Dana von Suffrin: Otto

In der Person der Autorin dieses Romans, Dana von Suffrin, ist eine interessante Kombination von Tätigkeiten vereint, denn neben dem Schreiben dieses Textes arbeitet von Suffrin als Post-Doc in der LMU in der auf Pflanzen und Biologie konzentrierten Zionismusforschung. Die Titelfigur ihres ersten Romans ist Otto, dessen jüdischer Name Shimon ist – oder war. Denn letzteres deutet die Autorin am Schluss ihres Romanes an, ohne es explizit zu benennen. Und dies ist auch kein Spoiler meinerseits, denn der Roman um diesen Otto und seine zwei Töchter Timna, die Erzählerin und Babi, deren ein Jahr jüngere Schwester setzt in einem Krankenhaus ein, in dem Otto in bedauernswertem Zustand eingewiesen ist.

Vor allem aber ist er ein schwieriger Patient, nein, man kann, man muss sagen, ein schwieriger Mensch. Ein Mensch, der sich in den Mittelpunkt stellt, der voller Überzeugung verkündet, ich liebe euch, ihr seid alles, was ich habe. Und ich bin alles, was ihr habt. So ist dieser Roman auch ein Buch über das, was am Ende übrig bleibt, wenn aus dieser engen, von Ottos Seite her fast parasitären Beziehung, die Fessel abfällt.

Wieso überhaupt erfahren wir von diesen Gedanken des Hasses und der Liebe? Weil Tamni im Krankenhaus auf Tann trifft, der sich unter einem Vorwand die Besuchserlaubnis beschafft hat zu einer alten Dame, einer Genossin, die er als Tante ausgibt. Aus einem gegenseitiges Verständnis signalisierenden Anlächeln werden zusammen getrunkene Kaffees, dann Besuche, danach Schlüsselaustausche, damit die Katze gefüttert werden kann, wenn Tamni wieder mal von Otto in Beschlag genommen wird. Außerdem füllt Tann Tamnis Kühlschrank, der in neuer Übersichtlichkeit vor allem Leere spiegelt. Diesem Tann erzählt Tamni ihr Leben, das vorher Ottos Leben war (denn ohne Otto gäbe es keine Tamni) und das jetzt vor einem Umbruch, vor einer Erschütterung steht, die die Mauer, hinter der ihr eigenes Leben steht, zum Zusammenbrechen bringen wird. Dies ist auch nötig, denn Tamnis Leben ist nicht ohne Probleme, sie hat einer Scheidung hinter sich, und an der Uni beispielsweise unterschrieb die Doktorin der Philosophie gerade den Auflösungsvertrag, ihre Begeisterungsfähigkeit und Einsatzfreude genügten den Ansprüchen bei weitem nicht mehr…

Ottos Lebenslauf hier nur in Stichworten: geboren als Siebenbürger Jude in einer wohlhabenden Industriellenfamilie verlor diese im Krieg (von dieser Zeit erfahren wir nicht viel) alles, viele sogar ihr Leben. Nach dem Krieg wanderte Otto, der Ingenieur geworden war, 1962 nach Israel aus, kämpfte dort vier Kriege mit, die ihn in Träumen immer noch heimsuchen, bevor er 20 Jahre später (1978, eine der Ungenauigkeiten im Text) nach Deutschland ging. Ausgerechnet Deutschland, niemand seiner wenigen Verwandten, die überlebt hatten und die in Israel blieben, verstand dies. In Berlin kümmerte sich die jüdische Gemeinde um Otto, wollte ihn mit der jüdischen Tochter des jüdischen Malers bekannt machen, aber die war nicht da und anstatt traf Otto auf die Kunstschülerin Eva, der Bleistiftstriche Otto wie ein Streicheln auf seiner Haut vorkamen…

Es wurde nichts draus (Eva ruft heute noch hin und wieder an und gibt den Töchtern mehr oder weniger gute Ratschläge und macht ebensolche Versuche, Zuversicht zu verbreiten: Vielleicht habt ihr ja Glück und er liegt morgen früh glücklich entschlafen in seinem Bett.), Otto bekam einen Stellung an der Uni München und zog dorthin, wo er dann Ursula kennenlernte (die Episode Eva wurde zum Aktenordner im Schrank) und Ursula schließlich wurde die Mutter von Tamni und Babi, den ‚greisenhaften Kindern‘, so sollte Tamni es Jahrzehnte später Tann erzählen. Wie sollte das gut gehen? Ursula war eher dem Geldausgeben zugeneigt, Otto dem Geiz. Die Mädchen wurden in einem Zimmer, das ganz in Schwarz gehalten war (die schwarze Seidentaptete abzureißen, wäre in Ottos Augen Verschwendung gewesen), groß. So gingen die Jahre dahin, Objekte einer Liebe, die etwas suchte, an das sie sich klammern konnte, wurden Tiere für diese Kinder, während rund herum alles liebloser wurde. Die Eltern (um es kurz zu machen) trennten sich schließlich , Otto und die Kinder landeten in einem schicksalslosen Neubau in Trudering, die Mutter wurde als Aktenordner abgelegt, als Mensch verwahrloste sie.

