Leïla Slimani: All das zu verlieren

Leïla Slimani gehört zu den Shooting Stars der französischen Literaturszene. Mit Dann schlaf auch du [meine Besprechung dazu: https://radiergummi.wordpress.com/2017/12/08/leila-slimani-dann-schlaf-auch-du/ ] hat sie 2016 einen von der Kritik hochgelobten und sehr erfolgreichen Roman über eine menschliche Tragödie klassischen Ausmaßes vorgelegt, die eine der ihrer Wurzeln in der Vereinsamung eines Menschen hat. Ähnlich erfolgreich scheint der vorliegende Roman All das zu verlieren zu werden, auch dieser spielt im Grunde mit einem ähnlichen Motiv, dem der Einsamkeit, der Vereinsamung, der Suche nach dem Platz im Leben.


Wie könnte sie das Gewicht jedes Körpers auf ihrem im Gedächtnis behalten, …
Ihr Vergessen ist durchzogen von dem beruhigenden Gefühl,
im Verlangen der anderen tausendfach gelebt zu haben. 

Hauptfigur des vorliegenden, in Frankreich schon 2015 als Erstling der Autorin veröffentlichten Romans ist die fünfunddreißigjährige Adèle Robinson [auch dieser bekanntlich eine zeitlang recht einsam…], die mit dem erfolgreichen Arzt Richard verheiratet ist, das gemeinsame Kind Lucien ist knapp drei Jahre alt. Adèle arbeitet als Journalistin bei einer Tageszeitung, die Familie lebt in Paris in materiell guten Verhältnissen und, ach ja, das Leben könnte eigentlich so schön sein. Es gab (oder gibt?) einen Plan, den die beiden (?) gemacht hatten: wenn sich für Richard die Gelegenheit ergäbe, eine andere Stelle anzunehmen, ausserhalb vom Moloch der Stadt, dann würde die Familie aufs Land ziehen, in die Natur und dort leben und glücklich werden. Richard verfolgt diesen Plan, und in der Situation des Romans, der kurz vor Weihnachten, in der Winterzeit des Jahres 2010, einsetzt, hat er eine karrierefördernde Stellung in Aussicht, hat auch schon ein neues Domizil für die Familie im Auge…

Adèle jedoch ist dieses Leben, diese Aussicht im Grunde ein Graus. Bis auf eine Sache ist sie weitgehend antriebslos, ihre Arbeit als Journalistin ödet sie an, ihr Mann Richard läßt sie weitgehend kalt, ihr Sohn Lucien nervt meistens nur und behindert sie in ihrer Freiheit. Obwohl Freiheit wohl der falsche Ausdruck ist, wie unter einem inneren Zwang stehend sucht sie relativ wahllos Männer, mit denen sie Sex haben kann. Mit der Zeit hat sie sich ein Doppelleben aufgebaut, gedeckt von ihrer Freundin Lauren, die ihr immer wieder ein Alibi gibt und ermöglicht durch Richard, dessen Interesse an seiner Frau eher platonisch ausgerichtet ist und der auch in gewisser Weise nicht sehen will. Das triebhafte Verlangen Adèles nach Sex geht soweit, daß sie während einer gemeinsamen Einladung bei einem Kollegen ihres Mannes den Gastgeber bedrängt und derart in die Enge treibt, daß sich daraus tatsächlich ein Verhältnis entwickelt, daß über einen ONS hinausgeht und das letzten Endes auch das ganze Kartenhaus aus Lügen zum Einsturz bringen wird. Danach sieht es eine zeitlang für Adèle so aus, als könne sie sich in ein neues Leben einfinden…

Sie will nur ein Objekt inmitten einer Meute sein.
Gefressen, ausgesaugt, mit Haut und Haar verschlungen werden.
Sie will in die Brust gekniffen, in den Bauch gebissen werden.
Sie will eine Puppe im Garten eines Ungeheuers sein.

Die letzte Zeile dieser Textstelle bildet den französischen Originaltitel Dans le jardin de l’ogre, wobei ogre wörtlich übersetzt sogar Menschenfresser bedeutet. Der deutsche Titel klingt viel harmloser und setzt auch einen ganz anderen Akzent, selbst wenn auch er auf einer Textstelle beruht, in der es Adèle klar ist, daß Richard, ihr Mann, das einzige Schutzschild ist zwischen ihr und dem Abgrund, auf den sie zusteuert und den sie durch ihre Eskapaden immer wieder aufs Spiel setzt.

Auf den ersten Blick könnte man die Rollenverteilung, die Slimani beschreibt, als Umkehrung des Üblichen ansehen: nicht der Mann ist es, der seine Sexualität ungeachtet seiner Ehe auslebt, sondern die Frau. Nicht die Frau ist es, die aufs Land ziehen will, um dort in Familie zu machen, sondern der Mann. Im Gegensatz zu den M von Millet oder auch Grien/Stark jedoch schießt Slimani über diesen feministischen Ansatz hinaus, in dem sie ihre Protagonistin ins Pathologische verweist. Adèle will Objekt sein, will gebraucht werden bis hin zu der Tatsache, daß sie eines Abends zwei junge Männer dafür bezahlt, daß sie sie treten, schlagen und missbrauchen, und zwar derart brutal, daß sie am nächsten Tag nicht weiß, was wirklich geschehen ist. Dazu passt das gestörte Essverhalten, daß man wohl auch schon als Magersucht bezeichnen kann, in der Summe also Verhaltensweise, die auf die Schädigung der eigenen Person hin ausgerichtet sind. Es ist von daher auch durchaus logisch, daß Richard Adèle , nachdem deren Doppelleben aufgeflogen ist, als Kranke behandelt und ihr eine Therapie aufdrängt. Daß diese jedoch mit ihrer Fähigkeit, im Mann vorwiegend den Beschäler zu sehen, wirklich geheilt werden könnte, mag man als Leser nicht glauben und Slimani selbst läßt die Frage offen…

