Ich habe erkannt, daß der Weg des Samurai der Tod ist.

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Die Story, die Boyle in diesem Roman erzählt, ist von der Grundstruktur her einfach und in wenigen Worten wiedergegeben: Von einem japanischen Frachter vor der Küste Georgias im Süden der USA springt ein Seemann über Bord, der zuvor aus der Arrestzelle des Frachters entfliehen konnte. Er erreicht das Ufer – nicht ohne ein turtelndes Pärchen in einem Boot vor der Küste mit seinem unvermuteten (und buchstäblichen) Auftauchen erschreckt zu haben – nicht wissend, daß er auf einer der Küste vorgelagerten Insel, Tupelo Island, gelandet ist.

Durch das Pärchen weiß man von ihm, er wird als illegaler Einwanderer angesehen und gejagt. Das sagt sich nun leichter, als es getan ist, denn Tupelo Island ist gegen die Hölle zwar ein nettes Kneippbecken, aber auch das ist schon schlimm genug: es ist ein heißes und feuchtes Klima und Hiro, so der Name des Mannes, flüchtet in ein ausgedehntes Sumpfgebiet, ein willkommenes Nahrunsgsergänzungsangebot für saugende, stechende, beißende und schmarotzende Bewohner der Gegend aller Art.

Andererseits: der Sumpf schützt ihn, die Jagd bleibt lange erfolglos, auch weil eines der Mitglieder der Künstlerkolonie, die auf der Insel lebt, sich heimlich seiner erbarmt…. letztlich wird er aber dann doch von den hinterwäldlerischen Waschbärenjägern der Region gestellt und eingesperrt. Doch nochmals gelingt ihm die Flucht, er kommt sogar von der Insel runter und landet – in der Hölle. In den riesigen Okefenokee Sümpfen nämlich [3], gegen die besagte Pfützen auf Tupelo Island eher wie die schon angeführten Kneippbecken wirken…

Das also der grobe Handlungsrahmen, aus dem Boyle – und es wäre nicht Boyle, wäre es anders – einen spannenden, unterhaltsamen Roman über das Aufeinandertreffen zweier Kulturen gestaltet hat.


Es gibt zwei große Handlungsstränge im Roman. Im ersten erzählt Boyle von Hiro Tanaka, einem zwanzig Jahre jungen Mann, dessen Mutter Japanerin und dessen Vater Amerikaner war. Dies ist im Grunde schon der erste Zusammenprall dieser zwei Kulturen, denen sich Boyle widmet. Die Mutter, aus einer traditionsbewussten japanischen Familie, wendete sich von dieser Familie ab, sie war von der amerikanischen Kultur und auch ihrer Musik begeistert. Sie tat sich mit einem Hippie, der eines Tages auftauchte, zusammen und Hiro kam auf die Welt. Die Mutter starb kurz nachdem der Vater nach Amerika zurückging und die beiden zurückließ. Hiro wurde von der Großmutter erzogen. Als Halbjapaner war er allerdings absoluter Aussenseiter, gehänselt und gemobbt von den anderen Jungs…

Im Baseball fand er eine Heimat, man konnte ein Bastard sein, ein Halbblut, man konnte alles mögliche sein, wichtig war einzig und allein, ob man den Ball traf. .. Fujima, Morita, Kawakami, diese Kakerlaken, die ihm blaue Augen geschlagen und die Nase gebrochen hatten.. konnte er mit seinem Schläger den Wind aus den Segeln nehmen. 

Dann aber wurde er eines Tages japanischer als alle: der japanische Dichter Mishima, der sich 1970 suizidierte und Jōchō [5], der Samurai aus dem japanischen Mittelalter mit seinem Werk „Hagakure“ fingen ihn ein. Es war Glück, es war Schicksal, es war Magie. Von ihnen lernte er die Werte des Samurais, der Weg des Hagakure drang in eine andere Sphäre ein, die Sphäre von Macht und Selbstvertrauen – von Reinheit -, die das Materielle, das Fleisch, ja den Tod selbst transzendierte. … Er würde ein moderner Samurai werden.

Hiro träumte einen weiteren Traum: seinen Vater zu finden und in eine ominöse „Stadt der brüderlichen Liebe“ zu gehen. Keinen Moment zweifelte er daran, daß ihm das gelingen würde, liebten Amerikaner nicht Menschen aller Hautfarben, aller Nationen? Waren sie nicht genauso „Bastarde“ wie er selbst? War es hier nicht egal, woher man kam, wie man aussah?

Um so derber war der Schock der Realität. Keineswegs wurde er willkommen geheißen, er stieß überall auf Ablehnung, niemand zögerte, auf ihn zu schießen, sobald er auftauchte. Gewisse Sprachschwierigkeiten und das Überraschungsmoment, das immer ins Spiel kam, wenn er gesehen wurde, taten ihr übriges..

Georgia gehört zum Süden der USA, Boyle porträtiert die Bewohner dieser Gegend fast durchgängig als halbdebile Hinterwäldler, die einen kaum verständlichen Kauderwelsch von sich geben (…. „Nargn wargn, dröde schmitt“ sagte der Sheriff gerade. …). Im krassen Gegensatz dazu steht der isolierte Kosmos der Künstlerkolonie, die auf der Insel ansässig ist: „Thanatopsis“ [4]. Hier herrscht der intellektuelle Geist von Menschen, die der realen Welt zeitweise entflohen sind und bei denen alles um sich selbst kreist, interne Eifersuchtsdramen (besonders künstlerisch motivierte) eingeschlossen. Die Hauptperson dieses Handlungsstranges, in dem Boyle das Biotop des Schriftstellertums seziert (dem er ja selbst angehört), ist eine gewisse Ruth „La Dershowitz„, eine trotz ihrer vierunddreißig Lebensjahre ewig Neunundzwanzigjährige, die mit gnadenloser Nichtbegabung fürs Poetische gesegnet ist, die jedoch im Gegensatz dazu das handfestere Kopfkissenspiel mit Saxby, dem Sohn der spendablen Spirita rector der Kolonie, Septima Lights, durchaus und mit Engagement zu geniessen weiß.

