Harald-Alexander Korp: Am Ende ist nicht Schluß mit lustig

Tumor ist, wenn man trotzdem lacht. 

Unter diesem Motto habe ich vor vielen, vielen Jahren, als ich mich selbst noch nicht mit dem Thema „Sterbe-/Hospizbegleitung“ beschäftigt habe, eine (Selbsthilfe)Gruppe von krebserkrankten Frauen in einem Internetforum erlebt. Ich muss zugeben, das war damals im wesentlich ein makabres Wortspiel für mich, der Gedanke, daß Humor beim Leben mit dem Tumor auch helfen kann, ist mir persönlich erst Jahre später richtig bewusst geworden. Dabei ist es doch, wenn man mal an die Funktion des Witzes denkt, der ja im Grunde die Möglichkeit überhaupt ist, relativ ungeschoren ein Tabu zu brechen, nicht verwunderlich, ist doch das Reden über den Tod, das (womöglich eigene) Sterben mit das größte Tabu und wenn ich es schaffe, darüber zu lachen oder einen Witz zu reissen oder sei es auch ’nur‘, in dieser Situation überhaupt noch Humor zu beweisen, stellt dies eine machtvolle Strategie dar, am Ende des Lebens nicht zu verzweifeln.


Aber nun zum Buch und seinem Autoren. Harald-Alexander Korp ist ein Mann mit einer weit gefächerten Ausbildung (Religionswissenschaft, Philosophie und Physik) und einem noch weiter gefächerten Tätigkeitsfeld, das das Spektrum von einer Lehrtätigkeit als Religionswissenschafter über Lach-Yoga-Trainer bis zum Schreiben von Theaterstücken überstreicht [http://www.hakorp.de]. Ich habe ihn in diesem Blog schon mit seinem wunderbaren Buch über die ‚Alltagstauglichkeit‘ der Erkenntnisse von Meister Eckart (Harald-Alexander Korp: Dem ruhigen Geist ist alles möglich; https://radiergummi.wordpress.com/2019/06/09/harald-alexander-korp-dem-ruhigen-geist-ist-alles-moeglich/) vorgestellt, er widmet das vorliegende Buch Am Ende ist nicht Schluss mit lustig genau dem oben von mir angerissenen Thema „Humor und Sterben“ (man findet übrigens die Spuren Eckarts auch in diesem Buch sehr deutlich).

Auf den ersten, spontanen Blick mag es ein Gegensatz sein, am Ende des Lebens, im Sterben, im Tod Humor? Witze und Lachen? Passt denn das überhaupt? Dazu erläutert der Autor Wesen und Funktion von Humor und Witzen. Denn schließlich ist es manchmal nur dadurch möglich, zumindest geduldet, Tabus zu brechen und zu überschreiten. Ganze Genres wie Blondinenwitze, Witze über Friesen und andere Themen sind ein Beleg dafür. Auch der bekannte und teilweise sehr scharfe jüdische Witz geht in diese Richtung. Der Humor ist ein machtvoller Gegenspieler der Angst (Stichwort: Galgenhumor): hier kann ich Ängste formulieren und ihnen durch die Tatsache, daß ich mit ihnen spiele, den Schrecken nehmen. Es gibt verschiedene Mechanismen, nach denen solche Witze funktionieren können, meist sind es überraschende, andere Sinnzusammenhänge, in die zum Beispiel etwas sehr Schlimmes gestellt wird: Erzählt einer: ich möchte mal so sterben, wie mein Großvater, friedlich im Schlaf. Und nicht vor Angst schreiend wie sein Beifahrer! (nicht dem Buch entnommen, von den dort stehende Witzen will ich hier keinen verraten). Durch gemeinsames Lachen reduzieren sich Spannungen und lösen sich auf, witzige Bemerkungen können auch peinliche Situationen überspielen und ihnen die Peinlichkeit nehmen, die möglicherweise mit körperlichen Mängeln verbunden sind. Außerdem verbindet gemeinsames Lachen, ungeachtet dessen, daß Lachen ebenso positive auf die körperlichen Befindlichkeiten wirken kann!

Da Korp selbst ehrenamtlicher Hospizbegleiter ist, hat er einen großen Fundus an Beispielen, aus denen er schöpfen kann. Nicht immer gelingt ein Witz oder ist eine Situation, in dem man kommt, für alle lustig: das ‚Scheitern‘ eines Witzes gehört zum Humorrisiko, nicht jeder lacht über die gleichen Witze. Es gehört also auch eine Portion Erfahrung und Menschenkenntnis dazu, wenn man Witz reißen will.

Nicht immer muss der Humor brachial erfolgen. Korp erzählt mit viel Liebe aus der Arbeit der Krankenhausclowns, die mit roter Nase und mehr oder weniger clownesker Verkleidung zu den Patienten gehen (oft auch und gerade auf Kinderstationen) und dort mit viel Empathie erfühlen, was dem Patienten gerade gut tun würde. Und das kann eben auch sehr Leises sein, ein Lächeln vielleicht und nur die Hand halten…

Natürlich macht der Humor und der Witz, möglicherweise auch die Situationskomik vor dem, was nach dem Sterben kommt, nicht halt. Ich persönlich beispielsweise muss mich immer sehr konzentrieren, beim Kondolieren keinen „Herzlichen Glückwünsch!“ auszusprechen, aber nach Korp bin ich da wohl nicht der einzige…. :-) Auf dem Beerdigungskaffee oder Leichenschmaus wird oft und häufig gelacht, so manche Anekdote zum Verstorbenen läßt ihn noch einmal lebendig werden und das Lachen erleichtert den Abschied und den Übergang in den Alltag.

Auf diese Art führt Korp uns Leser durch den gesamten letzten Lebensabschnitt inkl. der anschließenden Trauer. Es läßt sich gerade für ehrenamtliche Begleiter sehr viel Praxisnahes herauslesen und -finden, angereichert ist der Text mit vielen Einschüben, in denen wir zu Übungen aufgefordert werden, die uns teilweise sehr nahe an unser eigenes Sterben führen. Aber, wie es sich von einem Buch über Humor gehört, ist Am Ende ist nicht Schluss mit lustig kein trauriges Buch. Es enthält eine Menge Witzbeispiele und ist durch Karikaturen aufgelockert. Es schafft den (eingebildeten?) Spagat zwischen Humor und Ernst der Lage problemlos, ich kann es jedem am Thema interessierten nur wärmstens ans Herz legen! (Ist das jetzt eigentlich schon Werbung oder rezensier ich noch?)

Harald-Alexander Korp
Am Ende ist nicht Schluss mit lustig
Humor angesichts von Sterben und Tod.
Mit Karikaturen von Karl-Horst Möhl
diese Ausgabe: Gütersloher Verlagshaus, Paperback, ca. 250 S., 2014

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