… der Aufenthalt auf dem Mond im Lande des Tages erscheint so angenehm, daß jene, die hoffen können, unverzüglich dorthin zu gelangen, kaum den Tod zu fürchten haben. So ist der Selbstmord eine Versuchung, zu der der Mondgeist ermutigt. Dort oben werden die Auserwählten bei fortgesetzten Jagden und Spielen leben, ohne je Kälte und Hunger zu verspüren und werden auf eine Wiedergeburt warten, um die der Mond sich ebenfalls sorgen wird. …. [3]


Dieses Textzitat soll die ungeheuerliche Tragödie, die Anna Kim in ihrem Buch Anatomie einer Nacht romanhaft aufgearbeitet hat, nicht verharmlosen, sondern vor Augen fähren, daß der Suizid (leider wird auch im Buch immer von Selbstmord gesprochen, ein Ausdruck, der einen völlig falschen Zungenschlag auf den Sachverhalt wirft) bei den Inuit in einem anderen kulturellen Kontext steht als bei uns. Auch die Autorin Anna Kim hält (wenngleich in anderem Zusammenhang) dieses Faktum an einer Stelle ihres Textes fest (dem Sinne nach: „… daß die Kultur der Inuit den Selbstmord nicht verurteilt …“[S.283]). Es wäre sicherlich eine interessante Diskussion, welche Auswirkung eine solche Einstellung zur Selbsttötung auf eine Gesellschaft hat.

Anna Kim, deren wunderbare Geschichte aus einem fernen Land [2], nach dessen endgültiger Teilung neben ihrem Geburtsland ein so skurril wirkender Staat wie Nordkorea entstand, mir so gut gefiel, hat schon 2012 mit Anatomie einer Nacht einen äußerst bemerkenswerten Roman verfasst, der aus dem Üblichen herausfällt. Es liegt ihm eine Tragödie zugrunde: 2008 hatten sich in einer Stadt im Osten Grönlands, in Tasiilaq, in einer Nacht fünfzehn Jugendliche versucht, zu suizidieren, davon starben elf [4]. Dieses Ereignis ist jedoch nur ein trauriger Tiefpunkt der Tatsache, daß die allgemeine Suizidrate auf Grönland extrem hoch liegt. Einer Studie aus den Jahren 2005 bis 2007 beispielsweise hat u.a. ergeben, daß „… 25 Prozent der jungen Frauen und 17 Prozent der jungen Männer … bereits einen Suizidversuch unternommen [hätten]“ [5].

Anatomie einer Nacht versucht an Hand dieser einen Nacht, Gründe oder Ursachen für dieses Phänomen zu finden. Dazu hat Kim vor Ort recherchiert, auch einige Zeit dort bei einer Inuitfamilie gelebt [6]. Herausgekommen ist ein schwieriges Buch, in dem sich letztlich die Geschichte und Unterdrückung eines Volkes durch ‚Eroberer‘ widerspiegelt, deren Einfluss die alte Kultur zurückgedrängt und in großen Teilen zerstört hat. Die elf individuellen Schicksale, die Kim uns, dem Verlauf dieser Nacht folgend, schildert, sind voll von Toten, von Suiziden, von Alkohol, von Entwurzelung, von Missbrauch und von Mord. Die Inuit sind des Schreibens und Lesens meist nur eingeschränkt fähig, übermäßiger Alkoholgenuss bis zum Eintritt der Gesichtslähmung betäubt sie und entführt sie eine Zeit lang aus dem Elend ihrer Existenz, die hart am Rand des Minimums verläuft, ein großer Teil ihrer sowieso schon geringen Einkünfte werden für Alkohol ausgegeben. Die dänische Oberschicht schaut herab auf sie, nutzt ihre Überlegenheit aus, Missbrauch ist nicht selten, führt hin und wieder zu unerwünschten Schwangerschaften. Manchmal werden Inuitkinder adoptiert, dann beschleicht einen das Gefühl, sie seien eher so etwas wie Haustiere denn Spielkameraden für die dänischen Kinder oder Inuit gelangen über Eheschließungen auf´s Festland nach Dänemark und sind dort als Grönländer Menschen zweiter Klasse. Zwar mögen sie sich an die Kultur und die Lebensbedingungen in Dänemark gewöhnen, aber für die Dänen sind und bleiben sie Grönländer und für die Grönländer werden sie zu Abtrünnigen.

