festgestellt bei einer Inspektion, die Existenz dieses Fleckens an der Wand wird zum Gerücht, es wuchs und verbreitete sich als Angst und Schrecken. Noch einmal gab es später ein ähnliches Gerücht, der Putz der von der Decke rieselte in das Zimmer, in dem Fischmann die Nacht selig entschlafen war, wurde zum Loch in der Decke, dessen Steine ihn erschlugen, das Loch wurde zur Wand, die umgefallen war, die umgefallene Wand wurde zum Haus, das praktisch schon einstürzte! Ausgerechnet zu der Zeit, in dem zusätzliche Zugvögel, die ein Ticket nach New York in der Tasche hatten und hier nur einen Zwischenhalt einlegten, zu all den sowieso schon eng Einquartierten gepackt worden waren. Welch eine Panik, welch eine Unruhe entstand dort. Wie brüllende Rinder, über derem Haupt der Stall in Feuer steht, so schrien alle. Ausgelöst durch einen anonymen Brief, der bei der Polizei eingegangen war, von einem Menschen mit seltsamen Namen… natürlich wusste man gleich, wer diese gewesen sein konnte, nein: musste! Jeder wusste es außer dem Betreffenden, der den geballten Zorn zu spüren bekam.

Es gäbe eine Anordnung der Polizei, das Haus zu verlassen, auch das Bethaus sei zu räumen. Ist sie das jetzt, die Austreibung? Dieses schreckliche Wort fiel, wenn auch nur im Ton der Frage bei denen, die aufgeregt durch Hintertüren in die Schankstuben strömten, um über das Geschehen zu reden. Es ist dies die immanente, ständig über ihnen schwebende Angst vor Vertreibung, die ganz real in diesen Jahren 1928/29 am Horizont erschienen ist.

Es war keine homogene Gemeinschaft. Zwar einte die Not die meisten darin, daß sie genug damit zu tun hatten, zu überleben, aber sie waren, obschon das Scheunenviertel ihre Welt war, nicht abgeschlossen. Im Osten, in Krakau beispielsweise, lebten sie abgeschlossen in ihren Vierteln, lebten die Juden streng unter sich, mit den Andersgläubigen im Verkehr nur durch den Handel. … Es war kühn, von dort auszubrechen, waren auch viele im Laufe des Jahrhunderts von Ost nach West gezogen. Die Mehrheit saß noch da, fromm und strng wie einst, …. hier aber? Inmitten der Unzucht, im Angesicht der Frauen, die von den Männern nur stundenweise besucht wurden, im engen Kontakt – schließlich war überall ähnliche Not – mit christlichen Handwerker, mit Ganoven auch…? Der junge Seraphim, mit dem sich Frajim ein wenig angefreundet hatte, beispielsweise trat für Änderungen ein, die Religion sollte eine freiere und reiner Form erhalten. .. Er galt als Ketzer, er hetze die Jugend auf. Wirklich sagte er: seht euch Herrn Lämmchen an …. bei den Worten Heilig, Heilig, heilig! möchte er höher hüpfen als sie alle, er faßt, wie man sagt, Gott an die Füße, aber zu Hause schlägt er die Frau, und im Geshäft macht er zweifelhafte Sachen! Oh ja, Seraphim hatte ein dezidiertes Urteil, viel forderte er, aber auch er, selbst er, konnte ohne die Gasse nicht leben.

Einige der Personen, die Beradt in seinem wie in einer Art Mosaik als Einzelbildern zusammengesetzten Panorame der Grenadiergasse in das Geschehen einführt, seien noch wenigstens erwähnt.  Beispielsweise Tauber mit seinem Bauchladen, Frau Warszawski, die Vermieterin, Geppert, der Polizeispitzel, Wahrhaftig, der mit Tüchern handelt und jetzt unbändige Angst hat, weil welche dabei sind, die aus der Beute eines erschossenen Diebes sind, der wohlhabende, aber fast blinde Weichselbaum, der nach Berlin der Ärzte wegen kam, der ebenfalls nicht arme Lumpenhändler Lewkowitz, bei dem Frajim zeitweilig, aber nicht lange, arbeitete, der Rabbi Jurkim mit seiner schwermütigen Frau. Dieser betete, wie andere atmeten, es fehlt ihm die Wärme, sein Blick war Eis, entsetzlich, Bett an Bett mit ihm zu schlafen, wahrscheinlich schlief man im Keller wärmer. Dann war da noch Boas, der Arzt, der sich für seine Patienten aufrieb und selbst früh starb. Früh starb? Ein Arzt, der sich selbst nicht helfen konnte und sich früh sterben ließ? O Weh! Ein kollektiver Aufschrei ertönte und die Sicherheit stellte sich in der Menge ein, daß dieser Betrüger dann ja wohl auch seinen Patienten nicht helfen konnte, und war nicht der oder die, trotzdem sie zu ihm gegangen, gestorben? Wieviel vertrauenswürdiger erschien da doch der Heilkundige Jankuhn, der allerdings eher den Aberglauben der Menschen bediente als sie zu heilen….

Am Ende all dieser Geschichten, hiermit schließt sich dann der lockere Rahmen, der durch die Existenz von Frajim gebildet wird, reist dieser mit Weichselbaum, der von den Ärzten Berlins enttäuscht ist, wieder zurück in die Heimat, aus der er ausgeschickt worden war. Er hatte trotz aller Enttäuschungen doch manches gelernt – vielleicht gab es dann doch noch einmal einen Aufstieg für ihn – in Polen.


Es sind Zwiegespräche, innere Monologe, Diskussionen, auch Beschreibungen, die Beradt in Art einer Collage zu einem Gesamtbild der Grenadierstraße, nolens volens also des Scheunenviertels zusammengefügt hat. Des Scheunenviertels, in dem sich die Ostjuden sammelten (es ist an mehreren Stellen von dreitausend die Rede), in der Hoffnung auf einen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Aufstieg, der ihren Glaubensbrüdern rund zweihundertfünfzig Jahre vorher gelungen war. Doch – so schreibt Geisel bitter weiter – statt auf Aufklärung und Lessing treffen sie auf Antisemitismus und Ludendorff, die Austreibung als Schreckgespenst immer im drohend im Hintergrund. Ein paar Jahre später, 1939, besuchte Beradt die Grenadiergasse noch einmal, diesen Besuch fügte er seinem Text als Epilog bei: … Ich habe sie [i.e. die Grenadiergasse] im Juli 1939, wenige Wochen vor dem Ausbruch des Krieges, gesehen, sie war nicht wiederzuerkennen. Es war ein Nachmittag, keine besonders lebhafte Zeit, aber auch keine stille für die Gasse. Wieviel Hunderte standen sonst um diese Zeit in ihr herum! Nun waren sie tot! …Die befürchtete Austreibung war wahr geworden, nicht nur hatte man sie aus Berlin, aus ihrem Viertel getrieben, man trieb sie aus aus Frankreich, aus den Niederlanden, aus allen Ländern, in die Deutschland mit seiner Militärmaschine kam, ja, man hatte begonnen, ihnen allen, einem ganzen Volk, sogar das Leben aus dem Leib zu treiben…

Beradt war herumgereist und hat für seinen Roman gesammelt: Witze, Anekdoten, Gespräche, Diskussionen, Episoden und anderes mehr. So ist dieser Roman von jüdischem Leben durchzogen, liest sich an vielen Stellen auch humorig, geprägt auch von diesem ‚typisch‘ jüdischen Humor, der die Hürden des Alltags offenlegt und gleichzeitig zu ertragen und hin und wieder zu überwinden vermag. Beradts Juden sind nicht aus Marzipan, wie er später schreiben sollte. Es sind Menschen, und es gibt gute Menschen und nicht so gute. Es gibt welche, die ihren Vorteil über alles stellen, es gibt welche, die helfen, wo sie helfen können. Menschen eben. Martin Beradt, der selbst 1939, kurze Zeit nach seinem oben geschilderten Besuch in der Grenadiergasse nach New York emigierte, hat dem Berliner Scheunenviertel und den dort wohnenden Juden mit Der Straße der kleinen Ewigkeit ein Denkmal gesetzt, hat ihnen, den von der Erde Vertilgten zumindest ein literarisches Überleben gesichert.