Die Autorin läßt uns im Unklaren, ob diese Eigenschaften ihrer Figur erkennbare Wurzeln haben. Zwar stammt sie aus einfachen Verhältnissen, in Rückblenden wird eine recht lieblos erlebte Kindheit angedeutet. Der Vater ist aus Algerien nach Frankreich gekommen, ob die Ehe der Eltern besonders glücklich war, darf bezweifelt werden. Doch reicht dies alles als Grund für das selbstschädigende Verhalten Adèles wohl kaum aus, zumal die Mutter ihr bei Gelegenheit vorwirft, daß die Tochter schon als Kind einen schlechten Ruf hatte, der (so möchte ich es hier bezeichnen) ins lolitahafte ging. Schon immer gierte sie nach Schweiß, Speichel und Sperma, um das Leben (oder ihr Leben) in all seiner Bedeutungslosigkeit zu überdecken: Die Erotik bemäntelte alles. Sie verbarg die Trivialität, die Nichtigkeit der Dinge. Sie schärfte die Konturen ihrer Schülerinnennachmittage, der Geburtstagseinladungen und selbst der Familientreffen…


Slimani zu lesen ist unkompliziert. Sie bevorzugt einfache Sätze, oft nur aus wenigen Worten bestehend. Die Wortwahl ist klinisch, könnte einem Obduktionsbericht entnommen sein. Vagina, Penis, Anale Penetration, Anus, Klitoris – das sind die sterilen Termini, mit denen sie die Sexualakte beschreibt, entsprechend emotionslos lesen sich diese Abschnitte. Keine der Figuren erzeugt Nähe beim Lesen, selbst die Brutalität oder Direktheit mancher Ereignisse nimmt man im Wesentlichen zur Kenntnis, ohne davon sonderlich berührt zu werden – wie auch die Autorin selbst auf Wertungen ihrer Personen verzichtet. Die Frage, die mich nach der Lektüre bewegte, war: was will die Autorin uns mir ihren Worten sagen, gibt es eine Aussage in diesem Roman, der über die Schilderung des traurige Schicksals Adèles hinausreicht? Es ist ein Buch, so schrieb ich eingangs, auch über die Einsamkeit, über die Suche nach dem Platz im Leben, über die eigene Definition dessen, was einen, hier Adèle, ausmacht. Adèle sieht sich offensichtlich nicht als (Ehe)Frau, auch nicht als Gefährtin oder gar als Mutter, sie fühlt nur, wenn sie sich als Beute anbietet und erbeutet wird, wenn sie benutzt wird und ihre Existenz dadurch kurzfristig einen Sinn erfährt. In diesem in der Summe selbstzerstörerische Verhalten Adèles sieht der Kritiker des Evening Standard (so wird es auf dem Schutzumschlag des Romans wiedergegeben) eine Darstellung dessen, was in Frauen im Stillen vor sich geht. Ich hoffe sehr (und bin davon überzeugt) daß dieses Statement ziemlicher Blödsinn ist, Adèles Verhalten ist ein Einzelschicksal, das keine Rückschlüsse auf Frauen im Allgemeinen zuläßt.

Neben der Figur der Adèle, um das kurz zu erwähnen, entblättert sich ein kleines Panorama der Lebensverhältnisse in Frankreich, zumindest die gutsituierter Franzosen aus Paris: die selbstverständlich genutzte Möglichkeit, die Kinderbetreuung Kindermädchen zu überlassen, der Wunsch, dem Stress in der Hauptstadt durch ein entschleunigtes Leben in der Provinz zu entkommen, der „Angst“ vor der Provinz, in der die kulturellen und gesellschaftlichen Möglichkeiten, die Paris bietet, fehlen… ein kleiner Einblick also in die Lebensumstände dieser Gesellschaft. Diesen Aspekt hat Slimani jedoch in ihrem nachfolgenden (in Deutschland allerdings als ersten veröffentlichten) Roman stärker herausgehoben als hier, womit Dann schlaf auch du eine umfassendere Aussage zugeordnet werden kann.

All das zu verlieren ist in der Summe ein durchaus beeindruckender Erstling, der mich persönlich jedoch recht unberührt gelassen hat, es ist also ein zwiespältiges Facit, zu dem ich schlussendlich gelange. Bei diesem Roman muss letztlich jeder zu seinem eigenes Urteil gelangen.

Leïla Slimani
All das zu verlieren
Übersetzt aus dem Französischen von Amelie Thoma
Originalausgabe: Dans le jardin de l’ogre, Paris, 2015
diese Ausgabe: Luchterhand, HC, ca. 224 S., 2019

Ich danke dem Verlag für die Überlassung eines Leseexemplars.

2 Kommentare zu „Leïla Slimani: All das zu verlieren

  1. Ich habe das Buch in den letzten Tagen ausgelesen. Da der Schreibstil recht einfach gehalten war, war es ein kurzes Vergnügen. So richtig warm wurde ich mit dem Buch nicht. Der Schreibstil war für mich zu nüchtern.

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