Es kommt wie es kommen muss: die beiden, Hiro und Ruth, treffen aufeinander, weil sie Hiro erwischt, wie er das Mittagessen, das jeweils in die verstreut liegenden Studios der Künstler gebracht wird, stiehlt. Er dauert sie, so zerschunden wie er ist mit seinen Schrunden am ganzen Körper, so abgemagert, mit den unsteten, angsterfüllten Augen… und nach Prinzip des Jodeldiploms („Da hat man dann was eigenes!“) gelingt es ihr, sein Vertrauen zu erringen und ihn bei sich anzusiedeln. Hiro wird zu einer Art Haustier für sie, einen Status, den er durchaus realisiert. Aber welche Wahl hat er schon? So kam es letztlich, daß er auf dem schmalen, unbequemen Sofa einer amerikajin zu liegen kam und die Erkenntnis in ihm reifte, daß in Amerika, wo alle Menschen gajin waren und niemand etwas auf Jōchō gab, er einen neuen Kodex, eine neue Lebensregel finden müsse…

So fremd wie die amerikanische Kultur dem Japaner ist, so fremd war der Japaner den Amerikanern. Nicht nur die eingeborene Bevölkerung auf der Insel hatte ihre Probleme, auch die Beamten der Einwanderungsbehörde. Deren Fachmann für´s Urwäldlerische, ein ehemaliger Vietnamkämpfer, versuchte den Japsen ähhh.. Japaner mit Donna Summer Discosongs aus dem Sumpf zu locken. Als diese Kampfbeschallung nichts fruchtete, wird versucht, ihn mit bunten T-Shirts zu ködern…. nicht viel anders, als man weiland die Indianer mit Perlen übers Ohr gehauen hatte…

Amerika ist Kampf, ein Kampf jeder gegen jeden, aber nicht mit der philosophischen Erhöhung, die der Japaner in seiner Philosophie des Bushido erreicht hat. Hier geht es nur um´s Siegen, wie ist egal. , So wird schon in der Eingangsszene versucht, Hiro mit dem Boot zu überfahren, später werden die Hunde auf ihn gehetzt und es wird aus allen Rohren auf die gelbe Gefahr geballert – so man sie vor die Flinte bekommt…

Im Kreis der Schriftsteller ist es kaum besser. Hier wird intrigiert und die Konkurrenz madig gemacht, hier erscheint man schon mal im Schlafanzug zur Lesung der Konkurrentin, um kund zu tun, was man von deren Elaborat hält…. man setzt sich in Szene, die Eitelkeit feiert Triumphe und das Aufbrezeln vorm Spiegel ist mindestens genauso wichtig wie der Text, der den Kollegen in der Lesung präsentiert werden soll…

Der Samurai von Savannah, Hiro, geht seinen Weg. Immer wieder gelingt es ihm, seinen Häschern zu entkommen, einen Haken zu schlagen. Aber es sind Phyrrussiege, die ihn immer weiter in den Sumpf treiben, wo sich Mosquitos, Schnaken, Zecken, Milben, Bremsen, Fliegen, Egel, Würmer, Schlangen, Spinnen, Wanzen, Krokodile – um nur einige der sichtbaren Quälgeister zu nennen (daneben gibt es ja noch den Kosmos der Bakterien, der Amöben und was dem Herrn seinerzeit in dieser Art zur kreieren noch gefallen hatte…) die ihm die Nahrung streitig machen, sich an ihm festbeissen, festsaugen, festkrallen, festhalten, in ihn eindringen, ihn mit Schleim überziehen, mit Unrat und Schmutz, kurz: die sich über die Abwechselung freuen, die er, ein neues Biotop für sie, ihnen bietet…..

Sein Ziel, die „Stadt der brüderlichen Liebe“ erreicht er nicht sowenig wie er seinen Vater, von dem er praktisch ja nichts weiß, gefunden hat. Ihm dürfte klar geworden sein, daß dies beides  Hirngespinste waren. So bleibt ihm nur der Weg des Samurais, von diesem Weg kann ihn auch keiner abhalten, unter anderem, weil Amerikaner sich nicht vorstellen können, daß jemand seine Ideale so konsequent verfolgt. Hiro, der anfänglich glaubte, seine japanischen Ideale wären für Amerika untauglich, findet zurück zu dem, was er als seine geistige Heimat erkannt hat. Amerika hat sich für ihn als Seifenblase erwiesen: groß, schillernd, vielversprechend und aus der Entfernung schön anzuschauen, aber hohl und wenn man ihr zu nahe kommt, platzt sie.

Ist Hiro am Ende des Romans, am Ende der Handlung also authentisch geworden in Einstellung und Handlung, so verkörpert sein weibliches Pendant, Ruth, genau das Gegenteil. Sie ist – bis auf eine Ausnahme – nicht authentisch, sie nimmt Rollen an, die sie spielt: sie spielt die Schriftstellerin, sie spielt am Schluss auch die Journalistin so wie sie vorher die barmherzige Samariterin gespielt hat, um Hiro für eigene Zwecke auszunutzen.


