Frank McCourt: Tag und Nacht und auch im Sommer

Vor einigen Jahren, es ist genauer gesagt, schon fast ein Jahrzehnt her, habe ich von Frank McCourt dessen Erinnerungen an seine irische Kindheit hier vorgestellt, ein Buch, das mich erschütterte… ich will nur einen einleitenden Absatz von damals hier wiederholen, weil er auch den Autoren selbst ein wenig vorstellt: Frank McCourt ist das erste von vielen Kindern der Angela Sheehan und des Malachy McCourt, der, weil er ständig Ärger mit den Engländern hatte, von der IRA nach New York geschickt wurde. Dort traf er Angela, die ihrerseits von ihrer Mutter dorthin abgeschoben worden war, da sie zuhause zu nichts taugte. Nachdem dann offensichtlich wurde, daß der zukünftige Frank auf dem Weg war, heirateten die beiden und lebten mehr schlecht als recht in Brooklyn. Als Frank dann „… vier war und [sein] Bruder Malachy drei, und die Zwillinge Oliver und Eugene … eben gerade ein Jahr alt [waren], und die Schwester Margaret … tot und weg [war] .“ erbettelten sie sich Geld für die Rückfahrt und kehrten nach Irland zurück. [Frank McCourt: Die Asche meiner Mutter; https://radiergummi.wordpress.com/2010/07/10/frank-mccourt-die-asche-meiner-mutter/]

Soweit, so gut – oder auch schlecht, wie immer man will. McCourt jedenfalls überlebte seine Kindheit in Irland und kehrte mit siebzehn zurück nach New York. Er ging dann zum Militär, war auch drei Jahre in Deutschland stationiert. Nach seiner Rückkehr iin die USA arbeitete er im Hafen von New York. Über ein Programm der Army („GI-Bill“: https://de.wikipedia.org/wiki/G._I._Bill) studierte McCourt und wurde letztlich Lehrer an verschiedenen New Yorker High-Schools für das Fach Englisch, später dann auch für Kreatives Schreiben. Insgesamt war er drei Jahrzehnte Lehrer, ein zwischenzeitlicher Versuch, sich über eine Promotion weiter zu qualifizieren, scheiterte recht kläglich. Obwohl er in seinen letzten Berufsjahren als Lehrer für Kreatives Schreiben an der Stuyvesant High School, einer Schule mit sehr guten Ruf (https://stuy.enschool.org) arbeitete, fing er selbst erst nach seinem Ausscheiden aus dem Dienst mit Schreiben an, Die Asche seiner Mutter veröffentlichte er mit 66 Jahren.

Tag und Nacht und auch im Sommer von Frank McCourt

Tag und Nacht und auch im Sommer werden als Erinnerungen bezeichnet, sie umfassen diese drei Jahrzehnte Arbeit als Lehrer und geben ein Bild von der Zerrissenheit der Gesellschaft in der damaligen Zeit. Es sind die sozialen Brennpunkte, an denen McCourt arbeitet, die Viertel, in denen Arbeitslosigkeit herrscht, wo Rassenkonflikte das tägliche Leben beeinflussen, Viertel, in denen Armut herrscht, in denen das pädagogische Konzept der Eltern aus Zuschlagen oft besteht. McCourt kennt dies nur zu gut, man hat in vielen Passagen seiner Erinnerungen den Eindruck, daß er sich eigentlich eher seinen Schülern zugehörig fühlt denn der Klasse der Lehrer… die Schüler merken dies natürlich, leicht läßt sich McCourt ablenken und erzählt von seiner Jugend in Irland, nicht alles wird ihm geglaubt.

McCourt war ein Lehrer ohne großes Selbstbewusstsein, Konflikten ging er oft aus dem Weg. Das Butterbrot, mit dem sich Schüler bewarfen – es war sein erster Tag als Lehrer – hob er einfach auf und aß es auf… Was ihm einen ersten Tadel des Rektors eintrug, der gerade in diesem Moment in die Klasse kam, um sich den neuen Lehrer anzusehen. Der zweite, schwererwiegende Tadel am zweiten Arbeitstag brachte ihn in Zusammenhang mit sodomistischen Vorwürfen: auf die Frage, ob er früher in Irland auch mit Mädels ausgegangen wäre, antwortete er flapsig: Nein, verdammt noch mal. Mit Schafen. Wir sind mit Schafen ausgegangen. Was glaubst du denn? … Nicht alle Eltern erkannten den Sarkasmus eines genervten Lehrers…

Natürlich – McCourt bekam Übung und Routine, er lernte im Lauf der Jahre seine Schüler zu lesen und entsprechend zu behandeln. Es folgten Schulwechsel, eine längere Pause mit vielen Selbstzweifeln, eine zeitweilige Rückkehr nach Irland ans Trinity, wo er aber seinen Promotionsversuch in den Sand setzte. Seine glücklichste Zeit hatte er, so der Eindruck, den man gewinnt, als er an der Stuyvesant High School unterrichtete, hier wurde nämlich er selbst auch gefördert. Hier war er kein Aufseher über eine Horde mehr oder weniger unwilliger Teenager, sondern Lehrer von Jugendlichen, die eine Zukunft für sich sahen und die entsprechend gestalten wollten.

