Luca D’Andrea: Der Tod so kalt

Der Tod so kalt ist ein Krimi, ein Thriller. Nun bin ich nicht der typische Krimifreund, deswegen muss es schon einen Grund haben, daß ich mir diesen Roman vor die Nase geklemmt habe. Bletterbachschlucht heißt dieser Grund, denn dort spielt der Roman bzw. es geht um Ereignisse, eine Katastophe, die dort einst stattfand. Die Bletterbachschlucht [1] kenne ich nämlich, gerade um die Jahre, in der dort dieses ‚Massaker‘ stattfand, war ich dort, bin auf noch nicht ausgewiesenen Wegen, ohne die Prospekte eines noch nicht existierenden Besucherzentrums und natürlich auch ohne Schutzhelm dort herumgekraxelt. Schön war´s und tierisch interessant!

D’Andrea hat die Haupthandlung seines Romans also genau verortet und nennt Namen von realen Ortschaften in der Nähe: Bozen oder Deutschnofen beispielsweise oder Aldein. Das Dorf, in dem er seine Hauptfiguren ansiedert, Siebenhoch, dagegen ist fiktiv. Aber damit bin ich ja schon mittendrin in der Buchvorstellung….

salinger


Hauptperson des Romans ist ein gewisser Jeremiah Salinger (nicht verwandt oder verschwägert), ein junger Amerikaner mit deutschen Wurzeln. In der Vorgeschichte zum eigentlichen Thema wird erzählt, wie er als Filmstudent zusammen mit einem Kollegen bei der Band ‚Kiss‘ jobbt und die Idee entwickelt, über die Roadies dieser Band eine Dokumentation zu drehen. Das wird ein Riesenerfolg für die beiden und auf einer der Filmvorführungen lernt er eine Austauschstudentin kennen, Annelise Mair, die aus diesem kleinen, putzigen Flecken Erde kommt, aus dem deutschsprachigen Südtirol. Man lernt sich näher kennen, sich lieben, man heiratet, Carla wird geboren und zu dritt fährt man mit der mittlerweile fünfjährigen Tochter (wir schreiben das Jahr 2013) nach Südtirol in das Heimatdorf von Annelise, nach Siebenhoch.

Annelieses Vater, Werner Mair, ist Witwer, die beiden Männer verstehen sich gut, auch der Selbstgebrannte schmeckt ihnen hervorragend. Werner erzählt Jeremiah (er ist einer der wenigen, die Salinger beim Vornamen nennen) von früher. Unter anderem davon, daß er Mitbegründer der Bergrettung in den Dolomiten ist, er erzählt aus deren Anfängen und weckt das Interesse Salingers. Und folgerichtig fliegt Salinger dann mit der Bergrettung mit, weil ihm die Idee zu einem neuen Filmprojekt gekommen ist [2]. Bei einem dieser Flüge zu einem Gletscher passiert ein schlimmes Unglück. Es ist schwierig, Schuld oder Verantwortung zu benennen, der Überlebende, dies ist Salinger, fühlt sich jedenfalls schon allein deswegen schuldig, weil er überlebt hat…

Es wird eine PTBS (Posttraumatische Belastungsstörung) bei ihm diagnostiziert, aber nicht wirklich behandelt. Außer ein paar Tabletten, die er nicht nimmt, passiert nichts. Salinger wird von schlimmen Alpträumen gequält, er hört die ‚Bestie‘, wie er den Gletscher für sich nennt, in sich zischen und rufen… Nicht schön. Einzig Clara, der fünfjährige Sonnenschein muntert ihn in dieser Phase auf. Manchmal rafft er sich auf, so fährt er mit ihr eines Tages in besagte Bletterbachschlucht. Dort hört er durch Zufall von dem sogenannten ‚Massaker‘, bei dem am 28. April 1985 drei junge Menschen während eines tagelangen Unwetters in der Schlucht grausam ermordet und verstümmelt worden waren. Der Täter wurde nie gefunden.

Womit wir beim eigentlichen Thema des Romans wären, zu dem ich aber nicht allzuviel sagen, sprich verraten werde.

Salinger jedenfalls hat ein Thema gefunden, das ihn bald besetzt. Zumal er erfährt, daß sein Schwiegervater damals zu den Männern gehört hat, die die Leichen entdeckt hatten. Salinger recherchiert, er fragt sich durch, er macht sich damit aber keine Freunde, zumal viele Dörfler ihm Schuld am Unglück gibt, das er als einziger überlebte, und so muss mehr als einmal Prügel einstecken. Soviel ist auf jeden Fall bald klar: das Massaker hat mehr Opfer gekostet als nur die drei jungen Menschen in der Schlucht. Und es ist immer noch nicht aus, denn bald steht Salingers Ehe auf dem Spiel: die Bessenheit, mit der dieser jedes Versprechen aufzuhören, das er seiner Frau gibt, bricht und dem Geschehen nachspürt, kann diese kaum noch ertragen.

Doch obwohl man keineswegs erfreut ist, daß da ein Fremder seine Nase in diese Angelegenheit steckt, will (muss?) doch der/die eine oder andere sich etwas von der Seele reden.. so nach und nach ergibt sich ein Bild des Geschehens für Salinger, aber immer noch keine Antwort auf die Frage nach dem Täter.

