barker-auge

Das Auge in der Tür bildet den Mittelteil von Pat Barkers Trilogie über den 1. Weltkrieg [1]. Konzentrierte sich die Handlung des ersten Bandes auf die indirekte Schilderung des Grauens auf den Schlachtfeldern, die uns durch die Traumatisierungen der Soldaten deutlich gemacht wurden, so liegt der Schwerpunkt dieses Bandes auf den Zuständen in England selbst.

Von den tragenden Figuren aus Niemandsland treffen wir hier noch auf Billy Prior und den Arzt Dr. Rivers. Der Dichter Siegfried Sassoon, der zentrale Figur des ersten Teils Niemandsland war, wird erst gegen Ende des Romans noch einmal in die Geschichte eingeführt. Er war nach seinem Aufenthalt in der Klinik wieder an die Front geschickt worden, jedoch zunächst einmal nach Palästina, erst später kam er wieder nach Frankreich, wo er angeschossen und verwundet wurde und in London wieder mit Dr. Rivers zusammentrifft.

Billy Prior wurde u.a. wegen seine Asthmas nicht an die Front geschickt, sondern begann seinen Dienst im Rüstungsministerium in London. In London macht er die Bekanntschaft von Charles Manning, von dem sich herausstellt, daß er ebenfalls im Ministerium arbeitet. Es ist eine durchaus intim zu nennende Bekanntschaft, da Prior zwar mit Sarah im fernen Schottland liiert ist, er seinen sexuellen Trieb aber trotzdem an Ort und Stelle auslebt, wobei ihm das Geschlecht des/der Gegenüber weitgehend egal ist.

Wir sind im Frühjahr 1918. Der Tagesbefehl vom 13. April ordnet an, daß jede Stellung bis zum letzten Mann zu halten ist … jeder Soldat bis zum Ende zu kämpfen hat, ein Befehl, der unter der Zivilbevölkerung Panik verbreitet. Sowieso werden Abweichler verfolgt und drangsaliert: Für ihn [i.e. der Vorgesetzte Priors im Ministerium, Lode] war das Ganze ein großes Schachbrett. Diese bunte Truppe aus Quäkern, Sozialisten, Anarchisten, Frauenrechtlerinnen, Gewerkschaftern, Sieben-Tage-Adventisten und weiß der Himmel wem war nur eine raffinierte Tarnung, hinter der die wahre Anti-Kriegsbewegung lauerte; eine disziplinierte, höchst effiziente Geheimorganisation, die ebenso überzeugt und entschlossen für den politischen Umsturz kämpfte, wie Lode sich dem Erhalt des Staates verschrieben hatte. …

Eine dieser Pazifistinnen ist Beattie Roper, die im Gefängnis sitzt, weil man sie eines Mordanschlags beschuldigt. Billy Prior kennt diese Frau gut, als Kind hat er viel Zeit bei ihr verbracht. Er besucht sie in ihrer Zelle. Einer der vor Beattie einsitzenden Häftlinge hatte um das Guckloch der Zellentür das titelgebende Auge gemalt. „Es ist nicht so schlimm, solange es an der Tür bleibt.“ Sie tippte sich an den Kopf. „Kritisch wird’s erste, wenn es hier drinnen anfängt.“ Wenn man den ersten Teil der Trilogie gelesen hat, weiß man, daß Prior seine eigenen Erfahrungen mit Augen hat….. wahrscheinlich ist Beattie von einem Provokateur hereingelegt worden, Arthur Spragge, ein Mann, mit dem Prior noch zu tun bekommen wird. Diese Episode des Romans mit Beattie Roper beruht auf einem realen Ereignis.

Man weiß nicht genau, welches Spiel Prior spielt. Will er seinen alten Freunden wirklich helfen oder will er, der Mitarbeiter eines Ministeriums, sie verraten? Er bringt seinen alten Freunden und Kameraden zugleich Zu- wie Abneigung entgegen. Mit den Worten von Beattie, der er Hilfe verspricht, klingt dies so: Ich werde dich nicht fragen, auf welcher Seite du stehst, …. Aber…. Weißt du, auf welcher Seite du stehst? Es ist ein sehr ernster, tiefgehender Zwiespalt, in den Parker ihren Protagonisten zwingt und sie löst diesen Zwiespalt im späteren Verlauf dann erschreckend und tragisch auf.


Einer der vielen Gründe, weshalb er [i.e. Prior] sich anders fühlte als seien Offizierskollegen, war, daß ihr England ein bukolischer Ort war: Wiesen, Flüsse, waldige Täler, mittelalterliche Kirchen, umgeben von ehrwürdigen Ulmen. Sie konnten nicht verstehen, daß die Front, dieser Apparat, der den einzelnen auf ein Rädchen im Getriebe reduzierte, diese verwahrloste Landschaft, sich für ihn und die allermeisten Soldaten nicht groß unterschied von dem Leben, das sei von zu Hause her kannten – in Birmingham, Manchester, Glasgow oder in den Bergarbeiterdörfern in Wales – sondern nur eine alptraumhafte Steigerung darstellte. [3]


Auch Priors Bekanntschaft Manning hat so seine Probleme. Er bekommt anonyme Post, befürchtet, daß seine homoerotische Neigung eventuell aufgedeckt worden ist. Steht sein Name auf dieser ominösen Liste der 47000 Namen (‚cabinet noir‘ bzw. ‚black book‘, über die realen Hintergründe für diese Passage ist hier [2] etwas zu finden), die des Verrats verdächtig sind? Und kann er es sich erlauben, zu dieser geheimnisvollen Aufführung von Wildes Salome zu gehen, zu der er eingeladen ist? Manning besucht die Aufführung trotz seiner Bedenken, aber sie gefällt ihm nicht. Die Realität hat das Bühnenstück längst überholt, sind auf der Bühne die abgeschlagenen Köpfe aus Pappmaschee, so ist man mittlerweile längst echte Köpfe gewohnt. Er musste nur eine Sekunde an den stinkende, gelben Schlamm an der Front denken, diesen Haferbrei, in die Klumpen Leichen oder Leichenteile waren, und schon schob sich eine unüberwindliche Wand zwischen ihn und diese Worte [der Salome im Angesicht des abgeschlagenen Kopfes von Jochanaan].


Beide, Mannings und Prior leben in London und gehen weiterhin zu Dr. Rivers, der die Klinik in Schottland ja ebenso verlassen hatte. Durch die Gespräche zwischen ihnen werden immer wieder deren Erinnerungen an die Erlebnisse an der Front eingeblendet und das Grauen vor diesem Krieg wird ‚lebendig‘ gehalten.

Ein für mich in anderer Hinsicht zentrales Kapitel des Buches beschreibt eine ‚Auseinandersetzung‘ zwischen Prior und Rivers. Bei ersterem treten seit kurzem Phasen auf, in denen er dissoziert und an die er nachher keine Erinnerungen mehr hat, es fehlen ihm Stunden seines Lebens. Ich habe gewisse Neigungen, denen ich nur mit äußerster Mäßigung nachgebe und auch nur dann, wenn man mich dazu auffordert. Jedenfalls nicht in diesem Zustand. Ich will damit nur sagen, daß daß daß ich in dem anderen Zustand nicht so scheißgewissenhaft bin. …. [das 3fache ‚daß‘ ist kein Fehler, sondern zeigt das Rückfallen Priors ins Stottern an], erklärt Prior dieses ‚Jekyll und Hyde‘-Gefühl seinem Arzt voller Aggression und Feindseligkeit. Dabei macht er ihn darauf aufmerksam, daß Rivers selbst ähnliche Symptome aufweist, die dieser bei ihm, Prior, feststellt. Rivers bietet ihm daraufhin einen Rollentausch an, er, Prior, solle seine Stelle als Arzt einnehmen. Es ist im folgenden Gespräch für Rivers ein Schock, wie schnell, brutal und erschreckend präzise Prior seine, i.e. Rivers, kindlichen Traumata anspricht…. „Himmelherrgott! Was immer es war, sie haben sich geblendet, um es nicht weiterhin sehen zu müssen!“ – „Ganz so drastisch würde ich es nicht formulieren.“ – „Sie haben ihr visuelles Gedächtnis zerstört. Sie haben ihr geistiges Auge ausgelöscht. So war es doch, oder?“ – Rivers kämpfte mit sich. Dann sagte er einfach: „Ja.“


Die ‚Blackouts‘ bei Prior häufen sich, dauern länger an. Er kann es nicht mehr leugnen, in einer dieser Phasen hat er etwas getan, was er, der ’normale‘ Prior nicht fassen kann. Ist es deshalb sein Entschluss, zu versuchen, wieder nach Frankreich an die Front zu kommen, trotz seiner Verlobung mit Sarah, die im Norden auf ihn wartet und dem Angebot Mannings, ihm eine gute Stellung im Ministerium zu verschaffen?


Wie schon der erste Band Niemandsland ist auch dieser Mittelteil der Barkerschen Trilogie sehr beeindruckend. Vielschichtig und klug beleuchtet sie sowohl Rückwirkungen des Kriegs auf England und die Verhältnisse dort (die Lockerung der Sitten („Wie lange bist du hier?“ … „Zwei Tage“ – „Mach das Beste draus. Aber tu nichts, was wir nicht tun würden.“ – Er lächelte. „Wieviel Möglichkeiten bleiben mir da?“ – „Einige. Heutzutage.“ sagte Mrs. Riley.), den grassierenden Verfolgungswahn, die überbordenden Verschwörungstheorien oder der ‚Kampf‘ gegen Abweichler) als auch am Beispiel vor allem Priors und Mannings (aber auch anderer) die Schicksale der kämpfenden Soldaten. Es ist eine Klassengesellschaft die Barker beschreibt, die Arbeiterklasse, ungebildet und so armselig, daß diese Armut, der Mangel an Nahrung, sich körperlich in Kleinwüchsigkeit zeigt. Eine Klasse, die unter Verhältnissen leben muss, die sich nicht prinzipiell von denen an der Front unterscheiden. Ganz im Gegenteil zu der Offiziersklasse, die höhereren gesellschaftlichen Schichten entspricht, kaum Kontakt zur Realität der Arbeiter hat und – um den Ausdruck Barkers zu wiederholen – ein Leben unter ‚bukolischen‘ Verhältnissen führen kann – relativ gesehen auch in diesem Krieg. Und über allem schwebt der Geist einer latenten (männlichen) Homosexualität.

Mit den Figuren Prior und Rivers gelingen Barker ferner fesselnde Psychogramme von Menschen, die das persönliche Schicksal bzw. dann der Krieg auf die eine oder andere Weise deformiert (hat). Als ob das nicht reichen würde, ist es der Autorin ferner noch gelungen, dies alles so spannend und fesselnd darzustellen, daß man das Buch, wenn man es zur Hand genommen hat, nur sehr zögernd wieder weglegen möchte. Wenn dieser letzte Satz wie eine absolute Lesempfehlung klingen sollte: genau das war meine Absicht!

Links und Anmerkungen:

[1] Die Trilogie umfasst folgende Einzelbände (Verlinkung führt zu den Buchvorstellungen hier im Blog:
Niemandsland (dort finden sich auch noch weitere Anmerkungen zur Trilogie von Barker
– Das Auge in der Tür
– Die Straße der Geister
[2] Mindy Aloff: Behind the Veil (28.4.1998);  http://www.nytimes.com/books/98/04/26/reviews/980426.26alofft.html
[3] zu dieser erschreckenden Feststellung, die Barker Ende des Jahrhunderts formulierte, passt folgende Passage von D.H. Lawrence aus John Thomas & Lady Jane aus den zwanziger Jahren (also kurz nach dem Kriegsende) sehr gut: …. Hier in Wagly befand sie sich in der merkwürdigen Einflußsphäre von Sheffield. Der Himmel war oft sehr dunkel, es schien kein Tageslicht zu geben, man hatte ein Gefühl von Unterwelt. Selbst die Blumen, die in der dunklen Luft wuchsen, waren oft ein bißchen rußig. Und in der Atemluft war stets ein schwacher oder starker Geruch von etwas Unheimlichem, etwas Unterirdischem – Kohle oder Schwefel oder Eisen oder was es auch sein mochte. … Selbst also der Gasgeruch oder die Angst vor dem Gas, die in den Gedanken der Soldaten eine große Rolle spielt und auf die Barker immer wieder anspielt, taucht hier als originärer Bestandteil nordenglicher Industrielandschaft auf.

Pat Barker
Das Auge in der Tür
Übersetzt aus dem Englischen von Matthias Fienbork
Originalausgabe: The Eye in the Door, London 1993
diese Ausgabe: dtv, ca 290 S., 2000

Pat Barker: Niemandsland

8. März 2017

niemandsland

Das 20. Jahrhundert war für uns in Europa ein seltsam geteiltes Jahrhundert. Die erste Hälfte ist geprägt durch zwei menschenverachtende, menschenmordende Kriege, in denen unfassbare Grausamkeiten geschahen, deren Schrecken sich jedoch anscheinend so tief in die Psyche der Menschen eingeprägt haben, daß die zweite Hälfte (zumindest, was die Mitte und den Westen angeht) durch herrschenden Frieden und wachsenden Wohlstand charakterisiert werden kann. Der Fall des ‚Eisernen Vorhangs‘ gegen Ende des Jahrhunderts bestärkt diesen Eindruck.

Der Roman Niemandsland der englischen Autorin Pat Barker [1], den ich hier vorstellen will, ist Teil einer Trilogie, die sich mit dem 1. Weltkrieg aus englischer Sicht auseinandersetzt [2]. England war bei jedem der beiden Kriege auf Seiten der Sieger, nie jedoch gab es Bodenkämpfe auf englischem Territorium. So schlimm die Luftangriffe der Deutschen sowie die durch den U-Boot-Krieg hervorgerufenen Versorgungsengpässe für die englische Bevölkerung auch gewesen sein mögen, an Schrecken und Grausamkeit, wie sie auf den (Ab)Schlachtfeldern des Kontinents herrschten, gemessen, war dies geringfügig.

Pat Barker übernimmt diese Situation für ihren Roman. So wie der Engländer auf der Insel den Krieg nicht bzw. kaum direkt erlebt, so werden auch wir als Leser nicht auf die Schlachtfelder geführt, sondern wir werden mit den Folgen dieser Gemetzel konfrontiert und erleben das Grauen nur indirekt in den Schilderungen und Alpträumen der Soldaten mit.

Als rote Fäden zieht sich durch die Handlung von Niemandsland – der (deutsche) Titel des Romans [3] bezieht sich auf die apokalyptische Landschaft zwischen den Fronten, die völlig zerstört tot erscheint, obwohl tausende Soldaten auf beiden Seiten verschanzt sind und sich versteckt halten – das Schicksal dreier Personen. Dies sind der Schriftsteller und Dichter Siegfried Sassoon (1886 – 1967), [4]), ferner die fiktive Figur des Billy Prior, eines Offiziers, der durch seine Erlebnisse an der Front traumatisiert worden ist und dann als zentrale Persönlichkeit aller drei Bände der Psychiater William Halse Rivers Rivers ([1864 – 1922, [4]), der außerdem noch Anthropologe, Ethnologe und Neurologe war. Der Ort an dem ein Großteil der Handlung spielt ist, Craiglockhart, ein psychiatrischen Krankenhaus für Offiziere in der Nähe von Edingburgh.

Was soll ich mit diesem Lutschbonbon machen?

Die aus völlig unterschiedlicen Gründen in das Krankenhaus eingewiesenen Sassoon und Prior sind völlig unterschiedliche Charaktere. Während Prior aus einfachen Verhältnissen stammend durch seine Kriegserlebnisse in Frankreich die Sprache verloren hat und von Alpträumen gequält wird, hat sich der Dichter Sassoon in einem öffentlichen Aufruf gegen die Weiterführung des Krieges ausgesprochen, in dem politischer Irrtümer und Heucheleien willen sinnlos Frontkämpfer geopfert werden. Die von ihm erhoffte Verhandlung vor dem Kriegsgericht und die damit verbundene Diskussion seines Aufrufs blieb aus, ein Freund von ihm, der Dichter Robert Graves, konnte es arrangieren, daß ihm ein Nervenschock (Shell Shock bzw. Kriegsneurose) attestiert und er zur Behandlung nach Craiglockhart kam.

Beide werden Patienten von Rivers. Rivers ist ein besonderer Arzt, der zur Behandlung seiner Patienten ‚moderne‘ Methoden einsetzt, wie modern, erfahren wir als Leser gegen Ende des Buches in einer schlimmen Passage, in der Parker uns die konventionelle Behandlung damaliger Traumapatienten durch Elektroschocks schildert, die sich allenfalls im Ziel und in der euphemistischen Bezeichnung von einer sadistischen Folterorgie unterscheidet. Rivers dagegen setzt auf Gespräche, auf das Zulassen von Gefühlen auch wie Angst, er versucht, mit seinen Patienten über deren Alpträume zu reden, um die verschütteten und verdrängten Erlebnisse wieder hervorzuholen. Der Begriff der ‚Posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS)‘ existierte zur damaligen Zeit noch nicht, die ‚Störung‘ als solche natürlich schon, ihr wurden Begriffe wie beispielsweise ‚Kriegsneurose‘ zugeordnet. Stummheit oder Stottern waren häufige Symptome, aber auch Lahmheiten und weitere körperliche Beeinträchtigungen traten auf. Viele der Patienten litten an Alpträumen, Schlaflosigkeit und/oder Halluzinationen. Barker schildert uns diverse Ausformungen des Krankheitsbildes in den Figuren verschiedener Patienten, die sie in ihre Handlung einführt, diese Beschreibungen sind in ihrer Klarheit, die keineswegs nach Sensation haschen, erschreckend.

Der potentielle Aufwiegler Sassoon wurde also für krank erklärt, eine Vorgehensweise, die auch in heutiger Zeit nicht unbekannt ist, wenngleich mit anderer Motivation. Seine Ablehnung der Fortführung des Krieges war weder religiös bedingt noch ein Zeichen persönlicher Feigheit, im Gegenteil war Sassoon ein anerkannt guter Zugführer und Vorgesetzter, der wegen bemerkenswerter Tapferkeit ausgezeichnet worden war. Seiner Einweisung nach Craiglockhart zuzustimmen, fiel ihm sehr schwer, schließlich verbrachte er dadurch seine Tage in Sicherheit und relativer Bequemlichkeit, während seine Leute in Frankreich im Schlamm und unter dem Granatenhagel der Deutschen verreckten. In der Klinik bleibt Sassoon weitgehend für sich, einzig mit dem Dichter Wilfred Owen (1892 – 1918), ebenfalls Patient in der Klinik, freundet er sich locker an, die beiden werden in späteren Jahren als ‚War poets‘ bezeichnet [6].

Rivers ist die unermüdliche, ruhende, überforderte Seele des Krankenhauses. Langsam gelingt es ihm, eine Vertrauensbasis zu Sassoon herzustellen, auf deren Grundlage sie kommunizieren können. Dieser Kontakt mit Sassoon führt Rivers selbst an Grenzen und an einen tiefen Zwiespalt in ihm, denn dem Inhalt des Sassoonschen Aufrufs stimmt er im Grunde zu, aber seine Aufgabe im Krankenhaus ist es, die Offiziere wieder fronttauglich zu machen, damit sie in die sinnlos gewordene Schlacht zurück geschickt werden können.

Die Auseinandersetzung  Rivers mit der zweiten Hauptfigur auf Seiten der Patienten, Prior, ist anders geartet. Prior gibt sich aggressiv, feindselig, wirkt arrogant und ablehnend. Seine Stummheit überwindet er recht schnell, hartnäckig aber verweigert er dem Arzt Auskünfte über sein ‚Innenleben‘. Schließlich wendet Rivers, wie von Prior gewünscht, Hypnose an und deckt so das letztlich zum Trauma führende Erlebnis von Prior auf. Aber das ist nicht das einzige, denn Prior ist intelligent und teilweise verletzend offen: schnell hat er gemerkt, daß auch Rivers traumatische Erlebnisse in seiner Psyche zu verstecken scheint. Damit konfrontiert muss Rivers akzeptieren, daß Prior möglicherweise mit seiner Beobachtung recht hat…

Frauen spielen in dem Buch eine sehr untergeordnete Rolle. Sie kommen vor, sicherlich, als Krankenschwestern, als gelbgefärbte Arbeiterinnen in den Munitionsfabriken, die dort teilweise mit Gasmasken vor dem Gesicht arbeiten mussten. Zu ihnen gehört auch Sarah, die Prior in einem Cafe kennenlernt. Zwischen beiden entwickelt sich eine zarte Liebesbeziehung. Ansonsten durchzieht das gesamte Buch in seinen Männerfiguren eine mehr oder weniger latente Neigung zur gleichgeschlechtlichen Liebe. Wie erklärt es Lizzie, einer der Freundinnen von Sarah, so anschaulich, in Bezug auf ihren eigenen Freund?: … er hatte keine Schwestern, also hat er nie mit Mädchen zu tun gehabt. Auf der Schule keine Mädchen. Auf der Universität keine Mädchen. Und als er schließlich mich kennengelernt hat, da war´s natürlich zu spät. Die Sache war gelaufen. … Ist mir schleierhaft, wie die sich fortpflanzen. Auch Prior erscheint trotz seiner Annäherung zu Sarah weiterhin auch homoerotisch interessiert.

Immer wieder, teil unvermittelt, werden wir als Leser mit den Inhalten von Träumen, von Erinnerungen der Soldaten konfrontiert. Sie sind meist sehr erschreckend, das von mir vorstehend etwas zusammenhanglose Zitat ‚Lutschbonbon‘ gehört dazu, in die Details will ich hier gar nicht gehen. Die Schilderung des ‚Niemandslandes‘, das immer wieder in den Erinnerungen der Soldaten auftaucht, jedenfalls ist von äußerster Dystopie, es ist eine Landschaft nicht mehr von dieser Welt, in die hinein sie durch unsinnige Befehle gezwungen werden. Sie versinken dort symbolisch und förmlich im Schlamm, der sich durch die immer immerwährenden Regen aufgeweichte Erde, durch die in ihm versunkene, ausgelösten Leichname, durch Dreck, Unrat und Ausscheidungen gebildet hat. Allein der Geruch, der Gestank, der ihm entweicht…

Die englische Klassengesellschaft spiegelt sich auch auf dem Schlachtfeld, die höheren Offiziere bekommen von diesen Verhältnissen wenig mit, sie sitzen bei Rotwein und Pastete und schwadronieren, während die kaum ausgebildeten Soldaten, die in dieses Inferno geschickt werden, verrecken. Sie spiegelt sich auch in der Kleinwüchsigkeit (Barker redet an einer Stelle von kaum einem Meter fünfzig Körpergröße) vieler Rekruten, die aus dem armen Schichten Englands stammen und den – wenngleich auch einen andersgearteten – Überlebenskampf auch in der Heimat auszufechten haben. Zwischen diesen Soldaten und ihren unmittelbaren vorgesetzten Offizieren, den Zugführern und Kompaniechefs, zu denen Sassoon gehört, aber auch Prior, bildet sich unter diesen Bedingungen ein besonderes Verhältnis, ein besonders stark ausgeprägtes Verantwortungsgefühl der Offiziere zu ihren Soldaten.

Für die meisten der Offiziere ist der Aufenthalt in Craiglockhart eine Belastung. Sie empfinden ihren nervlichen Zusammenbruch als persönliche Schwäche, fürchten, daß man sie als Feiglinge ansieht. ‚Was hast du im Krieg gemacht, Siegfried?‘ Nun ja, ich habe drei sehr angenehme Jahre in einer Klapsmühle verbracht ich Mehlpudding gegessen und Golf gespielt habe. Während andere – darunter sehr enge Freunde draufgegangen sind. … äußert sich Sassoon im Gespräch mit dem einzigen anderen Patienten, mit der er sich in der Klinik anfreundet, dem Dichter Wilfred Owen. Kaum nachvollziehbar heutzutage der häufig geäußerte Wille der Offiziere, nach Frankreich zurückzukehren, selbst im Wissen um das, was einen dort erwartet. Dies liest man ja auch in anderen (Anti)Kriegsromanen, Frontsoldaten, die auf Heimaturlaub sind, fühlen sich allein, unverstanden und entwurzelt, ihre ‚Heimat‘, der Ort, an dem sie sich ‚richtig‘ fühlen, ist der Schützengraben, die Gemeinschaft derjenigen, die allesamt dem sinnlosen Tod entgegensehen.

Am Ende des Romans werden sie als geheilt, d.h. verwendungsfähig, zurück geschickt in den Krieg. Sassoon sollte den Krieg überleben, Owen stirbt eine sinnlosen Tod kurz vor dem Waffenstillstand. Prior wird  seines Asthmas wegen nicht mehr an die Front abkommandiert wird, sondern an das Rüstungsministerium in London. Selbst Rivers verläßt, völlig erschöpft, die Nervenheilanstalt und nimmt ein Angebot seines früheren Kollegen an, wieder mit ihm zusammen zu arbeiten.


Barker hat auf der Grundlage verschiedener Dokumente einen sehr beeindruckenden Roman über die Grauen des Ersten Weltkrieges geschrieben, der Fakten und Fiktion mischt. In ihm treten historische Persönlichkeiten (Siegfried Sassoon, Wilfried Edward Salter Owen, Dr. W. H. R. Rivers u.a.) auf, aber auch fiktive wie Billy Prior, deren Schicksale sie auf der Grundlage von Akten und Fallbeschreibungen hochdifferenziert ausformt. Man muss sich dabei vor Augen halten, daß der 1. Weltkrieg mehr Opfer forderte, weit mehr Opfer, als der 2. Weltkrieg. So starben zwischen 1914 und 1918 insgesamt 710.000 britische Soldaten, während im 2. Weltkrieg dagegen ’nur‘ ca. 271.000 Soldaten fielen (bei 31.000 bzw. 62.000 zivilen Opfern) [5], die Schrecken der dystopischen Abschlachtfelder Frankreichs, über die noch nicht einmal mehr Krähen fliegen wollten, die der Regen in unüberwindbare Schlammgefilde verwandelte, über die Gas waberte und die Schreie der Verstümmelten, die niemand bergen konnte, grub sich tief ein in die Psyche der Völker. Es ist dies, was Sassoon in seinem Aufruf anklagt: nicht den Krieg an sich, sondern ihn unter diesen Bedingungen sinnlos fortzuführen, die Menschen zu Material zu degradieren und das Schlachten nicht zu beenden, obwohl die ursprünglichen Kriegsziele mittlerweile (der Aufruf wurde 1917 geschrieben) durch Verhandlungen erreichbar seien.

Gleichzeitig vermittelt Barker neben der indirekten Darstellung der Kriegsgräuel auch ein Bild des damaligen Englands, dem sie sich dann im zweiten Band der Trilogie ausführlich widmet. Das damalige England zeichnet sie als ausdrückliche Klassengesellschaft mit der Arbeiterklasse, in dem Menschen vor lauter Not und Armut kleinwüchsig bleiben. Billly Prior entstammt dieser Schicht, er kommt aus dem Norden, einer Landschaft, die in ihrer Armseligkeit in mancher Beziehung so lebensfeindlich wirkt wie die Felder Frankreichs. Dagegen stehen die höheren Gesellschaftsschichten, denen materielle Sorgen fremd sind, die ihr Leben der Jagd und der Politik widmen können. Es ist aber auch eine Gesellschaft, in der es gärt, in der z.B. Frauen Rechte einfordern, in der in der Kunstszene ein Mann wie Oscar Wilde (der häufiger im Roman erwähnt wird) Homosexualität zum Thema macht – und die Gegenreaktion provoziert.

Solche homoerotischen Stimmungen durchziehen die Handlung des gesamten Buches. Insbesondere Prior (als Kind von einem Priester vergewaltigt) ist – obschon mit Sarah liiert – weiterhin empfänglich für gleichgeschlechtliche Reize, aber auch die Beziehung zwischen Sassoon und Owen und selbst in den Gesprächen mit Rivers schwingt immer solch verborgene Sexualität mit.

Rivers ist die zentrale Gestalt des Romans, ja, der gesamten Trilogie. Er, der völlig Erschöpfte, der Ausgelaugte und Überforderte, ist der ruhende Pol, obschon er selbst eigene innere Kämpfe auszufechten hat, denn das Schicksal seiner Patienten läßt ihn keineswegs unberührt. In ihm wird der Kampf zwischen Barbarei und Zivilisation ausgefochten, er ist Abraham, der Isaac opfern, sprich: die ihm Anvertrauten an die Front zurück schicken muss und der darauf wartet, das befreiende Wort ‚Gottes‘ zu hören, das den Beginn der Zivilisation, die Grenze zur Barbarei markiert.

Summa summarum: Pat Barker ist mit ihrer Trilogie (die nächsten Bände werde ich bald hier auch vorstellen) ein zeitloses Meisterwerk über die Grausamkeit eines Krieges gelungen, das weit über den 1. Weltkrieg hinausreicht. Zudem ist es ein kluges und tiefgründiges zeitgeschichtliches Werk über das England dieser Epoche.

Links und Anmerkungen:

[1] Wiki-Beitrag zu Pat Barker:  https://de.wikipedia.org/wiki/Pat_Barker
[2] Hier im Blog vorgestellte Bücher, die sich mit dem 1. Weltkrieg auseinandersetzen: https://radiergummi.wordpress.com/tag/1-weltkrieg/
[3] der Originaltitel des Buches lautet Regeneration, was u.a. sowohl mit ‚Wiederherstellung‘ als auch u.a. mit ‚Aufarbeitung‘ übersetzt werden kann und dem Inhalt des Buches besser entspricht als das deutsche ‚Niemandsland‘.
[4] https://de.wikipedia.org/wiki/Siegfried_Sassoon
https://de.wikipedia.org/wiki/William_Halse_Rivers_Rivers
https://de.wikipedia.org/wiki/Craiglockhart_Hydropathic
[5] nach http://www.science-at-home.de/wiki/index.php/Die_Opfer_des_1._Weltkriegs und https://de.wikipedia.org/wiki/Tote_des_Zweiten_Weltkrieges. Selbst wenn die Erhebungsgrundlagen für die Daten der beiden Quellen unterschiedlich sein mögen, sind die Unterschiede doch deutlich erkennbar. Sogar was die Gesamtzahl aller Gefallenen angeht, war der 1. Weltkrieg grausamer.
[6] vgl. z.B. hier:    https://theredanimalproject.wordpress.com/2011/03/09/poets-of-the-great-war-siegfried-sassoon-and-wilfred-owen/

Pat Barker
Niemandsland
Übersetzt aus den Englischen von Matthias Fienbork
Originalausgabe: Regeneration, London, 1991
diese Ausgabe: dtv, ca. 325 S., 1999
(anscheinend nur noch antiquarisch erhältlich)

 

Wassermann - Caspar Hauser; Buchclubausgabe von 1958

Wassermann – Caspar Hauser; Buchclubausgabe von 1958

Ich kann mich noch gut erinnern…. mein Vater war ein einfacher Mann, der durch den Krieg um alle Möglichkeiten gebracht worden war, die wahrzunehmen er zweifelsohne das Potential gehabt hätte. So war er, der nach dem Krieg lange im Bergbau arbeitete, einer der wenigen aus seinem Umfeld, der Bücher in nennenswertem Umfang besaß – und sie auch nutzte! Unter anderem war er Mitglied eines Buchclubs – ich weiß nicht mehr genau welches – und im Regal stand neben den Drei Musketieren, dem Grafen von Monte Christo (die ich noch besitze) auch das Buch eines gewissen Jakob Wassermann [1]: Caspar Hauser. Aus irgendeinem Grund ist mir von all den Büchern gerade dieses im Gedächtnis geblieben, vielleicht liegt es am Schicksal Hausers, von dem ich aber aus anderen Quellen erfuhr, Wassermanns Buch habe ich nie gelesen.

Doch im Gedächtnis geblieben ist mir dieser jüdische Autor, der wie so viele andere auch dem Wahn eines zwölf Jahre überdauernden Tausendjährigen Reichs zum Opfer fiel und als jetzt diese Neuausgabe eines seiner Romane im Manesse-Verlag erschien, war und ist dies die Gelegenheit für mich, diesen Autoren kennen zu lernen. Zumal ich in letzter Zeit sowieso ein wenig in dieser Epoche der deutschen Literatur unterwegs war.

Faber oder Die verlorenen Jahre von Jakob Wassermann


Faber also (bei dessen Titel man unwillkürlich an Frischs Figur denkt und unwahrscheinlich, daß der Spätere den Roman Wassermanns nicht zumindest den Titel gekannt haben wird) und das Eintauchen in die Nachkriegszeit um 1920. Wie der aus Fürth stammende Autor selbst den Ersten Weltkrieg überstand, ist zumindest einer groben Sicht der biographischen Notizen im Netz [1] nicht zu entnehmen, die Wiki erwähnt zumindest, daß ihn seine damalige Frau von der freiwilligen Meldung zum Dienst abgehalten habe.

Nach unsteten Wanderjahren wurde sein literarisches Talent erkannt und Wassermann arbeitete mehrere Jahre als Redakteur beim Simplicissimus, in dieser Zeit lernte er uner anderen Schriftsteller wie Thomas Mann, Rainer Maria Rilke und Hermann Hesse kennen. Seine eigenen literarischen Versuche brauchten ein wenig Zeit, bis sie Erfolg zeitigten, aber nach Ende des Ersten Weltkrieges avancierte Wassermann dann zu einem der erfolgreichsten und meist gelesenen Autoren Deutschlands. Zusammen mit seinen Bücher wurde 1933 auch seine Hoffnung auf eine humane Welt zerstört, Wassermann starb nur ein Jahr später im Alter von sechzig Jahren.


Jammervoll hat die Zeit in den Seelen der Leute gehaust,
wer leugnet´s?

Faber oder Die verlorenen Jahre führt uns in die direkte Nachkriegszeit des Ersten Welkrieges. Die Hauptperson, Eugen Faber, vor dem Krieg Architekt, war schon in den ersten Wochen in russische Kriegsgefangenschaft geraten und nach fünfeinhalb Jahren über Sibirien und China zurück nach Deutschland, in seine unbenannte Heimatstadt gekommen. Sehr nüchtern und klar schildert Wassermann schon auf diesen ersten Seiten, daß Faber als Fremder heimkehrt, als Mensch, der sich seines Platzes in der Welt nicht mehr sicher ist. Kühl verabschiedet er sich von den Kameraden im Zug, mit denen er Wochen, ja Monate verbrachte, dann mietet er sich in einem schmuddeligen Wirtshaus ein, wird durch das Lachen der Frau im Nebenzimmer, das durch die dünnen Wände dringt, aber hinaus in die Nacht getrieben. Erst jetzt besucht er, nein: nicht die Schwester oder die Mutter oder seine Frau und seinen Sohn, sondern seinen alten Hauslehrer Fleming. Natürlich freut sich dieser sehr über diesen sehr überraschenden Besuch, ist aber auch verwirrt und befremdet über das Verhalten Fabers, der kaum redet, nur etwas zu essen und zu trinken erbittet. Zu Frau und Kind, Mutter und Schwester geht er erst später, es sollen Treffen und Begegnungen werden, die voller Konflikte sind. Daß in ’seinem‘ Haushalt mit Fides eine junge Frau lebt und arbeitet, wird von diesen nicht der geringste sein.

Faber… ist ein Heimkehrerroman, ein Soldat, der schon anfangs des Krieges in russische Gefangenschaft gekommen war, der auf seiner Flucht einen weiten Weg durch Sibirien und China hinter sich brachte und nach fünfeinhalb Jahren wieder in der Heimatstadt auftauchte. Natürlich traumatisiert durch das Erlebte, in der Erinnerung die heimatlichen Verhältnisse idealisiert und konserviert, muss er feststellen, daß er weder in seiner Ehe noch sonstig keineswegs einfach an dem Status wieder anknüpfen kann, den Ehe und Beruf vor dem Krieg hatten. Martina, seine Frau, ist keineswegs mehr die stille Gefährtin, die sich mit ihrer Rolle als Mutter und Hausfrau bescheidet, sie arbeitet und engagiert sich jetzt in einem sozialen Projekt (wie man heute sagen würde), das verwahrlosten Kindern eine neue Heimat bieten will. Und an verwahrlosten Kindern hat diese Zeit wirklich keinen Mangel: […] Ein fünfzehnjähriges Mädchen trat vor, bedeckt mit Eiter und Grind, die Haare von Ungeziefer lebendig. Die Mutter Prostituierte, Vater gab es keinen; Pflegevater verschollen. Ein Heim hatte es nie gehabt, ein Bett nie gesehen; hatte genächtigt in Kellern, unter Brücken, auf Baugerüsten, … Wassermann schildert es auch allgemeiner: […] Aus einem engen, übelriechenden Schacht gleichsam quoll schmutzig und schleimig, was die Gesellschaft an Unrat in ihren Tiefen erzeugt hat. … so sollte es Faber bei einem späteren Besuch der ‚Kinderstadt‘, so der Name des Projekts, empfinden.

Mit diesem Konflikt zwischen Eugen Faber und seiner Frau Martina wird Faber auch zum Eheroman, zum Roman enttäuschter Hoffnungen und Sehnsüchte, zur Schilderung, wie ein sich entwickelndes und gewachsenes Selbstbewusstsein auf ein altes Rollenverständnisse stößt. Weder Eugen noch Martina entsprechen dem, was der jeweilig andere erhofft oder erwartet hatte, zwischen ihnen herrscht eine Sprachlosigkeit, die eine Annäherung verhindert, die im Gegenteil die Entfremdung weiter treibt, bis zu dem Punkt, an dem Faber (es sei dahin gestellt, ob aus wirklichem Gefühl oder aus seiner seelischen Pein heraus) erwiderte Nähe bei Fides spürt….

Als Lichtgestalt, die im Roman erst sehr spät tatsächlich als Figur in Erscheinung tritt, agiert im Hintergrund die Fürstin. Sie, eine ehemalige Nonne, agiert als Kraft- und Sinngeberin für Martina und die ganze Arbeit mit den verwahrlosten Kindern, sie ist die Initiatorin, die Seele der Arbeit. Ihr werden fast mystische Fähigkeiten zugeschrieben, eine ungeheure Menschenkenntnis, sie strahlt eine kaum fassbare positive Aura auf jeden aus, der ihr begegnet, letztlich, am Ende des Romans auch auf Faber selbst, der, auch aus Eifersucht, ihr ablehnend gegenüber steht.

Faber enthält ebenso in anderer Hinsicht Ansätze eines Familienromans. Eugen Faber hatte noch drei Geschwister, der Vater war Arzt und die Mutter Anna, Tochter eines nach Hannover eingewanderten Schotten, war die Unruhe des Hauses. Sie war engagierte Frauenrechtlerin, ging mit ihrem Überzeugungen in die Öffentlichkeit und verwirklichte ihre Ansichten ebenfalls in der Erziehung ihrer Kinder, und zwar in der Art, daß sie ihnen völlige Freiheit ließ. Wassermann schildert das Leben in diesem Haushalt aus der Sicht des schon erwähnten Hauslehrer Fleming, der sich über die Menschen, denen er begegnete, immer Notizen machte: …. Wunderliches Haus, wunderliche Vergesellschaftung von Menschen. Eltern, die sich der Herrschaft über ihre Kinder freiwillig entschlugen, Kinder, für die die Worte Gehorsam und Zucht lächerliche Schälle waren. Keine Regel, keine Ordnung, kein Maß und Gleichmaß, keine religiöse Bind und und tiefere Pietät, alles nur zufällige Übereinkunft und Sichvertragen nach Laune und Wahl. …. Am Ende des Romans – der Vater war im Krieg an einer Krankheit gestorben – sollte die Mutter Anna eine gebrochene Frau sein, all ihre Kinder waren auf die eine oder andere Weise im Leben gescheitert, ihr Bemühen, sie zu freien Menschen zu erziehen, hatte sie zu orientierungslosen gemacht, eine deutliche Kritik an der Reformpädagogik vor und während der Weimarer Zeit [2]. Wassermann läßt die Kinder Klara und Eugen diese fundamentale Kritik an Annas Erziehungsideal in heftigen Anklagen formulieren.


In ihrem Nachwort weist Insa Wilke auf eine Rede Wassermanns hin, die dieser Ende 1922 vor Studenten in Kopenhagen hielt: Rede über die Humanität. Am Beginn seiner Rede erklärt Wassermann habe ihn die Betrachtung dessen angetrieben, ‚was Menschen tun und was Menschen leiden‘, und die daraus folgende Frage, ob der Einzelne unwiderruflich verurteilt sei, ‚alle Qual und Bedrängnis, die von der Gesamtheit ausgeht, […] hinzunehmen wie ‚Sturm oder Erdbeben‘. Jakob Wassermann entwarf seinen „Homo Faber“ als Möglichkeit, das, woran ‚er sich gewöhnt hat, als sein unvermeidliches Schicksal zu bezeichnen, in seinen Wirkungen aufzuheben oder wenigstens abzuschwächen.‘ 

Schlüsselbegriff für seinen Humanitätsbegriff ist Wassermann die Achtung, die anderen entgegengebracht wird, Achtung als Gegensatz zum Mitleid. So wie sie beispielsweise Martina praktiziert wird, die ihre Arbeit bei den Kindern nicht aus Mitleid macht, sondern auch praktischen Erwägungen. Am deutlichsten kommt dieses Prinzip ‚Achtung‘ in der Szene zur Geltung, in der Fides den auf Abwegen geratenen Valentin (dies die endgültige Niederlage des antiautoritären Erziehungsideals von Anna Faber), dadurch noch einmal (zumindest vorläufig) rettet, daß sie ihm im Gegensatz zu den anderen, die nur drohen, Achtung entgegenbringt und nicht verurteilt. Zu nennen wäre aber auch die Aufnahmeprozedur für die verwahrlosten Kinder in die Kinderstadt, in der die Kinder weitgehend nüchtern und neutral weder Verurteilung noch demütigendes Mitleid zugemutet wird (… daß nicht geklagt, gejammert, geweint, geschluchzt wurde, sondern lediglich konstatiert und protokolliert..). 

Es gibt aber auch Gegenbeispiele, zuhauf. Die Fürstin, diese Lichtgestalt des Romans, erklärt Faber bei ihrem Treffen, daß sie jetzt, wo er wieder da ist, Martina wieder an ihn zurückgeben müsse, Martina demütigt ihre Seelenfreundin Fides damit, daß sie ihr und Eugen ihren ‚Segen‘ erteilt: Da ihr euch gern habt, Eugen, und ich es nun weiß, so sollt ihr euch nicht abquälen, so müsst ihr einander haben. Nimm sie, Eugen, nimm sie zu dir, nimm sie mit dir.  Menschen als Verhandlungsmasse, zum Objekt herabgestuft. Weitere Beispiele für solche Nicht-Achtung lassen sich leicht finden, auch – und damit zurück zum Ausgangspunkt – die Erziehung bzw. Nicht-Erziehung läßt sich als mangelnde Achtung der Mutter vor den Kindern sehen, die deren grundlegendes Recht darauf, wie auch immer ausformulierte und gesetzte Grenzen und Leitlinien des Zusammenlebens kennen zu lernen, ignoriert. 


Der Roman, der kurz nach Kriegsende spielt, ist in einer unruhigen politischen Zeit angesiedelt. Im November 1918 wurde revoltiert und am Ende dieser Novemberrevolution die (Weimarer) Republik ausgerufen, eine Republik, die sowohl von rechten als auch von linken Kräften attackiert wurde, um hier nur den Kapp-Putsch von 1920 zu nennen und der Epoche des Wassermannschen Romans zu bleiben. Zu nennen wäre natürlich auch die grassierende Inflation zu dieser Zeit in der Weimarer Republik. Diese politischen (und wirtschaftlichen) Unruhen treten im Faber nur als Hintergrund auf und in Person diverser Figuren: das rechte Spektrum völkischer und nationaler Gesinnung wird durch den reichen Schwager Fabers, Hergesell, repräsentiert, der linke Rand kommunistischer Ideen und mit Russland liebäugelnder Revolutionäre tritt in der Figur des Baltesser auf, der Faber zu einem großen Verrat überredet, einem Verrat an dem Werk seiner Frau. Fleming ist die Figur des zurückgezogenen Wissenschaftlers, Anna die Kämpferin für die Rechte der Frauen und die Fürstin mag man als Personifizierung von im nicht fassbaren angesiedelten Heilsversprechen sowie zutiefst moralischen Handelns nehmen. Die weiter vorstehend dargelegte Zwiespältigkeit der Personen bleibt davon unberührt.

Eugen Faber – er darf nicht vergessen werden. Aufgewachsen in einem Elternhaus, das ihm maximale Grenzenlosigkeit bescherte und die Umwelt zur Willkür auslieferte. Eine Ehe geschlossen, die sich wie von Gott gegeben anfühlte. Schmählich, weil sehr schnell in Kriegsgefangenschaft geraten, alles Hoffen und Sehnen an die Heimat, das Heim gebunden, die lange Flucht und dann die enttäuschende Ankunft. Schon der offensichtlich recht intensive Briefverkehr mit Martina (übergehen wir die Frage, wie dieser Kontakt praktisch gehalten werden konnte in Gefangenschaft und Flucht..) hat Fragen und Irritationen hervorgerufen, zu Hause dann fühlt er nur Fremde und Kälte. Er gehört nicht mehr dazu, mehrfach taucht der Begriff der ‚Entwurzelung‘ im Roman auf. Stumme Verzweiflung bemächtigt sich seiner, aus der heraus er mehrfach großen Fehler begeht…. auch im Beruf, in der Stellung, die man ihm verschaffen kann, findet er keine Befriedigung, sieht er keine Aufgabe mehr für sich… letztlich läßt Wassermann seine Handlung auch offen, es ist nicht klar, was aus Faber wird. Zwischen zwei Frauen stehend, die ihre eigenen Probleme haben, entscheidet er sich dafür zu gehen (‚Lösen, um zu binden.‘) und abzuwarten, bis die eine weiß, daß die Flamme erloschen ist, die sie unschuldig entzündet hat […] und die andere das Feuer wieder nähren will […] Rätselhaft der Schluss des Romans, der eine man möchte sagen, verwirrte Martina zeigt, die mit einem Ton […] zwischen kindlichem Schmerz und strahlendem geheimnisvollen Jubel [rief]: „Fides, wach auf! Fides, wach auf! Weißt du es denn nicht? Hast du´s gehört? Er ist fort, der Liebste! Der Aller-Allerliebste ist von mir gegangen….“ 


Faber oder die verlorenen Jahre ist ein handlungsarmes Stück. Es lebt von von den Betrachtungen der Protagonisten, von den Gesprächen zwischen ihnen, den Diskussionen und Auseinandersetzungen, von den Erinnerungen auch. Wassermann konzentriert sich auf die seelischen Nöte seiner Protagonisten, Faber steht bei ihm als Figur für den entwurzelten und als Fremden, als Aussenseiter zurückgekehrten Kriegsteilnehmer, der die Welt, die er vor dem Krieg kannte, nicht mehr auffindet. Politische Strömungen bekämpfen sich mit zum Teil radikalen Methoden, Krieg und Armut haben soziale Verwerfungen hervorgerufen, einer Arbeit nachzugehen, erscheint sinnlos. Was sich im nächsten Weltkrieg wiederholen sollte, ist auch schon in diesem Menschenschlachten zu beobachten: die Frauen zu Hause, die durch die Abwesenheit der Männer auf sich selbst gestellt waren, entwickeln Selbstbewusstsein und Initiative – müssen dies sogar, um materiell und auch seelisch zu überleben. Nur, daß die Rückkehrer, die sich nichts sehnlicher wünschen als sich hineinfallen zu lassen in das Bild vom Heim, das sie noch verinnerlicht haben, um dann so tun zu können, als hätte die verlorenen Jahre es nicht gegeben, damit nicht zurecht kommen….


Jakob Wassermann gelingt es in seinem Roman, sich trotz der vielen Themen, die er anschneidet, nicht zu verzetteln. Einzig die Episode mit Valentin wäre vielleicht nicht notwendig gewesen, andererseits läßt gerade sie den Charakter von Fides deutlich hervortreten, erfüllt letztlich also doch eine wichtige Aufgabe…. so schafft Wassermann ein großartiges Bild einer Zeit im völligen Umbruch, einer Epoche, die sich neu erschaffen muss, weil das Bisherige in Trümmern liegt. Insofern ist Faber auch ein Gesellschaftsroman, in dem Wassermann seine Vorstellung einer humanen, auf Achtung des Gegenüber fussenden Gemeinschaft formuliert.

Manche der Gespräche und Ausführungen, die Wassermann seinen Figuren in den Mund legt, wirken heutzutage möglicherweise etwas umständlich, etwas grüblerisch, aber wir heutigen haben mittlerweile ja auch gelernt (hoffentlich…), Sprachlosigkeit zu überwinden. Seinerzeit war das In-Sprache-Bringen gerade für Männer noch nicht hoch entwickelt, wir müssen´s hinunterschlucken; wir müssen tapfer sein. Die Welt verlangt es von uns, so erklärt Eugen Faber seinem Sohn, daß dieser nicht weinen soll über das Unglück, das auch dieser natürlich spürt. Diese Erklärung gilt selbstverständlich für´s Sprechen wie für´s Weinen….

Der Roman Faber… ist nach seiner Erstpublikation 1924 bei S. Fischer in Berlin nicht mehr allzu häufig aufgelegt worden. Für 1945 habe ich noch eine schweizerische Ausgabe (Carl Posen, Zürich) gefunden, 2011 erschien eine Taschenbuchausgabe im Salzwasser-Verlag. Die vorliegende Neuerscheinung in der Bibliothek der Weltliteratur des Manesse-Verlages ist ein (wie bei dieser Edition gewohnt) wunderschönes Buch, das mit Erläuterungen und dem sehr informativen Nachwort von Insa Wilke, einer jüngeren deutschen Literaturkritikerin und Germanistin abgerundet ist. Und dem Verlag kommt das große Verdienst zu, mit diesem Buch einem Autoren, dessen Werke 1933 verbrannt worden waren, wieder eine Stimme gegeben zu haben.

Links und Anmerkungen:

[1] – Wiki-Beitrag zu Wassermann: https://de.wikipedia.org/wiki/Jakob_Wassermann
– https://www.literaturportal-bayern.de/autorinnen-autoren?
– http://www.jakob-wassermann.de
[2] zur Geschichte der Reformpädagogik:  https://de.wikipedia.org/wiki/Reformpädagogik#Geschichte_der_Reformp.C3.A4dagogik

Ein Roman, der in ähnlicher Thematik das Schicksal eines Heimkehrers darstellt, ist Erich Maria Remarques: Der Weg zurück; Besprechung hier im Blog: https://radiergummi.wordpress.com/2011/11/12/erich-maria-remarque-der-weg-zuruck/

Jakob Wassermann
Faber oder Die verlorenen Jahre
mit einem Nachwort von Insa Wilke
Erstausgabe: Berlin, 1924
diese Ausgabe: Manesse (Bibliothek der Weltliteratur), HC, ca. 416 S., 2016

Ich danke dem Verlag für die Überlassung eines Leseexemplars.

buchmendel

TOPALIAN & MILANI – der ‚Verlag für schöne Bücher‘ mit Firmensitz in Oberelchingen (ja, da habe ich auch erst einmal google maps gefragt, liegt also ganz nah bei Ulm) ist eine der engagierten Neugründungen (2015) im Verlagswesen, drei Buchbegeisterte, die das Wagnis eingehen, schöne Bücher herzustellen, die nicht nur vom Inhalt, sondern auch von der Gestaltung her ein Augenschmaus sind. Das vorliegende Buch, das zwei Novellen/Erzählungen Stefan Zweigs aus dem Jahr 1929 zum Inhalt hat, ist so eines, durchgehend illustriert mit Zeichnungen von Joachim Brandenberg und Florian L. Arnold, der auch zu den Verlagsgründern zählt.


Stefan Zweig [1]- unter all den tragischen Schicksalen der deutschen Exilschriftsteller (Zweig verließ Österreich 1934 und ging zuerst nach London, vgl. auch [3]) der Nazizeit sicherlich durch den Doppelsuizid, mit dem er zusammen mit seiner Frau 1942 aus dem Leben schied, noch einmal in traurigen Sinne herausstechend. Das vorliegende Buch geht im Nachsatz von Arnold auf die Zeit Zweigs in Brasilien ein. Von außen betrachtet ist es ob der akzeptabel erscheinenden Umstände, in denen das Paar in Petropolis leben konnte, nicht direkt nachvollziehbar, daß Stefan Zweig und seine Frau Lotte keine andere Möglichkeit mehr für sich sahen, als am 23. Februar eine Überdosis Tabletten zu nehmen (Arnold verwendet für diesen Suizid den Begriff ‚Freitod‘, mit dem ich immer sehr unglücklich bin, denn ich sehe nicht, daß hier jemand freiwillig, ohne daß er sich dazu durch innere oder äußere gezwungen fühlte, aus dem Leben gegangen ist.) Lotte Zweig litt wohl stark unter Asthma, Stefan Zweig verwand den Verlust von Arbeitsmaterialien nicht, wurde wegen seines ‚hymnischen‘ Buches über Brasilien angegriffen und gewann nach dem Angriff auf Pearl Harbour die Überzeugung, die Faschisten würden in Bälde auch Lateinamerika, Brasilien, angreifen. Er ist depressiv, … verloren, ratlos, wahrhaft entwurzelt. In seinem Abschiedsbrief schreibt er, daß ihn die langen Jahre heimatlosen Wanderns so sehr erschöpft haben, daß er es für besser hielte, rechtzeitig und in aufrechter Haltung [s]ein Leben abzuschließen, dem geistige Arbeit udn persönliche Freiheit das höchste Gut dieser Erde gewesen.

Die zwei Novellen, die das vorliegende Buch enthält, stammen aus einer Zeit, in der Zweig noch in Österreich lebt, von 1929. Der 1. Weltkrieg ist ein Jahrzehnt vorbei, 1929 ist aber das Jahr, in dem die Weltwirtschaftskrise ausbricht. Schon vorher machte die Weimarer Republik eine Phase exorbitanter Inflation durch, die 1923 durch die Einführung der Rentenmark beendet wurde [2], durch diese Inflation wurde praktisch sämtliches Geldvermögen vernichtet.


In diesem Umfeld ist die erste der beiden Geschichten Zweigs angesiedelt, Die unsichtbare Sammlung. Ein angesehener Berliner Antiquar schildert während einer Bahnreise dem Ich-Erzähler eine sonderliche Begebenheit, die ihn sehr berührt hat. In Folge der Geldentwertung und des Versuches, Geld in Sachwerten anzulegen, war der Markt – so der Antiquar – für Antiquarisches praktisch leergefegt. So durchforstete er die alten Kundenkarteien und stieß auf den Namen eines Sammlers wertvoller Drucke, von dem er schon lange nichts mehr gehört habe. In der Hoffnung, von diesem eventuell Dubletten oder Exponate erstehen zu können, hatte er sich auf die Reise zu dem Mann gemacht und ihn in der kleinen Stadt, in der er lebte, auch angetroffen…..

Der Mann, ein mittlerweile ein weißhaariger Greis, war erblindet. Sein einziges Vergnügen war es, sich täglich seine Sammlung exquisiter Drucke anzu’sehen‘, i.e. die Mappen hervorzuholen, mit den Fingerspitzen über die Seiten zu streichen und vor seinem geistigen Auge die Abbildungen entstehen zu lassen. Natürlich lud er den willkommenen Besucher, der seiner Sammlung endlich (endlich!) den gebührenden Respekt erweisen würde, ein, mit ihm zusammen die Mappen durchzugehen. Doch über den Kopf des Erblindeten hinweg machte die Frau des Mannes dem Antiquar verzweifelte Zeichen, sie müsse mit ihm reden, unbedingt vorher reden…, Waren Frau und Tochter, nachdem aller anderer Besitz der Familie von Wert verkauft worden war, gezwungen, die Drucke gegen leere Blätter Papier auszutauschen und zu verkaufen…..


Das zweite Stück Zweigs im vorliegenden Buch ist der Buchmendel. Er spielt in der Zeit um den 1. Weltkrieg in Wien. Der Erzähler der Geschichte gerät in einen Regenguß und sucht Unterschlupf in einem Café, dem Café Gluck, in dessen Nähe er gerade ist. Undeutlich noch anfangs hat er das Gefühl, den Ort zu kennen… und dann, angesichts einer Seitenstube des Cafés weiß er es: vor zwanzig Jahren war er schon einmal hier und traf an diesem Tisch dort auf einen bemerkenswerten Menschen, Jakob Mendel. Jakob Mendel war ein Schacherer, der mit seinem kleinen Karren durch die Straßen zog und mit Büchern handelte, obwohl er dafür keine Lizenz hatte. Und er hatte sein Stammquartier in dem damaligen Café Gluck, das mittlerweile einen anderen Besitzer hatte.

Mendel war ein Phänomen, ein Wunder der Natur, so erinnert sich der Erzähler: sein Gedächtnis entließ kein Buch, dessen er einmal ansichtig geworden war. Von jedem Buch wusste er die bibliophilen Daten, die Besitzer, wann es gegebenenfalls wo vom wem zu welchem Preis ersteigert oder gekauft worden war. Suchte man ein Buch – Mendel kannte es, wusste, wo ein Exemplar zu finden war. Was Mendel jedoch nicht wusste, nicht zur Kenntnis nahm, war jegliches ausserhalb der Bücherwelt. Bekam er überhaupt mit, daß ein Krieg tobte? Jedenfalls schrieb er unverdrossen nach England, wo denn seine Zeitschriften blieben! Ins feindliche Ausland – der Zensor wurde auf ihn aufmerksam, Mendel wurde vorgeladen, verstand nicht, was man von ihm wollte, gab zu, vor Jahrzehnten aus Russland nach Österreich gekommen zu sein…

Er überlebte das Lager, einflussreiche, ehemalige Kunden konnten ihn dort herausholen, aber derjenige, der dann wieder im Café Gluck erschien, hatte nur noch wenig gemein mit dem ‚alten‘ Mendel….

Dieses spätere Schicksal Mendels erfuhr der Erzähler durch die Toilettenfrau, das einzige Personal, daß Mendel noch gekannt hatte nach all den vielen Jahren. Und sie hatte das letzte Buch, das er an seinem Stammtisch zurücklassen musste, an sich genommen als Erinnerung: die ‚Bibliotheca Germanorum Erotica & Curiosa‘ [4], eine Toilettenfrau, die bis dato an Gedrucktem wohl nur Gebetbücher in den Händen gehalten hatte…

Warum, so könnte man sich fragen, hat Zweig von all den aberwitzig vielen Büchern, die er seinem Mendel als letztes hätte andichten können, ausgerechnet eines über ‚..Erotica..‘ gegönnt? Das kann doch kein Zufall sein… nach Schleichel, auf dessen Analyse der Geschichte ich hier verweise ist es im wesentlichen eine ‚…. ironische Pointe am Schluss…‘, und kann als ‚… Versuch des Autors verstanden werden, diese Tendenz seiner Novelle zum Legendenhaften durch ein ironisches Element abzuschwächen.‘ [5]

Die Geschichte selbst ist nicht frei von Klischees, sei es die ‚träge Passivität‘, die in den Wiener Cafés herrscht, seien es die Sprache und Kleidung des Buchmendels, dieses aus dem Osten gekommenen Juden, auch daß es ausgerechnet eine Toilettenfrau ist, die sich nach Jahren noch an die markante Figur als einzige erinnern kann, ist symbolisch aufgeladen. Mendel, als Jude Angehöriger einer Religion, die das Buch, die Auslegung, in den Mittelpunkt des Lebens stellt, ist derjenige, der dies hier auf die Spitze treibt: die Bücher sind sein Leben, nichts außerhalb der Bücher nimmt er wahr, eine fürwahr selbstzerstörerische Fixierung für ihn. Möglicherweise läßt sich hier die Mahnung  herauslesen, sich auch um das zu kümmern, was ausserhalb der heilen Welt (hier der Bücher) geschieht. Eine Mahnung, die an Aktualität nichts verloren hätte.

Da ich mit Schleichel [5] eine Quelle verlinkt habe, in der der Buchmendel wohl hinreichend ausgedeutet ist, beschränke ich mich mit dem Wenigen, was ich hier aus meiner Sicht festgehalten habe. Beide Texte, sie sind ja nicht lang, lesen sich trotz des mittlerweile etwas antiquiert wirkenden Stils, sehr gut und verstehen auch heute noch zu packen und zu fesseln.


Aber über diese Ausgabe der Zweigschen Texte aus dem TOPALIAN & MILANI läßt sich nicht berichten, ohne auf die Buchgestaltung einzugehen. Die ist – mit einem Wort – liebevoll. Der gewählte Fonts ‚Bodoni‚ passt gut zum Zeit, in der Geschichte die Geschichte spielt, das Buch ist durchgängig mit Illustrationen zweier Künstler versehen, die zusätzlich erläutert werden. Daß ich persönlich die ins absurd-groteske gehenden Zeichnungen Arnolds [2] nicht so gefällig finde, ändert nichts an deren Qualität, in der Kunst sind die Geschmäcker eben verschieden. Besser ‚munden‘ mir da schon die Beiträge Brandenbergs [2], der den Buchmendel illustriert hat, ich habe es eben mehr mit dem Konkreteren….

Ergänzt werden die Zweigschen Texte durch die erwähnte kurze Schilderung der Umstände, unter denen das Ehepaar in Brasilien lebte und letztlich den tragischen Entschluss zum Doppelsuizid fasste; auch der Abschiedsbrief Zweigs ist enthalten.

Prinzipiell wünsche ich ja allen engagierten Buch- und/oder Verlagsprojekten Erfolg, dieses Buch von TOPALIAN & MILANI jedenfalls bietet beste Voraussetzungen dafür, es hätte ihn, sprich auch: es hätte viele Leser und Käufer, vollauf verdient.

Links und Anmerkungen:

[1] Wiki-Beitrag zu Stefan Zweig: https://de.wikipedia.org/wiki/Stefan_Zweig
[2] Webseite des Verlages: http://www.topalian-milani.de
zu Joachim Brandenberg: http://joachimbrandenberg.de/ueber-mich/
zu Florian L. Arnold: http://www.florianarnold.de
[3] Bei C.H. Beck ist gerade eine neue Biographie über diesen Lebensabschnitt Zweigs erschienen: George Prochnik, Das unmögliche Exil; hier eine Besprechung des Buches von Norman Weiss: https://notizhefte.com/2016/10/01/stefan-zweig-im-exil/
[4] … die im antiquarischen Buchhandel natürlich immer noch erhältlich ist, unter anderen in einer neun-bändigen Sammlung.
[5] Sigurd Paul Scheichl: Stefan Zweigs „Buchmendel“ – Bibliografie und Gedächtnishttp://eprints.rclis.org/24799/1/19-Scheichl_Sigurd_Paul_Stefan_Zweigs_„Buchmendel“.pdf

Stefan Zweig ist hier im Blog noch mit zwei anderen Titeln vertreten, zum einen der Schachnovelle und weiter mit Der Amokläufer.

Stefan Zweig:
Buchmendel & Die unsichtbare Sammlung
Zwei Novellen.
Neuausgabe mit einem Nachwort
ferner mit Illustrationen von Joachim Brandenberg & Florian L. Arnold
diese Ausgabe: HC, TOPALIAN & MILANI, ca. 152 S., 2016

Ich danke dem Verlag für die Überlasssung eines Leseexemplars.

Ein Thema kehrt in Drieus Romanen häufig wieder: das Thema der Jüdin. Gilles Drieu, dieser stolze Wikinger, hatte keine Hemmungen, Jüdinnen zu verschachern, zum Beispiel eine gewisse Myriam. … Bei Jüdinnen ergab Drieu sich der Illusion, ein Kreuzfahrer zu sein, ein teutonischer Ritter. …. Aber Drieu als Kollaborateur? Das erkäre ich mühelos: Drieu faszinierte die dorische Virilität. Im Juni 1940 fallen die wahren Arier, die wahren Krieger über Paris her: Eilig zieht Drieu das Wikingerkostüm aus, das er sich geliehen hatte, um die jüdischen Mädchen von Passy zu misshandeln. Er findet zu seiner wahren Natur zurück: Unter dem metallblauen Blick der SS-Männer wird er weich, schmilzt, fühlt plötzlich orientalische Sehnsüchte in sich aufkeimen. Schon bald liegt er in den Armen der Sieger. Nach ihrer Niederlage opfert er sich.

Der diesen keineswegs bewundernden Blick auf den Autor des vorliegenden Erzählbandes Die Komödie von Charleroi wirft, ist Raphaël Schlemilovitch, der Protagonist des fulminanten Romans Place de l’Étoile von Patrick Modiano [2], in dem der Nobelpreisträger für Literatur des Jahres 2014 u.a. mit der kollaborierenden intellektuellen Elite Frankreichs im Zweiten Weltkrieg abrechnet.


Thomas Laux hat dieser vorliegenden Sammlung von sechs Erzählungen, die der Manesse-Verlag dieses Jahr 2016 in deutscher Erstausgabe herausgebracht hat, ein erklärendes Nachwort beigefügt, in dem er auf diese schillernde Figur des Pierre Drieu La Rochelle [1] eingeht.

Solidität und Entschlossenheit, so Laux, sind keine Begriffe, auf die man bei der Charakterisierung von Drieu zurückgreifen würde. Ab 1934 bekennt dieser sich offen zum Faschismus und arbeitet mit den Okkupanten zusammen, 1940 übernimmt er, ein wahrhafter ‚Frankreichhasser‘, auf Vorschlag des deutschen Botschafters in Paris die Redaktion einer im Verlag Gallimard erscheinenden Monatszeitschrift, aus der er 1943 müde und schwermütig geworden, wieder ausscheidet. Sein ‚glühender‘ Antisemitismus läßt sich nicht auf ein Ereignis und bestimmte Gegebenheiten zurückführen, in erster Ehe war sogar er mit einer Jüdin verheiratet. Vor seinem Bekenntnis zum Faschismus zeigte er nach dem 1. WK pazifistische Gedanken, freundete sich mit Surrealisten an, auch für den Kommunismus wusste er sich zu erwärmen, bis er dann 1934, dem Publikationsjahr des vorliegenden Buches sich zum Faschismus bekannte. Gegen Kriegsende jedoch, als die Niederlage des Faschismus offensichtlich wurde, erwärmte er sich erneut für die kommunistische Idee, auch mystisches aus Indien fing an, ihn zu faszinieren.

Ich habe diese sich stetig ändernde Ausrichtung Drieus hier grob referiert, weil es beim Lesen seiner Geschichten dem Verständnis und Einordnung hilft. Beginnen wir also unsere Reise in die Gedankenwelt dieses schillernden französischen Intellektuellen.

charleroi


Die Komödie von Charleroi ist die längste der sechs Erzählungen des Buches und gibt ihm ihren Namen. Der Ich-Erzähler ist als Sekretär bei Madame Pragen, einer bürgerlichen Witwe angestellt, einer Art wandelndes Potemkin´schen Dorfes, eine bourgeoise Frau, die nach aussen viel darstellt, die auf ihre Wirkung bedacht ist, die aber wenig Substanz verkörpert. Sie musste selbst in Licht der Öffentlichkeit stehen oder an diesem Licht teilhaben, in dem bekannte Persönlichkeiten standen. Es ist der 2. Juli 1919, die beiden Personen sind auf der Fahrt von Paris nach Charleroi in Belgien. Dort begann für den Ich-Erzähler am 24. August 1914 der Krieg in einem Gefecht gegen die Deutschen. Madame Pragen will sich den Ort und die Schlachtfelder in seiner Umgebung ansehen, auf denen Claude, ihr Sohn, damals starb. Der Erzähler (Der Besuch der Stätten lockte und ängstigt ihn zugleich) erinnert sich an Claude, einem jüdischen Kameraden, den er als schwachen und ungeschickten Bourgeois mit Zwicker auf der Nase, blass und auf die Ankündigung „Sie sind da“ mit offenem Mund auf dem Boden hockend und erledigt im Gedächtnis hat.

Die Delegation mit Honoratioren aus dem Ort um Madame Pragen herum besucht die Schlachtfelder von damals. Wo jetzt Kühe grasten, wurde vor wenigen Jahren Blut vergossen, liegen die Kameraden von damals… Der Erzähler erinnert sich an diesen 24. August 1914, wie er ihn erlebte, zwischen Angst und Furcht einerseits und auf der anderen Seite Anfällen von Mut und Heroismus, in denen er nach vorne stürmte, er den Rausch eines Anführers spürte, denn ein Anführer ist ein Mann in seiner Vollendung; der Mann, der in derselben Bewegung gibt und nimmt. Immer wieder klingt die Verachtung für Frankreich durch, das seine Soldaten mit schlechter Ausrüstung unvorbereitet in den Kampf schickte. Mit roten Hosen lagen sie gut sichtbar im Gelände, die wenigen, schlechten Maschinengewehre waren bald funktionsuntüchtig, die Offiziere zur Handlung unfähig.. wie anders dagegen die Deutschen, die in ihrem feldgrauen Uniformen praktisch unsichtbar waren, der MG sie unablässig mit Kugeln eindeckten, deren Artillerie nicht aufhörte, zu mit Feuer zu überziehen… er wird verletzt, irrt auf der Flucht durch die Gegend, trifft wieder auf seine Truppe, doch der Krieg war für sie wie für mich verloren. … Es war wie 1870. Die französische Armee mit ihren roten Hosen trat den Rückzug  an. Geschlagen von der Technik, von der ‚Explosion der Chemie‘, es ist kein ehrenhafter Kampf mehr Mann gegen Mann, der Krieg ist ihm zu anonym geworden, zu sehr Materialschlacht….

Die äußere Handlung geht derweil weiter, mitten im Wald hat der nordische Genius …. einen Friedhof, ein kleines Walhalla, in der die stille männliche Reinheit herrscht, angelegt. Man gräbt diverse Särge aus, öffnet sie, blickt in den honigartigen Horror, den sie beinhalten, bis Madame Pragen endlich definiert: „Das ist er„.

Die Welt ist absurd. Doch die Gesten, die sie ausführt, sind schön.

Stilistisch hat mich diese Erzählung stark an Mondiano (zumindest die Romane, die ich von ihm kenne) erinnert, den ich eingangs ja zitierte: ein Protagonist, der in Gedanken ein prägendes Ereignis noch einmal erlebt, durchanalysiert und bewertet, der wechselnden Emotionen ausgesetzt ist, der ein inneres Zwiegespräch führt, in dem er seine eigene Position zu finden sucht, der sich auch treiben läßt vom gegenwärtigen Gedankenstrom.

Inhaltlich finden wir in Die Komödie… das in den Erläuterungen Gesagte wieder: die Verachtung für Frankreich mit den mehrfach erwähnten roten Hosen für seine Soldaten aus augenscheinlichstes Symbol und der schlechten Bewaffnung als fatalstem, die spürbare Verachtung für die Juden, die zum ersten Mal in der Charakterisierung Claudes deutlich wird und dann später noch einmal bei einer anderen Person: Joseph Jacob. Das war ein Jude. Ein Jude, wie man so sagt. Was ist ein Jude? Keiner weiß es. Aber man spricht davon. Persönlich war er friedfertig, nicht sehr intrigant, ein recht hübscher Bursche, ziemlich vulgär, nicht klug, kein bisschen intellektuell. Ein kleiner Börsenspekulant. Er hatte eine hübsche schmale Nase mit Sommersprossen. Diese Beschreibung also eine Mischung aus bekannten Verleumdungen und einem durchwachsenen persönlichen Eindruck, dessen Aspekte fast auf Erotisches hinzudeuten scheinen. Eine entsprechende, aber ironisierende Verachtung findet sich ebenfalls gegenüber Madam Pragen als Vertreter der Großbürgertums.

Drieu kannte den Krieg, er hat den 1. WK mitgemacht, lag vor Verdun und kämpfte auch auf anderen Schlachtfeldern. Er schildert ihn in seinen Erzählungen, er stellt nicht so sehr das körperliche Gemetzel in den Vordergrund, sondern eher die psychischen Auswirkungen des Kampfes, des Beschusses, des mangelnden Vertrauens in die Vorgesetzten ….


Apropos Verdun… die zweite Erzählung, Der Hund der heiligen Schrift, deutlichst kürzer als die vorangegangene, spielt in Verdun – bzw. eben nicht, denn Drieu wendet hier einen raffinierten Trick an: er splittet die Erzählung in zwei Teile. Der erste Teil spielt in einer Eliteeinheit, die normalerweise nur zu den großen Offensiven im Frühjahr und im Herbst eingesetzt wird. Die Männer im Ruheraum erholen sich prächtig, als ein paar neue Kameraden eintreffen, unter ihnen ein Sergeant Grummer, der sich abseits hält, der Kleidung nach etwas ‚Besseres‘ ist, eine Aura der Unnahbarkeit um sich verbreitet. Ist es Angst? Gummer stellt ein Versetzungsversuch nach dem anderen, er will zu den Fliegern. Ausgerechnet an dem Tag, an dem die Einheit unerwartet früh ihren Einsatzbefehl nach Verdun bekommt, wird seinem Gesuch stattgegeben.

Viele Jahre später wird der Ich-Erzähler in Paris zu einer Filmpremiere eingeladen, gezeigt werden soll ein Film über die Schlacht bei Verdun. Mit zwiespältigen Gefühlen nimmt er die Einladung eines Freundes zu diesem Film an. Schon nach wenigen Momenten sah er Orte vor sich, an denen er so gelitten und durch das Leiden manch extreme Seite von sich selbst kennengelernt hatte. …. Trotzdem ist auch das gelungenste Kunstwerk eine Enttäuschung für jeden, der die elende Wahrheit in Händen gehalten hat, doch kann es ihn in einen Rausch versetzen, der seine teuren Erinnerungen befördert. .. In der Stille, die im Saal herrscht, hört er in der Reihe hinter sich Gemurmel und leises Aufstöhnen, in der Pause hört er das Gespräch des Paares mit. Der Mann war in Verdun, läßt sich bewundern…. es ist genau dieser Sergeant Grummer, den der Ich-Erzähler nach Ende des Films sieht und erkennt und auch Grummer erkennt ihn, erbleicht und senkt seine Lider. Und die Frau neben ihm durchzuckt eine Art Erleuchtung….

