Antti Toumainen: Die letzten Meter bis zum Friedhof

Es braucht normalerweise weniger, um einem Mann den Tag zu versauen. Der Arzt verrät dem Helden der Geschichte, daß seine Urinprobe alle Anzeichen eines bevorstehenden Multiorganversagens zeigt, das seinerseits auf eine bemerkenswerte, auf den baldigen Tod hin zielende Vergiftung hindeuten. Womit die körperlichen Symptome, die Jaako quälen, hinreichend erklärt scheinen. So fährt er nach Hause, sich seiner Frau anzuvertrauen und erblickt als erstes deren prallen, schweißglänzenden Hintern, der sich mitsamt Besitzerin in heftigen Galopp auf Petri, dem Leiter Technik und Logistik der gemeinsamen Firma, offensichtlich gerade auf der Zielgeraden des Ritts befindet. Irritiert schlägt Jaako den Rückzug an und – hier reitet ihn jetzt wiederum der Teufel Neugier – dringt in die offenstehenden Räume der nahe bei liegenden Firma ein, die neu gegründet seiner eigenen Konkurrenz macht. Kurz darauf erhält er Besuch der drei Besitzer, die zum einen not amused sind, ihn auf dem Band der Videoüberwachung beim Spionieren gesehen zu haben und die zum zweiten von Temperament und Charakter her durchaus in der Lage und Willens zu sein scheinen, schlechter Laune zum Ausdruck zu verhelfen. In diesem Zusammenhang kommt dann auch noch ein Samurai-Schwert mit ins Spiel.

Also, ich finde, für einen Tag reicht das.

Jaako, das nahe Ableben vor Augen, hat noch ein, oder besser gesagt, zwei Ziele. Zum einen will er natürlich seinen Mörder finden und mit Taina, seiner ehebrecherischen Frau und Petri hat er ganz heiße Kandidaten. Zum zweiten will er seine Firma, die prächtige Geschäfte mit dem Verkauf der teuren Matsutake-Pilze nach Japan macht, retten, einerseits vor Taina, seiner Frau und andererseits vor seiner Konkurrenz, die ihm sowohl die eigenen Mitarbeiter als auch die Kunden abspenstig machen will, wie Jaako schnell feststellt. Auf der anderen Seite ist Jaako, der Jäger auch Jaako, der Gejagte, nämlich der etwas cholerisch und impulsiv reagierenden Konkurrenz; das Samurai-Schwert erwähnte ich ja schon, es ist in diesem Zusammenhang nicht ganz unwichtig.

Wenn Jaako sich in diesen Tage (wunderbarer Weise hat sich ein fragiles Gleichgewicht im Körper eingestellt, so daß die physische Talfahrt für Jaako erst einmal unterbrochen ist) mal nicht vor Überanstrengung (Weglaufen, Kämpfe auf Leben und Tod, Gräber ausheben etc pp) die Seele aus dem Leib kotzt, philosophiert er ein wenig über Leben und Tod, über die Umwertung aller Werte, über die Relativität allen Seins und überhaupt: wie das Leben doch in einem ganz anderen Licht erscheint, wenn man weiß, daß man heute noch oder morgen schon oder jedenfalls bald sterben wird.

Da Die letzten Meter bis zum Friedhof ein Krimi ist, zumindest vom Ansatz her, verrate ich das Ende natürlich nicht, nur soviel: Toumainen, der Autor, läßt seinen Helden, zumindest innerhalb dieser gut vierhundert Textseiten, nicht sterben und alles andere müßt ihr euch jetzt selber erlesen….


Es ist ein Krimi mit hohem Tempo, den der Autor hier vorgelegt hat, eine Szene jagt die nächste, viele davon in bekannt-geliebter finnischer Skurrilität. Die innere Logik der Handlung und des Textes will ich lieber nicht untersuchen, da klemmt es meiner Meinung nach hin und wieder ein bischen, was aber dem Lesespaß keinen Abbruch tut. Der philosophischen Komponente des Romans sollte man nicht allzuviel Gewicht beimessen, über Allgemeines dringt sie kaum hinaus, was aber auch nicht der Anspruch des Romans gewesen sein dürfte. So bleibt ein mittelmäßiges Facit: das Buch macht durchaus Spaß beim Lesen, hinterläßt aber trotz finnischem Humor kaum einen tieferen Eindruck.

Antti Toumainen
Die letzten Meter bis zum Friedhof
Übersetzt aus dem Finnischen von Niina Katariina Wagner und Jan Costin Wagner
Originalausgabe: Mies joka kuoli, Helsinki, 2016
diese Ausgabe: TB, rororo, ca. 316 S., 2019

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