Anthony McCartens funny girl erschien 2014 in deutscher Übersetzung, interessanterweise habe ich keine englische Ausgabe gefunden, auch bei z.B. goodreads wird nur auf den bei Diogenes erschienen, übersetzten Roman verwiesen [3]. Falls es tatsächlich keine englischsprachige Ausgabe gibt, hat dies möglicherweise (aber das ist natürlich nur eine Vermutung meinerseits) damit zu tun, daß die Hoffung des Autoren, jeder würde das Buch als Aufruf zur Toleranz und ‚Brücke zwischen den Kulturen‘ verstehen, dann doch nicht so gesichert ist [4]. Sei es drum, vielleicht gibt es ja auch verlagsinterne Gründe für diese zumindest ungewöhnliche Publikationsgeschichte.


Bei funny girl (nicht zu verwechseln mit der 1964 mit gleichen Titel publizierten Geschichte (?) etc pp. einer gewissen Isobel Lennart; sogar der große online-Händler ist hier ins Schleudern geraten [5]) handelt es sich um die Geschichte des Emanzipationsprozesses einer jungen Britin, deren Eltern aus dem kurdischen Teil der Türkei geflohen und nach England emigriert sind.

Die Familie Gervas wohnt in Green Lanes [6], einer Gegend im Norden Londons, in der sich viele kurdische bzw. türkische Emigranten angesiedelt haben, so daß diese hier im Großen und Ganzen ihr Leben noch nach den Traditionen ihrer Herkunftsorte gestalten können. Zwar haben sie sich durchaus eingerichtet im neuen Land, die Gervas sprechen sogar mittlerweile in der Familie im Alltag die Sprache des neuen Landes, wenngleich sie in Krisensituationen wieder in die uralte Sprache ihre Heimat mit all den Gesten und Mimiken ‚zurück’fallen. Der sowieso schon immer potentiell schwelende Konflikt zwischen den Generationen wird in diesen Familien durch den Zusammenprall der Kulturen in seiner Härte noch potentiert. Die erste Generation, der die Titelheldin Azime angehört, ist zwischen den zwei Kulturen wie zwischen zwei Mahlsteinen eingeklemmt, denn deren konstituierenden Merkmale sind kaum miteinander zu vereinbaren.

Diesen existentiellen Konflikt bekommt Azime zu spüren. Sie, die zwanzigjährige Britin, liebt das Leben, sie lacht gerne so wie sie gleichfalls die Begabung hat, sich Witze zu merken und sie zu erzählen. Sie kann ihre beste Freundin Buna damit aus deren Trübsal über ihr Schicksal, das dem Azimes entgegengestellt wird und ihr den Horror vermittelt, den ein tradionelles Leben potentiell für sie als Frau bereit hielte, herauskatapultieren und ins Lachen bringen. In der elterlichen Wohung dagegen darf sie der kleine Bruder mit seinen sechzehn Jahren ungestraft, mit Billigung des Vaters, ohrfeigen, er wird sie bald im Auftrag des Vaters aus Lokalen zerren, in denen sie sich mit einem jungen Männern getroffen hat: die traditionelle Rollenverteilung des ländlichen Kurdistan lebt in der Wohnung weiter. Azime unterliegt zuhause in solchen Fällen der Standardstrafe der Mutter für ungebührliches Verhalten (x Tage Zimmerarrest). Ferner muss sie im schlecht laufenden Möbelgeschäft des Vaters arbeiten, diese ungeliebte Beschäftigung bietet ihr andererseits Muße für ihre Träume.

Da Azime aber niemand ist, der sich das alles gefallen läßt (so hat sie sich seinerzeit nach dem Probemonat beispielsweise geweigert, weiterhin ein Kopftuch zu tragen) kommt es regelmäßig zu Auseinandersetzung, auch ist Azime zu Heimlichkeiten gezwungen und zu Lügen. Daß sie zum Beispiel Deniz kennt, diesen ungeheuer sympathischen Schlacks, durch den ihr Leben einen entscheidenden Kick bekommen sollte.