Links und Anmerkungen:

[1] Zum Autoren: https://de.wikipedia.org/wiki/Martin_Beradt
[2] —
[3] Willi Jasper: Berlin Alexanderplatz, in: Manfred Görtemaker: Weimar in Berlin, be.bra verlag, Berlin, 2002
[4] Alfred Döblin: Berlin Alexanderplatz, zitiert nach: dtv, 24. Aufl., 1980
[5] als Beispiel eine Touristentour durch´s Scheunenviertel:  http://travel.nationalgeographic.com/travel/city-guides/berlin-walking-tour-3/
[6] Israel Joshua Singer: Die Familie Karnovski, Besprechung hier im Blog

 

Martin Beradt
Die Straße der kleinen Ewigkeit
Ein Roman aus dem Berliner Scheunenviertel
Mit einem Essay und einem Nachruf von Eike Geisel.
diese Ausgabe: Eichborn (Die Andere Bibliothek, Bd. 190), HC, ca. 370 S., 2001.

Das schriftstellerische Schicksal des Norwegers Sigurd Mathiesen (1871 – 1958) ist tragisch, denn obwohl von der Kritik gewürdigt und als Großer seiner Zunft eingestuft, hatte er beim Publikum keinen Erfolg. Im Gegenteil, wie der Kölner Literaturprofessor Brynhildsvoll in seinem kenntnisreichen Nachwort erläutert, war Mathiesens Misserfolg letztlich derart groß, daß er in neueren Literaturgeschichten aus dem Kanon der verzeichniswürdigen Autoren gänzlich herausgefallen war … Erst 1998 erschien nach langen Jahren des Vergessens wieder eine Auswahl seiner Kurzprosa – in russischer Übersetzung, 1999 folgte eine norwegische Ausgabe und ebenso die vorliegende deutsche Buchveröffentlichung

So ist die Bezeichnung ‚Wiedergänger‘ auf dem Schuber des gewohnt schönen Bandes der Anderen Bibliothek nachvollziehbar: lange hat Mathiesen darauf gewartet, wieder enteckt zu werden. Andererseits führt der Begriff aber ein wenig in die Irre: auch wenn die Geschichten blutig sind und oft mit Toten enden, sind es keine Vampirgeschichten und daß der Begriff des Wiedergängers in die Vampyrologie gehört, weiß der Bücherfreund spätestens seit Steinhauer [2].

mathiesen


In diesem Band der Die Andere Bibliothek sind zehn Schauergeschichten von Mathiesen versammelt. Entstanden sind sie um die vorletzte Jahrhundertwende, einige Geschichten auch im Vorfeld des ersten Weltkriegs, die letzte der Erzählungen stammt aus dem Jahr 1924, in ihr spiegelt sich die Unruhe der Welt zwischen den beiden Kriegen wieder. Die einzelnen Geschichten sind jeweils in der Ich-Form erzählt, das verführt – zumindest war es bei mir so – zu dem Eindruck, es handele sich um Episoden einer durchgängigen Geschichte, was natürlich nicht der Fall ist.

Oft sind die Geschichten blutig, ranken sich um rätselhafte Erscheinungen, weisen auch die typischen Merkmale solcher Schauer- und Gruselgeschichten auf: es herrscht heftiges Wetter mit Regen und Sturm, da meist in Norwegen angesiedelt, braust und dröhnt oft das Meer im Hintergrund und schlägt wütend an die Küste, mit der Dunkelheit der Nacht werden die inneren und äußeren Dämonen in den Figuren freigesetzt. Eine Besonderheit mehrerer Geschichten liegt darin, daß der Erzähler in einer Art innerer Schau in die Seelenwelt einer anderen Figur Einblick erhält und Vorkommnisse aus deren Blick (nach)erlebt. Wahrscheinlich nicht zu Unrecht fühlt man sich beim Lesen an Poe erinnert…. in einigen der Geschichten verbirgt sich das Geheimnis in den Seelen schöner Frauen, die den Erzähler immer wieder in erotische Verwirrung zwischen Begehr und Abscheu führen.


Junge Seelen (1898) ist eine Erzählung, in der das homoerotische Element zwischen zwei Männern aufgegriffen wird: Der Ich-Erzähler trifft in einem verruchten Tanzlokal zwei junge Männer, die ihn faszinieren. Gleichzeitig bemerkt er einen Fremden, einen großen, gewalttätig aussehenden, Angst einflößenden Mann, der sie beobachtet. Auf dem Nachhauseweg stürzt sich dieser tatsächlich auf einen der beiden jungen Männer und verletzt ihn schwer im Gesicht. Der Erzähler und der Freund kümmern sich um den Verletzten, der einige Tage darauf den Besuch seiner Verlobten erwartet. Dieser Besuch der im Grunde ungeliebten Frau jedoch endet im Zerwürfnis der Verlobten und in der abschließenden Szene bekennen sich die beiden Freunde zu ihren wahren Gefühlen.

Die Stadt hier verharrt in einer sonderbaren Luft. In einer Luft von Auflösung, Tod und Verwesung. …. Und in dieser Luft geschehen viele merkwürdige Dinge. Die schwarze Woche (1899) besteht aus einer Rahmenhandlung und einer zweiten Erzählstrang, der darin eingebettet ist. In der äußeren Erzählung geht es um einen stadtbekannten Geizhals, der in seinem Haus aufgehängt aufgefunden wird. Der Erzähler erkennt unter den Gaffenden eine arme, zerlumpte Frau wieder, die er früher schon einmal, in einer seltsamen Episode, kennengelernt hatte. Ihrem kleinen Mädchen war damals bei einem Unfall eine Kutsche über die Beine gefahren und als er wollte den beiden helfen. Die Mutter vertraute der Wirkung eines magischen Buches, der Erzähler vermittelte ihnen aber einen Arzt. Verwirrt und noch weiter heruntergekommen nimmt die Frau jetzt an der Beerdigung des Erhängten teil und läßt sich hinterher auf dem Friedhof einsperren.

In Asser Hein (1899) thematisiert Mathiesen den Selbstzerstörungstriebe eines Menschen. Der Erzähler begegnet in einem Hotel einem jungen Mann, der – wie immer man das auch feststellen mag – genau die gleiche Stimme hat wie er selbst. Auch ansonsten äußert sich dieser wohlhabende Grundbesitzer, mit dem der Erzähler ins Gespräch kommt, recht seltsam. Ich war jetzt fest davon überzeugt, daß etwas Böses passieren würde. Trotzdem folgt er Asser Hein und den anderen, die aufgefordert sind, in das Hotelzimmer, in den sie sich zum Kartenspiel treffen mit der Absicht, Asser Hein, den jungen Mann, auszunehmen. Man schrie durcheinander, man lachte mit irren Blicken. Mit habgierigen Blicken. Nur Asser Hein saß ruhig da, obwohl er immer verlor. … 

Blutdienstag (1901) ist die Geschichte des Verschwindens mehrerer halbwüchsiger Jungen. Auch hier hat Mathiesen eine kleine Rahmenhandlung konstruiert, in die er seinen eigentlichen Stoff eingebettet hat. Dieser handelt von einer Gruppe von vor vielen Jahren verschwundener Jungen, von denen niemand weiß, wo sie geblieben sind, möglicherweise – so eine verbreitete Vermutung – wurden sie entführt und verkauft. Dem Erzähler, dessen Onkel zu dieser Gruppe gehörte,  jedoch eröffnet sich in einer Innenschau das wahre Geschehen von damals, das blutig war und von Grausamkeit geprägt. Die Geschichte ist voll von düsterer Symbolik, die Gruppe der Jungens, die sich alle in der Pubertät befinden, verlassen ihren Ort und ziehen unter der Führung eines der ihren in die immer karger werdende Natur, wo sich an einem Tümpel dann das grausame Schauspiel ereignet. Der Zeitpunkt des Vorkomnisses, das Osterfest, läßt eine Beziehung zum Opfertod Christi entstehen, im Alter der Jungens deuten sich pubertär bedingte Faktoren wieder, nur zwei Jungens, die sich frühzeitig von der Gruppe trennen, überleben schließlich.