Diese hebt sich der Autor bis zum Schluss auf: in einer Situation, die in etwa der des seinerzeitigen Massakers ähnelt (Ort und Wetter gleichen sich), entlarvt Salinger den Mörder endgültig…

…aber zuvor hatte er noch ein Geheimnis entdeckt, das sehr, sehr nahe an ihn und sein Leben greift.


Für den Autoren, Luca D’Andrea ist Der Tod so kalt so etwas wie ein Heimatkrimi. Bozen/Bolzano, die Stadt, aus der er stammt, liegt inmitten Südtirols, zwar im Tal der Eisack, aber dies ist nur wenige Kilometer von dem Ort der Handlung entfernt. Und so traditionell wie die Bevölkerung in den Bergen, zumindest nach aussen hin, auch ist, so traditionell ist auch die Handlung dieses Romans.

Der Bergler an sich ist eigen, in der Menge halten sie zusammen. Er ist hart aber ehrlich, Fremden gegenüber ist er misstrauisch. Die Oberfläche jedoch kann täuschen, unten drunter, in der Tiefe seiner Seele, können Untiefen lauern, vllt sogar das Böse an sich? Um es noch etwas rätselhafter zu machen, wird ein Tatverdächtiger in die Geschichte eingeführt, der sage und schreibe so um die 250 Millionen Jahr alt ist.. oder wäre, wenn es ihn tatsächlich gibt oder gäbe…. hier schrammt die Geschichte an der Fantasy vorbei (was etwas arg gekünstelt wirkt), um letztlich dann doch auf einem ganz konventionellen Hintergrund menschlicher Leidenschaften zu beruhen.

Ja, der Salinger mit seiner (unbehandelten) PTBS, den es interessiert dies halt, weil er selbst so seine Probleme hat, von denen diese Geschichte ablenkt, möglicherweise auch fühlt er eine Parallelität oder Analogie zu seinem eigenen Schicksal. Vielleicht ist es aber auch einfach nur beruflicher Ehrgeiz: Ich will nur wissen, ob ich`s noch draufhabe. Ob ich noch eine richtige Geschichte erzählen kann. Dafür setzt er dann schon mal seine Familie und auch sein Eheglück auf´s Spiel….

So ist Der Tod so kalt die Geschichte eines Mannes, der sich ohne Rücksicht auf Verluste in eine selbstgestellte Aufgabe verbeisst und dafür bereit ist, alles auf´s Spiel zu setzen. Es ist aber auch die Geschichte eines Menschen, der sich in diese Aufgabe flüchtet, um inneren Dämonen zu entgehen, es ist die Geschichte eines Mannes, den man mit seiner schweren Traumatisierung allein läßt.


Die ganze Geschichte ist durchaus flott erzählt, viele Dialoge, szenische Passagen, kurze Kapitel mit wechselnden Schauplätzen: es liest sich schnell und ohne große Mühen. Dabei liebt es D’Andrea, seiner Hauptperson häufig das letzte Wort zu überlassen, mit dem das vorher Gesagte kommentiert, häufig sogar konterkariert wird. Ein Beispiel: Salinger ist neugierig und durchsucht das Haus nach Weihnachtsgeschenken. Es ist nicht schön, so schreibt er selbstkritisch, wie ein Trüffelhund durchs Haus zu schnüffeln und in den Schubladen herumzuwühlen. – Nein, das tut man nicht. So hebt er dann nochmals unötigerweise den moralischen Zeigefinger. Das ist als Stilelement hin und wider ganz nett, aber zu oft eingesetzt ermüdet es.

Insgesamt war mir der Schreibstil zu plakativ, zu sehr auf Effekt getrimmt, die Figuren wieder zu sehr Schema F. Und der 250 Millionen Jahre alte Verdächtige, der immer wieder ins Spiel gebracht wird dann doch etwas zu sehr an den Haaren herbei gezogen, als daß man es ernst nehmen könnte. So bin ich nicht übermäßig begeistert von diesem Roman, wer jedoch einfach ein paar Stunden ohne großes Grübeln in eine Geschichte versinken will, dem mag Der Tod ist kalt möglicherweise besser zusagen als mir.

ach ja … dann ist da noch der geniale, weil frühreife Staatsanwalt. Der, um die vierzig (S. 155) schon 1985 (S. 157) die Uni verließ. Wir erinnern uns, der Roman spielt um die Jahreswende 2013/14, ….

Links und Anmerkungen:

[1] Webseite zur Bletterbachschlucht: http://www.bletterbach.info
[2] Autorenseite bei Random House:  https://www.randomhouse.de/Autor/Luca-DAndrea/p609810.rhd
[3] der Autor hat eine solche Dokumentation für das italienische Fernsehen gedreht

Luca D’Andrea
Der Tod so kalt
Übersetzt aus dem Italienischen von Verena v. Koskull
Originaltitel:  La sostanza del male, Turin, 2016
diese Ausgabe: DVA, Softcover, ca. 480 S., 2017

Ich danke dem Verlag für die Überlassung eines Leseexemplars.

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