Christoph Hein: Horns Ende

13. August 2017

Christoph Heins erster Roman aus dem Jahr 1985 führt uns in eine mittlerweile weit entfernt scheinende Vergangenheit. Die Handlung ist angesiedelt in einer Kleinstadt, einer Kurstadt in der Nähe Leipzigs, im Jahr 1957, sie spielt in der damaligen DDR. Das Schlüsselereignis der Romans ist schon im Titel festgestellt, es ist Horns Ende und es gilt das gleich anfangs getroffende Diktum, daß der Tod eines Mannes wie Horn ausreichen [sollte], um diese Stadt wie ein biblisches Gomorrha auszutilgen.

Die Geschehnisse, um die es geht, sind wie schon gesagt, im Jahr 1957 angesiedelt, sie werden jedoch aus der Rückschau geschildert. Es ist kein Einzelner, der sich erinnert, Hein läßt verschiedene Personen aus dieser Stadt zu Wort kommen, aus deren Erinnerungen sich ein Gesamtbild ergibt: Dr. Spodeck, einer der örtlichen Ärzte gehört dazu, Gertrude Fischlinger, die einen Krämerladen betreibt und bei der Horn über Jahre als Untermieter lebte, der Bürgermeister Kruschkatz, der am Schicksal Horns (mit)verantwortlich ist, sie waren einst in Leipzig Genossen, damals war Horn noch Dr. Horn, aber Stellung und Titel wurden ihm, nachdem er denunziert worden war, seinerzeit aberkannt. Mit Thomas, dem Sohn des Apothekers werden die Erinnerungen das damals elfjährigen Kindes wiedergegeben, dessen Freund Paul, der unerzogene Sohn der Gertrude Fischlinger, Horn damals gefunden hatte und der dieses Bild (… sie waren völlig verändert. Ihre Zunge, ihre Lippen …) sein Leben lang nicht vergessen konnte. Etwas anders sind die Erinnerungen Marlenes, eines verwirrten Mädchen, bzw. mittlerweile einer verwirrten jungen Frau mit einem ganz besonderen Schicksal: sie hat die unter den Nazis Denunziation als lebensunwertes Leben überlebt – dies aber nur, weil die Mutter ein schreckliches Opfer erbrachte. Gohl, ihr Vater, arbeitet jetzt im Museum, Thomas ist oft bei ihm, ansonsten hat er keinen Kontakt ins Städtchen und hat sich völlig zurückgezogen. Aber der Chef der Zigeunersippe, die sich in diesem Jahr Ende Mai auf dem großen Platz im Zentrum niederläßt, besucht ihn, und zwar nur ihn, sonst niemanden, so wenig wie die Zigeuner sich überhaupt um die Anordnungen des Bürgermeister kümmern, der sie auf einen abseits gelegenen Platz manövrieren will.

Was sich in dieser Stadt um Horn herum ereignete, läßt sich in groben Zügen so zusammenfassen: Horn arbeitet als Leiter des kleinen, örtlichem Museums, er ist unzugänglich, abweisend, schroff. Seine Bestrafung und Verurteilung hat nicht dazu geführt, daß er seine Ansichten geändert hat, nach wie vor glaubt er sich im Recht – und daß ihm Unrecht geschehen ist, die Anbiederungen Kruschkatz‘, der sich mit ihm ‚aussöhnen‘ will, weist er strikt zurück. Horn veranstaltet regelmäßige Abende im Museum, die zu den wenigen kulturellen Veranstaltungen in der Stadt gehören, auch wenn diese Abende nur von wenigen besucht werden. Horn hält zu diesen Gelegenheiten lokalhistorische Vorträge, mit denen er jedoch wiederum bei Linientreuen aneckt, Bachofen ist so einer, der Stellvertreter des Bürgermeisters. Dieser jedoch lehnt es ab, des- und eines anderen, nochmalig ’schweren Fehlers‘ wegen gegen Horn vorzugehen. Er wird daraufhin selber denunziert und muss sich vor einer Kommission rechtfertigen.

