Rocco Thiede / Deutsche Krebshilfe (Hrsg): Wir sind für dich da!

Der u.a. Journalist und Autor von Büchern mit sozialen Themen (https://roccothiede.de/category/buecher/) Rocco Thiede hat zusammen mit der Deutschen Krebshilfe (https://www.krebshilfe.de) diese Sammlung von Fallgeschichten über Krebserkrankte zusammengestellt. Ich habe leider nicht gefunden, nach welchen Kriterien die einzelnen Fallgeschichten ausgewählt worden sind: In elf Reportagen schildern renommierte Journalistinnen und Journalisten, wie Angehörige und enge Freunde die Krebserkrankung eines nahestehenden Menschen erlebt haben und vor welchen Herausforderungen sie standen. Besonders an diesem Konzept ist also, daß die begleitenden Angehörigen bzw. Freunde mit ihren Problemen und Schwierigkeiten bei der Begleitung in den Focus genommen werden. [Dazu verweise ich gerne auf ein schon etwas älteres Buch, das in ähnlicher Weise Krankengeschichten aus der Sicht der Begleitenden schildert. Was so neutral klingt, tut im Herzen weh: es handelt sich um Schicksale von tumorerkrankten Kindern, die von ihren Eltern geschildert werden: Christoph Tautz / Manfred Grüttgen (Hrsg.)
Die Gegenwart eures Todes könnte die Zukunft des Lebens retten; https://radiergummi.wordpress.com/2020/01/01/christoph-tautz-manfred-gruettgen-hg-die-gegenwart-eures-todes-koennte-die-zukunft-des-lebens-retten/ ]

Krebs ist eine Krankheit, die alles verändert – so der Titel der einleitenden Geschichte, in der es um Schicksale von jungen Frauen mit Kindern bzw. Kinderwunsch geht. Es ist müßig, auf die einzelnen Schicksale in den Reportagen einzugehen, sie sind alle miteinander schwer zu ertragen, selbst beim Lesen senkt sich große Traurigkeit in die Seele. Was sich durch alle Geschichten zieht, ist die elementare Wucht, mit der die Verkündung der Diagnose das bisherige Leben der Betroffenen zerstört. Und mit Betroffenen ist nicht nur der Erkrankte gemeint, sondern sein gesamtes soziales Umfeld, sprich: die Familie und die nahen, möglicherweise selbst die weniger nahen Freunde. Ja, es ist durchaus möglich, daß diese anfänglich sogar mehr zu kämpfen haben als der Erkrankte selbst, sie müssen die Diagnose aushalten und haben praktisch keine Handlungsoption, erleben das Geschehen um die Erkrankung mehr oder weniger ohnmächtig mit. Trotzdem stehen sie in der Verantwortung, müssen den Alltag am Laufen halten, müssen jedoch ebenso die neue, lebensbedrohende Situation meistern. Besonders schlimm ist es, wenn in der Familie oder im Bekanntenkreis schon ein Krebsfall vorgekommen ist, der ganze mit dem Krankheitsverlauf und dem Tod verbundene Schrecken ist momentan wieder präsent und macht einfach nur Angst.

Deutlich wird in den Berichten, wie wichtig das soziale Umfeld für den/die Erkrankte/n als Ressource ist, eine weitere Herausforderung für die Angehörigen – nicht jede/r ist dem gewachsen. ‚Soziales Umfeld‘ bedeutet nicht notwendigerweise die ‚biologische‘ Familie, es kann dies auch eine „Wahlfamilie“ sein kann, wenn die „biologische“ Familie – aus welchen Gründen auch immer – dafür nicht in Frage kommt. Dies wird am Beispiel einer jungen Frau beschrieben, deren Brustkrebs immer wieder auftaucht, die sich aber nicht aufgibt und die von einem strukturierten Freundeskreis begleitet und gestützt wird.

Die Diagnose Krebs bedeutet von jetzt auf gleich ausgeliefert sein: den Ärzten, die, nicht immer einfühlsam, die Diagnose verkünden und auch schon wissen, wie und was jetzt medizinisch geraten ist zu tun. Die Patienten selbst wissen gar nichts, bekommen wegen der natürlichen Schutzhaltung, die die Psyche einnimmt, meist noch nicht einmal mehr etwas mit von dem, was der Arzt nach der Diagnose noch sagt. In der Folge übernimmt die Therapie das Kommando über den Alltag; für den Erkrankten bedeutet dies einen unvermittelter Rollenwechsel vom ‚Menschen‘ zum Patienten:  Krankenhausaufenthalte, Besuche, Tag- und/oder Nachtwachen – das alles muß neben dem Alltag organisiert werden, der irgendwie ja auch noch läuft: die Kinder müssen zur Schule und sonstwo hin, der Job muss gemacht werden, Freunde müssen informiert, vertröstet werden (manche haben dafür nur wenig Verständnis) und last not least muss die Bürokratie bedient werden mit Anträgen, Einsprüchen und Widersprüchen…. während im Krankenhaus der geliebte Mensch mit dem Tod kämpft. [Der Jurist Peter Noll (gest. 1982) bietet in dieser Hinsicht ein Gegenbeispiel. Nach der Diagnose Blasenkrebs entschied er sich seinerzeit in vollem Bewusstsein der Bedeutung dieser Entscheidung, auf eine Therapie völlig zu verzichten. Er fürchtet seine Entmündigung. Immer war es ihm wichtig, „.. dem Automatismus der medizinischen Technologie zu entrinnen. Dazu gehörte aber auch die Aufklärung darüber, dass Sterben und Tod immer nahe sind und dass man sich schon früh darauf vorbereiten soll.““ Peter Noll: Diktate über Sterben und Tod, https://radiergummi.wordpress.com/2012/02/08/peter-noll-diktate-uber-sterben-und-tod/ ]