Die Namensgeberin der längeren Erzählung Abigael (1908) verbindet in sich zwei Welten. Sie stammt mütterlicherseits von den Samen, einem Naturvolk ab, der Vater dagegen war Holländer. Ort der Handlung ist ein fernes, transatlantisch flaches Land. Dort trifft der Erzähler auf diese Abigael Falbe, eine Frau mit temperamentvollem, dunklem Gesicht, katzenhaftem Wesen und nordländischer Meeresströmungsstimme…Glauben Sie, ich bin ein Abschaum“, lachte die vornehme Dame. „Dann irren Sie sich nicht.“ Eine Frau jedenfalls, zu der sich der Erzähler hingezogen fühlt, aber auch abgestoßen. Eine Frau, immer begleitet von einem großen Hund…. Sie kommen ins Gespräch und Abigael Falbe erzählt von ihrer Lust, die sie empfindet, wenn sie Schmerzen zufügt, zum ersten Mal, als sie als Kind einen Entenschnabel mit einem Nagel durchbohrte…. auch diese Geschichte strebt einem blutigen und schaurigen Ende zu, bei dem der Hund eine große Rolle spielt. Dieser Hund namens Hektor war eine Erinnerung an ihren an Schwindsucht dahingeschiedenen Mann, auf dessen blutende Lippen sie voller Schmerzlust die ihren gepresst hatte….

In Das unruhige Haus (1914) trifft der Erzähler, ein junger Ingenieur, dem ein bestimmtes Anwesen von Bekannten zur Einquartierung empfohlen worden war, in eben diesem weit ausserhalb liegenden, von dem Einheimischen schlecht beleumundeten Haus auf eine imponierende, rätselhafte Frau mit dem Namen Rosa Gahn. Schon auf dem schwierig zu findenden Weg zu diesem Haus glaubt der Erzähler seltsame Erscheinungen gesehen zu haben…. So faszinierend der Mann diese Rosa Gahn auch findet, sie flößt ihm auch Angst ein, an einer Stelle sieht er in ihr gar eine Hexe. Ihre jungen Bediensteten zum Beispiel, sind es Verwandte von ihr, dienen sie ihr auch in anderer Weise in diesem seltsamen Haus, das der schon länger tote Bruder der Frau, ein Forschungsreisender, mit den vielen Dingen, die er aus Asien mitgebracht hat, gestaltet hat? Insbesondere diese indische Götterfigur mit den durchdringenden Augen flößt Furcht ein… in der Nacht erschrecken gespenstische Geräusche den Besucher, dem selbst der gurgelnde Schrei im Hals stecken bleibt…. ein schreckliches Geheimnis scheint über den Menschen dieses Hauses zu schweben.. und über allen tobt der Sturm … wie eine teufelsgesandte Macht. .. Es pfiff und schrillte… rast mit berstenden Krachen gegen die Wand. Es gellte von Höllengelächter. Und draußen vom Meer erscholl ein vielsagendes Murmeln. Aber in der Tiefe meiner Seele zitterte es krank und kläglich….

Schatten (1914): Ich habe schönere Frauen gesehen als Asta Azelius. Aber ein so mildes aufopferndes Schwermutslächeln. Ein wehrloses, schicksalsergebenes Lächeln. Asta ist die Tochter des seltsamen Buchhändlers, die sich ganz in den Dienst des Vaters stellt… Und auf einmal war es für mich seltsam klar: Sie lebt nicht lange. Ein seltenes Vergnügen, ein Ausflug mit anderen jungen Leuten, ein Boot… ein Unglück… sie hatte nie Schwimmen gelernt. …

Ähnlich wie schon die Erzählung Blutdienstag ist auch Das Spukschiff (1914) aufgebaut, im Unterschied zu den anderen Texten des Buches spielt die Handlung in Holland. Durch die Berührung der Hand seines Freundes, des Botanikers Jan van der Blumenwelde gerät der Erzähler in eine Innenschau, in der er sieht, wie das Land vom Meer, von einer großen Flut bedroht wird. Und mit dieser Meereswoge kommt ein Schiff auf die schützenden Deiche zugetrieben, ein riesiges Schiff. Da sich der Freund immer nur um seine Pflanzen, nie um die Welt gekümmert hat, muss er mit grenzenlosem Erschrecken zusehen, wie die Flut über die Deiche schwappt, wie das Schiff mit seinem mächtigem Bug den Deich rammt und das Hinterland überschwemmt wird….

Der grosse Brand (1924) ist schon vom Titel her symbolträchtig. Europa ist sechs Jahre nach dem großen Krieg nicht zur Ruhe gekommen, weder politisch noch wirtschaftlich. Der Erzähler wählt das Bild eines Brandes, der die ganze Stadt erfasst und den Menschen alles raubt, was sie besitzen. Noch nach Jahrzehnten quält die Erinnerung daran den Erzähler der Geschichte, der als zwölfjähriges Kind diese Katastrophe miterlebt hat. Jede traumschwere Nacht durchlebe ich [jenen Schreckensmoment]. Und ich fahre mit einem Angstschrei hoch … Triefend vor Schweiß, erwache ich mit der qualvollen Empfindung, zu verbrennen. Nur langsam wurde damals deutlich, wie gefährlich das Feuer war, wie unaufhaltsam es sich – einmal angefacht – durch die gesamte Stadt fraß… Dabei gab es genug Vorzeichen, die diese unheilvolle Begebenheit ankündigten. ….


Ich hatte mir dieses Buch neulich besorgt, weil ich immer auf der Suche nach Geschichten bin, mit denen ich Vorleseabende gestalten kann. Diese Art von Erzählungen würde sich natürlich anbieten für ein Datum rund um Halloween…. es sind gute Geschichten, sie spannend, düster, geheimnisvoll, voller Symbole, lassen viel Raum für Interpretationen. In einem Norwegen, das nach 1905 (Erlangung der politischen Souveränität) eine anti-modernistische Restauration erlebte, konnten diese Texte, so führt Brynhildsvoll in seinem Essay aus, zwar Kritiker, aber nicht das Publikum überzeugen. In seinem Essay würdigt Brynhildsvoll den so lange vergessenen Norweger, ordnet ihn literarisch ein und gibt auch zu den einzelnen Stücken Interpretationen und Deutungen, stellt sie ebenfalls in den Zusammenhang und Kontext der zeitgenössischen Literatur. Diese Ausführungen sind zwar sehr interessant, da ich aber von den aufgeführten Vergleichstexten kaum welche kenne, hat mir das wenig gesagt, hier setzt Brynhildsvoll wohl mehr voraus, als der ‚Normalleser‘ mitbringt. Deswegen ist der Ratschlag, der auf dem Schuber zu finden ist, durchaus berechtigt: …. lassen sich [die] Erzählungen …. auch ganz einfach als spannende Meisterstücke einer phantastische Literatur des Nordens lesen.

Dem ist nichts hinzuzufügen. Wer also die Gelegenheit hat, das Buch zu erwerben, sollte zugreifen!