Horns Tod, sein Suizid, ist ein letzter, stummer Protest dieses Mannes, der das Unrecht nicht mehr ertrug und der allen klarmachen wollte, welche Schuld sie tragen, was sie mit ihrem Verhalten zu verantworten haben.


Heins Roman ist aber weit mehr als die Darstellung dieses skizzierten individuellen Schicksals der Titelfigur. Es ist auch eine Auseinandersetzung mit den Verhältnissen in der DDR. Das Buch ist in acht Kapitel unterteilt, jedem Kapitel ist ein Dialog vorangestellt zwischen dem toten Horn und dem inzwischen gealterten (… es sind Jahre vergangen. Sehen Sie mich an, ich habe graue Haare.) Thomas. Der Tote findet keine Ruhe, er will wissen, was danach, nach seinem Tod geschehen ist, er pocht darauf, daß man sich erinnert (so wie auch er sich zu Lebzeiten immer an das ihm zugefügte Unrecht erinnert hat), daß man nicht vergißt, denn nur der, an den sich niemand erinnert, ist wirklich und endgültig tot…. Ein Satz, der sich in seinem Geltungsbereich ausweiten läßt auf die Ermordung der Juden, die der Zigeuner (die nach diesem Sommer nie wieder in der Stadt erscheinen sollten, also auch bildlich dem Vergessen anheim fallen werden wie der tote Horn) und der Ausmerzung des ‚unwerten Lebens‘, hier in der Figur der äußerst zurückgezogen lebenden Marlene.

Überhaupt die Erinnerung – Überlegungen zu ihr nehmen einen wichtigen Teil des Textes ein. Es gibt Passage, in der Thomas im Schlafzimmer der Eltern vor einem dieser alten dreiteiligen Spiegel sitzt, deren Außenflügel verstellbar sind. Je nachdem, wie man sie stellt, verändern sich die Bilder, Teile verschwinden, werden verzerrt oder ‚verkehrt‘ wiedergegeben. Damit wird der Spiegel zum Bild für die Erinnerung, die notwendigerweise immer auch durch die individuellen Charakteristika der jeweiligen Person geprägt ist und sich daher von der anderer unterscheidet: jede Erinnerung ist so wie auch jede Wahrheit relativ und nicht absolut. Auch dies ein ‚Angriff‘ auf den in der DDR offiziell herrschenden sozialistischen Realismus, der ein Absolutes vertritt.

Die Zigeuner mit ihren Pferden, Pferden, die sie den Bauern vermieten, die damit ihre Felder bewirtschaften – und die so dem politischen Druck zur Kollektivierung ausweichen können, zum Verdruss der Linientreuen.

Ganz im Gegensatz zum vermeintlichen Vergessen des alten Thomas steht die Ausführlichkeit der Erinnerungen der einzelnen Figuren im Roman. Diese Erinnerungen gehen weit über das Horn Betreffende hinaus, sie gehen weit in die Vergangenheit der jeweiligen Personen zurück, schildern ihr Leben, das meist trost- und freudlos war, von Demütigungen geprägt und fremdbestimmt. Dr. Spodeck beispielsweise, Sohn (einer von vielen, die der dominante Vater, ein ‚Wohltäter‘ der Stadt, in selbiger ausgesät hatte) eines Fabrikanten, wurde von diesem dazu ausgewählt, Medizin zu studieren und später die durch den Vater aufgekaufte Praxis zu übernehmen. Nur alle paar Jahre erschien der Sohn beim Vater zum demütigende Befehlsempfang, seiner Mutter zuliebe, wie er sich einzureden versuchte, in Wahrheit jedoch, weil der gegen den Vater nicht ankam…

Oder Gertrude Fischlinger, vom schlechten Mann schnell einer anderen wegen verlassen, mit der Erziehung ihres Sohnes heillos überfordert, selbst krank und malade und allein…. bei ihr wird Horn einquartiert, ein Untermieter, der für sie quasi unsichtbar bleiben sollte, bis auf eine unvermutete kurze Zeit der Wärme, die sich diese beiden Einsamen gegenseitig spenden sollten….