Es ist die Geschichte der Zerstörung einer Kultur, die alten Legenden haben ihre Kraft verloren, die Schamanen sind nicht mehr zuständig für die Seelen der Menschen, für die jetzt der Pfarrer so sorgen hat. Und parallel dazu sind die ehemaligen Lebensgrundlagen geschwunden, zwangsweise eingetauscht gegen Errungenschaften europäischer Zivilisation. Männer, die früher ihr Selbstbewusstsein aus der Jagd schöpften, sind entmutigt, deprimiert: die Jagd wird immer schwieriger, die Tiere weniger… aber das Gewehr ist noch da… die Existenz zieht wie Ballast am Leben, sie unterdrückt jegliche Lebensfreude, dazu kommen die äußeren Umstände auf Grönland: die Schwärze der Nacht, die undurchdringliche Dunkelheit, die sämtliche Grenzen verwischt und auflöst und die zusammen mit der schreienden Stille den Eindruck erweckt, aufgesogen zu werden in eine alles verschlingende Unendlichkeit.

Mildernde Umstände…. in dieser Passage [S. 283ff] hat Kim eine Art Resümee der sozialen Umstände des Lebens der Inuit und der sich daraus ergebenden Epidemie … als sich ganze Wohnblocks solcherart zu leeren begannen, gegeben und der Unfähigkeit der Dänen, zu erkennen, daß das Leben dieser Menschen eben nicht nach den Gesetzen eines europäischen Lebens verläuft: Warum, fragten sie, nehmen sich diese Menschen das Leben, sie haben doch alles, was man braucht, haben ein Zuhause und Geld für Nahrung, wir geben ihnen doch alles …. sie verstanden nicht, dass all das Geld, das von Dänemark nach Grönland floss, keine milde Gabe war, sondern die Bezahlung für eine Selbstaufgabe, die in diesem Ausmaß unbezahlbar war. 

Was Kim uns erzählt, sind meist keine Bilanzsuizide oder Suizide aus einem Affekt heraus. Fast scheinen die Tode wie das natürliche und logische Ende, das eigentlich gar nicht anders sein kann, weil das ganze Leben darauf hinausgelaufen ist und jetzt, in dieser Augustnacht ist es eben genau der Zeitpunkt zum Sterben gekommen oder durch einen Auslöser angetriggert worden. …die Frau verläßt das Waschhaus, bevor die Wäsche fertig ist, küsst zu Hause das Kind noch einmal, legt sich für Minuten zu ihm ins Bett, holt dann einen Gürtel und hängt sich auf… als ob es das Selbstverständlichste der Welt wäre, daß dies jetzt so sein müsse… ein anderes Mal vermutet man eine genetische Fixierung, schon mit neun Jahren hatte … Iven das erste Mal versucht, sich umzubringen, doch er hielt nicht lange genug im kalten Wasser aus, … Mit vierzehn Jahren hatte er es das zweite Mal probiert, doch er schoss daneben, … mit sechzehn wurde er unterbrochen, als er versuchte, sich zu aufhängen: Sein Vater kam ihm zuvor. Am Tag nach seiner Hochzeit erhängte sich sein ältester Bruder, und eine Woche, ehe sich dieser tötete, brachte sich sein Onkel um. 