Links und Anmerkungen:

[1] Leider existiert nur eine norwegische Wiki-Seite über den Autoren: https://no.wikipedia.org/wiki/Sigurd_Mathiesen
[2] Eric W. Steinhauer: Bücher und Vampire; https://radiergummi.wordpress.com/2017/01/04/eric-w-steinhauer-buecher-und-vampire/

Sigurd Mathiesen
Das unruhige Haus
Zehn unheimliche Geschichten
Übersetzt aus dem Norwegischen von Angelika Grundlach
mit einem Essay von Knut Brynhildsvoll
Originalausgabe: Die Geschichten wurden zwischen 1898 und 1924 in diversen norwegischen Zeitschriften und Büchern veröffentlicht
diese Ausgabe: Eichborn (Die Andere Bibliothek, Bd. 179), HC, ca. 390 S., 1999

Karte der Bäreninsel, erstellt von Theodor Lerner Bildquelle [B]

Karte der Bäreninsel, erstellt von Theodor Lerner
Bildquelle [B]

Bäreninsel, Insel im S. von Spitzbergen, zwischen 74 und 75° nördl. Br. und unter 19° östl. L. v.Gr. gelegen, merkwürdig durch das einzige Lager der produktiven Steinkohleformation, welches im Polargebiet existiert. Sie wurde 1596 von Barents entdeckt, von Keilhau 1827 geografisch untersucht, von L. v. Buch (Berl. 1847) beschrieben und 1868 von einer schwedischen Expedition aufgenommen. Danach bildet ihren nordwestlichen Teil eine Hochebenbe mit kleinen Seen. Im SO erhebt sich der Mount Misery bis 544 m. Die Insel besitzt infolge ihrer eigenartigen Lage (im Norden des Golfstroms) ein auffällig mildes Klima: Jahresmittel – 5,2° C. [Meyers Konversations-Lexikon 1890]


Einige Jahre später allerdings wurde dieser Beitrag im Meyers…. bearbeitet und er enthielt nun folgende Information: Im Auftrag eines Hamburger Syndikats nahm 1898 der Deutsche Theodor Lerner 85 qkm im Besitz, und 1899 hatte der Deutsche Seefischereiverein eine Station. [2] Dem Mosebach´schen Roman Der Nebelfürst liegt also ein historisches Ereignis und mit Theodor Lerner eine historische Figur zugrunde. Natürlich gibt es zu Theodor Lerner eine hinreichende Zahl von Fundstellen in Internet, deswegen hier nur ein grober Überblick über diese schillernde Figur, die Mosebach zur Hauptperson seines Romans gemacht hat.

Der reale Theodor Lerner [1] wurde 1866 in Antweiler an der Ahr geboren. Seine Begeisterung für´s Wasser und die Schifffahrt zeigte sich schon früh, als die Familie am Rhein lebte. Sowohl die Besuche des Gymnasiums (Linz und Düsseldorf) als auch des Studiums (Jura, Medizin, Nationalökonomie in Würzburg bzw. Bonn) blieben ohne Abschluss, stattdessen ging er nach Bremen und unternahm von dort aus mehrere Schiffsreisen. 1896/7 war er an der Vorbereitung der Ballonfahrt des Schweden Salomon August Andrée (1854-1897) beteiligt, der von Spitzbergen aus mit zwei weiteren Männern den Nordpol in einem Wasserstoff-Ballon überqueren wollte, Lerner fungierte als Reporter für eine Berliner Zeitung. Nachdem die Expedition Andrées offensichtlich gescheitert und der Ballonfahrer vermisst wurde, leitete Lerner mit dem vormaligen Fischkutter Helgoland eine Suchfahrt nach dem Forscher, bei der er die auf halben Weg nach Spitzbergen liegende Bäreninsel in Teilen in Besitz nahm: die Kohlevorkommen auf der Insel schienen ihm abbauwürdig und die Insel als Stützpunkt für die Hochseefischerei geeignet. Unwissentlich kommt Lerner mit seiner Bäreninsel-Aktion wohl geheimen Aktivitäten des Deutschen Reichs in die Quere [z.B. 3], jedenfalls erfährt er keinerlei offizielle Unterstützung und das Projekt scheitert letztlich. Dies ist der Punkt, an dem Der Nebelfürst von Mosebach einsetzt….


mosebach-nebelfuerst

Es ist ein fantasievoller Spaß, den sich Martin Mosebach rund um diesen historischen Fakt ausgedacht hat. Bei ihm ist Lerner ein Lokalreporter einer Berliner Zeitung, ausgestattet (im Urteil seines Chefredakteurs) mit ansteckender Dummheit, eingesetzt immer dann, wenn es brennt. Brände und deren Zerstörungswerk, die Verzweiflung der Betroffenen, der heroische Kampf gegen die Feuersbrunst – dies darzustellen ist ihm wohl gegeben. Und ausgerechnet er versäumt einen der großen Brände, den der Anilinfabrik (Agfa) Berlin-Treptow. Und warum? Weil der Kutscher, der ihn dorthin fahren sollte, diese imposante Persönlichkeit, diese auffallende Frau angefahren hatte und Lerner sich zur Hilfsleistung genötigt sah, ferner raunzte der Kutscher auf seine Frage zurück, es hätte sich um einen Fehlalarm gehandelt. Derart und diesbezüglich beruhigt kann sich Lerner der Dame widmen und ihr aus einer weiteren Verlegenheit helfen, indem er ihr eine Unterkunft verschafft.

Diese Dame, Frau Hanhaus (auf S. 4 des Schutzumschlages wandelt sie sich keck in eine Frau Neuhaus, aber Namen sind eh Schall und Rauch wie so vieles in diesem Roman…), diese Dame also wickelt Lerner ein. Sie ist der heimliche Star des Romans: sehr zielorientiert, sehr ergebnisorientiert, skrupellos kennt sie keine Probleme, sondern nur Lösungen. Und womit wickelt sie ihn ein? Mit dem schier wahnsinnig anmutenden Plan, auf den sie durch das Studium eines Zeitschriftenartikels gekommen ist: Lerner solle beim Chefredakteur seines Blattes um ein Schiff ersuchen, um damit (offiziell) den vermissten Ballonfahrer André suchen zu können. Käme er bei der Bäreninsel vorbei (dem eigentlichen, arkanen Ziel der Expedition) könne er diese kurzerhand in Besitz nehmen, sei sie doch (so entnahm Frau Hanhaus dem besagten Artikel, herrenlos, aber voller guter, vorzüglicher sogar, Steinkohle. Und einen Stützpunkt für die deutsche Hochseefischerei könne man dort ebenfalls errichten. Auf (nach erfolgter Inbesitznahme dann) Lerners Land.

Ein wahnwitzig anmutender Plan von Frau Hanhaus, aber dem um seinen Arbeitsplatz (es gab in Berlin nur eine einzige Zeitung, die nicht aktuell vom großen Brand berichtete….) fürchteten Lerner – was blieb ihm übrig, und ausserdem schmeichelte es ihm, leuchtete die Argumentation ihm immer mehr ein, je öfter er sie gedanklich umwälzte. Ähnlich erging es dem Chefredakteur, den die Sorgen durchaus plagten, musste er doch Verluste an Abonnementen hinnehmen, seit einiger Zeit schon, dann diese Pleite jetzt mit dem Brand – da käme ein Knaller wie die Suche nach dem vermissten Polarforscher und Ballonfahrer André gerade recht – wenn man es sich sorgfältig überlegt. Langsam also stieg das Fernersche Ansehen wieder in der Meinung des Redakteur und schließ- und endlich bekam er sein Schiff, eher ein Schifflein zwar: die Helgoland samt Kapitän und Suchmannschaft. Von der Bäreninsel war keine Rede, aber – so beruhigte Frau Hanhaus ihren Herrn Ferner, als sich bei diesem so etwas wie ein Gewissen regte, ein schlechtes zumal – wer könne denn ausschließen, daß André nicht gerade auf der Bäreninsel gestrandet sei? Zumindest könne man ihn dort ja suchen… und wenn man ihn dort dann fände…. um so besser!

Sie ist real, die Bäreninsel, die Männer erreichen sie mit der Helgoland weitgehend ohne Probleme, man schlägt Pfosten ein in den felsigen Boden, um das Gebiet abzustecken, daß Ferner derart in Besitz nimmt. Nicht ganz problemlos übrigens, weil ein gleichzeitig anwesendes russischen Kriegsschiff die Gebietsannexion nicht ohne weiteres anerkennt, war doch die Insel einst (ein Grab zeugt noch davon!) besiedelt von russischen ‚Altgläubigen‘, die sich ob der Frage, ob das Kreuzzeichen mit drei oder nur mit zwei an den Fingerspitzen zusammengelegten Fingern (von denen einer bei beiden Glaubensrichtungen jedoch der Daumen ist oder war) von anderen unterschieden und letztlich diejenigen, die Altgläubige genannt wurden, aus Russland wichen und auf der Bäreninsel eine Heimstatt fanden. Die vor Ort von beiden Parteien angestrebte Beurteilung der Situation durch höchste politische Stellen, an die man telegraphierte, blieb aus, man wollte auf der Ebene der Regierungen wohl keine Misstöne zwischen Russland und dem Reich aufkommen lassen.