Thomas, der Sohn des Apothekers, noch in wilhelminischer Atmosphäre erzogen: der Kopf des Knaben vom Vater bei der Begrüßung von Entgegenkommenden noch weiter nach unten gedrückt, eine sehr symbolische Handlung. Der Vater, überhöht auf einem Podest stehend für das Kind, allmächtig, unangreifbar: selbst für die Hefte mit den spärlich bekleideten Damen, die Thomas beim heimlichen Durchsuchen der Bibliothek des Vaters hinter den Klassikern versteckt, findet, sucht sich der Knabe Vorwände…

Kruschkatz natürlich… ohne Ausbildung und Qualifikation hat sich dieser Mann hochgearbeitet, Stufe und Stufe einer Karriereleiter genommen, der er mit dem Bürgermeisterposten eine neue Stufe hinzufügen wollte. Eine Stufe, die er nicht nehmen sollte, an der er scheitern wird, beruflich und auch privat. Seine Frau, ohne die er nicht leben kann und die er aus Leipzig zu sich holt mit dem Versprechen, daß sie dort nicht beerdigt werden würde (man also in absehbarer Zeit das Städtchen wieder verließe) wendet sich von ihm ab, sagt ihm emotionslos, daß sie sich vor ihm ekelt, macht ihn ebenso für Horns Tod verantwortlich.

Es ist eine graue, trostlose Welt, die Hein schildert, trostlos die Figuren wie die graue Stadt mit ihrem zerfallenden Bahnhof. Von den Figuren ist keiner ein Sympathieträger, Mitleid ja, aber mehr? Selbst Horn bleibt fremd, ist dem Leser gegenüber genauso schroff und abweisend wie als Figur seinen Gegenübern.

Horns Ende von Hein (und hier bedanke ich mich sehr bei den Kolleginnen von meinem Lesekreis, durch die ich viele Anregungen erhalten habe): ein kleiner, intelligenter und auch ein wenig ein subversiver Roman über eine DDR, die es zwar nicht mehr gibt, die aber als Prototyp jeder Diktatur bzw. jedes autoritären Regimes gelten kann.

Links und Anmerkungen:

Von Christoph Hein habe ich hier im Blog schon folgende Romane besprochen:

– Frau Paula Trousseau
– Glückskind mit Vater

Christoph Hein
Horns Ende
DDR-Ausgabe: Berlin-Weimar, 1985

diese Ausgabe (Erstausgabe): Luchterhand, HC, ca. 266 S., 1985

Den Beitrag gibt es auch als podcast im literatur RADIO bayern zu hören.

hein - cover


Christoph Hein, 1944 in Sachsen geborener Dramatiker und Autor, legt mit Glückskind mit Vater seinen neuen Roman vor, der das Leben eines Menschen beschreibt, der in den letzten Kriegstagen geboren wurde und der sein Leben lang die Schatten des Vaters, den er nie sah, nicht überwand. Ausdrücklich vermerkt Hein, daß dem Roman wahres Geschehen zugrunde liegt, (auch) seine eigene Biografie [1] weist zumindest in den Anfangsjahren Analoga auf zu der seines Protagonisten Konstantin Boggosch, wie auch im Verlauf des Romans in einer weiteren Figur, die nur ganz kurz in die Handlung eingeführt wird, Parallelen zu Hein zu entdecken sind.

Bis auf ein zweijähriges Intermezzo spielt das Buch in der DDR und nach der „Wende“ dann in Deutschland. Bis auf Magdeburg, wo der Protagonist einige Zeit seines Lebens wohnte, werden keine Ortsnamen genannt, einzig eine Rolle spielen die Buna-Werke, ein Werk zur Synthese von Kautschuk, das 1936 gegründet wurde und zur I.G. Farben gehörte. Nach dem Krieg wurde es 1954 in einen VEB überführt, der zu den größten Industriekonglomeraten der DDR gehörte.

