Yoko Ogawa: Das Geheimnis der Eulerschen Formel

Man sagt von ihr, sie sei die schönste aller mathematischen Formel (vgl. z.B. hier: https://www.spektrum.de/kolumne/die-schoenste-formel-der-welt/1461437), kurz ist sie, prägnant und sie vereint sowohl fundamentale Größen der Mathematik (die Kreiszahl π, die Eulersche Zahl e, die imaginäre einheit i, die neutralen Elemente für Multiplikation und Addition, die 1 und die Null) als auch fundamentale Rechenoperationen: die Multiplikation, die Addition, die Potenzierung. Diese (genauer Eulersche Identität) genannte Formel ergibt sich aus der allgemeiner gültigen Eulerschen Formel: „e hoch (iy) = cos(y) + i sin(y)“ für den Spezialfall, daß y gleich π ist. Das nur zur Einleitung, der Fundstellen im Internet zum Thema sind viele für alle, die sich weiter informieren wollen.

Der o.a. Kurzbeitrag von Freistetter zitiert den britischen Mathematiker Keith Devlin: So wie ein Sonett von Shakespeare die Essenz der Liebe einfängt oder ein Gemälde die Schönheit des menschlichen Körpers, die viel tiefer liegt als nur an der Oberfläche, so reicht auch Eulers Formel in die Tiefen der Existenz hinein. Vielleicht kannte die japanische Autorin Ogawa diese Aussage, als sie die Idee für ihren kleinen, aber feinen Roman über die seltsame Beziehung eines kranken, verunfallten Mathematikers, dessen Gedächtnis nur noch bei Zahlen und nur noch für 80 Minuten funktioniert und seiner Haushälterin mit deren zehnjährigen Sohn, entwickelte.

Das Gedächtnis des Professors reicht für besagten Zeitraum, was länger zurückliegt, hat er vergessen. Es ist daher kein Wunder, daß es keine der vielen Haushälterinnen lange bei ihm ausgehalten hat, für ihn steht jeden Morgen eine fremde Frau vor der Tür des kleinen Häuschens im Garten, in dem er wohnt. Im Haupthaus lebt seine Schwägerin, eine strenge ältere Dame, die für die Arbeit der Haushälterinnen ein paar seltsam wirkende Randbedingungen stellt. Ebenso dürfte die Angewohnheit des Professors, die (für ihn jede Morgen fremde) Haushälterin zur Begrüßung nach Zahlen zu fragen („Wann haben Sie Geburtstag?“ oder „Wie schwer waren Sie bei der Geburt?“) die Frauen eher abgeschreckt haben.

Bei Haushälterin No 10, der die Autorin die Geschichte in den Mund legt, ist dies anders. Natürlich ist auch sie verblüfft über diese Begrüßung im Haus, aber sie ist gleichzeitig auch fasziniert. Aus ihrem Geburtstag, der im zweiten Monat des Jahres auf den 20. fällt, konstruiert der Professor die Zahl 220, auf seiner eigenen Uhr zeigt er ihr daraufhin eine Gravur, in der die Zahl 284 vorkommt. Diese beiden Zahlen verbindet etwas seltenes: sie sind befreundet, die Summe der Teiler der einen Zahl ergibt die andere [vgl. hier: https://de.wikipedia.org/wiki/Befreundete_Zahlen. ‚Äußerst selten‘, wie noch im Roman, der 2003 erstveröffentlicht worden ist, genannt werden sind sie jedoch nicht, die Vermutung geht momentan dahin, daß es unendlich viele solcher Paare gibt.]. Zwischen der fremden Frau in der Tür und ihm selbst sieht der Professor somit ein Band, eine Verbindung durch seine Leidenschaft gezogen, die Mathematik und die Welt der Zahlen. Aber auch die einfache Haushälterin ist fasziniert von dem, was ihr dieser seltsam aussehende Mann, dessen Anzug mit Zetteln gespickt ist, die ihn an alles Mögliche erinnern sollen (bald sollte auch der an sie erinnernde Zettel dort hängen) voller Begeisterung erklärt: Was zählt, ist die Intuition. Wie ein Eisvogel, der jäh in den Fluss hinabtaucht, wenn nur kurz eine Rückenflosse aufblitzt. So muss man auch die Zahlen erfassen.