War die Bäreninsel auch real, ebenso wie die Kohlevorkommen auf ihr, so schloss sich jedoch nach der Rückkehr Ferners mit der Helgoland von Frau Hanhaus betrieben eine von ihr en detail durchplante Mission an, das Projekt Bäreninsel zu vermarkten, indem vor allen Dingen ihr Potential oder das, was man darunter verstand, hervorgehoben wurde, denn, was dortens angetroffen worden war, hätte gneauso gut auch ’so‘ sein können. Und wenn es ’so‘ gewesen wäre, hätte es ebensogut auch so, also sozusagen ’noch so-er‘ sein können, und dieses letzte ’noch so-er-sein‘ wurde in den folgenden Wochen angepriesen, um Investoren zu finden. Aus den mühsam eingeschlagenen Pfählen wurden Anlagen, aus der oberflächlich angekratzten Kohle ein in den Berg getriebener Stollen, aus Kohlevorkommen wurden projektierte zwanzig Millionen Tonnen im Jahr, na ja, siebzig klingt möglicherweise viel lockender, und wenn schon siebzig, dann kann ebenso gut davon ausgehen, daß es hundert sind….

Mosebach entwickelt aus diesem Gedanken ein sehr unterhaltsam geschilderte Geschichte, bei der man ohne große Mühen die Parallelen zur heutigen Zeit erkennen kann. Die begnadete Hochstaplerin Frau Hanhaus, die ihren Herrn Ferner so vollständig in ihren Bann geschlagen hat, die potentiellen Investoren, die sich vom versprochenen Gewinn blenden lassen und glücklich sind, wenn ihnen das versprochen wird, was sie versprochen haben möchten, die von Sorgen Geplagten, die in dieser Investition ihre Chance sehen, das Schiff ihrer eigenen Geschäfte noch einmal auf einen Gewinn bringenden Kurs zu setzen, die Subalternen, die die notwendigen Gutachten schreiben, die angeblichen Verhältnisse bezeugen, weil sie dafür bezahlt werden…..

Letztendlich – so viel sei verraten – platzt das Geschäft, das eine gewisse Eigendynamik entwickelt hatte, auch weil notgedrungenermaßen noch andere beteiligt werden mussten, deren Geld und Beziehungen man brauchte, die aber nicht wirklich kontrolliert werden konnten. So wurden die Betrüger selbst zum Opfer, zudem waren sie an der einen oder anderen Stelle doch zu keck und die Verärgerten, die sich durch andere Quellen informierten, begannen, Druck zu machen…. ein Fakt, der Frau Hanhaus keineswegs zur Aufgabe brachte, sondern ihre Pläne noch exaltierter werden ließ…

Wie exaltiert, das sei hier nicht verraten, nur soviel noch, daß beide, sowohl unser Herr Ferner als auch Frau Hanhaus in Häfen einliefen, sozusagen, sie ihr Glück fanden und der Autor seine Geschichte für alle mit einem glücklichen Ende ausgehen ließ.

Der Nebelfürst, eine nette, unterhaltsame Geschichte, geschrieben in einem etwas alterthümlichen Stil, der der Zeit der Handlung angepasst ist, eine Geschichte, die ohne große Mühe Parallelitäten zu heutigen, aktuellen Vorgängen in der Weltwirtschaft erkennen läßt. Ein Lesespaß abseits des Mainstreams also.

Links und Anmerkungen:

[1] zur Person Theodor Lerners: Andrea  Rönz: Theodor Eduard Julius Lerner (1866-1931), Polarforscher; in: http://www.rheinische-geschichte.lvr.de/persoenlichkeiten/L/Seiten/TheodorLerner.aspx (Stand: 17.09.2016)
vgl. auch hier: Tilman Spreckelsen: Der Nebelfürst; in: http://www.faz.net/aktuell/wissen/…Index_2
[2] zitiert nach Klappentext des Buches
[3] Klaus Barthelmess: Bäreninsel 1898 und 1899: Wie Theodor Lerner eine Geheimmission des Deutschen Seefischerei-Vereins zur Schaffung einer deutschen Arktis-Kolonie unwissentlich durchkreuzte; in: http://epic.awi.de/28975/1/Bar2009c.pdf
Leider ist nur die erste Seite dieses Aufsatzes online.. zum Autoren siehe hier: http://www.cetacea.de/news/2011/02/22/klaus-barthelmess/

Bildquelle:

Karte: https://de.wikipedia.org/wiki/Bäreninsel; Urheber: Theodor Lerner (Stadtarchiv Frankfurt, Lerner Nachlass) [Public domain], via Wikimedia Commons (urheberrechtliche Schutzfrist ist abgelaufen)

Martin Mosebach
Der Nebelfürst
diese Ausgabe: Eichborn, (Die Andere Bibliothek (Sonderausgabe)), HC, ca 350 S., 2011

Der Autor dieser Biographie, Vittorio Segre, (1922 – 2014) ist von Namen her unschwer als Italiener zu identifizieren. 2014 ist er in hohem Alter gestorben [1]; es ist nicht selbstverständlich, daß er (so) alt geworden ist, denn er stammte aus einer jüdischen Familie im Piemont, der Region um Turin, wo er wenige Jahre nach Ende des Ersten Weltkrieges geboren wurde. Auch wenn sein Vater 1929 das beträchtliche Familienvermögen wie so viele andere auch verloren hatte, lebte die Familie bis 1938 weitgehend unbehelligt von den politischen Randbedingungen ein privilegiertes, weil wohlhabendes Leben. Nachdem ab 1937 in Italien jedoch gegen Juden gerichtete gesetzliche Bestimmungen in Kraft traten (19. April 1937:  ‚Rechtswirkungen ehelicher Verbindungen zwischen italienischen Bürgern und Untertanen‘, 17. November 1938: „Gesetz zur Verteidigung der Rasse“.  [2]), wurde auch in der abgehobenen Welt dieser Familie klar, daß man selbst als assimilierter und faschistischer Jude verfolgt wurde, aus dem einzigen Grund: weil man Jude war. Nach dem Einfall der Deutschen in Polen sorgten verschiedene Ereignisse schließlich für den Entschluss, daß der seinerzeit sechzehnjährige Sohn Vittorio nach Palästina auswandern sollte.

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Die ersten vier von den elf Abschnitten des Buches umfassen diese ersten sechzehn Lebensjahre Segres sowie die Geschichte seiner Familie. Er wurde in eine typisch großbourgeoise Familie mit Großgrundbesitz hineingeboren: dem Vater gehörte das Tal, auf das sie blickten, die Dörfer, die darin lagen und die Menschen, die dort auf seinem Land arbeiteten, waren von ihm abhängig. Den Erinnerungen des Autoren nach war der Vater ein guter „Hirte“, der auch als Bürgermeister viel Vertrauen und Ehrfurcht von seinen Leuten entgegengebracht bekam. Von beidem büßte ein: der Krieg, für dessen Teilnahme er 1916 entflammte und aufrief, war nicht ganz so kurz und nicht ganz so siegreich wie von ihm prophezeit: viele der Männer, die begeistert hatte, kehrten nicht mehr zurück in das Tal.

Eher aus Zorn über die gesellschaftlichen Veränderungen, die der Krieg zwangsläufig mit sich gebracht hatte …. war er nach Turin gegangen, um der von Polizei und Armee unterstützten faschistischen Partei beizutreten und dort Karriere zu machen. Der Faschismus war für den Vater der Triumph der Ordnung über die Anarchie. 1922 wurde der Sohn Vittorio geboren, der in diesem wohlhabenden faschistisch orientierten Umfeld wie in einer Blase, die von den Realitäten abschirmte, aufwuchs. Es war ein privilegiertes Leben, das weder von ihm und seiner Familie in Frage gestellt wurde. Auch nach dem wirtschaftlichen Crash des Vaters, dessen Vermögen durch die Wirtschaftskrise 1929 verloren ging, änderte sich nicht wirklich etwas, bis auf die Tatsache, daß der Vater jetzt für Lohn arbeiten musste. Ganz so schlimm wie es klingt, war es dann aber doch nicht, der reiche, angeheiratete Onkel wusste den Vater standesgemäß in seinen Fabriken in Stellung zu bringen. Jedoch war damit ein Umzug aus dem Piemont ins Friaul verbunden.