Im Roman dagegen war die Buna im Besitz eines gewissen Gerhard Müller. Dessen Frau war in den letzten Tagen des Krieges mit ihrem zweiten Kind hochschwanger, die Russen hatten die Gegend schon erobert. Die Hochschwangere dauerte den russischen Offizier, der sie aus der prachtvollen Villa ausquartieren musste, er versprach ihr, eine Unterkunft für sie zu organisieren. Das „Glückskind“ unter dem Herzen schien ihr das Schlimmste zu ersparen, doch Stunden später kehrte der Offizier mit versteinertem Gesicht zurück, schmiss die Schwangere mit ihrem zweijährigen Sohn aus dem Haus: der Frau eines solchen Kriegsverbrechers würde er keinesfalls helfen. Es ist dies der Moment, in den die Frau von den Untaten ihres Mannes erfährt. So kommen die zwei wie andere Flüchtlinge auch nur notdürftig unter, bei der Schwägerin, mit der sich die Mutter nicht versteht.

Die Mutter ist erschüttert über das, was sie von ihrem Mann, dem in den letzten Kriegstagen  der Prozess gemacht worden war und der gehängt wurde, erfährt, sie sagt sich los von ihm und erreicht, daß sie und die beiden Kinder ihren Geburtsnamen tragen dürfen: Boggosch. Doch das Ablegen des alten, mit Blut befleckten Namens ist nur etwas an der Oberfläche, es kann nichts daran ändern, daß der Mann, daß der Vater Gerhard Müller war, ein hohen SS-Offizier und einer der schlimmsten Kriegsverbrecher.

Von der Unmöglichkeit, seiner Abstammung zu entkommen, handelt dieser Roman Heins. Er konzentriert sich auf den seinerzeit noch ungeborenen Sohn Konstantin. Dessen Bruder Gunthard dient im Roman als Antagonist: er kommt vom Charakter her auf seinen Vater, erweist sich im Lauf der Jahre als skrupel- und gewissenlos, setzt seinen Vorteil durch, wo immer es geht. Für ihn ist der Vater (und damit auch er) ein Opfer der Siegerjustiz. Im Gegensatz dazu ist Gerhard Müller für Konstantin und seine Mutter ein Fluch, dem sie zwar zu entkommen suchen, es aber nicht schaffen. So verweigert man der Mutter trotz ihrer guten Ausbildung und Kenntnisse eine Anstellung als Lehrerin, mühsam ernährt sie sich und ihre Kinder mit Putzen.

Die Brüder erfahren die Wahrheit über ihren Vater erst spät, Konstantin ist schon 11 Jahre alt, Gunthard hat zu dieser Zeit schon lange heimlichen Kontakt zum Onkel väterlicherseits, der in der BRD wohnt und gerichtlich feststellen lassen konnte, daß die Verurteilung seines Bruder nicht durch ein ordentliches Gericht erfolgt war. Ein Urteil, das ihm und dem indoktrinierten Neffen willkommen als Rehabilitation des Bruders/Vaters dient. Erst als die  Mutter von diesem heimlichen Briefverkehr Gunthards erfährt, erzählt sie den beiden Brüdern die Wahrheit….

So wie Gunthard diese nicht akzeptiert, fühlt sich Konstantin von diesem Zeitpunkt an wie mit einem Kainsmal behaftet. Noch weiß er es noch nicht so genau, aber sein Kainsmal ist die Akte, in der alles festgehalten ist, seine Papiere, denn davor schützt auch die Namensänderung nicht.