So ist Anatomie einer Nacht in mehrerlei Hinsicht ein schwieriges Buch: zum einen des Inhalts wegen zum anderen der Art und Weise wegen, in der Kim in darbietet. Sie erzählt nicht chronologisch, sondern wechselt immer wieder (auch unvermittelt und plötzlich) die Zeitebenen der Gegenwart und verschieden lang zurückliegender Vergangenheiten. Erkenntlich oft erst nach ein paar Zeilen, wenn man sich wundert, wo der Zusammenhang ist. Leichter wird es, wenn man im Gedächtnis behält, daß die Schilderung aktueller Vorgänge im Präsenz , die vergangener Ereignisse dagegen im Imperfekt beschrieben sind. In gleicher Weise wechselt Kim oftmals zwischen den einzelnen Personen, deren Schicksal sich im Lauf der Darstellung teilweise als miteinander verzahnt erweist, ohne daß darin jedoch ursächliche Zusammenhänge erkennbar sind. Schwierig auch die Passagen zu verstehen, in denen Kim den nahezu mystischen Einfluss der Natur, deren Farben sich vorwiegend zwischen Weiß und Schwarz bewegt, die so blumen- und blütenfeindlich ist, daß man sich auf alle Viere begeben muss, um Blumen, die am Boden kriechend leben, überhaupt zu erkennen. Die Dunkelheit, das Schweigen, die Stille, die Schwärze: das Nichts, das sich darin zu materialisieren scheint, herrscht über die Gemüter.

Anatomie einer Nacht: ein schwieriger, anstrengender, deprimierender Roman, aber auch eine tiefgründige,  einfühlsame Analyse eines Volkes, das von einer fremden Kultur beherrscht seinen materiellen und geistigen Halt verloren hat und sich dem Ausweg hingibt, den die alte Lebensweise ihm von alters her offengehalten hat. Die lebensfeindliche Natur mit ihrer alles verschlingenden stillkalten Schwärze tut ein übriges dazu.

Links und Anmerkungen:

[1] Wiki-Artikel über die Autorin:  https://de.wikipedia.org/wiki/Anna_Kim
[2]  Anna Kim: Die grosse Heimkehr (Besprechung hier im Blog)
[3] zitiert aus: E. Lot-Falck: Die Mythologie der Eskimos, in: Mythen der Völker 3 (Hrsg: Pierre Grimal), Fischer TB, 1977; Zitat: S. 303
[4] vgl. z.B. hier:  http://diepresse.com/home/…groenlaendischem-Dorf
[5] vgl. z.B. hier: http://www.rp-online.de/…groenland-aid-1.2022858
[6] http://www.deutschlandfunkkultur.de/…article_id=224422

Anna Kim
Anatomie einer Nacht
diese Ausgabe: Suhrkamp, HC, ca. 300 S., 2012

 

Advertisements

Die Autorin Anna Kim und mich verbindet etwas (von dem sie natürlich nichts ahnt, ahnen kann): wir haben, so schreibt es zumindest die Wiki, zur gleichen Zeit in der gleichen Stadt gelebt: Anfang der 80er Jahre in Gießen [1]. Geboren wurde Anna Kim jedoch 1977 in Südkorea, sie kam aber schon im Jahr darauf mit ihren Eltern nach Deutschland und zog 1984 nach Wien um, wo sie dann später Philosophie und Theaterwissenschaft studierte; vor Kurzem ist sie nach Berlin umgesiedelt [2].

In der Rahmenhandlung zu ihrem vorliegenden Roman Die grosse Heimkehr spiegelt sich dieses eigene Schicksal in der Figur der Hanna wieder, denn die Ich-Erzählerin dieser Rahmenhandlung kam mit vier Jahren aus Korea  in eine deutsche Pflegefamilie. Die junge Frau treffen wir in Korea an, auf der Suche nach ihrem einstigen koreanischen Kindermädchen, von dem sie sich Auskunft erhofft über ihre Eltern. Ein älterer Mann in Seoul fragt bei ihr an, ob sie ihm einen Brief übersetzen kann, den er aus den USA erhalten hat. Dieser Brief enthält die Nachricht, daß eine gewisse Eve Lewis in einem amerikanischen Altersheim gestorben ist und die Anschrift von Yunho Kang, dieses Mannes nämlich, die einzige Adresse ist, die man in ihrem Nachlass gefunden hat und die man benachrichtigen konnte.