Boyle kann schreiben, fürwahr! Was ein Feuerwerk an Handlung, an Ereignissen, an Skurrilem auch. Und immer noch geht es weiter, mag der Held auch noch so tief in der Sch**sse stecken, Boyle weist ihm einen Ausweg – noch tiefer hinein. Und Hiro nimmt den Ausweg, was soll er auch machen? Die Hoffnung stirbt zuletzt…. Es ist farbig, anschaulich, beklemmend, juckreizerweckend wenn Boyle den Sumpf beschreibt: Alles west vor sich hin, alles brodelt, zerfällt, zerfließt. Hier existiert alles nur, um das Elend des Daseins zu unterstreichen. Was hier kreucht und fleucht, frisst sich gegenseitig, scheisst und pisst auf den Bäumen, im Schleim und im Schlamm und auf den schwimmenden Torfrasen, sie triefen vor Sperma und vergraben ihre Eier, sie kratzen und beschnüffeln sich, sie stinken und kreischen und jaulen in jeder Minute an jedem Tag ihres Lebens daß es überall von ihren Schreien wiederhallt wie in einem Höllenzoo. Der Kritikerin der ZEIT schien dies seinerzeit so perfekt formuliert und konstruiert, daß sie vor ihrer eigenen Courage, das toll zu finden, Angst bekam und befürchtete, hier könne Schein mit Sein verwechselt werden, Effekt mit Inhalt, Literatur mit Werbegrafik [6]….

…sei es drum, auch Sichterman relativiert ihre Skepsis ja gleich wieder: Boyle ist einfach ein gnadenlos guter Erzähler und da man weiß, daß er kein Liebhaber des Happy-Ends ist, kommt man auch garnicht erst auf falsche Gedanken bei so einer Menschenjagd….

Links und Anmerkungen:

[1] Deutschsprachige Webseite von Boyle: http://www.tc-boyle.de
[2] –
[3] siehe zum Beispiel: Okefenokee National Wildlife Refuge: http://www.fws.gov/refuge/okefenokee/
[4] zu Herkunft und Bedeutung des Namens siehe hier:  https://en.wikipedia.org/wiki/Thanatopsis
[5] Wiki-Seite zu Yamamoto Jōchō:  https://de.wikipedia.org/wiki/Yamamoto_Tsunetomo bzw.
dem Hagakurehttps://de.wikipedia.org/wiki/Hagakure
oder http://wiki.samurai-archives.com/index.php?title=Jocho
[6] Barbara Sichtermann: Samurai im Zombie-Zirkus, in: http://www.zeit.de/1992/41/samurai-im-zombie-zirkus/komplettansicht

Mehr von Boyle hier im Blog:

Grün ist die Hoffnung
Talk Talk
Tod durch Ertrinken
Wassermusik
Zähne und Klauen
Hart auf Hart

Die Zitate [grün] sind grammatikalisch zum Teil dem Textfluss angepasst.

T.C. Boyle
Der Samurai von Savannah
aus dem Amerikanischen von Werner Richter
Originalausgabe: East is East, NY, 1990
diese Ausgabe: dtv Jubiläumsedition 2011, Softcover, ca. 465 S., 2011

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T.C.Boyles neuer Roman Hart auf Hart geht, so wie er im Interview mit der ZEIT [3] erklärt, auf einen realen Fall zurück, der sich 2011 in Fort Bragg (Kalifornien) abgespielt hat [2]. Dort wurde nach wochenlanger Jagd der 35-jährige Aaron Bassler, der zuvor mehrere Männer getötet hatte, in den dichten Wäldern Nordkaliforniens selbst erschossen.

Aaron wird in Boyles Roman zu Adam, dem 25jährigen, spätgeborenen Sohn von Sten und Coralee. Diese beiden sind auch die ersten Personen, die uns der Roman vorstellt. Sten, mittlerweile siebzig Jahre alt und als Schuldirektor pensioniert, macht mit seiner Frau eine Kreuzfahrt, sie befinden sich auf einem Ausflug in das Innere des Landes, sie sind in Costa Rica. Es ist ein anstrengender Trip in eine schwüle, heiße Natur über schlechte Wege in einem katastrophalen Bus – und am Ziel ihrer Fahrt angekommen, werden sie auch noch überfallen. Damit ist bei Sten, dem ehemaligen ausgezeichneten Vietnamkämpfer, eine Grenze erreicht: er erinnert sich an das, was er damals gelernt hat und setzt es um. Und noch ein weiteres Mal bietet sich ihm die Gelegenheit, seinen Frust, seinen Hass abzureagieren: ohne mit der Wimper zu zucken, identifiziert er später einen Verdächtigen, obwohl er weiß, daß dieser nicht am Überfall beteiligt war.

Dieses Intro ist eine eigene kleine Geschichte, in sich abgeschlossen, sie schlägt nur insofern auch in die große Handlung über, als daß Sten eine kleine Berühmtheit in der Heimat geworden ist, dem jeder auf die Schulter klopft, der ungefragt in den Bars die Drinks ausgegeben bekommt. Nicht, daß er das unbedingt braucht, es zerstört ihm letztlich den Frieden, den die Anonymität geben kann, aber verdient hat er es ja eigentlich, oder?

In Sara ist die Wut, die in Sten gut verpackt und weitestgehend unter Kontrolle ist, deutlich stärker spürbar. Sie hat keinen Vertrag mit dem Staat Kalifornien und wenn der Scheissbulle sie anhält und auffordert, ihm ihre Fahrzeugpapiere zu geben, nur weil sie sich als freie Bürgerin während der Fahrt nicht angeschnallt hat – wozu sie verdammt noch mal doch wohl das Recht hat – dann sagt sie ihm das und sie gibt ihm keine Papiere und sie wehrt sich und ihr Hund hilft ihr und beisst zu. Auf diese Art macht sie ihr Bekanntschaft mit den Repressionsmethoden dieses Unterdrückerstaates mit seiner illegitimen Regierung: sie landet im Gefängnis, der Hund im Tierheim. Und wie soll sie jetzt arbeiten, ihren Auftraggeber informieren und was wird aus ihrem Hund, der noch nie von ihr getrennt war und wie kommt sie wieder an ihr Auto?

