Roland Schulz: So sterben wir

Ob man es wirklich so genau wissen will? …. es ist schon kein einfacher Stoff, den der Reporter Roland Schulz dort zusammengetragen hat. Das Buch hat mich vom Inhalt her sehr an das schöne ältere Werk Nulands erinnert, dessen Titel ja auch ganz ähnlich ist (und das sich selbstverständlich auch in der ausführlichen Literaturliste von Schulz wiederfindet): Wie wir sterben [https://radiergummi.wordpress.com/2010/05/08/sherwin-b-nuland-wie-wir-sterben/ ]. Wie in meiner dortigen Buchvorstellung nachzulesen ist, habe ich seinerzeit mindestens zwei Anläufe zum Lesen gebraucht, weil … ich es beim ersten Mal offensichtlich noch nicht so genau wissen wollte.

Sterben ist ein Prozess voller Dynamik, so einzigartig wie dein Leben. Jeder Mensch erlebt diesen Prozess auf seine eigene, einmalige Weise. Erst danach, wenn du tot bist, lässt sich dein Sterben in drei Stufen staffeln, die der Arzt in den Totenschein einträgt. …. Über das Sterben ist schwer sprechen. Es lohnt sich aber, sagen die Spezialisten, die dem Sterben nahestehen. Sie waren anfangs skeptisch, als sie von der Idee dieses Buches hörten: Sterben, Schritt für Schritt? Sterben folgt keinem Fahrplan, sagten sie. Sterben ist dynamisch, Sterben ist komplex. Das beginnt schon mit dem Begriff, Sterben ist Teil des Lebens, Tod, das ist danach. …

Mit diesem Zitat ist schon viel über das Buch und dessen Inhalt gesagt. Es ist tatsächlich der Versuch einer minutiösen Darstellung, was sich im Sterbeprozess im Körper, aber auch in der Seele und in der Wechselwirkung mit der Umwelt, sprich den Angehörigen, abspielen kann. Nicht muss. Es gibt eben dieses Drehbuch, diesen festen Fahrplan, nicht, es ist eine Bandbreite von Möglichkeiten, in denen das Sterben in Erscheinung tritt. Die großen Stationen werden zwar in fast jedem Fall angefahren, das körperliche aber auch seelische Sich-zurück-ziehen oder die stetig zunehmende Schwäche, aber das Wie und das persönliche Erleben bleibt individuell. Allgemein gesprochen: das „Vielleicht“ beginnt seine Herrschaft: Sterben vereint viele Symptome, und manche schleichen sich früh an. Vielleicht bekommst du Verstopfung, vielleicht Durchfall. Vielleicht überfällt dich Schluckauf. Vielleicht Juckreiz. Mal bist du müde. Mal schlaflos. Dir wird öfter übel. Du musst eher brechen. Deine Erschöpfung macht dich mürbe. … Vielleicht fängt die Frage nach dem „Warum?“ im Kopf an zu kreisen, vielleicht sucht der Schmerz den Körper heim – vielleicht auch nicht und man hat Glück. Vielleicht wird man mit viel Empathie von seinen Angehörigen begleitet, möglicherweise sind diese mit der Situation aber auch überfordert… gleiches gilt die Ärzte, manche mögen nur den Krankheitsfall im Sterbenden sehen, manche vermögen jedoch auch den Menschen wahrzunehmen. Manchmal gelingt es dem Sterbenden alle Rollen, die er/sie im Leben wahrgenommen hat, abzulegen und zum Eigentlichen, zu seinem wahren Wesen durchzudringen, jetzt, in der letzten Stunde, in der Ehrlichkeit angesagt ist.

Schulz geht sowohl auf mögliche körperliche als auch auf die seelische Prozesse des Sterbeprozesses ein. Seine Art der Darstellung ist ungewöhnlich, die von mir vorstehende wiedergegebenen Zitate verdeutlichen dies: es sind oft kurze „Sätze“, eher Fragmente, durch die Verwendung des „Du“ fühlt man sich beim Lesen direkt angesprochen. Das geht tief hinein in die eigene Vorstellung, das Sterben ist auf einmal nichts mehr, was anderen passiert, sondern hier öffnet sich ein Blick in die eigene Zukunft: auch – oder gerade – dies ist es, was das Lesen innerlich anstrengend macht.


Ist das Sterben individuell, so ist das, was zwischen dem Eintritt des Todes und der Bestattung stattfindet, ein streng reglementiertes Procedere, das in manchen Abschnitten individuell ausgestaltet werden kann. Sehr minutiös stellt Schulz auch diesen Aspekt des Todes dar, die für den Laien kaum überschaubare Bürokratie, die mit dem Ableben eines Menschen in Gang gesetzt wird, bis dieser auch hochoffiziell aus dem Kreis der Lebenden verabschiedet werden kann und worden ist. Wesentliches Bindeglied zwischen den Hinterbliebenen und dieser Bürokratie ist der Bestatter, der – soweit beauftragt – die notwendigen Formalitäten erledigt, welche das sind, erfahren wir von Schulz. Ebenso wie er uns nicht verschweigt, wie beispielsweise eine Kremierung durchgeführt wird und was dabei passiert. Seltsamerweise hat er diese Genauigkeit der Schilderung für eine Erdbestattung unterlassen, zumindest für mich wäre es schon interessant gewesen, zu erfahren, wie der Vergang eines Sarges und des Leichnams ’six feet under‘ im Lauf der Zeit von statten geht.