Eve Lewis…. ja, Yunho Kang kannte diese Frau, auch wenn es lange her ist und ihr Name – einer unter vielen – damals Eve Moon war. Es war eine kurze Zeit, aber sie war intensiv, diese wenigen Monate 1959/1960 waren prägend für sein ganzes Leben. So konzentriert sich die eigentlichen Handlung des Romans auf diese Zeitraum, sie spielt an zwei Orten, in Seoul und im zweiten Teil des Buches im japanischen Osaka. Im Mittelpunkt stehen Yunho Kang, sein Freund aus Kindertagen ‚Johnny‘ Kim, mit dem zusammen er in einer kleinen Siedlung im Westen Südkoreas aufwuchs und eben nämliche ‚Eve‘ Moon, deren koreanischer Name Yunmee war so wie der von Johnny Mino lautete…

Yunho lernt Eve 1959 als Freundin von Johnny kennen, in Seoul, wo er diesen, den er Jahre nicht gesehen hat, aufsucht. Yunho braucht Hilfe, einen Platz zum Schlafen, etwas Geld, vielleicht auch Arbeit… Johnny hilft ihm, greift ihm unter die Arme und so verknüpft sich das Leben dieser drei Figuren  für die nächsten Monate, deren Verlauf man nicht vorhersehen kann in diesen für Korea so unruhigen Zeiten…


Was wusste ich vor diesem Roman von der Geschichte Koreas? Nun, im zweiten Weltkrieg war es von den Japanern besetzt, viele koreanische Frauen wurden verschleppt, zur Zwangsarbeit, jedoch auch zur (sexuellen) Betreuung japanischer Truppen gezwungen. Nach dem Krieg wurden die Interessensphären der Siegermächte durch den 38. Breitengrad getrennt und der Norden kam unter der Herrschaft Kim Il-Sungs erst einmal in den russischen Einflussbereich, während im Süden der von den Amerikanern unterstützte Syngman Rhee erster Präsident Südkoreas wurde. Das Jahr 1953 verbinde ich mit dem Korea-Krieg (der jedoch schon drei Jahre vorher ausgebrochen war), der die Welt damals an den Rand einer erneuten Katastrophe brachte. Danach war die Teilung Koreas in einen kommunistischen Norden und einen – sagen wir mal – nicht-kommunistischen Süden fixiert. Wirtschaftlich und auch politisch entwickelten sich die beiden Landesteile in den nächsten Jahrzehnten sehr auseinander. Während der Norden unter einer Art kommunistischer Dynastie der Kims [3] politisch immer extremer wurde und die wirtschaftliche Entwicklung des vor der Teilung industrialisierter und mit mehr Bodenschätzen gesegneten Landesteiles immer mehr ins Stocken geriet, bis die Versorgungslage heutzutage – zumindest für die Masse der Bevölkerung – zum reinen Elend verkommen zu sein scheint, entwickelte sich der Süden zu einem wirtschaftlich starken Land mit weltweit operierenden Konzernen. Politisch war die Lage aber auch im Süden nie einfach, auch hier gab es unter Rhee Unterdrückung und Verfolgung Andersdenkender, die erst im Lauf der Jahrzehnte nachließ.


Beim Lesen von Kims Roman habe ich gemerkt, wie dürftig dieses Wissen ist. Denn Die grosse Heimkehr ist erzählte koreanische Geschichte, eine überaus gelungen erzählte Geschichte. Sie nimmt ihre drei Protagonisten und konzentriert auf deren Schicksal die Zerrissenheit, die Unsicherheit, die Lüge und die Bedrohung, unter der ein ganzes Volk lebte, leben musste und stellt dies in den Zusammenhang mit der gesamten jüngeren Historie des Landes, die vor allem auch durch die japanische Besetzung geprägt war.