Wütet Sara auch gegen die Anmaßungen des Staates an seine Bürger, so ist sie immerhin so weit in der Gesellschaft verankert, daß sie (als Hufschmiedin) arbeitet, eine normale Wohnung hat, in der sie gerne und wohl auch ganz gut kocht, viel mit Gemüse, weil es gesünder ist. Sie hat eine beste Freundin, mit der sie Freitags durch die Bars zieht, ein paar Drinks nimmt und sich die Männer dort anschaut, von denen im Grunde keiner des Anschauens wert ist…

Mit Adam erreicht die innere Flucht in Fantasiewelten, die Absonderung, der Fundamentalismus der Figuren des Romans seinen Kulminationspunkt. Sara gabelt den jungen Mann an der Straße auf, im Tarnanzug steht er dort und steigt in ihren Wagen, hockt sich bewegungslos und stumm auf ihren Beifahrersitz. Erst als ein Polizeiwagen entgegenkommt, erwacht er zum Leben und geifert dem Wagen lautstarke Beschimpfungen nach….

Aber irgendwas hat dieser junge Mann mit dem kahlen Schädel, dem muskulösen Körper, mit der gleichen Wut auf den Staat wie sie, irgendwas, was Sara anzieht… und auch Adam, der sich ihr als Colter vorstellt, spürt, daß diese Frau ihn nachts nicht vor die Tür weisen wird…

Ich will die Handlung, die abgesehen von Einzelheiten absehbar ist (und durch den realen Hintergrund auch bekannt), hier nicht weiter erzählen. Boyle ist nicht der Typ, der sich in weitschweifigen Auslassungen, Rückblenden oder einer Ursachenforschung verliert, er hat eine Geschichte zu erzählen und das macht er ohne Umstände. Er konzentriert sich dabei auf seine drei Protagonisten, die ich kurz vorgestellt habe und schildert deren Erlebnisse und Eindrücke aus der jeweiliger Perspektive. So kristallisiert sich langsam das Bild eines anderen Amerika heraus, eines Amerika, dessen Bürger sich verfolgt fühlen durch Fremde, die sich eingeschränkt und geknebelt sehen durch Gesetze und Verordnugnen, die ihre Rechte von einer illegitimen Regierung, die sie nicht anerkennen, in den Schmutz getreten sehen.

Diese Grundeinstellung äußert sich bei Boyles Protagonisten in unterschiedlich stark ausgeprägter Art und Weise. Sten zum Beispiel gehört einer Bürgerinitiative an, die die Wälder retten wollen, in denen die mexikanischen Drogenkartelle immer öfter Plantagen anlegen: was im Land produziert wird an Drogen, muss schließlich nicht mit  hohem Risiko geschmuggelt werden. Hier treffen sich die Ideen eines Naturschutzes mit denen der Fremdenfreindlichkeit, die sich nicht daran orientiert, ob etwas „verbrochen“ worden ist, nein, das „Fremder sein“ an sich ist schuld: kaufen Mexikaner in Supermarkt ein und laden das in ihren Pick-Up, so sind die Sachen sicher für ihre Plantage gedacht…. Noch sieht Sten, der Vater, diese Bürgerbewegung als Initiative und nicht als Bürgerwehr, aber sein jähzorniges Temperament ist nur allzu leicht bereit, selbst über diese Grenze zu springen.

Auch Sara ist noch auf der eher passiven Seite der Verweigerung. Solange man sie in Frieden läßt, lebt sie ein unauffälliges Leben, aber das ist ein Kartenhaus, das zusammenbricht, sobald eine Karte darin angestoßen wird und genau das geschah in dem Moment, in dem sie rechts ran gewunken wurde. Vielleicht verliebt sie sich deshalb in dieses etwas seltsamen, muskulösen jungen Mann, vielleicht bewundert und geniesst sie nicht nur seine physische Stärke (und ihre Überlegenheit über seine Unerfahrenheit…), sondern bewundert auch die Konsequenz, mit der er seinen Hass in die Tat umsetzt. Eine gespaltene Bewunderung, denn gleichzeitig macht es ihr Angst, ihn nur mit seinem Gewehr zu sehen, seine Gewaltausbrüche schrecken sie, sein oft tagelanges Verschwinden im Wald bleibt ihr rätselhaft.

So rätselhaft war dieses Verschwinden im Wald aber gar nicht. Adam hat dort seine eigenen Plantagen, in denen er Mohn anbaut, das er verkaufen will, das er aber auch selbst verbraucht, diese kleinen, braunen Kügelchen sind sein ganzer Schatz. Ein mühsames Geschäft ist das Anlegen solcher geheimen Anpflanzungen, Bäume müssen gefällt werden, die Beete müssen versteckt werden vor den Behörden, sie brauchen Hege und Pflege und sind den Unbillen der Natur ausgeliefert. Dies ist die Welt von Adam geworden, der Wald, die Natur… hier eifert er seinem großen Vorbild nach, John Colter, einem amerikanischen Mythos, einen Waldläufer und Pfadfinder des späten 18. Jhdts [4], von dessen Geschichte uns Boyle in seinem Roman – als eingebundene Nebenhandlung, als Tummelplatz Adam´scher Fantasievorstellungen – einen großen Teil erzählt. Wie Colter werden bis hin zum „Colter sein“, das ist der Traum Adams, wie Colter gegen die Blackfeet kämpfen und gewinnen, ihnen überlegen sein, den Verfolgern entkommen im mythenumkränzten Lauf: dafür trainiert er im Wald, dafür schult er seine Fähigkeiten, stählt er seine Muskeln, deswegen benutzt er nicht die Tür, sondern springt und klettert über die Mauer in „sein“ Haus… es ist der einzige Punkt, in dem sich Vater und Sohn insgeheim nahe sind: bei aller Ablehnung, Verurteilung und Verzweifelung dessen, was sein Sohn macht, verspürt Sten insgeheim einen Anflug von Stolz auf seine Fähigkeiten, immerhin narrt er ein Großaufgebot an Polizisten über viele Wochen hinweg. Und auch Adam „anerkennt“ bei aller Verachtung für seinen Vater die in seinem eigenen Wertesystem hoch eingestufte (sie richtete sich schließlich gegen „Chinesen“) Aktion Stens bei dem Überfall in Costa Rica.