Der Knabe selbst genoß nach wie vor viele Freiheiten und Privilegien. Da schwächlich und kränklich, wurde er von Privatlehrern unterrichtet, was wohl nicht sehr effektiv war, denn als er dann doch in die Schule gehen musste, viel er durch fehlende Grundlagen auf. Jene sechzehn Jahre im faschistischen Italien stellten für [ihn] eine so geregelte, normale und sorgenfreie, eine so unvergleichliche Zeit dar, daß [er] nicht sagen könnte, was das Besondere am Faschismus war. …. Als vollkommen assimilierter Jude … hielt ich den Faschismus für die natürliche Form des Gemeinschaftslebens. Ohne weiteres Nachdenken, weil es selbstverständlich war, trat er auch in die faschistische Jugendorganisation ein. Die Gerüchte, die teilweise vom weiter nördlichen Geschehen in diese patriarchalisch ausgerichtete Gegend drangen, nahm man nicht sonderlich ernst, der ‚Duce‘ sei doch eher ein Freund der Juden, nicht so wie Hitler.

Das jüdische Leben in Italien unterschied sich von dem in Mittel- und Osteuropa. Die Gettos, in denen die Juden lebten, waren erst wenige Jahrzehnte vorher im Rahmen des „Risorgimento“, der Schaffung des Nationalstaates Italien 1848, aufgelöst worden. Die Gettomauern hatten zwei Effekte, die nun wegfielen: nach außen die Isolierung und Abgrenzung, nach innen aber auch die Konzentration jüdischen Lebens auf einen eng definierten Bereich, in dem es sich entfalten konnte. Dieses jüdische Leben verkümmerte, als sich die Juden nach 1848 in die italienische Gesellschaft integrierten und sich an sie anpassten, die Gemeinden waren zudem meist zu klein, um die Jüdischkeit aufrecht zu halten. Segre geht ausführlich auf diese historische Entwicklung, die recht schnell stattgefunden hat, ein. Sie führte in der eigenen Familie dazu, daß beispielsweise das Hebräische kaum noch beherrscht wurde, daß man zwar noch wusste, daß Schwein und Hase (letzterer eine Lieblingsspeise des Vater) nach den Speisegesetzen verboten waren, aber die Vorschrift, daß man am Sabbat kein Feuer anzünden dürfe, hätte diesen sicherlich sehr erstaunt. Rituale wie Gebete und Segenssprüche wurden zur Hülle und – wenn überhaupt noch durchgeführt – sinnentleert und zu Weihnachten/Chanukka ging man mit den Christen in die Mitternachtsmesse. Ferner gab es auch verschiedentlich   Übertritte vom Judentum zum Christentum, die Mutter des Autoren konnte seinerzeit nur durch massives Eingreifen des Vater beim Bischof davon abgehalten werden.

Daß man trotzdem immer noch Jude war, wurde gegen Ende der 30er Jahre schmerzhaft deutlich. Der Autor musste die öffentliche Schule verlassen und in eine jüdische überwechseln; einmal in einem der vielen Urlaube, die man sich im Jahr leistete, traf man auf eine Flüchtlingsfamilie aus Deutschland, dennoch verkannte man noch immer die Realitäten, glaubte sich nicht in Gefahr. Den Ernst der Lage erkannte der Vater erst, als ihm 1939 faschistische Juden den Vorschlag machten, gegen andere Juden vorzugehen, um dem ‚Duce‘ zu zeigen, daß man hinter ihm stünde. Der Vater verweigert sich diesem Ansinnen: … Es stimme, daß wir als Italiener unserer sakrosankten Rechte beraubt worden seien. Aber niemand könne uns unsere Würde und unsere Ehre als Juden nehmen. In trostlosen Zeiten wie diesen Glaubensbrüder anzugreifen, ums uns bei einen Regime einzuschmeicheln, das uns betrogen hatte, sei gemein und unter aller Würde. Die Familie fasste den Beschluss, daß der Sohn nach Palästina auswandern sollte. Der Vater selbst überlebte die Zeit der Judenverfolgung in Italien in der Verkleidung eines herumziehenden Hausierers, er wurde von „seinen“ Leuten gedeckt und versteckt, niemand verriet ihn.


Das Leben ist stärker als das Böse.

Die folgenden sieben Kapitel des Buches umfassen den Zeitraum von der Ausreise nach Palästina bis zu seiner Rückkehr nach Italien als britischer Soldat. Damit schließt sich in gewisser Weise die literarische Aufbereitung dieser Lebensepoche Vittorio Segres, denn dieser Rückkehr, sein Wiedersehen mit dem Vater, schildert er zu Beginn der Aufzeichnungen, an den sich in der Rückschau die Erinnungen daran, wie alles gekommen ist, anfügen.

Die Überfahrt nach Palästina, das noch unter dem Mandat der Briten lag, verlief für den jungen Mann den Umständen entsprechend luxuriös, schließlich war sein Onkel ja mal Besitzer des Schiffes und – so wohl der Gedanke des Kapitän – wer weiß, vielleicht würde er es ja mal wieder werden. Die Ankunft in Jaffa war für den jungen, verwöhnten Mann, der wie ein europäischer Dandy gekleidet dort eintraf, ein Kulturschock: nichts, was er sah, glich dem, was er aus seiner Heimat kannte, er selbst fühlte sich völlig deplatziert. Staub, Hitze, zerlumpte Menschen, ein Geruch nach Vergang und Verwesung zog vorüber…

Politisch war die Region  schon damals eine Art Pulverfass, die nur durch die Anwesenheit der Briten und dem einenden Kampf aller Parteien gegen die Nazis unter Kontrolle gehalten wurde. Briten, Araber, orthodoxe Juden, Zionisten – man war sich, um es milde zu sagen, nicht immer grün. Vittorio Segre, zur Zeit seiner Ankunft in Palästina, das darf man nicht aus den Augen verlieren, noch ein Jugendlicher, noch lange keine zwanzig Jahre alt, findet sich in dieser realen Umwelt nur schwer zurecht. Es war ein tiefer Sturz aus der Irrealität seines privilegierten Lebens im Wohlstand in die staubige Realität eines Kibbuz, in dem ein neuer sozialistischer Gesellschaftsentwurf umgesetzt und gelebt werden sollte. In Italien politisch weitestgehend desinteressiert, kann er mit den vielen Meinungen hier, den Strömungen, den politischen Ideologien kaum etwas anfangen, selbst sein ‚Jüdischsein‘ ist ihm fremd. Und so bleibt er auch den anderen fremd und suspekt, ist immer in einer Aussenseiterrolle. Daß sich langsam auch ein Interesse am weiblichen Geschlecht entwickelt, erleichtert sein Leben nicht unbedingt.

Er besucht in den folgenden Monaten eine Landwirtschaftsschule, auch hält er sich abseits. Dann entschließt er sich, zur britischen Armee zu gehen, um diese beim Kampf gegen die Nazis zu unterstützen. Nach der Grundausbildung kommt er jedoch bald in eine spezielle Truppe: für den Propagandasender wurde ein italienischer Sprecher gesucht – und in ihm gefunden. Hier genießt er jetzt wieder spezielle Privilegien: ihm ist erlaubt, Zivilkleidung zu tragen und er kann sich ein privates Zimmer nehmen und muss nicht mehr in den Unterkünften der Armee leben.