Auch im Südteil des Landes, der nicht-kommunistisch ist, herrschte nach dem Krieg Verfolgung und Terror. Wer Verwandte im Norden hatte oder gar selbst aus dem Norden stammte, war automatisch im Verdacht, ein kommunistischer Spion zu sein. Paramilitärische Schlägertrupps wie die ‚Nord-West-Jugend‘ machten Jagd auf sie und waren in ihren Methoden nicht zimperlich. Johnny gerät in eine Auseinandersetzung mit einem Mitglied dieser Nord-West-Jugend, ein Streit, der tödlich endet und so muss Johnny fliehen und mit ihm Eve und auch Yunho, der den Kampf durch einen Zufall miterlebt hat. Eve, die als Tänzerin und Bardame Beziehungen hat, kann eine illegale Überfahrt nach Japan organisieren, wo in Osaka eine größere, kommunistisch orientierte koreanische Kolonie lebt.

Aber auch in Japan sind die Verhältnisse unter den Koreanern alles andere als einfach und übersichtlich, es toben hier ebenfalls Auseinandersetzungen und ideologische Grabenkämpfe, die sich nochmals zuspitzen, als Kim Il-Sung Die große Heimkehr ausruft: Er verspricht jedem Koreaner, der aus Japan nach Nordkorea kommt, sozusagen das Blaue vom Himmel: Essen, Arbeit, Ausbildung, Wohnung…. Viele lassen sich auf dieses Angebot ein, manche werden überredet, manche gezwungen… andere wiederum sind skeptisch, schon Monate haben sie nichts mehr von Verwandten gehört, die zurück gefahren sind und zu schreiben versprochen hatten… oder sie haben schlicht und einfach das komfortable Leben in Japan zu schätzen gelernt.

Für die drei Protagonisten des Romans ändert sich in Japan alles. Sie treten dort als Geschwister auf, die Liebesbeziehungen zu Eve, die es in Korea gab, schlafen offensichtlich ein, zumindest die von Yunho, der als Erzähler im Mittelpunkt des Geschehens steht und die Ereignisse aus seiner Sicht schildert. Auch Eve wird immer rätselhafter, war sie in Korea dominant und selbstbewusst, hat sie in Osaka, wo sie in einem Frisiersalon Arbeit gefunden hat, ihr Verhalten völlig geändert, fast schon unterwürfig: die drei sind als Fremde unter Japanern, aber auch als Fremde unter den schon lange dort lebenden Koreanern zu erkennen. Für Yunho wird diese Frau immer rätselhafter, er erkennt, daß er im Grunde nichts von ihr weiß. Später, im Gespräch mit Hanna, sollte er sich erinnern: Eve gehörte zu den Menschen, die ihre Lebensgeschichte verdeckt halten, weil sie glauben, sich dadurch zu schützen. Da sie keine Biografie anbieten konnte, die ohne Weiteres von der Gesellschaft akzeptiert wurde, bestand ihr Werdegang aus Leerstellen, Lücken; Geheimnisse waren für sie keine Heimlichkeiten, sondern wesentlicher Bestandteil ihres Versuchs, normal zu sein. Ein Schutzverhalten in einem Staat, in dem jede Biographie einem Schaden konnte….