In Adam ist der Fremenhass, der Hass auf (fast) alles, was nicht Adam ist, nicht mehr steigerbar: ihm sind alle Menschen „Chinesen“ oder Aliens. In seiner drogenumwaberten Gedankenwelt gilt es diese zu bekämpfen, zu vertreiben – ja, zu töten, wenn es sein muss…. Noch ist er nicht Colter, er ist nicht perfekt, hat seine Schwächen, diese Nässe, die ihm Sara bietet, zum Beispiel verführt und lockt ihn immer wieder zurück, auch im Wald ist er manchmal unvorsichtig, aber letztlich ist er so gewieft, daß er sogar die Hunde abschütteln kann, die sie ihm nachjagen… für seine Verfolger hat er nur Verachtung übrig, die Polizisten und Spezialeinheiten sind ihm fettgefressene Chinesen, die nur Videospiele kennen…. er ist Colter, er ist der Waldläufer, er ist es, der den Hunger, die Kälte, die Einsamkeit erträgt …

Boyle erzählt uns diese Geschichte, Erklärungen gibt er nicht. Woher zum Beispiel kommt dieser extreme Freiheitsbegriff Saras her, der letztlich – wenn ihm alle anhingen – jede Gesellschaft zerstören würde, denn die Grenze jeder Freiheit, dort nämlich, wo sie die Freiheit des anderen einengt, verletzt oder zerstört – selbst diese Grenze wird nicht akzeptiert. Ist es der Überdruss an der durchregulierten Gesellschaft, in der wir leben? Sind es die Mythen der Vergangenheit, die verklärt und lebendig gehalten werden, ist es die radikale Ablehnung aller Ideen, die von außen kommen? Boyle erfindet diese Einstellung vieler Amerikaner ja nicht, die „Tea Party“ ist ja sozusagen deren legaler, mächtiger Arm in der amerikanischen Politik, der z.B. die für europäische Ohren so absurde Ablehnung einer allgemeinen Krankenversicherung torpediert. Boyle formuliert es in seinem Interview [3] folgendermaßen: Die Rechten in den USA wollen nicht geimpft werden, weil es ihre Freiheit beschneidet, nicht geimpft sein zu können. Eine absurde Logik, die sich selbst in den Schwanz beisst und nur der Negation dient.

In ihrer extremsten Form, wenn zu der reinen Ablehnung noch psychische Probleme eines Menschen kommen, können Menschen wie Adam resultieren, die sich mental in eine Parallelwelt begeben haben, die das Gefühl haben, permanent angegriffen und attackiert zu werden und sich verteidigen zu müssen. Dazu kommt und das resultiert in einer allgemeinen Verachtung für eine verweichlichte Gesellschaft, die keine Werte mehr kennt….

Boyle widmet sich in Hart auf Hart nicht dem Mainstream der amerikanischen Gesellschaft, sondern den Rändern, dort, wo klar wird, wie groß die Bandbreite menschlicher Verhaltensweisen und Einstellungen sein kann. Als Autor bleibt er sich damit treu, diese Aussenseiter selbst zu Wort kommen zu lassen, sie nicht aus der Warte der anderen zu schildern, sondern zu versuchen, ihrem kruden Gedankengängen selbst nachzugehen. Dazu kommt die schnelle, kaum Pausen kennende Formulierungskunst Boyles, die einen starken Sog beim Lesen entwickelt: das alles summiert sich zu einem interessanten und unterhaltsamen Roman, dessen gesellschaftliche Relevanz nicht zu unterschätzen ist.

Links und Anmerkungen:

[1] deutsche Website von T.C.Boyle: http://www.tc-boyle.de
[2] Lori Preuitt: Aaron Bassler Shot Killed Near Fort Bragg; in: http://www.nbcbayarea.com/news/local/Aaron-Bassler-Shot-Killed-Near-Fort-Bragg-Report-130915168.html
[3] David Hugendick (Interviewer): „Wie viel Mist haben wir heute!“, in: http://www.zeit.de/kultur/literatur/2015-02/tc-boyle-interview-roman-natur
[4] Wiki-Beitrag über John Colter: http://de.wikipedia.org/wiki/John_Colter

Weitere Bücher von Boyle auf aus.gelesen:

– Grün ist die Hoffnung
– Talk Talk
– Tod durch Ertrinken
– Wassermusik
– Zähne und Klauen

T.C. Boyle
Hart auf Hart
Übersetzt aus dem Englischen von Dirk van Gunsteren
Originalausgabe: The Harder They come, NY, 2015
diese Ausgabe: Hanser, 400 S., 2015

Ich danke dem Verlag für die Zusendung eines Leseexemplars

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Yepp, ein Buch der „Les-ich-in-einem-Rutsch-durch“-Klasse: gut geschrieben, spannend, intelligent, schräg, voller Humor und vieler Fremdwörter…..