Die stärksten Szenen sind die, in denen McCourt schildert, wie er im Grunde völlig ohne Konzept aus dem Moment heraus arbeitet. In den früheren Schulen beispielsweise schrieben die meisten Schüler sich ihre Entschuldigungen fürs Schwänzen etc selbst. McCourt schmiss diese Zettel alle in einen Karton, bis ihm eines Tages auffiel, wie fantasievoll und engagiert diese ganzen Lügengeschichten von Schülern klangen, denen Schreiben ansonsten ein Graus war. Also ließ er Entschuldigungen schreiben, für Eva Braun genauso wie für Brutus… die Schüler waren begeistert…

Auf der Stuyvesant (ein zweites Beispiel) führte das Mitbringen und Probierenlassen von Naschereien in der Multi-Kulti-Klasse zu einen Büfe im Park, in dem jeder etwas mitbrachte… desweiteren wurde aus Kochbüchern mit Musikbegleitung vorgetragen: zum Entenrezept gab es chinesische Musik (sehr dramatisch und als Gesamtkunstwerk dominierend), ferner erwies sich, daß Bongos im Hintergrund nicht zu den englischen Triffels passten, im Zusammenspiel mit der Mundharmonika waren sie jedoch bei Koteletts einfach klasse. Und die Harmonie des Zusammenwirkens von Violine und Eiern Benedict konnte einfach nur als perfekt bezeichnet werden…

Ich kann mir gut vorstellen, daß dieser Unterricht wirklich gut war, auch wenn die Schüler zum Teil völlig irritiert waren. Sie waren es gewohnt zu lernen, Fragen gestellt zu bekommen und auf diese Fragen Antworten zu geben, die man vorher lernen konnte. Und wenn man die Antworten gelernt hatte, gab es gute Noten. So einfach war es bei McCourt nicht. Bei ihm wussten die Schüler nicht, was sie wissen mussten. McCourt hörte nicht auf, solche Fragen zu stellen wie „was fühlst du, was siehst du, was fällt dir auf“, er hielt seine Schüler zum Beobachten an, zum Nachdenken, zum Analysieren, kurz: zum selber Denken. Die Schüler rissen sich um ihn, seine Kurse waren besucht wie Konzerte…

… aber immer noch diese Selbszweifel. Kamen sie etwas wegen der Leichtigkeit, mit der er gute Noten verteilte (das Benotungssystem war selbstredend auf so ein Konzept nicht ausgelegt), oder gefiel ihnen das wirklich? Den Entschluss, die Zügel in die Hand zu nehmen und endlich eine Respekt einflössende Person zu werden, fasste McCouart zwar oft, setzte ihn jedoch gottseidank nie in die Praxis um, zu gut konnten ihn die Schüler immer wieder manipulieren.

Die Erinnungen McCourts beschränken sich tatsächlich fast ausschließlich auf die Erlebnisse in den Schulen. Dreißig Jahre amerikanische Geschichte tauchen in dem Buch kaum auf, man ist förmlich überrascht, wenn an einer Stelle z.B. auf einmal ein Hinweis auf etwas „externes“ auftaucht wie z.B. auf die Beatnik-Bewegung der 60er Jahre. Aber auch hier bleibt es bei der bloßen Erwähnung von Namen. Ebenso überraschend ist die Mitteilung des Autoren, daß er geheiratet hat. Eine Ehe, die trotz der Dauer nicht besonders gut funktioniert haben muss, Alberta bemängelte wohl ebenfalls die mangelnde Entschlusskraft und das fehlende Selbstvertrauen ihres Gatten. Immerhin brachte sie es fertig, ihn zu einer Psychoanalyse zu überreden, die jedoch – wen wundert’s – nicht sehr erfolgreich war.

Tag und Nacht und auch im Sommer ist ein relativ harmloses Buch, in dem der Schüler/die Schülerin (zumindest in der ersten Hälfte der Zeit) als natürlicher Feind des Lehrers auftaucht. McCourt schlängelt sich durch, meistert letztlich diese Situationen, bis er auf der Stuyvesant wohl in seinem Metier angekommen ist. Dies alles liest sich gut, ist unterhaltsam, rührt einen an dieser oder jener Stelle auch an, über die Sprüche und Erkenntnisse des Autoren kann man auch gelegentlich durchaus nachdenken. Die Erinnerungen zeigen aber auch, wie sehr die unglückliche, katholische Kindheit McCourts das ganze Leben über ihre Spuren hinterlassen hat… Summa summarum sind diese Erinnerungen an ein Lehrerleben als bereichernde Lektüre durchaus empfehlenswert.

Frank McCourt
Tag und Nacht und auch im Sommer
Aus dem Englischen übersetzt von Rudolf Hermstein
Originalausgabe: Teacher Man, NY, 2005
diese Ausgabe: btb, Taschenbuch, ca. 330 S., 2008

 

 

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