Susanne Kippenberger: Das rote Schaf der Familie

Die Mitford-Schwestern, nach Klappentext des vorliegenden Buches in England so berühmt wie in Deutschland die Mann-Familie (obwohl ich diesen Vergleich etwas an den Haaren herbei gezogen finde) sind in der Tat ein bemerkenswertes Sextett. Bei mir im Blog nicht ganz unbekannt ist mit Nancy Mitford die Älteste der Schwestern, von ihr habe ich zwei Büchern, die sich in romanhafter Form auch mit dem Familienleben der Mitfords befassen, hier schon vorgestellt: Englische Liebschaften und Liebe unter kaltem Himmel. Insbesondere im erstgenannten dieser Werke findet sich die Familie Mitford wohl treffend porträtiert. Das Buch erschien in England wenige Jahre nach dem Krieg, in dieser Zeit der Not und des gesellschaftlichen Umbruchs war der mit „bravouröser Eleganz und mit boshaft-liebevoller Distanz“ geschriebene Roman mit stark biographischem Hintergrund, den in England selbstverständlich jeder kannte, ein großer Erfolg.

Susanne Kippenberger widmet sich in ihrer Biographie Das rote Schaf dieser Schwesternschaft, wobei sie den Schwerpunkt auf Jessica Mitford legt, deren Leben sozusagen einen roten Faden durch das Buch legt, dazu verweise ich gerne auf dieses Interview mit der Autorin: https://www.buechergilde.de/interview-mit-susanne-kippenberger.html. Stellen wir jedoch erst einmal diese Schwesternschaft vor, sozusagen chronologisch:

Da wäre als erste und älteste der Schwestern die schon erwähnte Nancy (1904 – 1973) zu nennen, drei Jahre später wurde dem zweiten Lord Redesdale und Lady Redesdale die Tochter Pamela (1907 – 1994) geboren, die wahrscheinlich unauffälligste des Sextetts, ihr Spitzname „Woman“ deutet schon darauf hin [Vielleicht ist sie es ja, die der Ullstein-Verlag auf dem Umschlagtext seiner Taschenbuchausgabe von 1965 zu Jessica Mitfords Klassiker: Der Tod als Geschäft gleich ganz unterschlägt: „Jessica Mitford, geb. 1917 in England, ist nicht die einzige unter den fünf Töchern Lord Redesdales, die ….“ ]. Diana (1910 – 2003) und Unity (1914 – 1948) waren die begeisterten Faschistinnen der Sippe, Unity (mit großer Vorahnung schon „Valkyrie“ im Mittelname getauft) ist als Hitlers ‚englische Freundin‘ in die Geschichte eingegangen (z.b. hier: https://www.bbc.com/news/uk-england-39304317), Diana war in zweiter Ehe nach einer skandalöser Scheidung mit dem englischen Faschistenführer Sir Oswald Mosley verehelicht und verbrachte mit ihrem Mann einige Zeit im Gefängnis. Die Leitfigur dieser Biografie, Jessica „Decca“ Mitford (1907 – 1996), war die zweitjüngste der Schwestern, politisch gesehen das Gegengewicht zu Unity und Diana verortete sie sich politisch links und schloß sie sich später auch den Kommunisten an, in den USA war sie dann lange Jahre überzeugtes Parteimitglied. Jüngste und letzte der Reihe von Schwestern schließlich war die 1920 geborene Deborah Mitford (gest. 2014, also nach dem Erscheinen von Kippenbergers Buch), die als Duchess of Devonshire als einzige in der aristokratische Tradition der Familie Mitford lebte. Der Vollständigkeit sei auch der Bruder Thomas (1909 – 1945) erwähnt, der im Krieg in Burma fiel.