Deniz nämlich ist im eigenen Verständnis der so ziemlich weltbeste Stand-up Comedian, den man sich vorstellen kann. Daß dieses Verständnis ein Alleinstellungsmerkmal von Deniz ist, merkt Azime schnell, als sie ihn eines Abends heimlich in den Comedy-Kursus von Kristin begleitet….

Der weitere Ablauf der Handlung ist jetzt vorhersehbar: für Azime wird es eine reale Möglichkeit, als Comedian (die erste muslimische Stand-up Comedian der Welt) aufzutreten – und zwar in einer Burka, denn natürlich darf niemand erfahren, wer sie ist und was sie dort treibt…. nach anfänglichen Problemen (natürlich ist Azime schüchtern, hat Selbstzweifel, mangelndes Selbstbewusstein etc pp) kommen erste Erfolgserlebnisse und sie merkt, daß sie den Menschen etwas zu sagen hat und sie zum Lachen bringen kann…

Azime bekommt aber auch sofort die Schattenseiten zu spüren. Dank Deniz, der sich als ihr Manager geriert, erfährt die Presse ihren Namen und damit ist zuhause die Hölle los. Aber nicht nur zuhause brodelt es, auch bei Facebook schlägt ihr offene Feindschaft bis hin zu (Mord)Drohungen entgegen. Diese Drohungen sind keineswegs nur so dahingesagt, Azime und Deniz werden nach einem Auftritt sehr real attackiert.

Es gibt Zeiten des Zweifels, der immer währenden Angst – natürlich, wer könnte dies verdenken. Der Druck der Gemeinschaft ist groß, die Familie wird zusammengetrommelt und Azime steht ganz allein gegen alle, die sie, die Abtrünnige, zurückholen wollen in die althergebrachten Traditionen. Die steten Verheiratungsversuche der Mutter beispielsweise (die Azime jedoch sehr witzig zu lesen stets erfolgreich sabotiert) sind eine parallel laufende Nebenhandlung in der Geschichte.

So geht es eine ganze Zeit lang hin und her, bis es dann etwas ’süßlich‘ wird: der Vater (der die Tochter natürlich heiß und innig liebt) entdeckt deren versteckte Notizen und Einfälle und kann sich vor Lachen kaum noch halten, auch ist er in seiner Eitelkeit geschmeichelt, denn Azime hat viele seiner Sprüche für ihre Auftritte notiert. Azime andererseits hat bei dem Versuch, sich dann doch in die Gemeinschaft einzufügen, endgültig gemerkt, daß sie das nicht kann. Zudem bekommt sie das Angebot zu einem Auftritt, daß sie einfach nicht abschlagen kann… und unter den fünfzehntausend Zuhöreren ist schluss- und endlich auch ihre gesamte Familie. Ende gut, alles gut?


funny girl, das sei zu Anfang festgehalten, ist trotz des ernsten Themas ein sehr amüsant und gut zu lesender Roman, er ist Unterhaltung der besseren Art. Es gab einige Stellen, an denen ich laut aufgelacht habe, weil die Azime in den Mund gelegten Sprüche das einfach verlangten. Aber auch die Geschichte als solche ist natürlich wichtig.

Es ist der – jetzt hätte ich fast geschrieben: die ewig alte Geschichte vom – Zusammenprall der Kulturen am Beispiel des Lachens. Der Westen mit seiner auf individuelle Freiheit ausgelegten Kultur, in dem das Lachen, der Witz keineswegs verpönt ist, im Gegenteil, und dem Islam, für den das Lachen eine seichte Ablenkung ist vom wahren und gläubigen Leben (den vermeintlich schädlichen Einfluss des Lachens hat ja schon Umberto Ecos in seinem Roman Im Namen der Rose erfolgreich thematisierte).

Azime als Heldin der Geschichte ist sehr mutig. Sie nimmt die Position einer Aussenseiterin in Kauf, eines Menschen, der sich außerhalb der Gesellschaft stellt, in die er hineingeboren worden ist, in der er eingehüllt und getragen werden könnte. In der Geschichte werden ihr mehrere Personen gegenübergestellt, die genau dies machen: ihre jüngere Schwester Döndü, die allen verbalen Bekundungen zum Trotz letztlich das Kopftuch tragen wird, weil sie nur dadurch in der sie umgurrenden Gemeinschaft der Frauen bleiben kann, die Mutter Babite selbst natürlich, die die traditionellen Werte des verlassenen kurdischen Dorfes lebt und leben will, die beste Freundin Banu, die sich ihre unglückliche, von massiver häuslicher Gewalt geprägte Ehe schönredet… und dann war da noch dieses sechzehnjährige Mädchen, das ebenfalls wie Azime rebelliert, weil es in einen italienischen Jungen verliebt war, den sie nicht lieben durfte und das den Eltern den Gefallen tat, ihnen den Ehrenmord zu ersparen, indem es vom Balkon springt….

In einem zweiten Aspekt weist die Titelheldin ebenfalls großen persönlichen Mut auf, unterstützt und ermuntert durch ihren Freund Deniz: sie überwindet die Angst, die ihr durch Hass und Drohungen eingeflößt wird. Sie wird als Witze erzählende, in einer Burka öffentlich auftretende Muslima zur Hassperson per se, auf sie konzentriert sich die angesammelte Wut und Frustration all derer, die sich berufen fühlen, ihr radikales Verständnis von Religion und Kultur zu verteidigen – und das sind nicht wenige und sie sind nicht zimperlich.

McCarten läßt das Ende seiner Geschichte teilweise offen. Weiter vorne schrieb ich, daß es etwas ’süßlich‘ wird, damit meinte ich die letztendlich stattfindende Aussöhnung mit der Familie. Offen bleibt jedoch, wie sich der Hass, der sich in den sozialen Netzwerken, aber ebenso ganz konkret in Angriffen auf Azime persönlich, zeigt, weiter entwickelt.


McCarten greift in funny girl aktuelle gesellschaftliche Phänomene auf: die Zerrissenheit der ersten Generation zwischen den alten Traditionen des Herkunftslandes der Eltern und dem Land, in dem sie groß geworden und aufgewachsen sind. Dieser Zwiespalt äußert sich teilweise radikal mit Hass und Gewalt: anonym und enthemmt in sozialen Netzwerken, aber auch mit anonymen Briefen, mit ganz handfesten Angriffen auf Leib und Leben. Nicht umsonst läßt der Autor seine Geschichte vor dem Hintergrund der Serie von Terroranschlägen 2005 in London spielen.

Anthony McCarten ist in Neuseeland geboren, lebt aber in London. Muslim ist er erkennbar nicht (zumindest für mich), in funny girl schreibt er also über eine gesellschaftliche Gruppe, der er selbst nicht angehört. Natürlich klingt das, was er schreibt, plausibel und glaubhaft – es bedient schließlich alle Vorurteile, die man als Leser möglicherweise selbst hat und widerspricht auch nicht dem, was man gegebenenfalls tatsächlich gesehen oder gehört hat, entweder in persönlichen Erlebnissen oder durch z.B. Hasskommentare und -beiträge auf Facebook. Trotzdem habe ich mir beim Lesen immer mal wieder vor Augen gehalten, daß funny girl ein Roman ist, daß er mit einiger Sicherheit verdichtet, zuspitzt, akzentuiert und übertreibt: er ist kein Tatsachenbericht und man sollte ihn nicht dazu missbrauchen, eigene Vorurteile bestätigt zu sehen. Möglicherweise hat McCarten auch aus diesem Grund einen ’schlechten‘ Christen mit in seine Geschichte eingebaut.

funny girl ist trotz des ernsten Themas ein sehr witziger Roman, McCarten fügt immer wieder Passagen ein, in denen er das ‚Programm‘ von Azime (und anderen Comedians) wiedergibt. Nicht weniger köstlich sind die Szenen der angestrebten Verheiratungen Azimes durch die Mutter und schließlich die Treffen der Tochter mit den bedauernswerten Kandidaten. McCarten versteht es, zu formulieren, zu erzählen, zu unterhalten. Dialoge, Gespräche und Beschreibungen wechseln sich ab, mit der ‚Nebenfigur‘ Kirsten, die Leiterin des Comedykurses, hat er eine sehr lebenskluge Frau in die Handlung mit hereingebracht. Azime, die Heldin der Geschichte, wächst einem im Lauf der Handlung immer mehr ans Herz, so viel Angst, aber auch so viel Mut und so viel Witz…

… und wer dann noch eine Aufzählung von Oxymora zu schätzen weiß, der ist mit funny girl absolut richtig bedient.

Und? Hat jetzt jeder mitbekommen, wie gut mir das Buch gefallen hat, wie gern ich es gelesen haben? Nicht? Na ja, für euch sag ich´s noch deutlich: Well done, McCarten!

Links und Anmerkungen:

[1] die Autorenseite beim Verlag: http://www.diogenes.ch/leser/autoren/m/anthony-mccarten.html
[2] —
[3] vgl. Bibliographie bei goodreads:  http://www.goodreads.com/author/show/288213.Anthony_McCarten
[4] vgl. hier: http://www.3sat.de/page/?source=/kulturzeit/lesezeit/175223/index.html
[5] vgl. hier: https://www.amazon.com/funny-girl-Isobel-Lennart/dp/3257068921/ref=asap_bc?ie=UTF8
[6] die Gegend, in der der Roman spielt, wie sie bei Wiki beschrieben wird: https://en.wikipedia.org/wiki/Green_Lanes_(London)

Mehr von Anthony McCarten auf diesem Blog:

– Englischer Harem
– Hand aufs Herz
– Ganz normale Helden

Anthony McCarten
funny girl
Übersetzt aus dem Englischen von Manfred Allié und Gabriele Kempf-Allié
Originalausgabe: ? 
diese Ausgabe
: Diogenes, TB, ca. 370 S., 2014

Anthony McCartens neuer Roman „Ganz normale Helden“ führt die Geschichte der Familie Delpe aus London fort, deren vierzehnjähriger Sohn Donald in seinem Erstling „Superhero“ an Leukämie starb. Das vorliegende Buch ist daher ein Geschichte, die von der Trauer, den unterschiedlichen Arten der Menschen zu Trauern, erzählt, sie erzählt von der Liebe, die sich in solchen Extremsituationen zwischen zwei Menschen bewährt oder bei der sich zeigt, daß man sie vor langer Zeit, zu einem unbekannten Zeitpunkt, sukzessive gegen Routine ausgetauscht hat, ohne es merken zu wollen. Wir verfolgen mit McCarten das Leben dieser Familie Delpe, deren Lebensinhalt mit dem Tod des Zweitgeborenen implodiert zu sein scheint und dessen Trümmer jetzt unkontrollierbar davon stieben.

Die Delpes sind zu dritt, oder genauer, sie wohnen zu dritt unter einem Dach. Jim, der Vater, ist Anwalt, korrekt, intelligent, reserviert, beruflich erfolgreich. Er hofft, die schwierige familiäre Situation dadurch in den Griff zu bekommen, daß die Familie in ein kleines Häuschen auf dem Land umzieht, wo sie fernab des Lärms der Großstadt die heilenden Kräfte der Natur auf sich wirken lassen können [2]. Die Mutter Renata verzehrt sich dagegen in Sorgen um ihren Ältesten Jeff, der zwar noch zu Hause wohnt, sich dort aber nur noch selten sehen läßt. Den Tod ihres Donny kann sie nicht verwinden, Trost findet sie nur bei Gott, mit dem sie in einen online-Portal über ihre Sorgen chattet [1], zwischen ihr und ihrem Mann dagegen herrscht eine aggressive Sprach- und Verständnislosigkeit. Sie schlafen in getrennten Zimmern und treibt es ihren Mann alle Monate doch einmal in ihr Reich, erduldet sie es, bis er sich wieder zurückzieht. Auch dann haben sie sich nichts mehr zu sagen. Jeff, der achtzehnjährige, findet das alles nur noch zum Kotzen. Er sieht, wie die Ehe seiner Eltern langsam aber sicher in die Brüche geht und zieht sich selbst immer mehr in sein eigenes Reich zurück, der virtuellen Welt eines hochentwickelten Computerspiels, Live of Lore. Für seine Eltern ist er praktisch nicht mehr ansprechbar und eines Tages ist er einfach ausgezogen, ohne  eine Nachricht zu hinterlassen.

Mit diesem Verlust auch des zweiten Sohnes bricht die Welt der Rest-Delpes dann endgültig auseinander. Die Mutter versucht mit allen Mitteln, den verlorenen Sohn wiederzufinden, verteilt Flugzettel, läuft mit Plakaten behangen durch die Straßen und setzt irrwitzig hohe Belohnungen aus. Der Vater dagegen spürt, daß er seinen Sohn dort suchen muss, wo dieser sich zu Hause fühlt: in der künstlichen Welt des Live of Lore. Und er hat eine Spur, durch ein Telefonat Jeffs, das er mithörte, weiß er den Namen seines Avatars…  Ein Mitarbeiter seiner Kanzlei kann ihm die Grundlagen solcher Computerspiele erklären und als AGI betritt Jim nun diese virtuelle Welt auf der Suche nach dem Merchanat of Menace.

Doch zuerst trifft er auf Luther, einen Pseudoweisen der virtuellen Welt, der sich ihm als Mentor anbietet, damit AGI die ersten Schritte auf diesem ungewohnten Terrain überleben kann. Und was Jim nie gedacht hätte, geschieht: er erliegt der Faszination der künstlichen Welt, er lernt Kämpfen, Aufgaben lösen, Entscheidungen zu treffen und er steigt schnell in höhere Level des Spiels auf und kommt damit seinem Sohn immer näher, bis er ihn dann endlich trifft.

Es ist ernüchternd für ihn, was der Merchant of Menace seinem Ava über seine Eltern erzählt, seinen Vater bezeichnet er als „Wichser“ und „Feigling“, mit der Mutter geht er etwas milder um, mit mehr Mitleid. .. dann endlich hat AGI den Level erreicht, mit dem er Zugang hat zu Bereichen, in denen er seinem Sohn bisher nicht folgen konnte. Jetzt kann er es und er sieht den Merchant of Menace mit Halsband und angekettet an der schummrigen Bar stehen und sich unterhalten, Luther, seinen Mentor, in der Nähe…. Zuletzt ist die Neugier, die AGI an den Tag legt, aber zu auffällig, Luther und der Merchant schöpfen Verdacht, daß AGI ein Cyberstalker ist. Durch eine Falle, die Jeff  AGI stellt, kann er schließlich verifizieren, daß AGI sein Vater Jim ist.

McCarten packt eine ganze Menge hinein in seinen Roman, so ist  es nicht verwunderlich,  wenn er nicht alles in eigentlich gebotener Tiefe ausführen kann. Wie lerne ich weiter leben, wenn die Trauer mich verzehren will,  es geht um Vater-Sohn-Konflikte, um Eheprobleme und wie man Beziehungen retten kann oder auch nicht, um Ersatzbeziehungen anstelle der zerbrochenen, um die Faszination von Computerspielen, um die Macht, die diese Welten auf die Menschen in der ganz realen Welt ausüben können, so daß sie fast wie eine Wahrheitsdroge heimliche Bedürfnisse und Fähigkeiten ans Licht bringen, die Frage, wie ein junger Mann seine sexuelle Orientierung herausfindet,  sogar eine Abtreibung wird von McCarten noch ins Spiel gebracht und ganz zum Schluß wohnen wir noch einer kleinen fiesen Erpressung bei… Für Jeff, der beim Tod seines Bruders nicht anwesend war, hält der Autor am Ende ein Szenario bereit, in welchem dieser in einer Art Purgatorium und seelischer Reinigung und Läuterung das Sterben Donnies projizieren kann. In der kalten Umgebung dieser Szene spendet wärmt ausgerechnet der dem Tod geweihte Körper den frierenden Menschen. Metaphorisch gesehen ist auch die mühsame Renovierung des kleinen, aber teuren Landhauses, in die sich Jim verbeisst, ein Bild für seinen Versuch, seine eigene Welt wieder ins Reine zu bringen. Er will dort mit seiner Familie wohnen, aber Jeff ist eh schon  geflohen und Renata muss fast gezwungen werden, mit ihm zu gehen…

So unterschiedlich die einzelnen Schicksale letztendlich sind, vieles läuft vergleichbar. Renata findet ihren Trost im Internet über den Chat mit Gott, Jim dagegen reüssiert als Kämpfer im Live of Lore. Elsie, die alkoholgefährdete Schwester Jims, läßt sich in einem ONS von Lance, dem Bauunternehmer von Jims Haus, besteigen, Jim selbst schläft im Live of Lore mit der überaus attraktiven Kayla, der er bei dieser Aktion eine virtuelle Schwangerschaft anhängt. Und während Kayla ihr Kind zur Welt bringt, bricht Renata das in ihr keimende Leben ab…

Jims Ausflüge in das Live of Lore bleiben nicht ohne Folgen in der realen Welt: er macht als Anwalt kostenträchtige Fehler, so daß ihm seine Partner anbieten, aus der Kanzlei auszuscheiden. Und Kayla, die er eigentlich vergessen will, schickt ihm ganz konkrete Nachrichten auf sein ganz reales Handy, lädt ihn ein (sehr eindringlich), bei der Geburt seines Sohnes, die an seinem eigenen Geburtstag sein soll, dabei zu sein…. so wird der Roman zum Ende hin sogar noch zu einer spannenden Erpressungsgeschichte mit einem richtigen Showdown und einem Ende, das die Delpes wieder unter einem Dach vereint. Ob damit dann auch die Sprachlosigkeit unter den dreien überwunden ist, können wir als Leser nur vermuten.

„Ganz normale Helden“ [3] ist ein Roman, der im Lauf der Handlung seinen Charakter ändert. Beginnt er eher wie eine Familiengeschichte, so wandelt er sich gegen Ende des Buches immer mehr zu einer Art Erpressungsstory. Folgerichtig wächst der Spannungsbogen im Verlauf des Romans, bis er sich auf den letzten Seiten dann auflöst. Daß auch Anfang und Mittelteil des Buches spannend zu lesen sind, liegt am Kunstgriff McCartens, uns mit AGI zusammen ins Live of Lore (LoL) zu versetzen, wo wir ihn kämpfen und siegen sehen können. Und selbst mit diesen dürren Zeilen (dürr im Verhältnis zu einer computergenerierten Welt) schafft es McCarten die Faszination der/einer Spielwelt zu vermitteln….

Für meinen Teil packt McCarten aber ein wenig zu viel an Problemen in den Roman hinein. Überspitzt gesagt, ist bis auf Pädophilie (da kann man sich aber gar nicht mal so sicher sein) und Mädchen-/Organhandel ist eigentlich alles drin im Buch, was einem so einfallen könnte… ein wenig weniger an Problemen hätte mehr Substanz bei dem erlaubt, was übrig geblieben wäre, auch wenn dadurch das Tempo der Handlung vllt etwas hätte reduziert werden müssen. In ein paar Szenen versucht der Autor, solche eher existentiellen Fragen anzugehen, insbesondere konzentriert er sich dabei auf Renata, die ihre auf äußerste verletzte Seele vor Gott ausschüttet, auf Erden findet sie niemanden der sich darauf einlassen will…

So ist das Buch ein Roman, der eigentlich jedem Stoff zum Nachdenken bietet und dieses Spektrum in eine sehr unterhaltsame, spannende und auch temporeiche Handlung einbettet. Man muss sich aber im Klaren sein, daß er mehr Fragen stellt als er beantwortet und ob das finale Unglück der Delpes, das im Roman im letzten Moment abgewendet wird, im richtigen Leben auch hätte abgewendet werden können, ist eine dieser Fragen….

Anmerkungen:

[1] einfach mal nach „Beichte online“ o.ä. Suchbegriffen googeln….
[2] wie er von dort jeden Tag in seine Kanzlei kommen will, ist eine andere Frage, die nicht erörtert wird….
[3] ein etwas seltsamer Titel für eine Geschichte, in der eigentlich nur gebrochene Menschen bzw. solche mit Problemen auftauchen und die einzigen Helden die unwirklichen einer virtuellen Welt sind. Im englischen Original lautet der Titel daher auch folgerichtig: „In the Absence of Heroes“.

Anthony McCarten
Ganz normale Helden
Aus dem Englischen übersetzt von Manfred Allié und Gabriele Kempf-Allié
Diogenes, HC, 453 S., 2012

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