So mietet er sich bei einer aus Deutschland emigrierten jüdischen Familie  ein und lernt dort deren Tochter Berenika, mit der er ein seltsame Verhältnis eingeht: Ich bemächtigte mich ihres Körpers, sie riss meine Seele in Stücke. Erst sehr spät, am Ende dieser Beziehung (auch Berernika hatte sich zur Armee gemeldet) erfährt er vom schlimmen Schicksal Berenikas in Deutschland vor der Flucht.

Schließlich geht der Krieg seinem Ende zu. Der Autor berichtet von einer schweren persönlichen Krise in diesem Zeitraum die bis hin in suizidale Pläne ging. Seine ‚Feigheit‘, mit dem Fallschirm hinter den feindlichen Linien in Italien abzuspringen – obwohl er sich zuvor dazu gemeldet hatte – belastet ihn schwer. Immer noch schien der zu diesem Zeitpunkt zweiundzwanzigjährige junge Mann (zumindest zeitweise) in einer kleinen, selbstgeschaffenen Traumwelt zu leben, Fantasien und Vorstellungen mit Realem zu verwechseln. Ferner berichtet Segre von einer Art ‚Persönlichkeitspaltung‘, die ihn in der Folge sein Leben lang begleitete: er ließ im Innersten seiner Seele nichts mehr an sich heran, ein eiskalter Kern war in ihm. In schwierigen, schmerzhaften Situation dissoziierte er, konnte er sich wie von aussen beobachten und fühlte nichts mehr. Er veranschaulicht dies sehr plastisch mit der Aussage, er hätte erst spät im Leben eingesehen, daß man sich bei zahnärztlichen Wurzelbehandlung eine Betäubungsspritze geben lassen könne…..


Der Staat Israel wurde im Mai 1948 gegründet, die letzten britischen Verbände hatten sich aus Palästina zurückgezogen. Dieser ‚Geburt‘ des neuen Staates ging – um im Bild zu bleiben – die ‚Schwangerschaft‘ voraus, seit 1937 zum ersten Mal die Idee einer möglichen Spaltung Palästinas in einen arabischen und einen jüdischen Teil formuliert worden war. Nach Ende des Krieges, als die entsetzliche Erkenntnis, daß und wie Millionen Juden von den Nazis ermordert worden waren, immer klarer wurde, gewann die zionistische Bewegung mehr internationale Unterstützung, die Briten kündigten ihren Rückzug als Mandatsmacht an und 1947 beschloss die UN-Hauptversammlung die Teilung Palästinas.

Obwohl das Leben selbst in Palästina Anfang der 40 Jahre träge verlief, war es also eine für die weitere Geschichte (zumindest unseres Teiles) der Welt wichtige Epoche, in der Entscheidendes geschah. Und Vittorio Segre war sozusagen mittendrin und da er selbst politisch/ideologisch  nicht festgelegt war (sich am ehesten immer noch einer faschistischen Überzeugung anhing), sich noch nicht einmal richtig als Jude sah, eine Art ’neutraler‘ Beobachter. Man merkt seinen Ausführungen an, daß er später Jura studierte und im diplomatischen Dienst war. Sie sind sehr analytisch, ausführlich und abwägend, ohne jedoch zu einem Urteil zu kommen. Die Darstellungen, die auf Tagebuchaufzeichnungen dieser Zeit beruhen, zeigen das Bemühen des jungen Mannes, die unterschiedlichen politischen Strömungen dieser Zeit zu verstehen, sie sind für den heutigen Leser ein profunder Einstieg in die komplexe Ausgangsposition in Palästina, die mit der Gründung Israels und den folgenden Auseinandersetzungen und Kriegen mit den arabischen Nachbarstaaten und den Palästinensern einen steten Unruheherd in der politischen Landschaft des Nahen Ostens schuf.

Die autobiographischen Aufzeichnungen des Glücksraben Vittorio Segre erfüllen also verschiedene Funktionen. Sie geben einen Überblick über die Entwicklung des italienischen Judentums nach der Auflösung der Gettos, das sich völlig in die italienische Gesellschaft assimlierte und in großen Teilen die faschistische Bewegung des ‚Duce‘ unterstützte. Ferner enthalten sie die Analysen diverser politischer Strömungen unter vor allem den Juden in Palästina in dieser Zeit und – last not least – beschreiben sie in ihren biographischen Passagen das Schicksal und das Leben einer bourgeoisen jüdischen Familie und eines jungen Mannes, der aus einer behüteten, wenngleich ‚irrealen‘ Welt von heute auf morgen in die brutale Realität geworfen wurde, in der er sich nur mit Mühe und immer wieder glücklichen Umständen zurecht fand.

Vieles von dem, was Segre beschreibt, war mir unbekannt, von daher waren seine Aufzeichnungen spannend im Sinne von lehrreich. Andererseits haben es politische Analysen so an sich, langatmiger zu sein und auch trockener, solche Passagen häufen sich in den späteren Kapiteln, die in Palästina spielen. Nichtsdestotrotz sind die Abschnitte, in denen das Leben dort beschrieben wird, sei es nun das im Kibbuz (mit der besonderen Bedeutung, die den Aborten und die Duschen dort zukam) oder auch das Leben in Jerusalem bzw. beim britischen Militär, interessant – wer weiß darüber schon etwas….

Zusammenfassend kann ich sagen, daß ich die Lektüre dieses autobiographischen Buches trotz einiger Längen nicht bereue, das neue Wissen, die vielen mir bis dato unbekannten Infos wiegen eine gewissen Trockenheit in einigen Passagen bei Weitem auf. Und nicht zu vergessen natürlich, daß diese deutsche Erstausgabe der Anderen  Bibliothek einfach auch als Buch ein Gewinn ist.

Links und Anmerkungen:

[1] Nachruf in der Jerusalem Post: Manfred Gerstenfeld: In memoriam: Dan Vittorio Segre; in:  http://www.jpost.com/Opinion/In-memoriam-Dan-Vittorio-Segre-378225
[2] siehe die ausführliche Darstellung z.B in: http://www.wernerbrill.de/downloads/AntismitismusItalien.pdf oder: http://www.ifz-muenchen.de/heftarchiv/2005_2_1_schlemmer.pdf

Vittorio Segre
Ein Glücksrabe
Die Geschichte eines italienischen Juden
Übertragen von Sylvia Höfer (Kap. 1 bis 4 der italienischen Ausgabe und Hanni Ehlers (Kap. 5 bis 11 nach des Autors eigener englischen Fassung)
Originalausgabe: Storia di un ebreo fortunato, Mailand, 1985
englischsprachige Ausgabe: Memoirs of a Fortunate Jew, Chicago, 1987
diese Ausgabe: Eichborn, (Die Andere Bibliothek Bd. 101), HC, ca. 360 S., 1991

span maerchen

Spanien ist, zumindest im europäischen Rahmen betrachtet, nicht das Land, in dem man eine große Märchenkultur verorten würde. Und in der Tat, die Aufzeichnung und literarische Bearbeitung dessen, was wir als „Volks-“ oder „Hausmärchen“ (im Gegensatz zum Kunstmärchen á la E.T.A. Hoffmann beispielsweise) ansehen, Märchen also, die traditionell mündlich weitergegeben und dann in Sammlungen á la Grimm schriftlich fixiert wurden, ist in Spanien eine relativ neue Entwicklung. In seinem Nachwort An den Leser führt der 1944 in Madrid geborene Schriftsteller Guelbenzu [1] aus, daß die frühen Märchensammlungen vor dem 14. Jhdt sich aus den spanischen Versionen orientalischer Geschichten zusammensetzen. Im Lauf der nächsten Jahrhunderte gab es einige bemerkenswerte spanische Erzähler, bevor im 18. Jhdt das Interesse an Märchen zunehmend nachließ und erst im darauffolgenden Jahrhundert wieder sporadisch zunahm. Summarisch jedoch gilt, daß das literarische Märchen in Spanien keine sehr verbreitete Gattung ist. … von einer Tradition im herkömmlichen Sinn überhaupt nicht die Rede sein kann, sondern man es eher mit einzelnen Schüben zu tun hat, ebenso leidenschaftlich wie selten.