Es ist auch nicht im entferntesten möglich, an dieser Stelle den Inhalt des Buches zu skizzieren, es ist wohl auch nicht nötig, eine Biografie bzw. eine Familiengeschichte sollte genau diese enthalten. Diesen Anspruch erfüllt Kippenbergers Werk voll und ganz, dazu noch ist der Inhalt, spannend, unterhaltend und intelligent dargeboten. Die Verfasserin setzt mit den Großeltern ein, bevor sie dann zu der Familie des zweiten Lords Redesdales, dem Paar David Freeman-Mitford und Sydney Bowles, kommt, die zwischen 1904 und 1920 insgesamt sieben Kinder auf die Welt brachte, diese Spanne von sechzehn Jahren lag zwischen der älteste und der jüngsten Tochter, zwischen Nancy und Deborah. Lord Redesdale war ein schrulliger Vater, der dem Ideal, das man heutzutage an Väter stellt, kaum entsprach. Liest man die Episoden aus dem Familienleben, z.B. über die ungeheizten Zimmer und das Haus, das so kalt war, daß die Kinder die warmen Teller vor dem Essen an den Körper pressten oder Decca und Deborah sich im Schrank, durch den Rohre liefen, häuslich einrichteten, so schmunzelt man, so leben zu müssen dürfte weniger witzig gewesen sein. Selbstverständlich besuchten die Töchter keine profane Schule, sie wurden (mehr oder weniger konsequent) mit Privatunterricht beglückt, ein Umstand, den z.B. Decca sehr bedauerte, sie vermisste Spielkameradinnen und Freundinnen. Entsprechend groß muss die Langeweile für die Kinder gewesen sein, zumal sie konsequent auch von allen Tätigkeiten, die in einem Haushalt anfallen, ferngehalten wurden, dafür war schließlich das Personal da. Der daraus resultierende Hang zur Unordnung und das Unbehagen zur Haushaltsführung verließen Decca ein Leben lang nicht, auch wenn sie später in den Staaten zumindest einige haushaltliche Tätigkeiten lernte. Legendär wurde ihr Rezept, eine Ente zuzubereiten: man besorge sich eine, stecke sie in den Ofen und warte bis sie durch ist….. Menschliche Wärme fand sich selten im Alltag der Familie, Gefühle wurden aristokratisch verborgen, und wenn Emotionen gefragt waren, gehörte diese zu spenden zum Aufgabenkatalog des Kindermädchens, insgesamt war in der Familie gesunde Härte angesagt, Allerdings wurde die Phantasie der Mädchen gefördert, sie kreierten und unterhielten sich in Kunst- und Geheimsprachen, erfanden Geschichten und piesackten sich gegenseitig mit großem Vergnügen. Daß dieses Vergnügen jedoch nicht auf eine allumfassende Freude am Leben hindeutet, zeigt die Tatsache, daß sich Jessica schon mit zwölf Jahren ein eigenes „runing-away-account“ einrichtete.

Als Adelstöchter unterlagen die Mitford-Schwester selbstverständlich den gesellschaftlichen Zwängen ihrer Zeit. Sie wurden den Gepflogenheiten gemäß in die Gesellschaft eingeführt inclusive Debütantinnenball, Tee- und Abendgesellschaften und was es der Vergnügungen mehr waren, Dabei wurden sie auch der Königin vorgestellt, überhaupt finden sich im Bekanntenkreis eine Menge illustrer Namen, als Beispiel sei nur Churchill erwähnt. In toto dürfte die Saison mehr harte Arbeit gewesen sein als Amüsement, schließlich ging es auch darum, Partner für eine standesgemäße Ehe auszugucken – kein ganz unwichtiger Aspekt, auch wenn die nach dem Ende des 1. Weltkrieges einsetzenden gesellschaftlichen Umbrüche immer deutlicher zu Tage traten und solche Traditionen erodierten, nicht zuletzt durch das Wirken der Mitford-Schwestern… Diana zum Beispiel, in erster Ehe standesgemäß verheiratet mit Bryan Guiness, verläßt ihren Mann und ihre zwei Kinder, um sich mit einer wilden Ehe mit der Rolle einer (von mehreren) Geliebten Sir Oswald Mosleys zu begnügen. Erst spät wurde diese skandalöse Beziehung legalisiert, wer rechnen konnte, stellte leicht fest, daß das erste Kind wohl eine voll ausgereifte Frühgeburt sein musste… Unity dagegen verfiel Hitler, sie schwärmte ihn an, machte ihn auf sich aufmerksam und wurde seine oft gesehene Begleiterin, der er auch eine Wohnung in München besorgte. Den Obersalzberg mied sie, das war das Reich (der eifersüchtigen?) Eva Braun, ob die Bekanntschaft zwischen Hitler und Unity eine sexuelle Komponente hatte, ist Gegenstand von Spekulationen. Nachdem England Deutschland den Krieg erklärt hatte, schoß sie sich in den Kopf, überlebte diesen Suizidversuch jedoch und starb 1948 von der Mutter gepflegt an einer Hirnhautentzündung – die Kugel konnte damals nicht aus dem Hirn entfernt werden.