Bald bringt die alleinerziehende Mutter auch noch ihren zehnjährigen Sohn mit zum Professor, damit dieser nach der Schule nicht den ganzen Tag allein zu Hause sein muss. Der Professor ist begeistert, der flache Schädel [eine etwas seltsame Vorstellung…] des Jungen erinnert ihn an ein Wurzelzeichen, so nennt er ihn „Root“ und er schließt den Jungen sofort in sein Herz, und auch der Junge kann den alten Mann gut leiden. Intuitiv findet er sogar manchmal besser den Zugang zu ihm als seine Mutter. Beide jedoch können gut mit dem vergesslichen alten Mann umgehen, man hat das Gefühl, sie haben die Fähigkeit, ihm wieder Lebensfreude zu vermitteln.

Dabei hilft eine zweite Leidenschaft des Professors, die er mit dem Jungen teilt: die Begeisterung für Baseball. Die des Professors ist freilich seinerzeit stehen geblieben, er schwärmt noch für Enatsu, einen der besten japanischen Baseballspieler aller Zeiten [https://en.wikipedia.org/wiki/Yutaka_Enatsu ], der jedoch zur Zeit, in der der Roman spielt (1992), schon seite einigen Jahren nicht mehr aktiv ist. Daher bemühen sich Mutter und Sohn, für ihren Schützling die Illusion aufrecht zu halten, daß Enatsu immer noch in seinem Team spielt. Ein Höhepunkt ist ohne Zweifel der gemeinsame Besuch eines Spiels der drei, doch ausgerechnet bei diesem Spiel wird Enatsu geschont und kommt zum Leidwesen des Professors nicht auf das Spielfeld… außerdem setzt dieser für den Professor sehr anstrengende Besuch des Spiels eine Ereigniskette in Gang, die ihre Folgen zeigen sollte.

Problematisch ist das Verhältnis zur Schwägerin des Professors, im Licht der Entdeckung, die die Haushälterin eines Tages macht, könnte man vermuten, daß ihr die sich entwickelnde enge Beziehung des Mannes zu seiner Haushälterin nicht gefällt, sie möglicherweise sogar eifersüchtig ist. Als sich dann jedoch das Gedächtnis des Professors weiter verschlechtert, die Zeitspanne der Erinnerungen sich weiter reduziert und er schließlich in ein Heim muss, arrangieren sich die drei, die Schwägerin, die Haushälterin und der Sohn, letztere besuchen den Professor noch lange Jahre bis zu dessen Tod regelmäßig.


Das Geheimnis der Eulerschen Formel ist ein leiser, einfühlsamer Roman mit vielen Zwischentönen. Er ist ein Roman über eine besondere Beziehung zwischen drei Menschen, von denen einer einer Eigenschaft verlustig gegangen ist, die wir normalerweise als selbstverständlich für unsere Existenz ansehen, die uns zwar im Alltag hin und wieder im Stich läßt, aber deren existentielle Bedeutung uns nur klar wird, wenn wir Geschichten lesen wie diese hier: das Vermögen, uns zu erinnern, uns die Vergangenheit wieder ins Gedächtnis rufen zu können. Bedeutet dies doch, daß wir eingewoben sind in ein Netz von Beziehungen, von Ereignissen, die wir mit anderen Menschen teilen, die uns einbindet in ein Leben. Sind diese Erinnerungen nicht mehr zugänglich wie beim Professor, dann ist uns sprichwörtlich der Boden unter den Füßen unserer Existenz weggezogen: Jeder Mensch, dem der Professor begegnet, ist für ihn ein Fremder, von dem er nichts weiß – und von dem er nie etwas wissen wird, außer den Momentaufnahmen eines in 80 Minuten getakteten Lebens, in dem die an den Anzug gehefteten Merkzettel nur schwache, äußerst schwache Krücken sind.

Ogawa beschreibt auch sehr sensibel, wie man mit solchen Menschen (und sie begegnen uns ja allen im Alltag in Person von Dementen…) umgehen kann, nein sollte: mit großer Geduld was das An- und Zuhören der oft immer wieder gleichen Geschichten angeht, mit dem Gefühl dafür, was eigenes Handeln für Wirkungen auf den Betreffenden ausübt. Als Kind hat „Roof“ da seiner Mutter noch etwas das Unverstellte voraus, das noch nicht so sehr durch die Alltagswelt eines Erwachsenen beeinflusste Einfühlungsvermögen. Das alles schildert Ogawa in leisen Tönen, ohne sich dabei gefühlsmäßig auf Mitleid zu konzentrieren, das Mitleid im Sinne von Mitfühlen stellt sich automatisch beim Lesen ein, natürlich tut einem der Professor leid und man hofft mit Mutter und Sohn, daß all das, was sie für ihren Schützling planen, diesem gut tut und schöne Momente beschert.

Schöne Momente erlebt der Professor, und das ist eine zweite Ebene des Buches, durch die Zahlen und die Mathematik der Zahlen, sprich, durch die Beziehungen zwischen ihnen [mir ist spontan das Buch von Paolo Giordano: Die Einsamkeit der Primzahlen, https://radiergummi.wordpress.com/2009/11/11/paolo-giordano-die-einsamkeit-der-primzahlen/ dazu eingefallen]. Früher ein hoffnungsvoller Mathematik-Professor, vor dem eine Karriere lag, ist ihm die Begeisterung dafür geblieben, und, wichtiger noch, die Fähigkeit und die Erinnerung an seine Zahlen. Und wie schön der Gedanke der Autorin, daß sie ihrer Erzählerin die Fähigkeit zuschreibt, sich durch diesen kranken Mann ebenfalls für die Mathematik begeistern zu können. Es kommt nicht darauf an, möglichst Kompliziertes und Geheimnisvolles zu entdecken, die Schönheit einer Beziehung zwischen Zahlen ist das Wichtige, die Harmonie, die sich in solchen Beziehungen zeigt. So lernen wir – zwar nicht in aller Ausführlichkeit, schließlich ist dies ein Roman, kein Lehrbuch – vieles über Zahlen, bekommen Namen genannt und auch das große Mysterium, das hinter den Zahlen und der Mathematik steckt, wird angesprochen.

Denn, das ist eine Frage, die ich selbst oft habe und natürlich nicht beantworten kann, was sind Zahlen überhaupt? Hat man mit der Urknall-Theorie eine halbwegs konsistente Theorie über die Entstehung des Universums, wo sind da die Zahlen? Und welche Bedeutung haben sie? Das Masseverhältnis von Proton zu Elektron beispielsweise ist eine Zahl, aber hat nun das Verhältnis der Massen diese Zahl oder hat die Zahl das Verhältnis der Massen bestimmt? Und überhaupt: wieso kann die Mathematik, die von der Materie unabhängig ist (?), die reale Welt derart gut und praktisch beliebig genau beschreiben? Ach ja….

Ogawas Roman endet ohne Happy-End, es gibt keinen zweiten Unfall, durch den das Gedächtnis des Professors wieder hergestellt wird. Aber er endet versöhnlich, so versöhnlich ein solches Schicksal eben enden kann: eine einzige weitere Nabelschnur, die den Professor mit der Vergangenheit noch verbindet, erweist sich als haltbar und bleibt ihm, zusammen mit Enatsu, der Mutter und ihrem Sohn Roof.

Das Geheimnis der Eulerschen Formel ist ein kleines, feines, melancholisches Stück über ein schwieriges Leben, in dem ausgerechnet die von vielen so gemiedene Mathematik ihre Kraft zeigt und ihre Fähigkeit, Freude zu schenken. Ein kleines stilles Juwel ist dieser Roman.

Yoko Ogawa
Das Geheimnis der Eulerschen Formel
Aus dem Japanischen von Sabine Mangold
Originaltitel: Hakase no Aishita Sûshiki, Tokio, 2003
diese Ausgabe: Aufbau Taschenbuchverlag, TB, ca. 250 S., 2013

 

Ein Kommentar zu „Yoko Ogawa: Das Geheimnis der Eulerschen Formel

  1. Ich stimme dir zu, dass dieses Buch ein stilles Juwel ist. Habe es vor vielen Jahren gelesen und war erstaunt über den Schreibstil der Autorin. Danach dachte ich, „Hotel Iris“ wäre ebenso ein Buch für mich, jedoch weit gefehlt. Ich war schockiert und werde das Buch wohl nie mehr vergessen. Kennst du es? Habe noch bei keinem/keiner Autor*in diese Extreme erlebt, wie bei ihr. Auf dem SuB habe ich noch „Das Museum der Stille“ und „Liebe am Papierrand“. Bin gespannt, ob mir diese Bücher gefallen werden.
    GlG, monerl

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