Milena Agus: Die Frau im Mond

Es ist ein schmales Büchlein der sardischen Autorin, die ich kürzlich hier mit ihrer Geschichten von den Flügeln ihres Vaters vorgestellt habe (https://radiergummi.wordpress.com/2019/03/17/milena-agus-die-fluegel-meines-vaters/). Der Roman über Die Frau im Mond ist ebenfalls eine Geschichte, die auf Sardinien spielt, die Geschichte einer lebenslangen Suche nach der Liebe, nach Erfüllung, nach dem Glück, leben zu dürfen…

Als Erzählerin fungiert eine junge Frau, die Enkelin dieser Liebesuchenden, die durch einen Zufall die Aufzeichnungen der Großmutter findet. Diese war als junge Frau von großer Schönheit und trotzdem fand sich damals kein Mann, der sie heiraten wollte. Alle Verehrer, die sie hatte, erfanden bald Ausreden, um die Verabredungen abzusagen, bis sie schlussendlich noch nicht einmal mehr Ausreden schickten, sondern einfach nicht mehr kamen… Es hatte seinen Grund, denn die junge Frau in ihrer Sehnsucht schrieb Briefe, in denen sie dieser Sehnsucht Ausdruck verlieh… Schande war es, die sie über das Haus, die Familie brachte, als die Mutter von diesen Briefen erfuhr, schlug sie ihre Tochter mit schwerem Gerät halb tot… Nicht nur der Briefe wegen, auch wegen ihres Verhaltens galt die Tochter bald als seltsam im Dorf…

Daß sie doch noch verheiratet wurde, war dem Krieg zu verdanken. Ein Ausgebombter, den die Familie aufnahm, hielt aus Dankbarkeit für die Aufnahme um die Hand der ältesten Tochter an. Es war keine Liebe zwischen ihnen, die Frau wollte nicht, nicht diesen Mann, sie wurde zur Heirat genötigt. Die beiden versicherten sich ihrer Nichtliebe, schliefen soweit getrennt im Ehebett, wie es ging. Um das ‚eine‘ zu bekommen, ging der Mann weiterhin zu den Frauen in der Stadt – bis ihm dann eines Tages seine Frau anbot, daß man das Geld sparen könnte, wenn sie selbst die Leistungen dieser Frauen erbringt. Dem Mann war dies recht, er wies die Frau ein und im Lauf der Zeit konnte das Paar sich ein neues Haus bauen.

Die Frau litt zeit ihres Lebens unter starken Schmerzen, sie hatte Nierensteine, und sie konnte kein Kind bei sich behalten. Nach Jahren schickte man sie aufs Festland für ein paar Wochen in ein Heilbad. Dort sollte sich ihr Schicksal erfüllen, dort traf sie auf einen Mann und auf die große Liebe ihres Lebens. Für ein paar wenige Wochen war das Glück vollkommen…

Bald nach ihrer Rückkehr zeigte sich, daß sie ein Kind unter dem Herzen trug, ein Kind, dem sie dieses Mal Leben schenken konnte. Es war ein Junge, der – ich mache es kurz – ein weltbekannter Musiker werden sollte… Natürlich heiratete auch er und aus dieser Ehe stammt die Erzählerin, die quasie bei ihrer Großmutter aufwuchs – obwohl so seltsame Geschichten über diese kursierten. Aber die Eltern hatten keine Angst, ihre Tochter in den Zeiten, in denen sie um die Welt reisten, um Musik zu machen, der Großmutter anzuvertrauen und das Kind war gerne bei dieser Frau, die sie liebte.

Bei der Renovierung des Hauses tauchten aus gutem Versteck unerwartet die Notizen der Großmutter auf, die sie zeitlebens heimlich geschrieben hatte. Diese Aufzeichnungen ließen das Leben der Großmutter in anderem Licht erscheinen, manches, was man über sie wusste oder gehört hatte, erwies sich als wahr, anderes war plötzlich ganz anders…

Milena Agus, von der ich hier vor kurzem schon ihren Roman Die Flügel meines Vaters vorgestellt habe [https://radiergummi.wordpress.com/2019/03/17/milena-agus-die-fluegel-meines-vaters/] schreibt auch diese Geschichte in einfachen Worten und Sätzen, dem Ort der Handlung, dem ländlichen Sardinien, angepasst. Es ist die Lebensgeschichte einer Frau, die durch die gesellschaftlichen Randbedingungen an der Entfaltung ihrer Möglichkeiten gehindert ist, trotz Intervention des Lehrers beispielsweise muss sie nach der vierten Klasse die Schule verlassen. Offen bleibt, ob die geschilderten autoaggressiven Akte Ventil für diese Enttäuschungen sind oder ob sie auf eine tatsächlichen psychischen Störung zurückzuführen sind. Ihre Fantasie jedenfalls fixiert sich auf die Liebe, die zu finden sie sich mit jeder Faser ihres Herzens wünscht. Sie bliebt ihr jedoch verwehrt, die Beziehung zu dem Mann, mit dem sie verheiratet ist/wurde, ist emotional kalt und auf der physischen Ebene eher durch praktische Argumente geprägt, wobei sich Agus nicht gescheut hat, die durchaus romantische Darstellung ihrer Protagonistin durch handfeste Schilderungen dieses Aspektes um einen unerwarteten Schlenker ins leicht Softcorige zu bereichern, ohne dadurch jedoch die Gesamtstimmung des Romans zu zerstören.

Ein einziges Mal erfährt die Großmutter die große Liebe, unerwartet, wunderbar und erfüllend. Es ist eine Liebe auf Zeit, begrenzt auf ein paar Wochen der gemeinsamen Kur, in der sie sich getroffen haben. Eine Zeit des Glücks, das beide in dem Wissen genießen, daß sie wieder zurück müssen in ihre jeweiligen Leben…

Reicht diese eine Liebe für ein ganzes Leben?

Die Frau im Mond stellt das Leben der Großmutter der Erzählerin in den Mittelpunkt, umfasst aber letztlich knapp drei Generationen, denn ein Kind kann die Großmutter auf die Welt bringen und dieser Junge sollte dann der Vater der Erzählerin werden, auch von seinem Leben erfahren wir. Damit ist klar, daß ebenso vieles ungesagt bleibt in diesem schmalen Roman von knapp 130 Textseiten, der zudem noch locker gesetzt in viele kleinere Kapitel unterteilt ist. Damit ist klar, daß uns Leser/-innen hier keine komplizierte ausformulierte Geschichte erwartet, es ist tatsächlich so eine Geschichte, wie sie eine Enkelin über ihre Oma erzählen würde, auf einem langen Spaziergang möglicherweise, unter sardischer Sonne am Strand entlang oder durch einen Pinienhain… Es ist eine schöne Geschichte, in die man sich fallen lassen kann, die das Herz anrührt und die eigene Sehnsucht, es ist eine kleines Entkommen aus dem eigenen Alltag, es sind zwei Stündchen Zittern und Bangen über das Schicksal einer Frau (das im Übrigen auch verfilmt worden ist: http://www.studiocanal.de/kino/die_frau_im_mond).

Milena Agus
Die Frau im Mond
Übersetzt aus dem Italienischen von Monika Köpfer
Originalausgabe: Mal di Pietre edizione mottetempo, Rom 2006
diese Ausgabe (mit anderem Umschlagbild): dtv, ca. 135 S., 2009

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