Das spanische Märchen, dies erklärt auch den etwas seltsam anmutenden Titelbestandteil vom „Hungermärchen“ ist im allgemeinen durch bestimmte Charakteristika gekennzeichnet. Zum einen stellt es den Witz, den Einfallsreichtum, die Gerissenheit, Listigkeit in den Vordergrund, da – so der Autor – in Spanien die „Erfindungsgabe“ hoch angesehen war, sie galt in dieser unsicheren, von der Kirche unterdrückten Welt immer als die größte Tugend. Zum zweiten zeigt sich in den Märchen die Liebe des Spaniers zum Wunder als mögliche Lösung aller Probleme, von Hilfe also, die dem Helden vom einem Dritten zuteil wird, und zwar häufig, ohne daß eine Gegenleistung gefordert wird. So heißt es in dem Märchen Das Mädchen ohne Arme beispielsweise: Da zeigte sich ihr eine wunderschöne Frau und sprach: „Nimm diese Decke hier. Wenn du sprichst ‚Tischlein deck dich‘, werden vor deinen Augen Speisen erscheinen, wann immer du brauchst. … Spanische Märchen, zum dritten, sind realistisch. Das Elend des Landes, in dem oftmals Hungersnöte herrschten, ist in vielen Märchen Thema: Armut, Schmutz, Hunger, Krankheit und Tod. An ihnen knüpft sich oftmals eine grausame Handlung an, der Titel des weiter vorne schon zitieren Märchens vom Mädchen ohne Arme [2] zeigt dies: in dieser Geschichte beispielsweise werden der mildtätigen Tochter vom Vater, den ihre Freigiebigkeit ärgert, die Arme abgehackt und die Augen ausgestochen. Überhaupt sind Grausamkeiten an der Tagesordnung, das Zerstückeln, Zerhacken, Zerschmettern, Abhacken, Einschlagen, Verbrennen, Verbrühen, Blenden etc pp beliebte Ingredienzien vieler Geschichten, wobei aber – es sind ja Märchen – die Helden oder Heldinnen am Ende wieder geheilt werden oder sind, die Bösewichte eher nicht…..

Natürlich gibt es thematische Überschneidungen und Ähnlichkeiten der Motive mit Märchen aus anderen Kulturkreisen. Das Opfer des eigenen Kindes, ein schon biblisches Motiv. Das Entkommen aus der Höhle des geblendeten, einäugigen Riesen im Durcheinander der Schafherde ist von Odysseus her bekannt… Die Figuren, die uns in den Märchen begegnen sind die, die wir auch aus den heimischen Geschichten kennen: Könige und Königinnen, Prinzen und Prinzessinnen, Hexen und Gnome, Müller, Schneider, Köhler und Schuster, schöne Menschen und häßliche, gute und schlechte. Oft sind es drei Brüder oder Schwestern, von denen eine/r, meist die/der Jüngste ein schweres Schicksal hat, bevor sich alles zum Guten wendet… Tod und Teufel sind beliebte Figuren, der Teufel, der vordergründig hilft und Wunder vollbringt, die aber an Bedingungen geknüpft sind, die ihm die Seele des Betreffenden sichert… oder auch nicht, denn durch Gerissenheit und  Einfallsreichtum ist selbst der Teufel zu überlisten. Ein schönes Beispiel dafür ist im Märchen Der Teufel hilft dem Pächter zu finden. Als Preis für seine Hilfe fällt dem Teufel das Kind zu, die Frau jedoch besteht ihm gegenüber darauf, daß die Hälfte des Kindes ja ihr sei und er es nur bekäme, wenn er für sie eine Aufgabe löse, nämlich ein Haar geradezubiegen. Und geschwind riss sie sich ein Achselhaar aus und reichte es dem Teufel. Na, schon ausprobiert, wie das ausgeht?

Die Liebe… natürlich spielt sie eine große Rolle in vielen dieser Märchen. Sie blüht schnell auf, wird auf die Probe gestellt und bewährt sich, fällt niederträchtiger Verleumdung anheim, muss Krisen überstehen….   Da gestattet die Prinzessin dem Niederen schon mal, daß er zu ihr ins Bett kommt, um so in den Besitz der Kostbarkeit zu kommen, die dieser beim Umgraben des Gartens fand…. und häufig ist die Prinzessin der Preis, der für den Helden bzw. den sich erst noch bewähren müssenden Helden ausgelobt wird…. In manchen Werken wird die Liebe zur Erotik und in diese wiederum poetische Bilder gepackt, wenn etwa die schöne Maid nächtens am Fenster singt: Komm schnell herbei, Königssohn / denn die Lavendelblüte, / die öffnet sich schon und der derart Herbeigesehnte dann Nacht für Nacht in Gestalt eines Vogels erscheint. Ob sich die beiden die Zeit bis zum Abschied am Morgen wirklich nur unterhielten, wie es im Märchentext danach weiter heißt? Schließlich läßt er ihr ja jedesmal aus einem Beutelchen das Gold da….


In der vorliegenden Zusammenstellung hat der spanische Autor Guelbenzu [1] Märchen aus allen Regionen und Zeiten Spaniens ausgewählt und bearbeitet. In manchen der Geschichten merkt man das, wenn beispielsweise davon die Rede ist, jemand sei (ohne daß dies vorher bekannt war) Sohn eines Mauren.  Andere Texte wiederum könnten ebenso gut aus anderen Kulturkreisen stammen, etwas verwirrend beim Lesen ist die häufige Verwendung des Namens „Hans“, der nur wenig spanisch klingt…. Teilweise lagen Guelbenzu mehrere Versionen einer Geschichte vor, die er zusammenfasste, beim Neuschreiben wurde versucht, die Charakteristika der mündlichen Erzählweise beizubehalten, ferner bemühte er sich um eine Vereinheitlichung des Stils.

Ich habe dieses Büchlein aus der Andere Bibliothek schon eine geraume Zeit bei mir im Regal stehen. Daß ich es jetzt herausgenommen habe, liegt daran, daß ich für meine Vorleseveranstaltung ein Thema brauchte, das eigentlich ausgesuchte ist sozusagen „geplatzt“. In so einem, – na ja, Notfall ist zwar etwas übertrieben, es aber musste kurzfristig ein neues Motto her – also, in so einer Situation sind Märchensammlungen immer sehr praktisch…. In meine Lesung habe ich zusätzlich noch zwei kleinere Geschichten aus anderen Quellen aufgenommen, die explizit in der Herrschaft der Mauren in Spanien angesiedelt sind und die damit eine wichtige Epoche des Landes (und im Grunde ganz Europas) repräsentieren.

José María Guelbenzus Spanische Hunger- und Zaubermärchen sind eine unterhaltsame, nicht unbedingt auf Kindertauglichkeit herunter entbrutalisierte Sammlung von Geschichten, von denen viele uns gar nicht so fremd erscheinen und in Die Andere Bibliothek wie immer in einem Rahmen präsentiert, der dem Bücherfreund das Herz ein wenig höher schlagen läßt.

Links und Anmerkungen:

[1] Zum Autoren gibt es wenig auf deutsch. Wer des Spanischen mächtig ist, findet neben der Website des Autoren: http://www.jmguelbenzu.com/index.php einen Eintrag in der Wiki: https://es.wikipedia.org/wiki/José_María_Guelbenzu, ansonsten hat die Krimi-Couch eine Kürzestbiographie auf deutsch ‚vorrätig‘: http://www.krimi-couch.de/krimis/jm-guelbenzu.html, aus der ersichtlich ist, das Guelbenzu  (auch) in diesem Genre arbeitet.
[2] vom Spiegel (6/2000) in einer Rezension mit dem mustergültigen Titel Torso im Glück beispielhaft aus der Sammlung („verdienstvolle Hispano-Anthologie“) herausgepickt:  http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-16597500.html

José María Guelbenzu
Spanische Hunger- und Zaubermärchen
Übersetzt aus dem Spanischen von Susanne Lange
mit 12 Fotographien aus dem alten Spanien

Originalausgabe: Edition Cuentos Populares españoles, 1996/7, Madrid
diese Ausgabe: Eichborn, HC, (Die Andere Bibliothek, Bd. 183), ca. 346 S., 2000)

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