Trotz sehr guter Leistungen in der Schule verweigert man ihm die Aufnahme in ein Sportinternat, auch den Besuch der Oberschule…. In Konstantin reift der Entschluss, in den Westen zu gehen, ein abenteuerlicher Plan ist es, sein Ziel ist die Fremdenlegion, in der die Herkunft keine Rolle spielt. Zwar ist er mit seinen vierzehn Jahren viel zu jung, aber er denkt, daß er das Problem lösen kann.

In der Tat gelingt es ihm, in den Westen zu kommen, die Fremdenlegion jedoch ist ein demütigendes Erlebnis von wenigen Minuten Dauer. Aber er findet in Marseille Freunde, Männer, die sich seiner, ihres  kleinen „Boches“, annehmen: durch die Sprachen, die die Brüder bei der Mutter gelernt haben, arbeitet er bein einem Antiquar als Dolmetscher. Es ist eine glückliche Zeit in Marseille für ihn.. bis ihn auch hier der Schatten des Vaters einholt: er glaubt ihn in einem Buch über eine Widerstandsgruppe, in der seine Freude im Krieg kämpften, wieder zu erkennen….

Dies und auch Heimweh treiben ihn zurück, in den Tagen des Mauerbaus geht er die andere Richtung, aus dem Westen in den Osten…. Konstantin bleibt nur wenige Tage in der Stadt seines Vaters und geht dann nach Magdeburg. Es gelingt ihm, wie auch schon in Marseille, Arbeit in einem Antiquariat zu finden und in der Abendschule das Abitur zu machen, er gewinnt Freunde, lernt Beate kennen und studiert schließlich Lehrer, weil Lehrer fehlen – sein Wunschstudium in Babelsberg war ihm mit seiner Akte nicht möglich. Jedoch auch hier ein Glückskind: Viele Jahre später sollte er wissen, daß er ein geborener Pädagoge war.

Eine große Tragödie überschattet ein paar Jahre später sein Leben…. er läßt sich mit der Aussicht auf die Stellung als Direktor an eine Gymnasium in einer Kleinstadt versetzen. Aber auch hier gibt es Probleme für ihn, insgesamt wird er zweimal Direktor – und ebenso oft wird er wieder abgelöst…. Er kann seiner Akte nicht entkommen; Konstantin akzeptiert letztendlich sein „Sohn-sein“ als unabänderlich und unter den herrschenden Bedingungen als eine Art „Sippenhaft“. Genauso wie die Taten des Vaters in die Vergangenheit wirkten: auch der einst hochgeachtete Großvater, Vater des Gerhard Müller, fiel in Ungnade, nach ihm benannte Straßen verloren ihren Namen….

Nach der Wende 1989 spült es andere wieder nach oben, die ihr Fähnchen rechtzeitig gewendet hatten, er dagegen gilt als Vertreter der DDR…. und 2010 schließlich, und damit sind wie nahe an der Jetztzeit, wird er pensioniert.

Und hier setzt der Roman auch zweifach ein: eine Reporterin will für die örtliche Zeitung den Umstand, daß noch vier (ehemalige) Direktoren der Schule in der Stadt leben, zu einem großen Bericht nutzen – und ein Brief des Finanzamtes erreicht ihn, in dem die Kirchensteuerfahndung nach einem auf den Namen „Konstantin Müller“Getauften sucht… Du belügst mich. Es gibt etwas, was du mir verschweigst. Etwas, vor dem du davonrennst. Vor dem du ein Leben lang auf der Flucht bist. ….Konstantin Boggosch ist niemand, der viel von sich erzählt, auch seiner Frau Marianne nicht.


Einen Massenmörder zum Vater, dies ist ein Erbteil, das es zu Schultern gibt. Man kann ihm auf mehrer Arten gegenüber treten: Gunthard repräsentiert die eine davon, Konstantin und seine Mutter eine andere.