Jessica war unglücklich, sie ging immer mehr in Opposition zur Familie, provozierte. Außer den vielen politisch wichtigen Persönlichkeiten, die zum Bekanntenkreis der Mitfords gehörten, war sie fasziniert von den „bright young people“, der Intellektuellen- und Literaturszene Englands, die – vom Vater gehasst – oft im Haus Mitford zu Gast war. Die größte Provokation Jessicas war jedoch eine andere: sie brannte, noch minderjährig, durch, und zwar mit Esmond Romilly, ihrem Vetter und Churchills Neffen, der ähnlich provokant und links dachte und handelte wie Jessica. Welch ein wunderbarer Skandal, die Mitfords beherrschten die damalige Yellow Press. Die beiden heirateten, über Spanien und den spanischen Bürgerkrieg gingen sie letztlich in die USA. Noch hatten sie ein Leben, das von Beziehungen in die alte Gesellschaftsschicht (die sie, besonders aber Esmond, ablehnten, ja, verabscheuten) zehrte, wobei sie bei ihren Bekannten häufig mein und dein verwechselten, was sie mit ihrem Charme jedoch meist locker überspielen konnten. Sie liebten das Leben und genossen es – zumindest scheint es so. Der Krieg machte all das letztlich zunichte, nach dem Tod Esmonds, der im zweiten Weltkrieg bei der kanadischen Luftwaffe als Beobachter diente, war Decca untröstlich, für sie war eine Welt zusammengebrochen…

Mit Robert Treuhaft lernte sie jedoch einen Mann kennen, mit dem sie absolut harmonieren sollte. Robert Treuhaft war Jude, war politisch links, war Anwalt und setzte sich für politisch oder aufgrund ihrer Hautfarbe Verfolgte und Benachteiligte ein. Es gab viel zu tun und es brachte wenig mehr ein als Ärger. Die beiden sollten letztlich in Oakland heimisch werden, dem schmutzigen Gegenüber von San Francisco, einer Heimstatt der Ärmeren und einfachen Leute. Dinky, die Tochter Deccas und Esmonds bekam noch zwei Brüder, Nicky und Benji (Nicky sollte als Zehnjähriger bei einem tragischen Unfall sterben, schon das erste Kind Julia noch von Esmond war an einer Infektion gestorben), von Erziehung und Mutterpflichten hielt Decca nicht so viel, die Kinder wuchsen mit viel Freiheiten auf und wurden auch früh in die politischen Aktivitäten der Eltern eingespannt wie beispielsweise dem Verteilen von Flugblättern. Denn ihre soziale Heimat fand das Paar in der kommunistischen Partei, aus der sich fast der gesamte Bekanntenkreis rekrutierte.

Setzten sich die Treuhafts für die Diskriminierten und Verfolgen ein, gehörten sie nach dem Krieg selbst in diese Gruppe, denn selbstverständlich waren beide im Rahmen der Aktionen gegen „Unamerikansiche Umtriebe“ der McCarthy-Ära selbst Ziel von Observierung und Verfolgung. Aber auch dies überstanden beide, und auch wenn Decca später aus der mittlerweile am Boden liegende Partei austreten sollte, waren für sie der politische Ziele immer noch richtungsweisend. Trotzdem war das private Leben Deccas aus der Bahn geraten: durch den Niedergang der kommunistischen Partei hatte sie ihre Arbeit verloren und brauchte eine neue Beschäftigung. Und so sollte sie das Schreiben entdeckte….