Die neue Lebenssituation bedeutet dies fast immer eine Überforderung der Angehörigen, körperlich und seelisch. Erschwerend kommt hinzu, daß die Gruppe der Angehörigen auch unterschiedlich reagiert, was zu Spannungen führen kann. Während Chemo und/oder Bestrahlung ist der Erkrankte häufig zu Hause, Während letztendlich häufig auf Hilfsangebote bei der Pflege zurückgegriffen wird bzw. wurde, ist nur in einer einzigen Fallgeschichte davon die Rede, daß über einen ehrenamtlichen Trauerbegleiter Redebedarf abgedeckt worden ist, d.h. auf seelische Bedürfnisse eingegangen wurde.

ansonsten übernimmt die Krankheit die Herrschaft. ist der Abschnitt, der sich mit dem Schicksal des Paars Westerwelle / Mronz befasst, überschrieben. Betütteln, überbehüten, den anderen nur noch schonen – all das sollte es nicht geben. Das ist die Voraussetzung dafür, daß man in einem Schwerkranken immer den Menschen sieht – und nicht den Patienten. Für mich ist das einer der Kernsätze des Buches, der Krebskranke ist in erster Linie immer noch Mensch, nicht Patient. Denn dem Patienten verleiht der Krebs, seine Erkrankung, eine heimliche, eine unheimliche Macht: man will ihm jeden Wunsch erfüllen, ihm alles so angenehm wie möglich machen, man stellt die eigenen Bedürfnisse zur Not völlig in den Hintergrund, nur um immer zur Stelle zu sein. Als Aussenstehender ist es gar nicht mal so selten, daß man beobachtet, wie der Erkrankte diese Macht mehr oder weniger bewusst sogar ausnutzt.

Eine wichtige Frage, wenn in einer jungen Familie ein Krebsfall eintritt, ist immer, wie man mit den Kindern umgeht. Cornelia Scheel berichtet im das Buch abschließenden Expertengespräch davon, wie sie von ihrer Mutter Mildred seinerzeit vergattert worden war, ihren Geschwistern gegenüber Schweigen zu bewahren. Ein Schweigen, an dem Cornelia Scheel selbst schwer erkrankte. Es ist tragisch, davon zu lesen. Aus den Schicksalen wird deutlich, daß eine dem Alter der Kinder angepasste Ehrlichkeit und Offenheit wichtig ist. Eine Elfjährige muss nicht unbedingt wissen, daß ihr erkrankter Vater einen Stoma gelegt bekommen hat, zu wissen, daß er schwer krank ist, gehört jedoch auf jeden Fall auch in ihr Leben, wie es in dem von Heike Haarhoff geschilderten Schicksal beschrieben wird.

Ist alles nur schrecklich in dieser Zeit? Die Frage muss man mit ’nein‘ beantworten, auch das ergibt sich aus den Ausführungen. Es gibt Momente großen Glücks auch bei solch schweren Erkrankungen, man muss sie erkennen und auch nutzen. Die Fähigkeit dazu, diese Momente zu erkennen, müssen entwickelt werden. Langfristiges Planen wird häufig umgeworfen und ist eigentlich unpraktisch, ein Verschieben der Möglichkeiten zu solchen Glücksmomenten wie Ausflüge oder Reisen auf morgen ist falsch. Es wird in den Fallgeschichten ebenso deutlich, daß die Begegnung mit dem möglichen Sterben und dem Tod eine innere Reifung als Mensch in Gang setzen kann, man fängt an, andere Prioritäten zu setzen, die Werteskala verschiebt sich, das Leben wird intensiver, wendet sich von Oberflächlichem ab.

Was ebenfalls deutlich wird in den geschilderten Schicksalen ist die Tatsache, daß immer noch eklatante Mängel herrschen bei der psychologischen Betreuung der Patienten und der Angehörigen. Ich habe dies selbst vor Jahren bei einer jungen, mittlerweile verstorbenen Frau aus dem Bekanntenkreis mitbekommen: „Ich muss Ihnen jetzt etwas Schlechtes mitteilen: sie haben Krebs, aber ich muss jetzt weiter, habe leider keine Zeit….“ … und weg war sie, die Ärztin und die junge Frau saß da in ihrer zerbrochenen Welt. Allein. Auf der anderen Seite ist es so, daß die ehrenamtlichen Hilfsangebote durch z.B. Hospizdienste, Trauerbegleiter u.a.m. in den Darstellungen des Buches praktisch keine Rolle spielen, ob aus Unwissenheit, daß es so etwas gibt oder aus anderen Gründen, ist nicht klar. Aber es gibt solche Angebote und sie sollten genutzt und in die Betreuung mit eingebaut werden. Oftmals sind gerade die Angehörigen dankbar, wenn ihnen mal jemand zuhört oder sie einfach für ein paar Stunden in der Begleitung ablöst. Hoffen wir also abschließend, daß der auf der hinteren Umschlagseite zitierte Prof. Hiddemann recht hat: „…. Wir haben das Problem erkannt und wollen euch helfen, dass ihr [i.e. die Angehörigen und Freunde] viel mehr Beachtung und Anerkennung findet!“

Weitere Buchvorstellung zum Thema: Krankheit, Sterben, Tod und Trauer finden sich hier:
https://radiergummi.wordpress.com/category/krankheitsterbentodtrauer/

Rocco Thiede / Deutsche Krebshilfe (Hg.)
Wir sind für dich da!
diese Ausgabe:   Verlag Herder, HC, ca. 294 S., 2019

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