Gunthard leugnet, stellt sich selbst als Opfer einer Verleumdung, hier namens Siegerjustiz, dar. Daher sieht er auch keine Veranlassung, seine Geburtsstadt zu verlassen, im Gegenteil, er tritt in das alte Werk seines Vaters ein, macht dort eine Ausbildung und kommt voran, bis zu dem Punkt, an dem er nach der Wende die seinerzeit in seinem Namen von der Mutter abgegebene Verzichtserklärung für das Erbe widerrufen kann. Mit diesem Ausweichen in die Wirtschaft geht er der direkten Konfrontation mit dem Staat, der in einer Art „Sippenhaft“ die Nachkommen mit in die Verantwortung zieht, aus dem Weg. Zudem ist Gunthard vom Charakter her ganz anders als Konstantin, robuster, skrupelloser, gefühlskälter.

Anders dagegen Konstantin. Auch wenn er als Kampfsportler eigentlich darauf trainiert sein sollte, eine Auseinandersetzung mit einem Gegner anzunehmen, wählt er die Flucht, das Ausweichen, das Verleugnen. Aber anders als sein Bruder, der die Taten leugnet, will er den Vater leugnen, abstreiten, sich von ihm distanzieren. Es dauert lange, bis er merkt, der der Schatten des Vaters immer an ihm hängen bleiben wird, selbst wenn es Perioden gibt, in denen er sich frei fühlt und nicht an ihn denken muss. Kein Aus- und Zurückweichen seinerseits befreit ihn jemals wirklich, irgendjemandem ist immer bekannt, wessen Sohn er ist.

Wie wäre sein Leben verlaufen, hätte er seinerzeit in Marseille in Mut gehabt, seinen Freunden gegenüber die Wahrheit zu bekennen? Natürlich wäre es möglich gewesen, daß sie ihm die Freundschaft aufgekündigt hätten, aber damit wäre er auch nicht schlechter gestellt gewesen als er es durch seine Flucht war. Zu jung, wahrscheinlich war er trotz seiner Intelligenz zu jung, um dies richtig einzuschätzen.

So wurde Konstantin im Lauf der Zeit von einem Verschweiger zu einem Schweiger. Er redete nicht viel, privates schon garnicht. Seine zweite Frau Marianne weiß kaum etwas von seiner Lebensgeschichte, von seinem Vater, dem Bruder, sie weiß nicht den Grund, aus dem heraus er keine Kinder möchte, auf welches Erbe er verzichtet, selbst seine Erkrankung hält er vor ihr geheim…. ein Mensch also, der kein Vertrauen hat in die anderen, der die Vergangenheit immer noch abschütteln will, in dem er sie verschweigt, der keinen Sinn darin sieht, sie wieder zu wecken, in dem man über sie redet, ein Mensch auch, der Erinnerungen misstraut, denn mit unseren Erinnerungen versuchen wir, ein missglücktes Leben zu korrigieren….

Bis auf diesen zweijährigen Aufenthalt in Marseille spielt sich fast die gesamte Handlung in der DDR ab und so skizziert Hein peu a peu ein Bild des alltäglichen Lebens dort. Es ist kein Blick von oben, von der Führungsebene aus auf die kleinen Leute, es ist im Gegenteil gerade das Leben der kleinen Leute, so wie es sich für sie abspielt. All die Sachen, die im Hintergrund laufen und die zum großen Teil erst nach der „Wende“ herauskamen (Stichwort „IM“), spielen hier kaum eine Rolle. Einzig über die „Akte“ Konstantins wird deutlich, daß die Partei (und ihre Oberen) nichts vergisst, alles im Blick behält – und zum Teil selbst unter Zwängen steht. So vermeidet es Hein, mit dem Wissen von heute auf die damalige Situation zu schauen und zu bewerten oder zu verurteilen.