Mit der Bestattung, für die es selbstverständlich eine Bestattungsgenehmigung braucht, endet ein großer Abschnitt und für die Hinterbliebenen fängt ein neuer an: sie sind jetzt mit ihrer Trauer allein. Und ebenso wie das Sterben individduell ist, ist es auch die Trauer. Jeder Mensch trauert anders, jede Art, in der sich Trauer äußert, ist richtig, es gibt kein falsches Trauern. Auch Trauer verläuft prozessual, der Mensch hat im Normalfall die Resourcen, auch mit schweren Verlusten wie dem Tod eines geliebten Menschen, umzugehen und nach einer gewissen Zeit wieder ins Leben zurückzufinden. Dieser Prozess mit all seinen Schattierungen, in denen er ablaufen kann, ist Gegenstand des letzten Abschnitts von Schulz‘ Buch.


So sterben wir ist kein Buch, das man lesen sollte, wenn man Unterhaltung sucht. Man wird es auch nicht in einem Rutsch lesen können, zu eindringlich und auch deutlich ist das, was Schulz uns schildert. Nichtsdestotrotz ist So sterben wir wertvoll, denn es bringt Licht in ein Dunkel, das diesen (meist) gefürchteten, in jedem Fall aber vor uns stehenden Prozess des Sterbens umgibt – und schließlich ist Wissen ein probates und bewährtes Mittel gegen die Angst. Zu wissen, was uns erwartet, was geschehen kann und zu wissen, daß wir im Sterben Teil einer Gemeinschaft werden, die diesen letzten Akt des Lebens gemeistert hat, kann, so seltsam das klingt, ein Trost sein.

Zum Schluss kann ich für jeden, der sich intensiver noch einen Eindruck vom Buch machen möchte, folgenden Podcast empfehlen, in dem die Schauspielerin Eva Mattes aus So sterben wir vorliest: https://sz-magazin.sueddeutsche.de/sz-magazin-zum-hoeren/eva-mattes-liest-ganz-am-ende-86772?reduced=true

Weitere Buchvorstellungen von mir im Themenkreis von „Krankheit, Sterben, Tod und Trauer“ finden sich hier: https://radiergummi.wordpress.com/category/krankheitsterbentodtrauer/
eine Sammlung von Links führe ich auf folgender Facebook-Seite (Link bitte kopieren, den Stern entfernen und selber ins Adressfeld des Browser eingeben): https://www.face*book.com/pg/SterbenTrauerTod/

Roland Schulz
So sterben wir
Unser Ende und was wir darüber wissen sollten
diese Ausgabe: Piper, HC, ca. 238 S., 2019

5 Kommentare zu „Roland Schulz: So sterben wir

    1. sicherlich wird es dir gefallen! mir ist gerade aufgefallen, daß ich für den abschnitt „sterben“ einen gesichtspunkt zu wenig betont habe: da schulz quasi aus der sicht des sterbenden schreibt, läßt sich auch viel für die rolle der begleiter herauslesen, was ist angebracht, welche fehler kann ich machen, wo liegen die fettnäpfe? die können überraschend sein.. allein schon wenn man die tür aufmacht und „guten tag“ sagt. und das arme menschlein denkt sich, ich sterbe hier und du wünscht mir einen guten tag.. und schweigt dann in sich hinein….

      liebe grüße
      gerd

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      1. Ja kommunizieren in der Pflege hat viel mit Nachdenken zu tun. Wenn ich auf meiner krebsstation Kollegen höre die einen „schönen Tag, bis morgen“ dem Patienten wünschen, dann denk ich auch, huuu denk doch mal nach! Allerdings geht da ein „guter Tag“ zu wünschen, ohne Schmerzen ohne Fieber, ohne Angst. Aber keinen schönen Tag, das ist unfair. Liebe Grüße Katrin

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    1. ja, schwere kost. in der aktuellen ausgabe der ZEIT (3/2020) ist ein beitrag über „trost“ drin, da musste ich an dieses buch denken. das nämlich, dem aufsatz nach, ein trost sein kann zu wissen, daß man mit seinem persönlichen schicksal, auch dem sterben eben, in eine gemeinschaft eingebunden ist aller schon sterbenden und auch schon gestorbenen. deswegen können aufzeichnungen, die schon die jahrhunderte überdauert haben, immer noch ein trost sein – bei allem schmerz und allem kummer.

      liebe grüße
      gerd

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