Die Story ist recht einfach: der Ich-Erzähler, Felix, wird von seinem alten Kumpel Vogelsang gefragt, ob er eine halbe Million Dollar verdienen will. Klar, will er. Doch vor den Preis haben die Götter den Fleiß gesetzt, denn um an das Geld heranzukommen, muss er (zusammen mit noch zwei Freunden) in den Bergen Nordkaliforniens eine (natürlich illegale) Marihuana-Plantage anlegen. Fünfter im Bund ist der „Experte“, nämlich der Biologe Dowst, der die notwendig Anzucht der Setzlinge übernimmt und dann alle paar Tage vorbeikommen will, um nach dem Rechten zu sehen. Vogelsang selbst hält sich als Investor weitgehend im Hintergrund, so daß die Arbeit selbst bei Felix, Phil und Gesh verbleibt. Von den anderen schrägen Typen, die in dem Buch noch auftreten, ganz zu schweigen.

Das ganze Projekt ist – wie nicht anders zu erwarten – eine angewandte Übung in McMurphy: Was schief gehen kann, geht schief. Bis hin zu der Tatsache, daß sich Gesh zur Abreaktion aufgestauter libidonöser Bedürfnisse ohne es zu erkennen in eine Transsexuellenbar verirrt … („Er ist nur ganz klein, 2 cm“ was ihn dann aber auch nicht beruhigt…..). Was ist ansonsten los? Nun, Ärger mit der Polizei, mit den Nachbarn, dem Wetter, Lagerkoller und Bären, Ratten und .. ach, alles mögliche. Und der zu erwartende Gewinn aus der Aktion schrumpft von Tag zu Tag….

Trotzdem geben die drei nicht auf, im Lauf der Zeit wird die Pflanzung eine Aktion, die sie um ihrer selbst willen durchführen, als Art Übung in Selbstdisziplin, eben nicht hinzuschmeissen, sondern durchzuhalten. Und genau das schaffen sie auch, sie ziehen alles bis zum bitteren Ende durch und Felix fährt zum Schluss wie weiland der Held nach gewonnener Schlacht mit seinem alten Toyota ohne Gewinn, aber gereift zu der Frau seines Herzens, denn auch die tritt in der Geschichte auf und in Felixs Leben ein. Hach, wie romantisch….

Facit: Wie eingangs schon geschrieben: einfach ein gutes, unterhaltsames Buch, das sich fast wie von selbst liest. Boyle findet wieder mal tolle Bilder, die mich eingefangen haben. An manchen Stellen meint man förmlich, zusammen mit den Felix, Phil oder Gesh die schlammigen Abhänge hinunter zu rutschen und unten dann im Stacheldraht hängen zu bleiben…. Und dieses Tempo hält Boyle über die gesamte Zeit durch, mit einem Wort: ein klasse Buch!

Mehr von T.C. Boyle hier im Blog:

Talk Talk
– Tod durch Ertrinken
– Wassermusik
Zähne und Klauen
Hart auf Hart
Der Samurai von Savannah

T.C. Boyle
Grün ist die Hoffnung
dtv, Februar 2005, 441 S.
ISBN-10: 3423207744
ISBN-13: 978-3423207744

T.C.Boyle: Wassermusik

17. August 2008

Park, Mungo, Afrikareisender, geb 10.Sept. 1771 zu Fowlshields bei Selkirk (Schottland), studierte in Edingburg Medizin, fungierte hierauf als Wundarzt in London und zu Benkulen auf Sumatra und erhielt 1795 von der Afrikanischen Gesellschaft in London den Auftrag zu einer Reise ins Innere von Afrika. P. ging den Gambia aufwärts bis Pisania, der letzten Niederlassung der Engländer und durchwanderte von hieraus die Reiche Mullö, Bondu, Kädschaga, Kasson, Kaarta und Ludamar. Anfang März 1796 geriet er in die Gefangenschaft des maurischen Königs Ali, entkam jedoch und gelangte unter den größten Gefahren und Strapazen im Juli endlich wieder an den Niger. Diesen abwärts verfolgend erreichte er 16. September Kamilia im Königreich Manding, wo er 7 Monate lang krank lag. Hier schloss er sich einem Sklaventransport nach der Faktorei Pisania an, von wo er im Dezember 1797 nach England zurückkehrte. (Park, S. 733)

Noch einmal drang er von da, aufs reichlichste ausgerüstet, durch unwegsames Gebirgsland zum Niger vor; von aber 43 Begleitern brachte er nur 8 krank und entkräftet an den Strom. Auf einem Boot, welches er selbst gebaut, trat er die verhängnisvolle Stromfahrt 19. August 1805 an. Nach vergeblichen Versuchen, sich mit den Anwohnern friedlich zu verständigen, begannen die Angriffe der Tuareg von Kabara unterhalb Timbuktu. Zuletzt allein im heldenmütigen Widerstand, fuhr Mungo Park den Strom hinab, um nahe dem Ziel bei Bussa ein ruhmvolles, doch nutzloses Ende zu finden. (Afrika, S. 173)

zitiert nach: Meyers Konversationslexikon, 4. Auflage, Leizpig 1890
(würde mich natürlich interessieren, wie ohne Überlebenden Kunde von den Ereignissen in die Chroniken gekommen ist….)

Ein umfangreiches Werk, das Boyle hier geschrieben hat, im Grunde hätte es Material genug gegeben für zwei Bücher, beinhaltet es doch zwei Handlungsstränge, die er erst sehr spät zu einem verknüpft. Die erste, titelgebende Story erzählt die Geschichte von Mungo Park, dem schottischen Entdeckungsreisenden, der sich um die Jahrhundertwende vom 18. ins 19. Jahrhundert ins Innere von Afrika vorwagt, um den sagenhaften Niger zu finden. Dieser Fluss hat sich den europäischen Forschern und Entdeckern lange Zeit entzogen, denn er entspringt zwar nur wenige Hundert Kilometer von der afrikanischen Westküste entfernt, fließt dann aber im wesentlich in östliche Richtung ins Innere des Kontinents. Höchst erschwerend kam dazu, daß die afrikanisch Ostküste den Beinamen „Fieberküste“ nicht umsonst trug, -zig tropische Krankheiten grassierten dort und rafften die nicht daran gewöhnten Europäer scharenweise dahin. Wer dem entkam hatte dann gute Chancen, von den meist nicht freundlich gesinnten Einheimischen massakriert zu werden, denn ausser einer gewissen Abneigung Fremden gegenüber war insbesondere die Tatsache, daß Europäer gemeinhin Christen waren, vielen der islamischen Stämme ein Dorn im Auge. Und auch die lächerlich wirkende weiße Hautfarbe verschaffte normalerweise keinen Respekt im Auge des kritischen Gastgebers. So ist es nicht verwunderlich, daß bis Park alle Expeditionen, die zum Niger geschickt wurden, mit dem Tod der Entdeckungsreisenden endeten, mithin als gescheitert anzusehen waren. Und auch Mungo Parks Reise war alles andere als ein Erholungsurlaub. Die meiste Zeit war er mehr tot als lebendig, verbrachte die Zeit in Gefangenschaft oder auf der Flucht. Und zu diesem Zeitpunkt, Park ist Gefangener des Ludamarischen Herrschers Ali, setzt Boyle mit seiner Geschichte ein.

Es ist eine farbenprächtige Geschichte voller Abenteuer, schillernder Figuren und haarsträubender Erlebnisse. Boyle versteht es, den Leser in die Welt, die er schildert, hineinzuziehen, er schreibt spannend und anschaulich, bildgewaltig. Schnackselnde Schnaken gibt es bei ihm genauso wie die Farbe „Ecru„, von der ich bis dato noch nie etwas gehört hatte. Seinen Helden Park läßt er als naiven, man könnte auch sagen, leicht trotteligen Abenteurer durch Afrika reisen, der ohne seinen „Diener“, der ihn vor den schlimmsten Fehlgriffen bewahren kann, aufgeschmissen wäre. Dieser Diener, Johnson, ist eine der vielen Figuren, denen Boyle ein von Abenteuern und Zufällen geprägtes Leben verleiht. Von all den anderen muss vor allem die spätere Frau Parks erwähnt werden, Ailie nämlich sitzt zu Hause in Schottland und wartet auf ihren Mungo, unbeirrbar. Nur die Zeit zwischen den beiden Expeditionen gehören ihnen beiden zusammen, aber selbst in dieser Zeit ist Park in Gedanken meist in Afrika. So wird Ailie zur tragischen Gestalt in der Geschichte Parks, die ihr Leben, welches aufgrund ihrer Intelligenz und ihrer Persönlichkeit ganz anders hätte gestalten können, an Park verschenkt, der sie letztlich aber mit seinen afrikanischen Träumen verrät.

Was in diesen Zeiten gemacht wird sind keine Expeditionen im heutigen Sinne. Es sind Abenteuerreisen von Träumern, die sich durch nichts und niemanden abschrecken lassen (vgl. auch das Kehlmann-Buch über Humboldt in Südamerika, obwohl Park mit Humboldt als Person überhaupt nicht zu vergleichen ist), die in der sicheren Gewissheit leben, die primitiven Länder, die sie besuchen, mit ihrem Besuch zu ehren und ihnen die Zivilisation zu bringen (eine ähnliche Arroganz ist aber auch in die andere Richtung festzustellen). Die Leidensfähigkeit der Abenteuerreisenden ist bemerkenswert und die Fähigkeit des Körpers, alle möglichen Unbillen zu ertragen, kaum zu glauben. Die meiste Zeit auf der Flucht, in Gefangenschaft oder auf dem Krankenlager, der Habseligkeiten beraubt ist allein das „Dagewesensein“ und das „Zurückkommen“ schon das Erfolgskriterium solcher Reisen schlechthin. Insofern muss man die zweite Reise von Park dann als Misserfolg werten, die endgültige Erforschung des Nigers liess noch einige Zeit auf sich warten.

Der zweite Erzählstrang hat mit Ned Rise einen Menschen zur Hauptperson, der buchstäblich in der Gosse geboren und grossgezogen wurde. Daß zu den Erziehungsmethoden das Abhacken der Fingerspitzen gehörte, mag einen Eindruck davon vermitteln, unter welchen Verhältnissen Rise aufwuchs. Nur in einer kurzen Periode seines Lebens genoss er Fürsorge und Erziehung, leider jedoch verstarb sein „Mentor“ bei einem Duell, ein erster Zusammenhang zwischen Park und Rise, den Boyle hier knüpft. Rise ist intelligent, reaktionsschnell und, notgedrungen, skrupellos. Er entwickelt Geschäftsideen und sieht Marktlücken, ob es nun in Hinterzimmern Pornoshows für Honoratioren sind, den Verkauf gefälschten Kaviars oder das Verhökern frisch geklauter Leichen an Anatomen. Doch immer gilt die „Rise-Regel“: wenn es gut läuft, fällt man um so tiefer. Folgerichtig springt Rise dem Tod mehrfach von der Schippe, so knapp, daß es knapper kaum noch geht.

Auch im Rise´schen Umfeld gibt es eine Reihe von Personen und Schicksalen, die Boyle wieder – entsprechend wie bei Park – farbenprächtig, anschaulich und fesselnd darstellt. Parks Ehefrau Ailie entspricht bei Rise das Hausmädchen Fanny, die sich unsterblich ineinander verlieben. Fanny nimmt große Entbehrungen auf sich, um ihrem Ned aus der Gefahr zu helfen, allein, es nutzt wenig, beide verlieren sich aus den Augen und Fanny geht an ihrem traurigen Schicksal zugrunde.

Im Grunde wäre Rise der viel geeignetere für die Park´schen Entdeckungsreisen: mehr Übersicht, mehr Realitätssinn, weniger Träume und Fantasien, aber leider ist er nicht in diese Gelegenheit hineingeboren worden. Beide Figuren läßt Boyle auf der zweiten Park´schen Reise zusammentreffen, Rise macht diese Reise mit, um nach der Rückkehr begnadigt zu werden, es erweist sich schnell, daß er für das Fortkommen der Expedition mit zu den wichtigsten Teilnehmern gehört.

Facit: Wie schon angedeutet: ein spannendes, sehr gut lesbares, kurzweiliges Buch, das man eigentlich zu keinem Zeitpunkt aus der Hand legen will.

T.C.Boyle
Wassermusik
Rowohlt 2008
ISBN-10: 3499247380
ISBN-13: 978-3499247385

T.C. Boyle: Talk Talk

9. Juli 2008

Bislang kannte ich von Boyle ja nur zwei Bände mit Kurzgeschichten, die mir zum Teil sehr gut, zum Teil auch etwas weniger sehr gut gefallen hatten. Immer jedoch waren die Stories ausgefallen, skurril und fielen aus dem Rahmen des Üblichen (was mir immer gefällt), so daß ich auf diesen Roman von ihm doch gespannt war.

Die Handlung ist recht einfach: Dana Halter, eine gehörlose junge Frau, wird nach dem Überfahren eines Stopschildes von der Polizei angehalten und nach der Personenkontrolle ins Gefängnis gebracht. Dort kommt heraus, daß unter ihrem Namen eine Vielzahl von Vergehen und Verbrechen begangen worden sind. Der polizeiliche Irrtum klärt sich auf, aber die in ihrem Stolz und Selbstbewusstsein tief gekränkte Dana begibt sich zusammen mit ihrem Freund Bridger, einem Spieleentwickler, auf die Suche nach dem „Dieb“ ihrer Identität. Nach den ersten zwei Teilen läuft der Rest des Buches auf das Zusammentreffen der Gegner hinaus. Mehr will ich vom Inhalt jetzt aber nicht verraten.

Gottseidank widersteht Boyle der Versuchung, die Aufklärung der Personenverwechselung im Gefängnis länger hinauszuschieben. So sitzt Dana von Freitag bis Montag ein, unter Alkoholikerinnen und Prostituierten, die sie nicht versteht und gegen die sie sich nicht wehren kann. Diese wenigen Tage reichen aber völlig, um sie zutiefst zu demütigen, ihr ihre Würde zu nehmen und sie hasserfüllt in die Welt zurück zu schicken.

Boyle läßt des öfteren den Zufall spielen, wenn er seine Geschichte fortsetzen will, einiges ist für mich schlicht und einfach etwas arg weit hergeholt: der notorische Identitätsräuber will ausgerechnet an den Ort zurück, an dem er vor seiner Karriere lebte (und wo er im Grunde sicher damit rechnen muss, früher oder später erkannt zu werden). Auch das Dana und Bridger nie ernsthaft erwägen, die Polizei einzuschalten, obwohl sie wissen, wie gefährlich ihr Feind ist, ist meiner Meinung nach nicht besonders glaubhaft. Stattdessen verfolgen sie ihn über mehrere Wochen durch die gesamte USA.

Von den dargestellten Personen zeichnet Boyle den „Dieb“ William Peck am plastischsten, seine beiden Verfolger sind deutlich weniger strukturiert. Warum Boyle mit Dana eine Gehörlose schildert, ist mir nicht klar, zum Gang der Handlung trägt die Taubheit Danas nichts bei und die Darstellung der Schwierigkeiten Gehörloser in der Öffentlichkeit beschränken sich im Grunde auf die Schilderung der zurückschreckenden Reaktion der Mitmenschen: „Huch, was ist denn mit der los, die ist ja komisch“. Vielleicht war es sogar eher sein Anliegen, zu zeigen, daß Dana selbst ihr Leben als Gehörlose annimmt und diese Taubheit nicht als Behinderung oder Verlust sieht.

So plätschert der Roman dahin, unterbrochen von einzelnen Episoden, an denen sich die beiden Parteien mal (räumlich) nahe kommen, bis dann gegen Schluss der lang erwartete Show-Down stattfindet, der nur Verlierer zurückläßt. Am stärksten, um das auch zu sagen, fand ich persönlich den ersten Teil, der die Verhaftung Danas und ihre Zeit im Gefängnis schildert. Aber das ist ja nun auch bezeichnenderweise eine Konstellation, die gut in einer seiner Kurzgeschichten gepasst hätte…

Facit: Diesem Buch Boyles fehlen die skurrilen Einfälle, die seine Kurzgeschichten so lesenwert machen. So ist es ein „normaler“ Roman (Krimi), nicht besser oder schlechter als viele andere, die zwischen Buchdeckel gepresst sind. Ein schnell zu lesendes Sommerbuch…..

T.C. Boyle
Talk Talk
dtv 2008
ISBN-10: 3423210605
ISBN-13: 978-3423210607

Zur Information über das Rechtsproblem „Identitätsdiebstahl“ in Deutschland ist hier ein interessanter Link:

http://dip21.bundestag.de/dip21/btd/16/091/1609160.pdf

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