Interessant sind die Schilderungen Heins, wie Konstantin Ende der 50er Jahre die DDR Richtung BRD bzw. natürlich Frankreich über Berlin (Notaufnahmelager Marienfelde) verläßt und wie er zwei später unter den misstrauischen Augen der Grenzbehörden wieder zurückkommt in die DDR mit ihrem trostlosen Alltag, ihren grauen Städten, ihren Trümmerbergen, die z.B. in Magdeburg das Stadtbild noch beherrschten. Das Antiquariat von Bärbel: der einzige Lichtblick in der Stadt, nachher natürlich dann Bea… und immer wieder auch der Einfallsreichtum der Menschen, sich in den Verhältnissen einzurichten. Auch in dieser Hinsicht ist der Blick Heins nüchtern, Wertungen von Verhalten meidet er, was er schildert, muss für sich selbst sprechen.


Der Roman liest sich trotz seiner erheblichen Umfangs von deutlich über 500 Seiten schnell und leicht. Dies liegt zum einen an der Sprache Heins: recht nüchtern, klar und unkompliziert erzählt er die Geschichte eines Lebens. Die Anzahl der Figuren hält sich in Grenzen, man verliert nicht den Überblick, zumal Wechsel in den Lebensumständen Konstantins meist auch mit einem Wechsel der (wenigen) Personen, mit denen er sich umgibt, verbunden ist. Ferner ist der Text streng chronologisch aufgebaut, es gibt praktisch keine Rückblenden, auf jeden Montag folgt der Dienstag, auf das Jahr x das Jahr (x+1). Da sich die Schilderungen Heins einzig auf Konstantin konzentrieren, gibt es ebenso keine Parallelhandlungen, in die sich die Geschichte aufspalten könnte, Schicksale und zwischenzeitliche Erlebnisse anderer Figuren werden durch Dialoge oder Gespräche dargestellt.

In der Summe ist mit Glückskind mit Vater ein Roman entstanden, der ohne Schnörkel vom Schicksal eines Menschen handelt, der sich zeitlebens nicht von seinem Vater emanzipieren konnte, auch weil er die offene Auseinandersetzung mit diesem Ballast seiner Seele scheute und sein Leben lang in die Flucht auswich. Es war die besondere Tragik des Protagonisten, daß er ein paar wenige Jahre zu jung war, um die Chance zu begreifen, die ihm das Leben in Frankreich eröffnet hätte, hätte er sich zu einem „Ja, aber….“ entschließen können. Statt dessen geht er in das Land zurück, in dem seine Herkunft tatsächlich ein großer Hemmschuh für ihn, mit seinen Eigenschaften, seinen Wünschen war. Hat er sich im Lauf der Jahre in der DDR auch eine Art stilles Glück geschaffen, so war immer noch bedrohlich „die Akte“ da, die schriftliche Fixierung seines Geburtsmakels, das niemand erfahren durfte und das ihn zum Verschweiger machte, fast allen gegenüber.

Der hier erzählten Geschichte liegen authentische Vorkommnisse zugrunde, die Personen der Handlung sind nicht frei erfunden. Christoph Hein stellt dies seinem Roman voran. In diesem Sinne ist es menschliches, ein deutsches Schicksal, das er erzählt, eingebettet in die Besonderheiten dieses Landes. Ein klar erzählte Geschichte, die auf alle Umwege und Schleichpfade verzichtet, die einfach nur beschreibt und erzählt. Und die mehr nicht braucht.

P.S.: Auf diesen ominösen Brief von der „Kirchensteuerfahndung“ (?), den der Autor anfangs erwähnt, geht Hein übrigens nicht mehr ein; eigentlich schade, ich hätte gern mehr erfahren, selbst google ist bei diesem Begriff etwas zurückhaltend mit Auskünften…

Links und Anmerkungen:

Den Beitrag gibt es auch als podcast im literatur RADIO bayern zu hören.

[1] Wiki-Beitrag zum Autoren:  https://de.wikipedia.org/wiki/Christoph_Hein

Vom Autor wurde hier im Blog ferner vorgestellt: Frau Paula Trousseau

Christoph Hein
Glückskind mit Vater
diese Ausgabe: Suhrkamp, HC, ca. 525 S., 2016

Ich danke dem Verlag für die Überlassung eines Leseexemplars.

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