Die Kontakte Deccas nach England zur Familie waren schütter. Dort hatten sie die Eltern quasi getrennt, Diana war weiterhin stramme Faschistin, sie war die Einzige unter den Schwester, die Decca rigoros mied schnitt. Unity, die von der Mutter gepflegt worden war, starb 1948 an den Spätfolgen ihres Suizidversuchs, Nancy war nach Frankreich gegangen und stand dort ihrem polnischen Kavalier zur Verfügung. Die Harmonie zwischen den beiden jüngsten Schwestern, Decca und Deborah, die in der Kindheit gegenseitiger Halt waren, war dahin, zu unterschiedlich die Lebenswirklichkeit der Frau, die Amerikanerin geworden war und der englischen Herzogin. Es gab Besuche, mit großem Herzen, auch was die realen Lebensumstände anging, besuchte die Mutter Decca in Oakland, der Verhältnis der beiden war gegenseitiger Toleranz geschuldet, gut. Beim Gegenbesuch Deccas in Europa kam Dinky kaum aus dem Staunen heraus: Decca vearlor ihren amerikanischen Akzent mit Betreten des englischen Bodens und sprach fortan im alten Mitfordschen Oberklassenidiom. In amerika verlieh ihr dies unüberhörbar Englische eine besondere Schutzzone, aus der heraus ihr vieles nachgesehen wurde, denn im Lauf der vielen Jahre wurde Decca nicht unbedingt eine Persönlichkeit, mit der einfach umzugehen war. [Wie sehr Decca sprachlich abstach vom Amerikanischen ist sehr anschaulich in diesem Clip aus späten Jahren zu hören: Sex and the First Amendment: Jessica Mitford on How Society Deals with Sexual Matters (1991)https://www.youtube.com/watch?v=cstUMAdlBzw].

Auch wenn durchaus Annäherungen an die Geschwister stattfanden, gewinnt man den Eindruck, daß doch immer Abstand blieb. Diana und Decca gingen sich weitestgehend aus dem Weg, Decca und Debo harmonierten gut, solange sie sich auf Erinnerungen konzentrierten, die aktuellen Lebenswelten waren zu unterschiedlich, um geteilt zu werden. Dagegen wiesen Debo und Diana die gleichen Vorlieben auf für Schönes, für Glamour, für Gesellschaften… Schaut man sich Diana in diesem denkwürdigen Interview an, in dem sie Hitler immer noch als charmant bezeichnet und die sechs Millionen ermordeter Juden seien zwar nicht akzeptabel, aber andere hätten ja noch viel mehr Mensche umgebracht… sieht man die Welten, die zwischen Decca und Diana lagen: Mavis Nicholson im Interview mit Lady Mosley; https://www.youtube.com/watch?v=lzkbouKG830. Zwischen Debo und Decca gab es zeitweise eine schwere Verstimmung, die lange Schatten warf: Debo, die auf ihrem Schloss das Familienarchiv unterhielt, unterstellte Decca den Diebstahl eine Albums mit Familienbildern, die sie angeblich für eine Fernsehsendung an sich genommen hatte. Das Album fand sich später wieder, dort, wo es sein sollte, bei Deborah, aber für Decca war diese falsche Anschuldigung gegen sie lange nicht vergessen, sie musste auch lange auf eine explizite Entschuldigung warten.

Die unauffälligste der Schwestern war und blieg zeitlebens Pamela, the „Woman“. Daß sie unauffällig blieb heißt nicht, daß sie unscheinbar war, sie wirkte – sozusagen – durch ihre inneren Werte. Sie war freundlich, hatte gegen jedermann ein großes Herz und wusste immer, was zu tun war. So war sie es, die ihre todkranke Schwester Nancy pflegen und versorgen konnte, einfach, weil sie immer das Richtige tat. Decca dagegen war hilflos und aufgeschmissen, als sie sich ein paar Tage bei der im Sterben liegenden Nancy aufhielt, nichts gelang ihr, die Stimmung war mies.

Kippenberger streut in ihre Decca-Geschichten immer wieder Passagen ein, in denen sie kurz auf das Schicksal der anderen Schwestern (Unity war ja schon 1948 gestorben) eingeht, ihr Schwerpunkt bleibt aber Jessica Mitford. Daß sie, die im Grunde ja Jessica „Decca“ Treuhaft hieß, wieder als Jessica Mitford auftrat, lag an einem Ereignis aus dem frühen 60er Jahren. In und nach der McCarthy Ära hatte sie ihre Arbeit verloren, die kommunistische Partei, in der sie sich so lange aufgehoben fühlte, war schwer geschädigt und war ihr auch zu dogmatisch geworden, das Ehepaar Treuhaft trat aus. Was also tun mit der ganzen neu gewonnen Zeit, die es zu füllen galt? Decca fing an zu schreiben, ein erstes Buchprojekt über die Rassendiskriminierung im amerikanischen Süden blieb jedoch unvollendet, dafür nahm ein anderes Thema Fahrt auf, und was für eine! Robert Treuhaft nämlich hatte in seiner nach dem Ausscheiden aus der Partei neu gewonnenen Freiheit einen Verein gegründet: die Bay Aera Funeral Society, deren Ziel es war, ihren Mitgliedern kostengünstige, aber dennoch würdige Bestattungen zu vermitteln. Und genau da biss Decca dann an, das „Studium“ der Fachzeitschriften, die bei ihnen zu Hause lagen, gab ihr so morbid-skurrile Fakten in die Hand, daß sie gar nicht anders konnte: The American Way of Death [dt. Der Tod als Geschäft, Ullstein, 1963] entstand und schlug ein wie eine Bombe. Die Bestattungsbranche war nicht unbedingt entzückt, aber das Buch mit seinen Behauptungen war durch den Anwalt Robert Treuhaft in seinen Fakten hieb- und stichfest gemacht worden und die Leser – sie liebten Jessica Mitford, die ihnen die Augen öffnete für die Raffinesse, mit der ihnen in ihren schlimmsten Stunden das Fell über die Ohren gezogen wurde. Decca wurde prominent, war sie früher die Frau des Anwalts Bob Treuhaft, so war diese von diesem Zeitpunkt an der Mann der Autorin Jessica Mitford.

Jessica genoss den Trubel um ihre Prominenz, Vortragsreisen, Auftritte, Interviews und neue Buchprojekte bestimmten fortan ihr Leben. Für ihre Artikel betrieb sie eine Art investigativen Journalismus, später sollte sie, die nie an einer Schule war, dies als Honorarprofesssorin Vorlesungen halten, für viele ihrer Studenten wurde sie ein großes Vorbild. Jessica Mitford war immer bereit, sich für andere einzusetzen, witterte sie Ungerechtigkeiten, war sie da und bereit zu kämpfen, Geld zu sammeln, Leute zusammen zu trommeln, Öffentlichkeit herzustellen. Dabei verlor sie ihr eigenes Interesse nie aus den Augen, daß es manchmal nur Pyrrhussiege waren, die sie errang, schien sie nicht zu stören. So konnte sie für sich zwar teilweise hohe Honorare durchsetzen, übersah aber, daß dieses Geld dann von den Verlagen bei unbekannteren Autoren wieder eingespart wurde…

Decca war sicher keine einfache Persönlichkeit, Emotionales vermied sie, im Alter kamen noch Schrullen hinzu – wie es halt so ist. Außerdem schien ihr [ man höre und staune, oh-oh-oh: https://www.youtube.com/watch?v=FKqQIhTCTzY ] nichts peinlich zu sein, mit solchen Gesangseinlagen unterhielt sie ihr Publikum. Möglicherweise war an solchen Ereignissen auch der zeitlebens reichlich genossene Alkohol ein wenig schuld… sie war und blieb jedoch bis zu ihrem Tod kämpferisch und sie war immer bereit, sich einzusetzen. Nicht die langfristige Perspektive war ihr Metier, ihr ging es darum, direkt und schnell vor Ort zu helfen und zu unterstützen.

Jessica Mitford starb 1996 an Krebs, ihre letzten Monate und Wochen zelebrierte sie in der ihr eigenen Art und Weise; sie war nicht bereit gewesen, dem Tod mehr zu geben als ihr Leben.


Susanne Kippenberger hat mit ihrer Jessica-Mitford-Biografie eine bewunderswerte Arbeit vorgelegt. Die umfangreiche Quellensammlung deutet (Kippenberger geht darauf auch in einem Nachwort ein) an, wieviel Arbeit und Zeit in diesem Projekt steckt. Hat man das Buch gelesen (was trotz des Umfangs leicht fällt), stimmt man der Autorin wohl zu, daß sich diese Arbeit gelohnt hat, macht sie doch eine äußerst bemerkenswerte Frau auch in Deutschland bekannt, zumindest bekannter. Jessica Mitford und ihr Mann Robert Treuhaft waren punktuell ganz nah dran an amerikanischer Geschichte, sie haben die McCarthy-Ära miterlebt, haben die Rassenunruhen begleitet und waren als Verteidiger und Unterstützer von angeklagten Afroamerikanern an der Front. Viele der bekannten Namen aus amerikanischer neuerer Geschichte und Politik tauchen in dem Buch auf, waren Bekannte oder gar Freunde der beiden, Hillary Clinton beispielsweise hat ein paar Monate im Büro von Bob Treuhaft gearbeitet. Folgerichtig skizziert Kippenberger erläuternd immer wieder solche Phasen politischer Auseinandersetzungen und Entwicklungen, um das Wirken Jessica Mitfords einordnen zu können. Damit ersetzt sie zwar kein Geschichtsbuch (was auch nie der Anspruch war), aber das liest sich alles sehr interessant und ist durch das Herunterbrechen auf eine Familie sehr lebensnah.

Von allen Schwestern hat sich Jessica Mitford am weitesten von ihrer Herkunft gelöst. Was sie bis zu ihrem Tod mitgenommen hat aus dem Hause Mitford ist ein Mangel an Empathie, den sie wie ihre Schwestern in ihrer Kindheit selbst erfahren hat. Nicht, daß sie keine Gefühle gehabt hätte, aber sie konnte sie nicht zeigen. Das Verhalten beim Tod des ersten Sohnes Nicky ist ein Beispiel dafür, über ihn wurde damals einfach nicht mehr geredet, auch wenn Jessica selbst am Ende ihres Lebens sagte, es wäre kein Tag vergangen, an dem sie nicht an ihn gedacht hätte, es gäbe weitere Beispiele en masse aufzuzählen. Schaut man sich Videoclips (unbedingt!) oder auch die dem Buch beigefügten Bilder an, so wird der Unterschied zwischen Jessica und meinetwegen Diana nur zu deutlich: hier die hosentragende Amerikanerin und dort die Aristokratin, die an ihrer Manieriertheit fast zu ersticken scheint. Vom politischen Spektrum, das durch die Schwestern abgedeckt wird, braucht man nicht weiter zu diskutieren, mehr geht ja kaum. … Und damit soll es jetzt auch gut sein, mir bleibt  zum Abschluss nur ein herzliches Danke an Susanne Kippenberger für ihr Buch!

Susanne Kippenberger
Das rote Schaf der Familie
Jessica Mitford & ihre Schwestern
Originalausgabe: Hanser, 2014
diese Ausgabe: Büchergilde Gutenberg, HC, ca. 595 S., o.J.

 

 

 

 

Ein Kommentar zu „Susanne Kippenberger: Das rote Schaf der Familie

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