In dieser Zeit der ‚Grossen Heimkehr‘ scheint ein Verbrechen geschehen zu sein, die sowieso schon aufgeregten Menschen wühlt das Verschwinden eines Mädchens zusätzlich auf und Johnny wird beschuldigt, etwas damit zu tun zu haben. Er müsse sich entweder der Polizei als ihr Mörder stellen oder das Schiff nach Nordkorea besteigen, lautet das Ultimatum, das ihm gestellt wird…


Im Lauf der fast 560 Seiten entfaltet Kim ein Geschichtspanorama dieses so oft fremdbestimmten Landes, dessen Nordteil heute wie aus der Welt gefallen scheint. Die Entwicklung dieser beiden Teilstaaten (zumindest bis zum Jahr 1960) mitsamt einiger historischer Wurzeln in dieser souveränen erzählerischen Art geschildert zu bekommen, ist hochinteressant. Es wird deutlich, daß der Norden bei relativ günstigen Voraussetzungen (Bodenschätze, Industrieanlagen) nach dem Weltkrieg im Grunde mit einer positiven Motivation an die Gestaltung seines Staates ging, die erst im Lauf der Jahre entartete. Der Süden hingegen scheint sich anfänglich einfach durch den Gegensatz zum Norden definiert zu haben, missbraucht von einer Siegermacht, die ihn als einen Pufferstaat installiert und das diktatorische Treiben in weiten Grenzen duldete, wahrscheinlich sogar einen eigenen Anteil daran hatte. Brutalität und Willkür waren die Folge für die Bevölkerung.

Der ‚Grossen Heimkehr‘ steht im Roman die ‚Kleine‘ gegenüber: die der seinerzeit in eine Pflegefamilie nach Deutschland gegebene Hanna, die ihre biologischen Eltern zu finden versucht, aber einsehen muss, daß dies wohl nicht möglich ist. Über Yunhos Lebensgeschichte lernt sie aber das Land kennen, in dem sie geboren wurde und in dem sie von ihrer Mutter weggegeben wurde….


Die Grosse Heimkehr ist ein großartiger Roman mit Lebensläufen, die zu keiner Zeit Sicherheit und Gewissheit bieten. Alles kann in Frage gestellt werden und sich als Vorspiegelung oder Lüge erweisen. Schuld beruht nicht unbedingt auf schuldhaftem Handeln, sondern kann von aussen definiert werden: du warst mal in Nordkorea, also bist du ein Spion. Dein Bruder ist in Nordkorea, also bist du ein Spion…. Was nach 1960 mit den drei Hauptfiguren geschah, bleibt weitgehend ungesagt. Nordkorea wurde immer mehr zu einer Art Schwarzem Loch, das Menschen und so auch Johnny verschlang, aber keine Nachrichten mehr nach aussen ließ. Eve und Yunho trafen sich noch einmal, Jahre später, Eves Nachname war jetzt Lewis…. und Yunho selbst? Er konnte irgendwann nach Südkorea zurückkehren, aber wurde dort sofort vom Geheimdienst observiert, letztlich fand er sein Auskommen auf einer Hühnerfarm….

… und das alles schildert Kim in einer wunderbaren Sprache, mit Rückblenden, Schleifen und Exkursionen in die Geschichte des Landes. Das liest sich fesselnd und ist raffiniert konstruiert, trotz des erheblichen Umfangs, den Kims Roman aufweist, hat es mir leid getan, als ich die letzte Seite gelesen hatte….

Links und Anmerkungen:

[1] Wiki-Artikel über die Autorin:  https://de.wikipedia.org/wiki/Anna_Kim
[2] … wovon ich in diesem Interview, das die ZEIT mit Kim geführt hat (http://www.zeit.de/2017/12/anna-kim-die-grosse-heimkehr-roman), erfahren habe. Interessanterweise lebt die Autorin selbst nach dem Klappentext ihres erst vor wenigen Wochen erschienenen Romans allerdings immer noch in Wien….
[3] bei den asiatischen Namen ist es immer etwas schwierig zu entscheiden, welcher der Vor- und welcher der Nachname ist. Ich hoffe, ich habe mit ‚Kim‘ als Familiennamen die richtige Entscheidung getroffen….

Anna Kim
Die große Heimkehr
Originalausgabe: Suhrkamp, HC, ca. 560 S., 2017

%d Bloggern gefällt das: