Wassermann - Caspar Hauser; Buchclubausgabe von 1958

Wassermann – Caspar Hauser; Buchclubausgabe von 1958

Ich kann mich noch gut erinnern…. mein Vater war ein einfacher Mann, der durch den Krieg um alle Möglichkeiten gebracht worden war, die wahrzunehmen er zweifelsohne das Potential gehabt hätte. So war er, der nach dem Krieg lange im Bergbau arbeitete, einer der wenigen aus seinem Umfeld, der Bücher in nennenswertem Umfang besaß – und sie auch nutzte! Unter anderem war er Mitglied eines Buchclubs – ich weiß nicht mehr genau welches – und im Regal stand neben den Drei Musketieren, dem Grafen von Monte Christo (die ich noch besitze) auch das Buch eines gewissen Jakob Wassermann [1]: Caspar Hauser. Aus irgendeinem Grund ist mir von all den Büchern gerade dieses im Gedächtnis geblieben, vielleicht liegt es am Schicksal Hausers, von dem ich aber aus anderen Quellen erfuhr, Wassermanns Buch habe ich nie gelesen.

Doch im Gedächtnis geblieben ist mir dieser jüdische Autor, der wie so viele andere auch dem Wahn eines zwölf Jahre überdauernden Tausendjährigen Reichs zum Opfer fiel und als jetzt diese Neuausgabe eines seiner Romane im Manesse-Verlag erschien, war und ist dies die Gelegenheit für mich, diesen Autoren kennen zu lernen. Zumal ich in letzter Zeit sowieso ein wenig in dieser Epoche der deutschen Literatur unterwegs war.

Faber oder Die verlorenen Jahre von Jakob Wassermann


Faber also (bei dessen Titel man unwillkürlich an Frischs Figur denkt und unwahrscheinlich, daß der Spätere den Roman Wassermanns nicht zumindest den Titel gekannt haben wird) und das Eintauchen in die Nachkriegszeit um 1920. Wie der aus Fürth stammende Autor selbst den Ersten Weltkrieg überstand, ist zumindest einer groben Sicht der biographischen Notizen im Netz [1] nicht zu entnehmen, die Wiki erwähnt zumindest, daß ihn seine damalige Frau von der freiwilligen Meldung zum Dienst abgehalten habe.

Nach unsteten Wanderjahren wurde sein literarisches Talent erkannt und Wassermann arbeitete mehrere Jahre als Redakteur beim Simplicissimus, in dieser Zeit lernte er uner anderen Schriftsteller wie Thomas Mann, Rainer Maria Rilke und Hermann Hesse kennen. Seine eigenen literarischen Versuche brauchten ein wenig Zeit, bis sie Erfolg zeitigten, aber nach Ende des Ersten Weltkrieges avancierte Wassermann dann zu einem der erfolgreichsten und meist gelesenen Autoren Deutschlands. Zusammen mit seinen Bücher wurde 1933 auch seine Hoffnung auf eine humane Welt zerstört, Wassermann starb nur ein Jahr später im Alter von sechzig Jahren.


Jammervoll hat die Zeit in den Seelen der Leute gehaust,
wer leugnet´s?

Faber oder Die verlorenen Jahre führt uns in die direkte Nachkriegszeit des Ersten Welkrieges. Die Hauptperson, Eugen Faber, vor dem Krieg Architekt, war schon in den ersten Wochen in russische Kriegsgefangenschaft geraten und nach fünfeinhalb Jahren über Sibirien und China zurück nach Deutschland, in seine unbenannte Heimatstadt gekommen. Sehr nüchtern und klar schildert Wassermann schon auf diesen ersten Seiten, daß Faber als Fremder heimkehrt, als Mensch, der sich seines Platzes in der Welt nicht mehr sicher ist. Kühl verabschiedet er sich von den Kameraden im Zug, mit denen er Wochen, ja Monate verbrachte, dann mietet er sich in einem schmuddeligen Wirtshaus ein, wird durch das Lachen der Frau im Nebenzimmer, das durch die dünnen Wände dringt, aber hinaus in die Nacht getrieben. Erst jetzt besucht er, nein: nicht die Schwester oder die Mutter oder seine Frau und seinen Sohn, sondern seinen alten Hauslehrer Fleming. Natürlich freut sich dieser sehr über diesen sehr überraschenden Besuch, ist aber auch verwirrt und befremdet über das Verhalten Fabers, der kaum redet, nur etwas zu essen und zu trinken erbittet. Zu Frau und Kind, Mutter und Schwester geht er erst später, es sollen Treffen und Begegnungen werden, die voller Konflikte sind. Daß in ’seinem‘ Haushalt mit Fides eine junge Frau lebt und arbeitet, wird von diesen nicht der geringste sein.

Faber… ist ein Heimkehrerroman, ein Soldat, der schon anfangs des Krieges in russische Gefangenschaft gekommen war, der auf seiner Flucht einen weiten Weg durch Sibirien und China hinter sich brachte und nach fünfeinhalb Jahren wieder in der Heimatstadt auftauchte. Natürlich traumatisiert durch das Erlebte, in der Erinnerung die heimatlichen Verhältnisse idealisiert und konserviert, muss er feststellen, daß er weder in seiner Ehe noch sonstig keineswegs einfach an dem Status wieder anknüpfen kann, den Ehe und Beruf vor dem Krieg hatten. Martina, seine Frau, ist keineswegs mehr die stille Gefährtin, die sich mit ihrer Rolle als Mutter und Hausfrau bescheidet, sie arbeitet und engagiert sich jetzt in einem sozialen Projekt (wie man heute sagen würde), das verwahrlosten Kindern eine neue Heimat bieten will. Und an verwahrlosten Kindern hat diese Zeit wirklich keinen Mangel: […] Ein fünfzehnjähriges Mädchen trat vor, bedeckt mit Eiter und Grind, die Haare von Ungeziefer lebendig. Die Mutter Prostituierte, Vater gab es keinen; Pflegevater verschollen. Ein Heim hatte es nie gehabt, ein Bett nie gesehen; hatte genächtigt in Kellern, unter Brücken, auf Baugerüsten, … Wassermann schildert es auch allgemeiner: […] Aus einem engen, übelriechenden Schacht gleichsam quoll schmutzig und schleimig, was die Gesellschaft an Unrat in ihren Tiefen erzeugt hat. … so sollte es Faber bei einem späteren Besuch der ‚Kinderstadt‘, so der Name des Projekts, empfinden.

Mit diesem Konflikt zwischen Eugen Faber und seiner Frau Martina wird Faber auch zum Eheroman, zum Roman enttäuschter Hoffnungen und Sehnsüchte, zur Schilderung, wie ein sich entwickelndes und gewachsenes Selbstbewusstsein auf ein altes Rollenverständnisse stößt. Weder Eugen noch Martina entsprechen dem, was der jeweilig andere erhofft oder erwartet hatte, zwischen ihnen herrscht eine Sprachlosigkeit, die eine Annäherung verhindert, die im Gegenteil die Entfremdung weiter treibt, bis zu dem Punkt, an dem Faber (es sei dahin gestellt, ob aus wirklichem Gefühl oder aus seiner seelischen Pein heraus) erwiderte Nähe bei Fides spürt….

Als Lichtgestalt, die im Roman erst sehr spät tatsächlich als Figur in Erscheinung tritt, agiert im Hintergrund die Fürstin. Sie, eine ehemalige Nonne, agiert als Kraft- und Sinngeberin für Martina und die ganze Arbeit mit den verwahrlosten Kindern, sie ist die Initiatorin, die Seele der Arbeit. Ihr werden fast mystische Fähigkeiten zugeschrieben, eine ungeheure Menschenkenntnis, sie strahlt eine kaum fassbare positive Aura auf jeden aus, der ihr begegnet, letztlich, am Ende des Romans auch auf Faber selbst, der, auch aus Eifersucht, ihr ablehnend gegenüber steht.

Faber enthält ebenso in anderer Hinsicht Ansätze eines Familienromans. Eugen Faber hatte noch drei Geschwister, der Vater war Arzt und die Mutter Anna, Tochter eines nach Hannover eingewanderten Schotten, war die Unruhe des Hauses. Sie war engagierte Frauenrechtlerin, ging mit ihrem Überzeugungen in die Öffentlichkeit und verwirklichte ihre Ansichten ebenfalls in der Erziehung ihrer Kinder, und zwar in der Art, daß sie ihnen völlige Freiheit ließ. Wassermann schildert das Leben in diesem Haushalt aus der Sicht des schon erwähnten Hauslehrer Fleming, der sich über die Menschen, denen er begegnete, immer Notizen machte: …. Wunderliches Haus, wunderliche Vergesellschaftung von Menschen. Eltern, die sich der Herrschaft über ihre Kinder freiwillig entschlugen, Kinder, für die die Worte Gehorsam und Zucht lächerliche Schälle waren. Keine Regel, keine Ordnung, kein Maß und Gleichmaß, keine religiöse Bind und und tiefere Pietät, alles nur zufällige Übereinkunft und Sichvertragen nach Laune und Wahl. …. Am Ende des Romans – der Vater war im Krieg an einer Krankheit gestorben – sollte die Mutter Anna eine gebrochene Frau sein, all ihre Kinder waren auf die eine oder andere Weise im Leben gescheitert, ihr Bemühen, sie zu freien Menschen zu erziehen, hatte sie zu orientierungslosen gemacht, eine deutliche Kritik an der Reformpädagogik vor und während der Weimarer Zeit [2]. Wassermann läßt die Kinder Klara und Eugen diese fundamentale Kritik an Annas Erziehungsideal in heftigen Anklagen formulieren.


In ihrem Nachwort weist Insa Wilke auf eine Rede Wassermanns hin, die dieser Ende 1922 vor Studenten in Kopenhagen hielt: Rede über die Humanität. Am Beginn seiner Rede erklärt Wassermann habe ihn die Betrachtung dessen angetrieben, ‚was Menschen tun und was Menschen leiden‘, und die daraus folgende Frage, ob der Einzelne unwiderruflich verurteilt sei, ‚alle Qual und Bedrängnis, die von der Gesamtheit ausgeht, […] hinzunehmen wie ‚Sturm oder Erdbeben‘. Jakob Wassermann entwarf seinen „Homo Faber“ als Möglichkeit, das, woran ‚er sich gewöhnt hat, als sein unvermeidliches Schicksal zu bezeichnen, in seinen Wirkungen aufzuheben oder wenigstens abzuschwächen.‘ 

Schlüsselbegriff für seinen Humanitätsbegriff ist Wassermann die Achtung, die anderen entgegengebracht wird, Achtung als Gegensatz zum Mitleid. So wie sie beispielsweise Martina praktiziert wird, die ihre Arbeit bei den Kindern nicht aus Mitleid macht, sondern auch praktischen Erwägungen. Am deutlichsten kommt dieses Prinzip ‚Achtung‘ in der Szene zur Geltung, in der Fides den auf Abwegen geratenen Valentin (dies die endgültige Niederlage des antiautoritären Erziehungsideals von Anna Faber), dadurch noch einmal (zumindest vorläufig) rettet, daß sie ihm im Gegensatz zu den anderen, die nur drohen, Achtung entgegenbringt und nicht verurteilt. Zu nennen wäre aber auch die Aufnahmeprozedur für die verwahrlosten Kinder in die Kinderstadt, in der die Kinder weitgehend nüchtern und neutral weder Verurteilung noch demütigendes Mitleid zugemutet wird (… daß nicht geklagt, gejammert, geweint, geschluchzt wurde, sondern lediglich konstatiert und protokolliert..). 

Es gibt aber auch Gegenbeispiele, zuhauf. Die Fürstin, diese Lichtgestalt des Romans, erklärt Faber bei ihrem Treffen, daß sie jetzt, wo er wieder da ist, Martina wieder an ihn zurückgeben müsse, Martina demütigt ihre Seelenfreundin Fides damit, daß sie ihr und Eugen ihren ‚Segen‘ erteilt: Da ihr euch gern habt, Eugen, und ich es nun weiß, so sollt ihr euch nicht abquälen, so müsst ihr einander haben. Nimm sie, Eugen, nimm sie zu dir, nimm sie mit dir.  Menschen als Verhandlungsmasse, zum Objekt herabgestuft. Weitere Beispiele für solche Nicht-Achtung lassen sich leicht finden, auch – und damit zurück zum Ausgangspunkt – die Erziehung bzw. Nicht-Erziehung läßt sich als mangelnde Achtung der Mutter vor den Kindern sehen, die deren grundlegendes Recht darauf, wie auch immer ausformulierte und gesetzte Grenzen und Leitlinien des Zusammenlebens kennen zu lernen, ignoriert. 


Der Roman, der kurz nach Kriegsende spielt, ist in einer unruhigen politischen Zeit angesiedelt. Im November 1918 wurde revoltiert und am Ende dieser Novemberrevolution die (Weimarer) Republik ausgerufen, eine Republik, die sowohl von rechten als auch von linken Kräften attackiert wurde, um hier nur den Kapp-Putsch von 1920 zu nennen und der Epoche des Wassermannschen Romans zu bleiben. Zu nennen wäre natürlich auch die grassierende Inflation zu dieser Zeit in der Weimarer Republik. Diese politischen (und wirtschaftlichen) Unruhen treten im Faber nur als Hintergrund auf und in Person diverser Figuren: das rechte Spektrum völkischer und nationaler Gesinnung wird durch den reichen Schwager Fabers, Hergesell, repräsentiert, der linke Rand kommunistischer Ideen und mit Russland liebäugelnder Revolutionäre tritt in der Figur des Baltesser auf, der Faber zu einem großen Verrat überredet, einem Verrat an dem Werk seiner Frau. Fleming ist die Figur des zurückgezogenen Wissenschaftlers, Anna die Kämpferin für die Rechte der Frauen und die Fürstin mag man als Personifizierung von im nicht fassbaren angesiedelten Heilsversprechen sowie zutiefst moralischen Handelns nehmen. Die weiter vorstehend dargelegte Zwiespältigkeit der Personen bleibt davon unberührt.

Eugen Faber – er darf nicht vergessen werden. Aufgewachsen in einem Elternhaus, das ihm maximale Grenzenlosigkeit bescherte und die Umwelt zur Willkür auslieferte. Eine Ehe geschlossen, die sich wie von Gott gegeben anfühlte. Schmählich, weil sehr schnell in Kriegsgefangenschaft geraten, alles Hoffen und Sehnen an die Heimat, das Heim gebunden, die lange Flucht und dann die enttäuschende Ankunft. Schon der offensichtlich recht intensive Briefverkehr mit Martina (übergehen wir die Frage, wie dieser Kontakt praktisch gehalten werden konnte in Gefangenschaft und Flucht..) hat Fragen und Irritationen hervorgerufen, zu Hause dann fühlt er nur Fremde und Kälte. Er gehört nicht mehr dazu, mehrfach taucht der Begriff der ‚Entwurzelung‘ im Roman auf. Stumme Verzweiflung bemächtigt sich seiner, aus der heraus er mehrfach großen Fehler begeht…. auch im Beruf, in der Stellung, die man ihm verschaffen kann, findet er keine Befriedigung, sieht er keine Aufgabe mehr für sich… letztlich läßt Wassermann seine Handlung auch offen, es ist nicht klar, was aus Faber wird. Zwischen zwei Frauen stehend, die ihre eigenen Probleme haben, entscheidet er sich dafür zu gehen (‚Lösen, um zu binden.‘) und abzuwarten, bis die eine weiß, daß die Flamme erloschen ist, die sie unschuldig entzündet hat […] und die andere das Feuer wieder nähren will […] Rätselhaft der Schluss des Romans, der eine man möchte sagen, verwirrte Martina zeigt, die mit einem Ton […] zwischen kindlichem Schmerz und strahlendem geheimnisvollen Jubel [rief]: „Fides, wach auf! Fides, wach auf! Weißt du es denn nicht? Hast du´s gehört? Er ist fort, der Liebste! Der Aller-Allerliebste ist von mir gegangen….“ 


Faber oder die verlorenen Jahre ist ein handlungsarmes Stück. Es lebt von von den Betrachtungen der Protagonisten, von den Gesprächen zwischen ihnen, den Diskussionen und Auseinandersetzungen, von den Erinnerungen auch. Wassermann konzentriert sich auf die seelischen Nöte seiner Protagonisten, Faber steht bei ihm als Figur für den entwurzelten und als Fremden, als Aussenseiter zurückgekehrten Kriegsteilnehmer, der die Welt, die er vor dem Krieg kannte, nicht mehr auffindet. Politische Strömungen bekämpfen sich mit zum Teil radikalen Methoden, Krieg und Armut haben soziale Verwerfungen hervorgerufen, einer Arbeit nachzugehen, erscheint sinnlos. Was sich im nächsten Weltkrieg wiederholen sollte, ist auch schon in diesem Menschenschlachten zu beobachten: die Frauen zu Hause, die durch die Abwesenheit der Männer auf sich selbst gestellt waren, entwickeln Selbstbewusstsein und Initiative – müssen dies sogar, um materiell und auch seelisch zu überleben. Nur, daß die Rückkehrer, die sich nichts sehnlicher wünschen als sich hineinfallen zu lassen in das Bild vom Heim, das sie noch verinnerlicht haben, um dann so tun zu können, als hätte die verlorenen Jahre es nicht gegeben, damit nicht zurecht kommen….


Jakob Wassermann gelingt es in seinem Roman, sich trotz der vielen Themen, die er anschneidet, nicht zu verzetteln. Einzig die Episode mit Valentin wäre vielleicht nicht notwendig gewesen, andererseits läßt gerade sie den Charakter von Fides deutlich hervortreten, erfüllt letztlich also doch eine wichtige Aufgabe…. so schafft Wassermann ein großartiges Bild einer Zeit im völligen Umbruch, einer Epoche, die sich neu erschaffen muss, weil das Bisherige in Trümmern liegt. Insofern ist Faber auch ein Gesellschaftsroman, in dem Wassermann seine Vorstellung einer humanen, auf Achtung des Gegenüber fussenden Gemeinschaft formuliert.

Manche der Gespräche und Ausführungen, die Wassermann seinen Figuren in den Mund legt, wirken heutzutage möglicherweise etwas umständlich, etwas grüblerisch, aber wir heutigen haben mittlerweile ja auch gelernt (hoffentlich…), Sprachlosigkeit zu überwinden. Seinerzeit war das In-Sprache-Bringen gerade für Männer noch nicht hoch entwickelt, wir müssen´s hinunterschlucken; wir müssen tapfer sein. Die Welt verlangt es von uns, so erklärt Eugen Faber seinem Sohn, daß dieser nicht weinen soll über das Unglück, das auch dieser natürlich spürt. Diese Erklärung gilt selbstverständlich für´s Sprechen wie für´s Weinen….

Der Roman Faber… ist nach seiner Erstpublikation 1924 bei S. Fischer in Berlin nicht mehr allzu häufig aufgelegt worden. Für 1945 habe ich noch eine schweizerische Ausgabe (Carl Posen, Zürich) gefunden, 2011 erschien eine Taschenbuchausgabe im Salzwasser-Verlag. Die vorliegende Neuerscheinung in der Bibliothek der Weltliteratur des Manesse-Verlages ist ein (wie bei dieser Edition gewohnt) wunderschönes Buch, das mit Erläuterungen und dem sehr informativen Nachwort von Insa Wilke, einer jüngeren deutschen Literaturkritikerin und Germanistin abgerundet ist. Und dem Verlag kommt das große Verdienst zu, mit diesem Buch einem Autoren, dessen Werke 1933 verbrannt worden waren, wieder eine Stimme gegeben zu haben.

Links und Anmerkungen:

[1] – Wiki-Beitrag zu Wassermann: https://de.wikipedia.org/wiki/Jakob_Wassermann
– https://www.literaturportal-bayern.de/autorinnen-autoren?
– http://www.jakob-wassermann.de
[2] zur Geschichte der Reformpädagogik:  https://de.wikipedia.org/wiki/Reformpädagogik#Geschichte_der_Reformp.C3.A4dagogik

Ein Roman, der in ähnlicher Thematik das Schicksal eines Heimkehrers darstellt, ist Erich Maria Remarques: Der Weg zurück; Besprechung hier im Blog: https://radiergummi.wordpress.com/2011/11/12/erich-maria-remarque-der-weg-zuruck/

Jakob Wassermann
Faber oder Die verlorenen Jahre
mit einem Nachwort von Insa Wilke
Erstausgabe: Berlin, 1924
diese Ausgabe: Manesse (Bibliothek der Weltliteratur), HC, ca. 416 S., 2016

Ich danke dem Verlag für die Überlassung eines Leseexemplars.

buchmendel

TOPALIAN & MILANI – der ‚Verlag für schöne Bücher‘ mit Firmensitz in Oberelchingen (ja, da habe ich auch erst einmal google maps gefragt, liegt also ganz nah bei Ulm) ist eine der engagierten Neugründungen (2015) im Verlagswesen, drei Buchbegeisterte, die das Wagnis eingehen, schöne Bücher herzustellen, die nicht nur vom Inhalt, sondern auch von der Gestaltung her ein Augenschmaus sind. Das vorliegende Buch, das zwei Novellen/Erzählungen Stefan Zweigs aus dem Jahr 1929 zum Inhalt hat, ist so eines, durchgehend illustriert mit Zeichnungen von Joachim Brandenberg und Florian L. Arnold, der auch zu den Verlagsgründern zählt.


Stefan Zweig [1]- unter all den tragischen Schicksalen der deutschen Exilschriftsteller (Zweig verließ Österreich 1934 und ging zuerst nach London, vgl. auch [3]) der Nazizeit sicherlich durch den Doppelsuizid, mit dem er zusammen mit seiner Frau 1942 aus dem Leben schied, noch einmal in traurigen Sinne herausstechend. Das vorliegende Buch geht im Nachsatz von Arnold auf die Zeit Zweigs in Brasilien ein. Von außen betrachtet ist es ob der akzeptabel erscheinenden Umstände, in denen das Paar in Petropolis leben konnte, nicht direkt nachvollziehbar, daß Stefan Zweig und seine Frau Lotte keine andere Möglichkeit mehr für sich sahen, als am 23. Februar eine Überdosis Tabletten zu nehmen (Arnold verwendet für diesen Suizid den Begriff ‚Freitod‘, mit dem ich immer sehr unglücklich bin, denn ich sehe nicht, daß hier jemand freiwillig, ohne daß er sich dazu durch innere oder äußere gezwungen fühlte, aus dem Leben gegangen ist.) Lotte Zweig litt wohl stark unter Asthma, Stefan Zweig verwand den Verlust von Arbeitsmaterialien nicht, wurde wegen seines ‚hymnischen‘ Buches über Brasilien angegriffen und gewann nach dem Angriff auf Pearl Harbour die Überzeugung, die Faschisten würden in Bälde auch Lateinamerika, Brasilien, angreifen. Er ist depressiv, … verloren, ratlos, wahrhaft entwurzelt. In seinem Abschiedsbrief schreibt er, daß ihn die langen Jahre heimatlosen Wanderns so sehr erschöpft haben, daß er es für besser hielte, rechtzeitig und in aufrechter Haltung [s]ein Leben abzuschließen, dem geistige Arbeit udn persönliche Freiheit das höchste Gut dieser Erde gewesen.

Die zwei Novellen, die das vorliegende Buch enthält, stammen aus einer Zeit, in der Zweig noch in Österreich lebt, von 1929. Der 1. Weltkrieg ist ein Jahrzehnt vorbei, 1929 ist aber das Jahr, in dem die Weltwirtschaftskrise ausbricht. Schon vorher machte die Weimarer Republik eine Phase exorbitanter Inflation durch, die 1923 durch die Einführung der Rentenmark beendet wurde [2], durch diese Inflation wurde praktisch sämtliches Geldvermögen vernichtet.


In diesem Umfeld ist die erste der beiden Geschichten Zweigs angesiedelt, Die unsichtbare Sammlung. Ein angesehener Berliner Antiquar schildert während einer Bahnreise dem Ich-Erzähler eine sonderliche Begebenheit, die ihn sehr berührt hat. In Folge der Geldentwertung und des Versuches, Geld in Sachwerten anzulegen, war der Markt – so der Antiquar – für Antiquarisches praktisch leergefegt. So durchforstete er die alten Kundenkarteien und stieß auf den Namen eines Sammlers wertvoller Drucke, von dem er schon lange nichts mehr gehört habe. In der Hoffnung, von diesem eventuell Dubletten oder Exponate erstehen zu können, hatte er sich auf die Reise zu dem Mann gemacht und ihn in der kleinen Stadt, in der er lebte, auch angetroffen…..

Der Mann, ein mittlerweile ein weißhaariger Greis, war erblindet. Sein einziges Vergnügen war es, sich täglich seine Sammlung exquisiter Drucke anzu’sehen‘, i.e. die Mappen hervorzuholen, mit den Fingerspitzen über die Seiten zu streichen und vor seinem geistigen Auge die Abbildungen entstehen zu lassen. Natürlich lud er den willkommenen Besucher, der seiner Sammlung endlich (endlich!) den gebührenden Respekt erweisen würde, ein, mit ihm zusammen die Mappen durchzugehen. Doch über den Kopf des Erblindeten hinweg machte die Frau des Mannes dem Antiquar verzweifelte Zeichen, sie müsse mit ihm reden, unbedingt vorher reden…, Waren Frau und Tochter, nachdem aller anderer Besitz der Familie von Wert verkauft worden war, gezwungen, die Drucke gegen leere Blätter Papier auszutauschen und zu verkaufen…..


Das zweite Stück Zweigs im vorliegenden Buch ist der Buchmendel. Er spielt in der Zeit um den 1. Weltkrieg in Wien. Der Erzähler der Geschichte gerät in einen Regenguß und sucht Unterschlupf in einem Café, dem Café Gluck, in dessen Nähe er gerade ist. Undeutlich noch anfangs hat er das Gefühl, den Ort zu kennen… und dann, angesichts einer Seitenstube des Cafés weiß er es: vor zwanzig Jahren war er schon einmal hier und traf an diesem Tisch dort auf einen bemerkenswerten Menschen, Jakob Mendel. Jakob Mendel war ein Schacherer, der mit seinem kleinen Karren durch die Straßen zog und mit Büchern handelte, obwohl er dafür keine Lizenz hatte. Und er hatte sein Stammquartier in dem damaligen Café Gluck, das mittlerweile einen anderen Besitzer hatte.

Mendel war ein Phänomen, ein Wunder der Natur, so erinnert sich der Erzähler: sein Gedächtnis entließ kein Buch, dessen er einmal ansichtig geworden war. Von jedem Buch wusste er die bibliophilen Daten, die Besitzer, wann es gegebenenfalls wo vom wem zu welchem Preis ersteigert oder gekauft worden war. Suchte man ein Buch – Mendel kannte es, wusste, wo ein Exemplar zu finden war. Was Mendel jedoch nicht wusste, nicht zur Kenntnis nahm, war jegliches ausserhalb der Bücherwelt. Bekam er überhaupt mit, daß ein Krieg tobte? Jedenfalls schrieb er unverdrossen nach England, wo denn seine Zeitschriften blieben! Ins feindliche Ausland – der Zensor wurde auf ihn aufmerksam, Mendel wurde vorgeladen, verstand nicht, was man von ihm wollte, gab zu, vor Jahrzehnten aus Russland nach Österreich gekommen zu sein…

Er überlebte das Lager, einflussreiche, ehemalige Kunden konnten ihn dort herausholen, aber derjenige, der dann wieder im Café Gluck erschien, hatte nur noch wenig gemein mit dem ‚alten‘ Mendel….

Dieses spätere Schicksal Mendels erfuhr der Erzähler durch die Toilettenfrau, das einzige Personal, daß Mendel noch gekannt hatte nach all den vielen Jahren. Und sie hatte das letzte Buch, das er an seinem Stammtisch zurücklassen musste, an sich genommen als Erinnerung: die ‚Bibliotheca Germanorum Erotica & Curiosa‘ [4], eine Toilettenfrau, die bis dato an Gedrucktem wohl nur Gebetbücher in den Händen gehalten hatte…

Warum, so könnte man sich fragen, hat Zweig von all den aberwitzig vielen Büchern, die er seinem Mendel als letztes hätte andichten können, ausgerechnet eines über ‚..Erotica..‘ gegönnt? Das kann doch kein Zufall sein… nach Schleichel, auf dessen Analyse der Geschichte ich hier verweise ist es im wesentlichen eine ‚…. ironische Pointe am Schluss…‘, und kann als ‚… Versuch des Autors verstanden werden, diese Tendenz seiner Novelle zum Legendenhaften durch ein ironisches Element abzuschwächen.‘ [5]

Die Geschichte selbst ist nicht frei von Klischees, sei es die ‚träge Passivität‘, die in den Wiener Cafés herrscht, seien es die Sprache und Kleidung des Buchmendels, dieses aus dem Osten gekommenen Juden, auch daß es ausgerechnet eine Toilettenfrau ist, die sich nach Jahren noch an die markante Figur als einzige erinnern kann, ist symbolisch aufgeladen. Mendel, als Jude Angehöriger einer Religion, die das Buch, die Auslegung, in den Mittelpunkt des Lebens stellt, ist derjenige, der dies hier auf die Spitze treibt: die Bücher sind sein Leben, nichts außerhalb der Bücher nimmt er wahr, eine fürwahr selbstzerstörerische Fixierung für ihn. Möglicherweise läßt sich hier die Mahnung  herauslesen, sich auch um das zu kümmern, was ausserhalb der heilen Welt (hier der Bücher) geschieht. Eine Mahnung, die an Aktualität nichts verloren hätte.

Da ich mit Schleichel [5] eine Quelle verlinkt habe, in der der Buchmendel wohl hinreichend ausgedeutet ist, beschränke ich mich mit dem Wenigen, was ich hier aus meiner Sicht festgehalten habe. Beide Texte, sie sind ja nicht lang, lesen sich trotz des mittlerweile etwas antiquiert wirkenden Stils, sehr gut und verstehen auch heute noch zu packen und zu fesseln.


Aber über diese Ausgabe der Zweigschen Texte aus dem TOPALIAN & MILANI läßt sich nicht berichten, ohne auf die Buchgestaltung einzugehen. Die ist – mit einem Wort – liebevoll. Der gewählte Fonts ‚Bodoni‚ passt gut zum Zeit, in der Geschichte die Geschichte spielt, das Buch ist durchgängig mit Illustrationen zweier Künstler versehen, die zusätzlich erläutert werden. Daß ich persönlich die ins absurd-groteske gehenden Zeichnungen Arnolds [2] nicht so gefällig finde, ändert nichts an deren Qualität, in der Kunst sind die Geschmäcker eben verschieden. Besser ‚munden‘ mir da schon die Beiträge Brandenbergs [2], der den Buchmendel illustriert hat, ich habe es eben mehr mit dem Konkreteren….

Ergänzt werden die Zweigschen Texte durch die erwähnte kurze Schilderung der Umstände, unter denen das Ehepaar in Brasilien lebte und letztlich den tragischen Entschluss zum Doppelsuizid fasste; auch der Abschiedsbrief Zweigs ist enthalten.

Prinzipiell wünsche ich ja allen engagierten Buch- und/oder Verlagsprojekten Erfolg, dieses Buch von TOPALIAN & MILANI jedenfalls bietet beste Voraussetzungen dafür, es hätte ihn, sprich auch: es hätte viele Leser und Käufer, vollauf verdient.

Links und Anmerkungen:

[1] Wiki-Beitrag zu Stefan Zweig: https://de.wikipedia.org/wiki/Stefan_Zweig
[2] Webseite des Verlages: http://www.topalian-milani.de
zu Joachim Brandenberg: http://joachimbrandenberg.de/ueber-mich/
zu Florian L. Arnold: http://www.florianarnold.de
[3] Bei C.H. Beck ist gerade eine neue Biographie über diesen Lebensabschnitt Zweigs erschienen: George Prochnik, Das unmögliche Exil; hier eine Besprechung des Buches von Norman Weiss: https://notizhefte.com/2016/10/01/stefan-zweig-im-exil/
[4] … die im antiquarischen Buchhandel natürlich immer noch erhältlich ist, unter anderen in einer neun-bändigen Sammlung.
[5] Sigurd Paul Scheichl: Stefan Zweigs „Buchmendel“ – Bibliografie und Gedächtnishttp://eprints.rclis.org/24799/1/19-Scheichl_Sigurd_Paul_Stefan_Zweigs_„Buchmendel“.pdf

Stefan Zweig ist hier im Blog noch mit zwei anderen Titeln vertreten, zum einen der Schachnovelle und weiter mit Der Amokläufer.

Stefan Zweig:
Buchmendel & Die unsichtbare Sammlung
Zwei Novellen.
Neuausgabe mit einem Nachwort
ferner mit Illustrationen von Joachim Brandenberg & Florian L. Arnold
diese Ausgabe: HC, TOPALIAN & MILANI, ca. 152 S., 2016

Ich danke dem Verlag für die Überlasssung eines Leseexemplars.

Ein Thema kehrt in Drieus Romanen häufig wieder: das Thema der Jüdin. Gilles Drieu, dieser stolze Wikinger, hatte keine Hemmungen, Jüdinnen zu verschachern, zum Beispiel eine gewisse Myriam. … Bei Jüdinnen ergab Drieu sich der Illusion, ein Kreuzfahrer zu sein, ein teutonischer Ritter. …. Aber Drieu als Kollaborateur? Das erkäre ich mühelos: Drieu faszinierte die dorische Virilität. Im Juni 1940 fallen die wahren Arier, die wahren Krieger über Paris her: Eilig zieht Drieu das Wikingerkostüm aus, das er sich geliehen hatte, um die jüdischen Mädchen von Passy zu misshandeln. Er findet zu seiner wahren Natur zurück: Unter dem metallblauen Blick der SS-Männer wird er weich, schmilzt, fühlt plötzlich orientalische Sehnsüchte in sich aufkeimen. Schon bald liegt er in den Armen der Sieger. Nach ihrer Niederlage opfert er sich.

Der diesen keineswegs bewundernden Blick auf den Autor des vorliegenden Erzählbandes Die Komödie von Charleroi wirft, ist Raphaël Schlemilovitch, der Protagonist des fulminanten Romans Place de l’Étoile von Patrick Modiano [2], in dem der Nobelpreisträger für Literatur des Jahres 2014 u.a. mit der kollaborierenden intellektuellen Elite Frankreichs im Zweiten Weltkrieg abrechnet.


Thomas Laux hat dieser vorliegenden Sammlung von sechs Erzählungen, die der Manesse-Verlag dieses Jahr 2016 in deutscher Erstausgabe herausgebracht hat, ein erklärendes Nachwort beigefügt, in dem er auf diese schillernde Figur des Pierre Drieu La Rochelle [1] eingeht.

Solidität und Entschlossenheit, so Laux, sind keine Begriffe, auf die man bei der Charakterisierung von Drieu zurückgreifen würde. Ab 1934 bekennt dieser sich offen zum Faschismus und arbeitet mit den Okkupanten zusammen, 1940 übernimmt er, ein wahrhafter ‚Frankreichhasser‘, auf Vorschlag des deutschen Botschafters in Paris die Redaktion einer im Verlag Gallimard erscheinenden Monatszeitschrift, aus der er 1943 müde und schwermütig geworden, wieder ausscheidet. Sein ‚glühender‘ Antisemitismus läßt sich nicht auf ein Ereignis und bestimmte Gegebenheiten zurückführen, in erster Ehe war sogar er mit einer Jüdin verheiratet. Vor seinem Bekenntnis zum Faschismus zeigte er nach dem 1. WK pazifistische Gedanken, freundete sich mit Surrealisten an, auch für den Kommunismus wusste er sich zu erwärmen, bis er dann 1934, dem Publikationsjahr des vorliegenden Buches sich zum Faschismus bekannte. Gegen Kriegsende jedoch, als die Niederlage des Faschismus offensichtlich wurde, erwärmte er sich erneut für die kommunistische Idee, auch mystisches aus Indien fing an, ihn zu faszinieren.

Ich habe diese sich stetig ändernde Ausrichtung Drieus hier grob referiert, weil es beim Lesen seiner Geschichten dem Verständnis und Einordnung hilft. Beginnen wir also unsere Reise in die Gedankenwelt dieses schillernden französischen Intellektuellen.

charleroi


Die Komödie von Charleroi ist die längste der sechs Erzählungen des Buches und gibt ihm ihren Namen. Der Ich-Erzähler ist als Sekretär bei Madame Pragen, einer bürgerlichen Witwe angestellt, einer Art wandelndes Potemkin´schen Dorfes, eine bourgeoise Frau, die nach aussen viel darstellt, die auf ihre Wirkung bedacht ist, die aber wenig Substanz verkörpert. Sie musste selbst in Licht der Öffentlichkeit stehen oder an diesem Licht teilhaben, in dem bekannte Persönlichkeiten standen. Es ist der 2. Juli 1919, die beiden Personen sind auf der Fahrt von Paris nach Charleroi in Belgien. Dort begann für den Ich-Erzähler am 24. August 1914 der Krieg in einem Gefecht gegen die Deutschen. Madame Pragen will sich den Ort und die Schlachtfelder in seiner Umgebung ansehen, auf denen Claude, ihr Sohn, damals starb. Der Erzähler (Der Besuch der Stätten lockte und ängstigt ihn zugleich) erinnert sich an Claude, einem jüdischen Kameraden, den er als schwachen und ungeschickten Bourgeois mit Zwicker auf der Nase, blass und auf die Ankündigung „Sie sind da“ mit offenem Mund auf dem Boden hockend und erledigt im Gedächtnis hat.

Die Delegation mit Honoratioren aus dem Ort um Madame Pragen herum besucht die Schlachtfelder von damals. Wo jetzt Kühe grasten, wurde vor wenigen Jahren Blut vergossen, liegen die Kameraden von damals… Der Erzähler erinnert sich an diesen 24. August 1914, wie er ihn erlebte, zwischen Angst und Furcht einerseits und auf der anderen Seite Anfällen von Mut und Heroismus, in denen er nach vorne stürmte, er den Rausch eines Anführers spürte, denn ein Anführer ist ein Mann in seiner Vollendung; der Mann, der in derselben Bewegung gibt und nimmt. Immer wieder klingt die Verachtung für Frankreich durch, das seine Soldaten mit schlechter Ausrüstung unvorbereitet in den Kampf schickte. Mit roten Hosen lagen sie gut sichtbar im Gelände, die wenigen, schlechten Maschinengewehre waren bald funktionsuntüchtig, die Offiziere zur Handlung unfähig.. wie anders dagegen die Deutschen, die in ihrem feldgrauen Uniformen praktisch unsichtbar waren, der MG sie unablässig mit Kugeln eindeckten, deren Artillerie nicht aufhörte, zu mit Feuer zu überziehen… er wird verletzt, irrt auf der Flucht durch die Gegend, trifft wieder auf seine Truppe, doch der Krieg war für sie wie für mich verloren. … Es war wie 1870. Die französische Armee mit ihren roten Hosen trat den Rückzug  an. Geschlagen von der Technik, von der ‚Explosion der Chemie‘, es ist kein ehrenhafter Kampf mehr Mann gegen Mann, der Krieg ist ihm zu anonym geworden, zu sehr Materialschlacht….

Die äußere Handlung geht derweil weiter, mitten im Wald hat der nordische Genius …. einen Friedhof, ein kleines Walhalla, in der die stille männliche Reinheit herrscht, angelegt. Man gräbt diverse Särge aus, öffnet sie, blickt in den honigartigen Horror, den sie beinhalten, bis Madame Pragen endlich definiert: „Das ist er„.

Die Welt ist absurd. Doch die Gesten, die sie ausführt, sind schön.

Stilistisch hat mich diese Erzählung stark an Mondiano (zumindest die Romane, die ich von ihm kenne) erinnert, den ich eingangs ja zitierte: ein Protagonist, der in Gedanken ein prägendes Ereignis noch einmal erlebt, durchanalysiert und bewertet, der wechselnden Emotionen ausgesetzt ist, der ein inneres Zwiegespräch führt, in dem er seine eigene Position zu finden sucht, der sich auch treiben läßt vom gegenwärtigen Gedankenstrom.

Inhaltlich finden wir in Die Komödie… das in den Erläuterungen Gesagte wieder: die Verachtung für Frankreich mit den mehrfach erwähnten roten Hosen für seine Soldaten aus augenscheinlichstes Symbol und der schlechten Bewaffnung als fatalstem, die spürbare Verachtung für die Juden, die zum ersten Mal in der Charakterisierung Claudes deutlich wird und dann später noch einmal bei einer anderen Person: Joseph Jacob. Das war ein Jude. Ein Jude, wie man so sagt. Was ist ein Jude? Keiner weiß es. Aber man spricht davon. Persönlich war er friedfertig, nicht sehr intrigant, ein recht hübscher Bursche, ziemlich vulgär, nicht klug, kein bisschen intellektuell. Ein kleiner Börsenspekulant. Er hatte eine hübsche schmale Nase mit Sommersprossen. Diese Beschreibung also eine Mischung aus bekannten Verleumdungen und einem durchwachsenen persönlichen Eindruck, dessen Aspekte fast auf Erotisches hinzudeuten scheinen. Eine entsprechende, aber ironisierende Verachtung findet sich ebenfalls gegenüber Madam Pragen als Vertreter der Großbürgertums.

Drieu kannte den Krieg, er hat den 1. WK mitgemacht, lag vor Verdun und kämpfte auch auf anderen Schlachtfeldern. Er schildert ihn in seinen Erzählungen, er stellt nicht so sehr das körperliche Gemetzel in den Vordergrund, sondern eher die psychischen Auswirkungen des Kampfes, des Beschusses, des mangelnden Vertrauens in die Vorgesetzten ….


Apropos Verdun… die zweite Erzählung, Der Hund der heiligen Schrift, deutlichst kürzer als die vorangegangene, spielt in Verdun – bzw. eben nicht, denn Drieu wendet hier einen raffinierten Trick an: er splittet die Erzählung in zwei Teile. Der erste Teil spielt in einer Eliteeinheit, die normalerweise nur zu den großen Offensiven im Frühjahr und im Herbst eingesetzt wird. Die Männer im Ruheraum erholen sich prächtig, als ein paar neue Kameraden eintreffen, unter ihnen ein Sergeant Grummer, der sich abseits hält, der Kleidung nach etwas ‚Besseres‘ ist, eine Aura der Unnahbarkeit um sich verbreitet. Ist es Angst? Gummer stellt ein Versetzungsversuch nach dem anderen, er will zu den Fliegern. Ausgerechnet an dem Tag, an dem die Einheit unerwartet früh ihren Einsatzbefehl nach Verdun bekommt, wird seinem Gesuch stattgegeben.

Viele Jahre später wird der Ich-Erzähler in Paris zu einer Filmpremiere eingeladen, gezeigt werden soll ein Film über die Schlacht bei Verdun. Mit zwiespältigen Gefühlen nimmt er die Einladung eines Freundes zu diesem Film an. Schon nach wenigen Momenten sah er Orte vor sich, an denen er so gelitten und durch das Leiden manch extreme Seite von sich selbst kennengelernt hatte. …. Trotzdem ist auch das gelungenste Kunstwerk eine Enttäuschung für jeden, der die elende Wahrheit in Händen gehalten hat, doch kann es ihn in einen Rausch versetzen, der seine teuren Erinnerungen befördert. .. In der Stille, die im Saal herrscht, hört er in der Reihe hinter sich Gemurmel und leises Aufstöhnen, in der Pause hört er das Gespräch des Paares mit. Der Mann war in Verdun, läßt sich bewundern…. es ist genau dieser Sergeant Grummer, den der Ich-Erzähler nach Ende des Films sieht und erkennt und auch Grummer erkennt ihn, erbleicht und senkt seine Lider. Und die Frau neben ihm durchzuckt eine Art Erleuchtung….

Auf diese raffinierte Art schildert Drieu die Schrecken Verduns indirekt, die ungeheure, gigantische Angst, die die Männer auf den flachen Hügeln sich niederkauern und winden ließ: Was für eine Bestie, besessen von einen zynischen, obszön, hysterischen, rasenden Bekenntnis, war da hinter Thiaumont, in der Mulde von Fleury aus all unserer Angst erwachsen, der Angst geduckter, gekrümmter, sich wälzender, in der gefrorenen Erde eingegrabener, im Schweiß, im Schlamm, im Blut versauernden Männer. 


Die Reise zu den Dardanellen entspricht vielleicht am ehesten der Erwartung an eine Kriegserzählung. Der Ich-Erzähler, zweiundzwanzig Jahre und fünf Monate alt, befindet sich nach einer Verwundung in der Etappe, in der Normandie, er sieht sich selbst als Drückeberger. Dies hat ein Ende als ein Freiwilligenregiment für den Einsatz gegen die Türken aufgestellt wird und er sich mit seiner Einheit meldet. Bevor der Truppentransport der dreitausend Freiwilligen an die Dardanellen (Schlacht von Gallipoli als Basis zur Eroberung von Konstantinopel) in Marsch gesetzt wird,  gibt es noch einen längeren Aufenthalt in Marseille. In der Türkei kommen sie in grausame Grabenkriege, die Türken beschießen sie aus allen Rohren, die Deutschen sind auch da und die Vorgesetzten der bunten Franzosentruppe erweisen sich als allesamt unfähig und inkompetent. So ergreift der Erzähler die Eigeninitiative und kämpft auf eigene Verantwortung unter Mißachtung der Befehle… es nutzt nichts. Zwar überlebt er, aber er weiß, nicht wie….

Inhaltlich kann man diese etwas längere Erzählung in zwei Abschnitte teilen. Der erste schildert den Versuch eines Selbstfindungprozesses, den der junge Mann durchlebt, unter anderen bei und mit verschiedenen Prostituierten in Marseille. Der längere Teil schildert das Leben und die Ereignisse im Regiment und nachher die Kämpfe in der Türkei. Wie durchgängig im Buch kommt Frankreich auch hier im Vergleich mit Verbündeten schlecht weg: mangelhafte Disziplin, lottriges Auftreten, unfähige und feige Offiziere. Die Kämpfe selbst sind grausam und dreckig, der Schrecken besteht aus Hitze, Durst, verwesten Leichen, schikanösen Bombardements, Ruhr.Die Laufgräben sind voll von den Abfällen des Krieges, Konservendosen, Armen, Gewehre, Beutel, Kisten, Beine, Scheiße, Geschosshülsen, Granaten, Stofffetzen und sogar Papier. Der Erzähler unterliegt unter diesen Verhältnissen selbst irrationalen Mutausbrüchen, in denen er voranstürmt, zum Schrecken seiner Leute: Man muss immer alles selbst machen. Man muss gegen die Chefs und gegen die eigenen Männer mindestens genauso kämpfen wie gegen den Feind.


Es ist eher ein Krieg der Fabriken als ein Krieg der Menschen. Die Verachtung für diese Art des Krieges wird auch in Der Oberleutnant der Tirailleurs deutlich, verbunden mit der Schuldzuweisung: Das ist die Demokratie und der Feststellung: Ein Mann darf einen Mann nur töten, wenn er ihn sieht, auf Armlänge. … Wir werden in dieser Erzählung nach Marseille geführt. Es ist 1917, der Ich-Erzähler trifft dort auf einen Oberleutnant der marokkanischen Truppenteile, mit dem er ins Gespräch kommt. Es geht um den Krieg, natürlich, um die Angst in Verdun (Ich wäre kein Mensch, wenn ich keine Angst gehabt hätte. Die diese trostlose Schlächterei ertragen können, sind keine Menschen, oder?), den Schrecken von Thiaumont, den der Erzähler in dieser Episode angestoßen durch das Gespräch über Verdun nacherlebt.


Der Deserteur spielt in Südamerika. Der Ich-Erzähler besucht Bolivien dort nach dem Krieg als Mitglied einer Wirtschaftsdelegation und wird am Tag nach seinem Vortrag von einem Mann aufgesucht, der sich als Deserteur von 1914 vorstellt, der schon fünfzehn Jahre mit keinem intelligenten Franzosen mehr geredet hatte…. Das folgende Gespräch dreht sich wiederum um die Themen: Vaterland, Patriotismus, das Wesen des Krieges, den Nationalismus… mit Aussagen wie: Akzeptiert man das Vaterland, akzeptiert man den Krieg. oder: Zivilisation heißt Krieg Beim Anblick seines Gegenübers sinniert der Erzähler: Wie kann man diesen Menschentypus an den universellen Sozialismus von morgen anpassen? Wie kann man diese Linie mit der Linie Stalins und Hitlers verknüpfen. Die auf S. 120f wiedergegebenen Ausführungen zum Nationalismus, den er dort als ‚Krankheit‘ bezeichnet, sind sicherlich eine Schlüsselstelle für seine politischen Ansichten.


Die das Buch abschließende Erzählung Das Ende des Krieges spielt 1918 wieder in der Nähe Verduns. Amerikanische und französische Truppen kämpfen gemeinsam, wobei die Amerikaner mit einer gewissen Verachtung auf das Frankreich, das sie durchquert hatten, mit den kleinen Häusern, den Misthaufen, den Männern, die Prügel einstecken und den vielen schamlosen Huren, schauen. Der Ich-Erzähler ist als Dolmetscher und Verbindungsoffizier tätig, noch einmal geht es ihm darum, Mut zu beweisen, deshalb bittet der den General, ihn auf die Inspektion der vordersten Frontlinie begleiten zu dürfen. Er ist hin- und hergerissen von seinen Gefühlen, wie in anderen Erzählungen taucht auch hier wieder der Beschuss mit der riesigen Granate in Thiaumont auf, bei dem ihm aus innerster Seele ein Schrei entfahren war, an diesen Schrei musste er sich klammern, denn dieser Schrei war ihm geblieben, seit zwei Jahren genügte der kleinste Anlass an jedem beliebigen Ort, damit er mich von Neuem gänzlich ausfüllte…. diese Schilderung eines Flashbacks kann man wohl als frühe literarische Fixierung einer PTBS ansehen, die den Ich-Erzähler quält…



Sechs Erzählungen, die im Ersten Weltkrieg spielen, geschrieben von einem Autoren, der sein ‚Vaterland‘ verachtet, der deutlich antisemitische Untertöne in seinen Text einfließen läßt und der seine Affinität zum aufkeimenden Faschismus der Zeit, in der er das Buch publiziert, nicht verheimlicht… muss man das lesen? Oder anders herum gefragt: warum habe ich es gelesen? Hätte ich mir das Buch schicken lassen, wenn ich mich vorher eingehender informiert hätte? Mich hat das Coverbild gereizt, ich gebe es zu, und des prinzipielle Sujet der Erzählungen, die den ersten großen Weltenbrand umfassen….

Es sind sechs Geschichten, die jeweils von einem Ich-Erzähler erzählt werden. Für mich war es jeweils – ohne, daß dies explizit gesagt wurde – der gleiche Erzähler, mir ist auch noch eine Stelle erinnerlich, in der sich auf eine vorhergehende Erzählung bezogen wird. In den Geschichten wird viel Erlebtes geschildert, Drieu ging 1914 als junger Mann mit einundzwanzig Jahren in den Krieg, er kämpfte vor Verdun und in den Dardanellen, war wie sein Erzähler verwundet. Drieu kannte also den Krieg, stellt ihn authentisch und ohne Illusionen dar, kannte dessen Grausamkeit, umso unverständlicher seine Begeisterung für den Faschismus, der Europa erneut in Brand setzte.

Thomas Laux geht in seinem Nachwort eben kurz auf diese Frage ein, wie man Drieu heutzutage lesen kann angesichts seiner offenen Kollaboration mit den Nazis im Zweiten Weltkrieg. Die französische Ausgabe ist aus diesem Grund mit einer profunden Einleitung und weiteren Erläuterungen und Anmerkungen zum Text versehen, die deutsche Ausgabe weist dieses Nachwort von Laux auf sowie Anmerkungen, die jedoch im wesentlich Sachinformationen zu Namen und Daten geben.

Nimmt man die antisemitische und rassistischen Äußerungen Drieus zwar zur Kenntnis, stellt sie aber nicht in den Mittelpunkt, so stellt Die Komödie von Charleroi eine illusionslose Schilderung der Verwüstungen dar, die ein Krieg auf dem Schlachtfeld und in der Psyche eines Soldaten anrichten kann. Insbesondere die zwei Namen ‚Verdun‘ und ‚Thiaumont‘ ziehen sich durch die Geschichten, Ereignisse, die mehr als einen Soldaten aus der Bahn geworfen haben werden – sofern er überlebt hat. In manchen Momenten, auch Laux weist darauf hin, erinnert Drieu an Jünger mit seiner Formulierung vom „Stahlgewitter“: auch bei Drieu wird die Technisierung des Krieges hervorgehoben, aber im Unterschied zu Jünger bedauert; der Kampf Mann gegen Mann entspricht seiner Vorstellung vom Krieg weit eher.

So zweifelhaft einige Aussagen des Buches sind, so gelungen und gekonnt ist die literarische Umsetzung des Themas, dessen sich Drieu angenommen hat. Zumindest in dieser Hinsicht ist die Lektüre des Buches sehr lohnend und dem Manesse-Verlag kommt das Verdienst zu, es in dieser wunderschön gestalteten Ausgabe zugänglich gemacht zu haben.

Links und Anmerkungen:

[1] Wiki-Beitrag zum Autor: https://de.wikipedia.org/wiki/Pierre_Drieu_la_Rochelle
[2] Patrick Modiano: Place de l’Étoile (Buchvorstellung hier im Blog)
Der genannte Name ‚Gilles Drieu‘ bezieht sich auf die Titelfigur des Romans Gilles (1939/42), die biographische Ähnlichkeiten zum Autoren hat, auf die auch Laux in seinem  Nachwort hinweist (Liebesgeschichten, diffuse Todessehnsucht, Faschismus als letzte Option).

Pierre Drieu La Rochelle
Die Komödie von Charleroi
mit einem Nachwort von Thomas Laux
Übersetzt aus dem Französischen von Andrea Spingler und Eva Moldenhauer
Originalausgabe: La Comédie de Charleroi, Gallimard (Paris), 1934
diese Ausgabe: Manesse, HC, ca. 270 S., 2016 (dt. Erstausgabe)

Ich danke dem Verlag für die Überlassung eines Leseexemplars.

Irene Ruttmann: Adèle

9. Februar 2016

Die Autorin Irene Ruttmann, 1933 in Dresden geboren, scheint eine Spätberufene unter den Schriftstellerinnen zu sein. Der erste Roman der u.a. Germanistin, Das Ultimatum, erschien erst 2001, bis dahin war sie Autorin mehrerer Kinderbücher. Bei der Veröffentlichung des vorliegenden Werks Adèle war sie immerhin schon stolze zweiundachtzig Jahre alt. Chapeau!

adele cover

Adèle erzählt eine Geschichte, die sich zwischen zwei sehr entgegengesetzten Polen bewegt. Die Hauptperson ist der Erzähler Max, ein zwanzigjähriger junger Mann, der als Lazarettsoldat im 1. WK dient. Zum Zeitpunkt der Handlung dieser kleinen Geschichte liegt seine Einheit in der Etappe irgendwo in der Champagne in der Nähe des Flusses Aisne. Eine der schlimmsten und blutigsten Schlachten dieser großen Menschenvernichtung (ein wahres Schlachten, von Menschen nämlich) tobte dort zwischen dem Juni und dem November des Jahres 1916 [2]. Max ist als Hilfpfleger eingesetzt, einer, der das, was von den Kameraden übrig bleibt, einsammelt und bergen muss. Trotz seiner Tätigkeit (Wegräumen, sich um die Reste kümmern, das ist ja jetzt mein Beruf.) ist Max ein sensibler junger Mann geblieben, der gerne malt, sich auch in der Literatur auskennt und der ein Tagebuch führt. Arzt wäre er gerne geworden, doch der Vater erlaubte es nicht, so lernte er, der die Natur liebt, Drogist.

Das Tagebuch, das seine Tochter erst lange nach seinem Tod mit viel Respekt zögerlich zu lesen anfängt.

Die ersten Einträge sind sporadisch aus dem Sommer und dem Herbst, im Dezember jedoch werden die Einträge regelmäßiger. Max liegt mit seiner Einheit in einem französischen Dorf hinter der Front, es ist ruhiger hier und auch etwas „komfortabler“ mit Öfen, mit Feldbetten, mit etwas mehr Zeit und Ruhe…. viele der Soldaten leiden an Magen-Darm-Problemen, haben Durchfall, die Angst vor Seuchen wie Typhus oder Ruhr ist immer präsent. Max, der Pflanzenliebhaber, der so gerne Arzt geworden wäre, wenn es der Vater erlaubte hätte (wenigstens lernte er, der die Natur liebt, Drogist), geht auf die Suche nach Salbei, um mit einem Tee die Beschwerden der Kameraden zu lindern. Im Dorf scheint zwar die Apotheke geschlossen, doch ist das nicht ein Kräutergarten dort am Haus gegenüber? Hinter dem Haus war tatsächlich ein großer Garten, winterlich kahl, aber ein richtiger Garten mit Rasenstück und Kirschlorbeeer und Feuerdorn mit seinen roten Beeren […] Ich hatte nicht gehört, dass jemand rief. Aber dann erschrak ich sehr und drehte mich um. Da saß sie auf einer schmalen Holzbank an der Hauswand […] vor der kalkweißen Wand, die in dem hellen Licht beinahe blendete, das vergesse ich nie. […] Und dann diese leuchtend rote dicke Jacke, die fuhr mir in die Augen, als hätte ich seit hundert Jahren das erste Rot wieder gesehen. […].

Tatsächlich ist außer dieser jungen Frau auch ein Salbeistrauch im Garten und Max kann ihr verständlich machen, was er sucht und mit einigen Zweigen beladen verabschiedet er sich. Der Tee half seinen Kranken, aber es war zu wenig, und so machte sich Max am nächsten Tag wieder auf zu diesem Haus, mit der jungen Frau, die diese rote Jacke trug, die ihn die ganze Nacht nicht mehr losgelassen hatte…

Max beherrscht nur ein paar wenige Worte Französisch, die Frau, die sich ihm als Adèle vorstellt, ein wenig mehr Deutsch, aber sie spricht fast nur französisch mit ihm. Trotz dieser Schwierigkeiten jedoch (die andererseits verhindern, daß sie, die offiziell ja Feinde sind, sich mit Worten missverstehen….) entsteht ein Band zwischen ihnen… Max, der keine Erfahrungen mit Frauen hat, dessen wacher Geist zu kompliziert arbeitet, um einfach auf eine Frau zuzugehen, ist überrascht, wie spontan Adèle ihm diese Entscheidungen abimmt, ihn einfach umarmt und nahe kommt…. wie weit weg ist das Elend da draußen in der Nähe Adèles, es raubt ihm die Sprache, die französische, von der er eh nur ein paar schüttere Worte beherrscht, aber auch die deutsche, denn in Adèles Nähe leert sich sein Kopf und füllt sich mit ihren Eindrücken, ihrem Geruch, der Zartheit ihrer Haut, ihrem Lachen, ihrer Wärme… alles ist so einfach und gut, wenn sie sich gegenseitig halten… es ist für beide nicht so wichtig, was sie sich sagen, der Klang der Stimmen ist wichtig, die sie hören. So lesen sie sich aus Büchern vor, wissend, daß der jeweils andere den Sinn nicht versteht, sondern nur in der Melodie der Stimme versinken kann….

Sowohl wir Leser als wahrscheinlich auch Adèle und Max wissen, daß im Krieg eine solche Liebe keine Zukunft hat. Weihnachten 1916 ist ihnen vergönnt, aber ein paar Wochen später wird die Einheit von Max verlegt, nach Russland. Er sollte nie wieder von Adèle hören, ein Andenken, eine kleine Vase aus Porzellan war ihm ein Leben lang eine wichtige Erinnerung an sie… Lass das nie fallen! war die stete Ermahnung des Vaters, so erinnert sich die Tochter.

Die Sprache, so erzählt uns Ruttmann mit ihrer Geschichte auch, ist nicht unbedingt notwendig zur Liebe. Zu leicht ist Sprache kopfgesteuert, vom Wissen, vom Verstand gelenkt. Ruttmann läßt beispielsweise in einer Szene die Tante Adèles zu Besuch erscheinen. Die Tante spricht Deutsch und das einsetzende Gespräch mit Max ist sofort von gegenseitigen Vorwürfen und Rechtfertigungen durchsetzt. Wäre es mit Adèle genauso gewesen, wenn sie sich hätten unterhalten können? Eine Frage, die nicht zu beantworten ist… andererseits: es gibt in diesen Tagen auch Momente, in denen auf einmal Misstrauen im Raum steht, es ein „sie“ und ein „ich“ gibt, das „wir“ verschwunden ist, zwischen ihnen eine Grenze verläuft. Dieses Misstrauen flackert nur auf, nistet sich nicht ein, aber zeigt, wie gr0ß die Gefahr ist, daß Gefühle daran scheitern mögen. Ich selbst habe mich übrigens beim Lesen gut in Max einfühlen können: meine französischen Sprachkenntnisse gehen wohl kaum über die von ihm hinaus, die wenigen französischen Sätze, die Ruttmann ihre Protagonisten sprechen läßt, habe auch ich nicht verstanden….

Die Liebe zur Französin ist für Max wie ein Wunder, die ihn die Armseligkeit und die Grausamkeit des Krieges um so deutlicher fühlen läßt. Zwar hat er Glück, daß er in diesen Wochen in der Etappe hinter der Front stationiert ist und relativ viel Freiräume hat, aber immer ist er Soldat, über dessen Zeit und Tätigkeit seine Vorgesetzten verfügen können. Wann hört das bloß auf? Der verzweifelte Stoßseufzer gilt dem großen Schlachtfest, der Hölle aus Kot und Gestank, von der er ein Teil ist.

Eingebettet ist diese Liebesgeschichte in die kleine Rahmenhandlung, die ich weiter vorne schon angedeutet habe. Am Ende des Romans erfahren wir noch, wie in groben Zügen das Leben von Max weiter gegangen ist; mit einer großen Frage, die offenbleibt und die man als Leser (trotz der Unwahrscheinlichkeit, daß es so ist) so gerne mit „Ja, es ist so!“ beantworten möchte.

Adèle ist ein kurzer, stiller, anrührender und intensiver Roman einer verbotenen, einer zarten und doch handfesten Liebe. Traurig ist er ebenso, weil wir wissen, daß dieser Liebe kein glücklicher Ausgang beschieden sein kann. Um so glücklicher sind wir mit Adèle und Max, wenn sie es wieder schaffen, für einige Stunden in ihre Zweisamkeit zu tauchen… in diesem Sinn ist Adèle auch eine sentimentale Geschichte, in jedem Fall aber ist sie eine großartige!

Links und Anmerkungen:

[1] zur Autorin:  https://de.wikipedia.org/wiki/Irene_Ruttmann
[2] siehe z.B. hier: http://de.historial.org/Schlachtfelder-der-Somme/Die-Schlacht-an-der-Somme:  […] Für einen Geländegewinn der Alliierten von weniger als 15 Kilometern waren 420 000 Briten, 420 000 Deutsche und 190 000 Franzosen getötet worden. […]

Irene Ruttmann
Adèle
diese Ausgabe: Zsolnay, HC, ca. 156 S., 2015

Das ganze Land war von einem Gedenkfieber befallen,
und je mehr es seiner Toten gedachte,
desto weniger kümmerte es sich um die,
die diesen Krieg überlebt hatten.

Der Erste Weltkrieg, ein menschenfressendes Monstrum, das nach vier Jahren Dauer Millionen von jungen Männern an der Front und Menschen allen Alters im übrigen Land das Leben kostete, sie körperlich und/oder seelisch verkrüppelte. Dieser Roman des Franzosen Pierre Lemaitre, der bislang mehr unter die Krimi- und Thrillerautor zu zählen war, geht zurück in diese Zeit, er setzt heute, zum Zeitpunkt, da ich diese Besprechung online stelle, vor 96 Jahren ein, am 2. November des Jahres 1918…

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Wieder einmal wabern an der Front die Gerüchte, der Krieg sei bald vorbei, es werde ein Waffenstillstand verhandelt – es ist nicht das erste Mal, daß man davon hört. Doch dieses Mal scheint es nicht völlig aus der Luft gegriffen, der Krieg geht vielleicht wirklich bald seinem Ende zu…. nur jetzt nicht noch eine Kugel fangen, nur jetzt nicht noch verletzt werden, nachdem man vier Jahre durchgehalten hat… und doch: es gibt auch noch den aggressiven, unterschwelligen Wunsch, jetzt, wo es noch möglich ist, es den „Boches“ zu zeigen, sie noch einmal zu schlagen, sie zu töten….

Im Frontabschnitt 113 wird ein Spähtrupp ausgesandt, dann hört man Schüsse, die Späher liegen tot auf dem Feld. Wut brandet auf, unbändige Wut: ein Angriff wird geplant und die Männer stürmen unter dem Befehl von Lt. Pradelle auf die deutschen Linien zu. Unter diesen Soldaten sind auch Éduard Péricourt und Albert Maillard… wenn Albert nur nicht so weit rechts nach vorne gestürmt wäre, ein wenig weiter links.. aber so hetzt er im Beschuss an den beiden Leichen des Spähtrupps vorbei und (Albert ist nicht der Schnellste im Kopf, er braucht immer ein wenig Zeit) stutzt ein paar Schritte später, irgendwas stimmt nicht, so wie sie da liegen… er kehrt um, sieht die beiden toten Kameraden und bemerkt, daß sie die Einschüsse im Rücken haben…. aber da ist auch schon Lt. Pradelle da, ein schöner, gut aussehender Mann, der, um sein Ziel zu erreichen, über Leichen geht. Er rammt Albert mit der Schulter, dieser stürzt in den Einschlagkrater einer Granate, nicht sonderlich tief, aber des schlammigen Bodens und des seit Tagen strömenden Regens wegen glatt wie Schmierseife, die Wand nicht zu erklimmen.. und von oben schaut Lt. Pradelle nach unten, er ist zufrieden mit dem, was er sieht und geht…. dann hebt ein ungeheuerer Schlag den Boden an, läßt alles erzittern, ein Granatanschlag in unmittelbarer Nähe… Albert schaut noch oben und sieht sie kommen, eine Flutwelle nasser, schwerer, lehmiger Erde, die sich auf ihn stürzt, ihn begräbt, ihn ersticken, ihn töten wird…

In letzter, allerletzter Sekunde wird er von dem selbst durch die Granate schwer verletzten Èduard, der die aus dem Boden ragende Bajonettspitze von Alberts Gewehr gesehen hat, gerettet…. diese Geschehnisse sind der Beginn einer besonderen Beziehung zwischen drei Menschen, die in den nächsten Jahren immer wieder miteinander zu tun haben werden: Albert und Èduard auf der einen, Lt. Henri d´Aulnay-Pradelle, der des erfolgreichen Sturmangriffs wegen zum Hauptmann befördert werden sollte, auf der anderen Seite.

Es sind drei sehr unterschiedliche Männer. Albert ist eher schüchtern, zurückhaltend, ohne großes Selbstvertrauen und mit Hang zur Angst. Es ist auch ein Erbe seiner Mutter, die nicht viel von ihm hielt, ihn immer klein machte, ihn nie lobte. Die Kindheit von Èduard dagegen war von den äußeren Verhältnissen völlig anders, man hatte im Hause des wohlhabenden Bankiers und Unternehmers Marcel Péricourt Geld, man redete nicht drüber. Dagegen – die Mutter verstarb früh und der Vater hätte sich weiß Gott einen anderen Sohn gewünscht, einen, der nicht so viel Spaß gehabt hätte am Zeichnen (und seine meisterhaften Zeichnungen – schon beim sehr jungen Èduard, das musste man zugeben – hatten es in sich, sorgten auch ob der deutlichen Sexualität, die zu sehen war, für kleine Skandale), am sich Schminken und Verkleiden, am Schauspielern und Deklamieren. Es war kein richtiger Sohn für Marcel Pèricourt, er beachtete ihn praktisch nicht, hatte ihn aufgegeben… Der Dritte, Lt. bzw. Hauptmann Pradelle war letzter Sproß eines kleinen, alten Adelsgeschlechts, das am verschwinden war. Was ihn auszeichnete, war seine absolute Ziel- und Ergebnisorientiertheit, er war skupellos, was er sich in den Kopf gesetzt hatte, versuchte er mit allen Mitteln zu erreichen. Dies gelang ihm meist, auch die Damen flogen ihm nur so zu, schön und ausdauernd, wie er war…. Der alte, heruntergekommene Familiensitz: es war sein Ziel, ihn zu renovieren und wieder herzurichten, seinen Sohn dort groß werden zu lassen…..

Dies ist in etwa die Grundkonstellation dieses Romans, den weiteren Gang will ich nur grob skizzieren.

„Freilich war der Krieg blutiger gewesen, als man je gedacht hätte. Wenn man sich aber auf das P0sitive besann, hatte er auch große Fortschritte im Bereich der Gesichtschirurgie gebracht.“ (Prof. Maudret, Arzt, siehe auch hier [2])

Èduard hat durch den Granatenbeschuss eine extreme Gesichtsverletzung erlitten, für ihn ist nur noch der Tod eine Perspektive, er verweigert die folgenden Monate jede wiederherstellende Behandlung, bald schon ist er morphinabhängig, das einzige Mittel, das halbwegs gegen seine Schmerzen hilft. Albert pflegt ihn wie eine Mutter, er sorgt für ihn im Lazarett und später im Krankenhaus und er befreit ihn aus den Intrigen Pradelles. Der nämlich sieht in Albert und Èduard zwei, die ein Geheimnis kennen, das ihm gefährlich werden könnte… doch seine Pläne schlagen fehl, weder gelingt es ihm, den Abtransport Èduards in eine Krankenhaus zu verhindern, noch kann er Albert vor das Kriegsgericht bringen. Letzterer wächst in dieser Situation schier über sich hinaus… er verschafft Èduard sogar eine falsche Identität und schreibt an dessen Elternhaus, daß der Sohn im Feld gefallen ist, denn zu seinem Vater will Èduard auf keinen Fall zurück.

Das nächste Mal treffen sich die drei im Demobilisierungslager, bei der völlig chaotisch ablaufenden Entlassung der Soldaten aus dem Militär. Hptm Pradelle kommt in Begleitung einer vornehmen Dame, die sich als Madeleine Pèricourt, die Schwester Èduards, vorstellt, auf Albert zu und hat „leichtes“ Spiel, diesen zu einem nicht ganz legalen Vorhaben zu „überreden“. Den Erfolg dieser Mission nutzt der gute Hauptmann zu einer persönlichen „Attacke“ auf die Dame: kaum ein halbes Jahr später heiraten die beiden, Pradelle ist im Geldadel angekommen, sitzt mit diesem Schwiegervater im Netz der Beziehungen wie eine Spinne, wobei er nicht glaubt, daß die wachsende Verachtung, die ihm von Seiten Marcel Péricouts entgegenschlägt, hindern wird….

Albert und Èduard wohnen in einer billigen Absteige in Paris, Albert muss – da sich Èduard nicht nach draußen begibt – für alles sorgen: Geld für das Zimmer, Essen, Geld für das Morphium… es ist hart, die Straßen sind voll von Kriegsversehrten und Behinderten, die alle auf der Suche nach Überleben sind…. da entwickelt Èduard einen Plan, ein wahnsinniges Vorhaben, einen ungeheuerlichen Betrug, zu dem er Albert anfangs nicht überreden kann, erst ein äußerst Angst einflößendes Ereignis läßt diesen dann umdenken….

Zur gleichen Zeit wird auf viel höherer Ebene beschlossen, ein Problem anzugehen. Die Regionen, in denen der Stellungskrieg tobte, sind voll mit Leichen, die auf die Schnelle vergraben, verscharrt, eingebuddelt worden waren. Jetzt stören sie zum Beispiel beim Bestellen der Felder… und außerdem ist es würdelos, sie dort liegen zu lassen, die Familien wollen eine würdevolle Bestattung ihrer gefallenen Helden, einen Ort, an dem sie trauern können. So wird eine riesige Exhumierungs- und Umbettungsaktion ins Leben gerufen und für Pradelle sieht dies aus wie eine Lizenz zum Gelddrucken. Er ergattert große Aufträge, die ihm viel Geld einbringen und mit ein wenig Kreativität kann es noch viel, viel mehr Geld werden…..

Während dies alles geschieht, geht in dem früher so harten und gefühllosen Vater Èduards eine Wandlung vonstatten. Er, der seinen Sohn immer verachtete, versucht jetzt, wo er im Feld gefallen ist, ihm näher zu kommen, zu ergründen, was er für ein Mensch gewesen war und er ist verzweifelt, daß er ihn seinerzeit so schlecht behandelt hat, sich nicht um ihn gekümmert hat: Marcel Péricourt macht eine Zeit der inneren Reifung durch. Und wer könnte ihm was von seinem Sohn erzählen, wenn nicht der Kamerad, der ihm und seiner Tochtger seinerzeit von seinem Tod berichtete: so wird Albert zu den Pèricourts, in das Haus auch, in dem sein Feind Pradelle lebt, zum Essen und zum Berichten eingeladen….

Lemaitre läßt diese drei Handlungsstränge (den Plan Èduards, Pradelles Aktivitäten und die Wandlung von Èduards Vater) im Verlauf des Romans parallel laufen und entwickelt sie weiter. Natürlich hat jeder dieser Schauplätze auch noch seine Nebenhandlungen, in denen die jeweiligen Charaktere und Persönlichkeiten der Protagonisten deutlich herausgearbeitet werden. Die eigentliche Handlung nimmt jedoch unerbittlich ihren Lauf und endet – und das ist das Verdienst von Joseph Merlin, der Ungeliebtesten aller Figuren dieses Romans, dem nichts Positives mitgegeben wurde bis auf seine moralische Standfestigkeit – so, wie sich das der Leser aufgrund der Sympathien, die er für die Personen entwickelt, wünschen mag. Wenn schon im wahren Leben die Guten nicht immer gewinnen und die Bösen nicht immer verlieren, so doch wenigstens im Roman….


Lemaitres Roman hat den Ersten Weltkrieg zum Thema, bis auf die Eingangskapitel jedoch nicht die Kampfhandlungen des eigentlichen Krieges (wenngleich er die in diesen Abschnitten drastisch schildert), sondern er konzentriert sich auf die anschließende Nachkriegszeit mit ihrem Elend für viele der aus dem Feld zurückgekehrten Soldaten, die ohne ausreichende Versorgung oft auf der Straße stehen, die in kümmerlichen Unterkünften leben müssen und sich jeden Tag auf´s Neue irgendwie ein wenig Geld zum Überleben verdienen müssen. Auf der anderen Seite beschreibt er die (Nach)Kriegsgewinnler, die völlig skurpellos die aufbrandende Welle patriotischer Gefühle für die Gefallenen für sich ausnutzen, der von Pradelle inszenierte Betrug bei den Militärexhumierungen beruht nach Lemaitre auf einem realen Skandal, der 1922 publik geworden war.

Der Roman erzählt, er erzählt vom Elend der Menschen im und nach einem Krieg: eine ganze Generation wurde zum Abschlachten geschickt und die Zerfetzten, die zurückgekommen sind, an Leib und/oder Seele auf´s Tiefste verwundet, sie wurden als störend empfunden, abgeschoben in die dunklen Ecken der Stadt, die sie nicht gebrauchen konnte. Das ist kein Einzelphänomen, man denke nur in neuerer Zeit an das Schicksal vieler Vietnamveteranen in Nordamerika… die Toten waren einfacher zu behandeln: man konnte als Kollektiv, als Gesellschaft um sie trauern, sie hatten keine Bedürfnisse mehr, wollten keine Arbeit haben, brauchten kein Essen noch Unterkunft…. man raffte man sie aus den Notgräbern zusammen und konnte sie auf einige wenige zentrale Soldatenfriedhöfe konzentrieren. In den Gemeinden stellte man Mahnmale für die gefallenen Söhne auf, legte Kränze nieder und beweinte sie, die gefallenen Helden. Die überlebenden Söhne der Nation, sie taugten dagegen deutlich weniger zum Helden, zeigten jedem, der sie sah, wie scheußlich der Krieg wirklich gewesen war, sie ließ man darben….


…noch ein Wort zum Menschlichen im der Geschichte. Albert und Èduard wurden durch das Schicksal so etwas wie aneinander gebunden. Albert „diente“ die moralische Schuld, die er vielleicht verspürte, an Èduard ab, dieser hatte ihm sein Leben gerettet und brauchte nun selbst jemanden, der ihm – auf andere Art und Weise zwar – ebenfalls das Leben rettete. Diese Aufgabe nahm Albert trotz aller Ängste, die damit verbunden waren und die er hasste, an, es entwickelte sich eine enge Beziehung zwischen beiden, fast wie bei einem alten Ehepaar…. Albert läßt für Èduard sogar die einzige wirkliche Chance, die sich ihm auftat, ungenutzt: er hätte in ein normales, gutes Leben einsteigen können für einen „Verrat“ an Èduard, der selbst weitaus egoistischer in seinen Handlungen war als der treue Albert….

Èduards Vater, Marcel, wird von Lemaitre anfangs als patriarchalischer Bankbesitzer und Unternehmer geschildert, der jede Situation beherrscht, der seine Gefühle unter Kontrolle hat, so sehr sogar, daß er um Gefühle gar nicht mehr weiß. Hier spielt auch der frühe Tod der Frau, den er so sehr verdrängt hat, daß er sich kaum noch an diese Zeit erinnert, eine große Rolle. Erst durch den Tod seines ungeliebten Sohnes wird diese Gefühlslosigkeit erschüttert. Madeleine, die Tochter, spürt dies, sensibel geht sie darauf ein, legt die alten Zeichenhefte Èduards hin, so daß der Vater unauffällig danach greifen kann – sie werden bald eine Art Reliquie für ihn werden. Auf diese Art läßt der Autor den ehemaligen Patriarchen sich wandeln, die Geschäfte werden unwichtiger für ihn, er erwischt sich, daß er Sitzungen früher verläßt und Aufgaben an andere abgibt. Einzig im Kräftemessen mit seinem Schwiegersohn bleibt er hart und unerbittlich, so wie er früher war.


Lemaitres Roman ist hoch ausgezeichnet worden in Frankreich, mit dem „Prix Goncourt“ wurde ihm der höchste Literaturpreis des Landes verliehen – für ein geringes Preisgeld ein garantierte Verkaufserfolg. Und der Roman hat ihn verdient. Er ist spannend erzählt, man merkt die „Herkunft“ des Autoren aus dem Thrillergenre. Er schont seine Landsleute keineswegs, klagt deutlich die falschen Gewichtungen an, die seinerzeit gelegt wurden, zeigt deutlich, daß es immer wieder nur ums Geld und um den Profit geht, beschreibt auch die Ineffizienz und Korrumpierbarkeit der zuständigen Behörden. Ein Netz von Beziehung ist alles, kannte man die richtigen Leute, war alles möglich. Und letztlich hat man immer die Fragen im Hinterkopf: „wie ist es heute“ und „wie sieht es bei uns aus?“. Es ist bezeichnend, daß ausgerechnet die unsympathischste Figur des Romans der moralisch integerste aller ist.

Kurzum: „Wir sehen uns dort oben“ ist ein spannender und intensiver Roman über die Zeit direkt nach dem 1. Weltkrieg in Frankreich, der sich gut und schnell liest, der sich aber auch im Kopf festsetzt, denn was Lemaitre so schonungslos beschreibt, ist keine leichte Kost.

Links und Anmerkungen:

[1] Kurzbio des Autoren auf der Wiki: http://de.wikipedia.org/wiki/Pierre_Lemaitre
[2] Ronald D. Gerste, Blut, Leid und neue Therapien – Medizin im Ersten Weltkrieg; in: http://www.nzz.ch/wissenschaft/uebersicht/blut-leid-und-neue-therapien-1.18260600
[3] „Missing Sons: Ein Jahrhundert der Trauer“: Ausstellung in der Bonner Kunsthalle, Website mit Bilden, Missing Sons: Ein Jahrhundert der Trauer; http://www.dw.de/missing-sons-ein-jahrhundert-der-trauer/g-17229703
Weitere Buchvorstellungen mit dem Thema „1. Weltkrieg“ auf aus.gelesen:

Pierre Lemaitre:
Wir sehen uns dort oben
Übersetzt aus dem Französischen von Antje Peter
Originalausgabe: Au revoir là-haut, Paris, 2013
diese Ausgabe: Klett-Cotta, HC, ca. 520 S., 2014

Ich danke dem Verlag für die Überlassung eines Rezensionsexemplars

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