Und jetzt ist Otto sterbenskrank, hält sich aber bei der zweiten Silbe auf. Valli, die Rumänin, die die Siebenbürger Sachsen als Pflegekraft besorgt haben, macht eben genau dieses. Angesichts des neuen Lieblingsthemas von Otto, seinem Urin im Allgemeinen und im Besonderen, mag es als Vorteil angesehen werden, daß sie der deutschen Sprache nicht mächtig war, im Gegenzug konnte Otto natürlich Rumänisch mit ihr reden…. derart entblättert sich die Geschichte dieser Familie im Lauf der Episoden, die Tamni Tann erzählt, bis Geschichte und Gegenwart schließlich zur Deckung kommen.

… und über allem schwebt wie eine dunkel getönte Decke ein Hauch von Melancholie und eine die Lebensfreude dämpfende Schicksalshaftigkeit dieser Leben der beiden Töchter: Auf einem von Omamas Bildern sind Babi und ich, wir sind noch kleine Mädchen und wir halten uns an den Händen. Wir stehen in einem Garten oder auf einer Wiese, um uns herum sind Gänseblumen und Büsche, eine Fette Henne blüht, es ist sonnig. , wir tragen, wie höhere Töchter, schöne, schlichte Kleider, und wir haben brave weiße Gesichter, die von glattem fügsamen Haar umgeben sind Alles auf diesem Bild ist gelogen. Oder so: … sie [i.e. Babi] war ganz begeistert und sagte später oft, die Zeit in der Anstalt sei für sie die beste Zeit überhaupt gewesen… mit Anstalt war/ist die Psychiatrie gemeint, in die Babi nach ihrem Suizidversuch eingewiesen worden war.

Der Ausspruch Ottos, den ich oben zitierte habe, ist möglicherweise der Schlüssel zu dieser tragischen Familie: Ihr seid alles, was ich habe. Die vorgezeichnete Lebensbahn durch den Krieg gnadenlos zerstört brachten ihm weder der Aufenthalt in Israel mit den dortigen Kriegen, noch die Frauen, die er kennen lernte, den inneren Halt, den er gebraucht hätte. So okkupierte er schließlich die beiden Töchter (der Name „Otto“ leitet sich letztlich von althochdeutschen „ot“ (Besitz, Erbe) ab, „Otto“ also kann mit „der Besitzer“ übersetzt werden, https://www.vorname.com/name,Otto.html ) und in dieser Blase, aus der Otto nicht entkommen wollte und die Töchter es nicht konnten (die Versuche endeten in Scheidung und Suizidversuch) trieben die drei weitgehend planlos durch das Leben. So weist wie die Leben auch der Roman keine Richtung auf, keine Entwicklung, er ist eine Aneinanderreihung von Episoden, die im Grunde immer wieder vom Gleichen erzählen: von der Einsamkeit, von der Antriebslosigkeit, von der Hoffnungslosigkeit. Oder auch von der Fixierung der Hoffnung auf den Tag, an dem Otto sie endlich aus ihrer Gefangenschaft entlassen wird: Ich gehe aber einem guten Leben und Frieden entgegen.

Otto ist mit viel schwarzem Humor gespickt und fesselt trotz (oder gerade wegen?) der allgegenwärtigen Melancholie, die über dem gesamten Text und damit auch dem Leben der Figuren liegt und schlägt von der ersten Seite an in Bann. Daß der Roman in 33 kurze Abschnitte (wer sich über die Bedeutung dieser Zahl in der Numerologie informiert, kann ohne große Verrenkung auch hier Bezüge zum Roman herstellen: z.B. https://herzvertrauen.de/blog/zahlen-und-ihre-spirituelle-bedeutung/bedeutung-von-zahlen-die-zahl-33-in-der-numerologie-geschicktes-handeln-den-eigenen-standpunkt-vertreten), macht den Text gut lesbar. Eine letzte Anmerkung: lange gerätselt (und es schließlich aufgegeben) habe ich über die Frage, ob Valli, die rumänische Pflegerin, nun auf dem Boden sitzen kann (S. 37: Valli … saß nur auf den Boden, weil ihr der Rücken so schmerzte. ) oder eben nicht: …daß weder Otto noch Valli sich jemals auf den Boden setzen würden … zu dick, um wieder aufzustehen. (S. 60). Aber letztlich ist das egal, Suffrins Roman hat mir trotz dieses Rätsels als stilles Leseglück sehr gefallen.

Dana von Suffrin
Otto
diese Ausgabe: Kiepenheuer &Witsch, HC, ca. 240 S., 2019

Ich danke dem Verlag für die Überlassung eines Leseexemplars.

 

 

 

 

Ein Kommentar zu „Dana von Suffrin: Otto

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