Auf diese raffinierte Art schildert Drieu die Schrecken Verduns indirekt, die ungeheure, gigantische Angst, die die Männer auf den flachen Hügeln sich niederkauern und winden ließ: Was für eine Bestie, besessen von einen zynischen, obszön, hysterischen, rasenden Bekenntnis, war da hinter Thiaumont, in der Mulde von Fleury aus all unserer Angst erwachsen, der Angst geduckter, gekrümmter, sich wälzender, in der gefrorenen Erde eingegrabener, im Schweiß, im Schlamm, im Blut versauernden Männer. 


Die Reise zu den Dardanellen entspricht vielleicht am ehesten der Erwartung an eine Kriegserzählung. Der Ich-Erzähler, zweiundzwanzig Jahre und fünf Monate alt, befindet sich nach einer Verwundung in der Etappe, in der Normandie, er sieht sich selbst als Drückeberger. Dies hat ein Ende als ein Freiwilligenregiment für den Einsatz gegen die Türken aufgestellt wird und er sich mit seiner Einheit meldet. Bevor der Truppentransport der dreitausend Freiwilligen an die Dardanellen (Schlacht von Gallipoli als Basis zur Eroberung von Konstantinopel) in Marsch gesetzt wird,  gibt es noch einen längeren Aufenthalt in Marseille. In der Türkei kommen sie in grausame Grabenkriege, die Türken beschießen sie aus allen Rohren, die Deutschen sind auch da und die Vorgesetzten der bunten Franzosentruppe erweisen sich als allesamt unfähig und inkompetent. So ergreift der Erzähler die Eigeninitiative und kämpft auf eigene Verantwortung unter Mißachtung der Befehle… es nutzt nichts. Zwar überlebt er, aber er weiß, nicht wie….

Inhaltlich kann man diese etwas längere Erzählung in zwei Abschnitte teilen. Der erste schildert den Versuch eines Selbstfindungprozesses, den der junge Mann durchlebt, unter anderen bei und mit verschiedenen Prostituierten in Marseille. Der längere Teil schildert das Leben und die Ereignisse im Regiment und nachher die Kämpfe in der Türkei. Wie durchgängig im Buch kommt Frankreich auch hier im Vergleich mit Verbündeten schlecht weg: mangelhafte Disziplin, lottriges Auftreten, unfähige und feige Offiziere. Die Kämpfe selbst sind grausam und dreckig, der Schrecken besteht aus Hitze, Durst, verwesten Leichen, schikanösen Bombardements, Ruhr.Die Laufgräben sind voll von den Abfällen des Krieges, Konservendosen, Armen, Gewehre, Beutel, Kisten, Beine, Scheiße, Geschosshülsen, Granaten, Stofffetzen und sogar Papier. Der Erzähler unterliegt unter diesen Verhältnissen selbst irrationalen Mutausbrüchen, in denen er voranstürmt, zum Schrecken seiner Leute: Man muss immer alles selbst machen. Man muss gegen die Chefs und gegen die eigenen Männer mindestens genauso kämpfen wie gegen den Feind.


Es ist eher ein Krieg der Fabriken als ein Krieg der Menschen. Die Verachtung für diese Art des Krieges wird auch in Der Oberleutnant der Tirailleurs deutlich, verbunden mit der Schuldzuweisung: Das ist die Demokratie und der Feststellung: Ein Mann darf einen Mann nur töten, wenn er ihn sieht, auf Armlänge. … Wir werden in dieser Erzählung nach Marseille geführt. Es ist 1917, der Ich-Erzähler trifft dort auf einen Oberleutnant der marokkanischen Truppenteile, mit dem er ins Gespräch kommt. Es geht um den Krieg, natürlich, um die Angst in Verdun (Ich wäre kein Mensch, wenn ich keine Angst gehabt hätte. Die diese trostlose Schlächterei ertragen können, sind keine Menschen, oder?), den Schrecken von Thiaumont, den der Erzähler in dieser Episode angestoßen durch das Gespräch über Verdun nacherlebt.


Der Deserteur spielt in Südamerika. Der Ich-Erzähler besucht Bolivien dort nach dem Krieg als Mitglied einer Wirtschaftsdelegation und wird am Tag nach seinem Vortrag von einem Mann aufgesucht, der sich als Deserteur von 1914 vorstellt, der schon fünfzehn Jahre mit keinem intelligenten Franzosen mehr geredet hatte…. Das folgende Gespräch dreht sich wiederum um die Themen: Vaterland, Patriotismus, das Wesen des Krieges, den Nationalismus… mit Aussagen wie: Akzeptiert man das Vaterland, akzeptiert man den Krieg. oder: Zivilisation heißt Krieg Beim Anblick seines Gegenübers sinniert der Erzähler: Wie kann man diesen Menschentypus an den universellen Sozialismus von morgen anpassen? Wie kann man diese Linie mit der Linie Stalins und Hitlers verknüpfen. Die auf S. 120f wiedergegebenen Ausführungen zum Nationalismus, den er dort als ‚Krankheit‘ bezeichnet, sind sicherlich eine Schlüsselstelle für seine politischen Ansichten.


Die das Buch abschließende Erzählung Das Ende des Krieges spielt 1918 wieder in der Nähe Verduns. Amerikanische und französische Truppen kämpfen gemeinsam, wobei die Amerikaner mit einer gewissen Verachtung auf das Frankreich, das sie durchquert hatten, mit den kleinen Häusern, den Misthaufen, den Männern, die Prügel einstecken und den vielen schamlosen Huren, schauen. Der Ich-Erzähler ist als Dolmetscher und Verbindungsoffizier tätig, noch einmal geht es ihm darum, Mut zu beweisen, deshalb bittet der den General, ihn auf die Inspektion der vordersten Frontlinie begleiten zu dürfen. Er ist hin- und hergerissen von seinen Gefühlen, wie in anderen Erzählungen taucht auch hier wieder der Beschuss mit der riesigen Granate in Thiaumont auf, bei dem ihm aus innerster Seele ein Schrei entfahren war, an diesen Schrei musste er sich klammern, denn dieser Schrei war ihm geblieben, seit zwei Jahren genügte der kleinste Anlass an jedem beliebigen Ort, damit er mich von Neuem gänzlich ausfüllte…. diese Schilderung eines Flashbacks kann man wohl als frühe literarische Fixierung einer PTBS ansehen, die den Ich-Erzähler quält…



Sechs Erzählungen, die im Ersten Weltkrieg spielen, geschrieben von einem Autoren, der sein ‚Vaterland‘ verachtet, der deutlich antisemitische Untertöne in seinen Text einfließen läßt und der seine Affinität zum aufkeimenden Faschismus der Zeit, in der er das Buch publiziert, nicht verheimlicht… muss man das lesen? Oder anders herum gefragt: warum habe ich es gelesen? Hätte ich mir das Buch schicken lassen, wenn ich mich vorher eingehender informiert hätte? Mich hat das Coverbild gereizt, ich gebe es zu, und des prinzipielle Sujet der Erzählungen, die den ersten großen Weltenbrand umfassen….

Es sind sechs Geschichten, die jeweils von einem Ich-Erzähler erzählt werden. Für mich war es jeweils – ohne, daß dies explizit gesagt wurde – der gleiche Erzähler, mir ist auch noch eine Stelle erinnerlich, in der sich auf eine vorhergehende Erzählung bezogen wird. In den Geschichten wird viel Erlebtes geschildert, Drieu ging 1914 als junger Mann mit einundzwanzig Jahren in den Krieg, er kämpfte vor Verdun und in den Dardanellen, war wie sein Erzähler verwundet. Drieu kannte also den Krieg, stellt ihn authentisch und ohne Illusionen dar, kannte dessen Grausamkeit, umso unverständlicher seine Begeisterung für den Faschismus, der Europa erneut in Brand setzte.

Thomas Laux geht in seinem Nachwort eben kurz auf diese Frage ein, wie man Drieu heutzutage lesen kann angesichts seiner offenen Kollaboration mit den Nazis im Zweiten Weltkrieg. Die französische Ausgabe ist aus diesem Grund mit einer profunden Einleitung und weiteren Erläuterungen und Anmerkungen zum Text versehen, die deutsche Ausgabe weist dieses Nachwort von Laux auf sowie Anmerkungen, die jedoch im wesentlich Sachinformationen zu Namen und Daten geben.

Nimmt man die antisemitische und rassistischen Äußerungen Drieus zwar zur Kenntnis, stellt sie aber nicht in den Mittelpunkt, so stellt Die Komödie von Charleroi eine illusionslose Schilderung der Verwüstungen dar, die ein Krieg auf dem Schlachtfeld und in der Psyche eines Soldaten anrichten kann. Insbesondere die zwei Namen ‚Verdun‘ und ‚Thiaumont‘ ziehen sich durch die Geschichten, Ereignisse, die mehr als einen Soldaten aus der Bahn geworfen haben werden – sofern er überlebt hat. In manchen Momenten, auch Laux weist darauf hin, erinnert Drieu an Jünger mit seiner Formulierung vom „Stahlgewitter“: auch bei Drieu wird die Technisierung des Krieges hervorgehoben, aber im Unterschied zu Jünger bedauert; der Kampf Mann gegen Mann entspricht seiner Vorstellung vom Krieg weit eher.

So zweifelhaft einige Aussagen des Buches sind, so gelungen und gekonnt ist die literarische Umsetzung des Themas, dessen sich Drieu angenommen hat. Zumindest in dieser Hinsicht ist die Lektüre des Buches sehr lohnend und dem Manesse-Verlag kommt das Verdienst zu, es in dieser wunderschön gestalteten Ausgabe zugänglich gemacht zu haben.

Links und Anmerkungen:

[1] Wiki-Beitrag zum Autor: https://de.wikipedia.org/wiki/Pierre_Drieu_la_Rochelle
[2] Patrick Modiano: Place de l’Étoile (Buchvorstellung hier im Blog)
Der genannte Name ‚Gilles Drieu‘ bezieht sich auf die Titelfigur des Romans Gilles (1939/42), die biographische Ähnlichkeiten zum Autoren hat, auf die auch Laux in seinem  Nachwort hinweist (Liebesgeschichten, diffuse Todessehnsucht, Faschismus als letzte Option).

Pierre Drieu La Rochelle
Die Komödie von Charleroi
mit einem Nachwort von Thomas Laux
Übersetzt aus dem Französischen von Andrea Spingler und Eva Moldenhauer
Originalausgabe: La Comédie de Charleroi, Gallimard (Paris), 1934
diese Ausgabe: Manesse, HC, ca. 270 S., 2016 (dt. Erstausgabe)

Ich danke dem Verlag für die Überlassung eines Leseexemplars.

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