Luise Rinser: Bruder Feuer

Die deutschen Autorin Luise Rinser (1911 – 2002; http://www.fembio.org/biographie.php/frau/biographie/luise-rinser/) gehört zu der Generation der nach dem Krieg politisch aktiven und engagierten Schriftsteller/-innen. Zugleich umfasst ihr eigenes Leben einen tragischen Zug, denn ihre Vergangenheit im Dritten Reich war alles andere als vom Widerstand geprägt, in der vorstehend zitierten Biografie wird ein Bekannter Rinsers dazu zitiert: Der Theologe und Philosoph José Sánchez de Murillo, der Rinser 1995 kennenlernte und mit ihr bis zu ihrem Tod befreundet war, schrieb über die Autorin in einer 2011 erschienen Biographie: »Die Rinsersche Tragödie besteht darin, niemals den Mut aufgebracht zu haben zu gestehen, zu ihrer Vergangenheit zu stehen.« Sanchez beschreibt Rinser als »literarisch hoch begabt, leidenschaftlich am Leben interessiert, schwärmerisch, anerkennungsbedürftig, großzügig, doch auch autoritär, jähzornig, geltungssüchtig, opportunistisch.« Ich selbst habe von Rinser noch nichts gelesen, diese Beschreibungen verlocken mich auch nicht gerade dazu… und der hier von mir vorgestellte Roman ist meinem Lesekreis geschuldet, bei dem ich mich für die Diskussion bedanke.


In Bruder Feuer versucht die Autorin, die Figur des Franz von Assisi in die Gegenwart zu transformieren, wobei Gegenwart auch schon wieder nicht stimmt, dann das Buch entstand Mitte der siebziger Jahre. Die Grundfrage des Romans ist es, wie ein Mensch wie Franz in der heutigen Zeit leben würde. Sicher unangepasst… aber wäre er Mönch, Politiker, Guru oder selbstloser Arzt im Urwald? … Auf jeden Fall stünde er mitten im Leben und wäre voller Mit-Leid und Tatkraft, so zitiert Rinser einen Franziskaner.

Der Versuch, sich Franz zu nähern, führt über einen Journalisten, der von seinem Chef den ungeliebten Auftrag bekommt, nachzurecherchieren, was an der Sache mit dem jungen Mann, der nach wilden Partyjahren auf sein reiches Erbe verzichtet und in den Bergen in Armut lebt, dran ist. Viele Jugendliche folgen ihm in die Berge, leben wie er und die Anklage, die jetzt gegen Franz verhandelt werden soll, ist die der Verhexung dieser Jugendlichen.

Der namenlose Journalist fährt also nach Assisi und trifft dort auf einen nasebohrenden Jungen, der ihm gegen entsprechende Bezahlung weiterhilft, d.h. Leute vermittelt, die Auskunft geben können über Franz. Es sind sehr widersprüchliche Auskünfte, die der Journalist im Lauf der Tage bekommt. Teilweise sind sie voll der Bewunderung und des Lobes, Franz und die Seinen leben in Armut, geben ihr Geld den Armen, helfen ihnen, geben ihnen Arbeit, verdienen sich ihren Lebensunterhalt durch eigenes Tun. Sie renovieren ihre heruntergekommenen Behausungen, bauen verfallene Kirchen wieder auf… Andere Befragte wiederum beschuldigen ihn der Verführung der Jugend oder des Kommunismus.

Francesco Bernadone stammt jedenfalls aus einer reichen Familie, die sehr ungleich ist. Während der Vater ein Kapitalist reinsten Wassers ist, ist die Mutter sehr religiös. Materiell gesehen, steht ihm die Welt offen, als junger Mann geniesst er dies auch, feiert wilde Feste mit seinen Freunden und kann als Angehöriger der Oberschicht auch die eine oder andere Grenze überschreiten, ohne Konsequenzen fürchten zu müssen. Diesem allem entsagt er eines Tages jedoch, er zerstreitet sich mit seinem Vater, verschenkt ihm anvertrautes Geld, um eine zerfallene Kapelle einer bitterarmen Kirchengemeinde wieder aufzubauen. Vor Gericht gibt er dem Vater alles, was er von ihm hat, zurück, nackt bis auf die Haut wirft er sich einen alten Sack über den Leib und geht in die Berge. Gewaltlosigkeit, Liebe, Hilfsbereitschaft sind fortan seine Leitlinien des Lebens, mit denen er immer mehr junge Menschen zu einem anderen Leben führt.

Die Armen akzeptieren ihn, weil sie merken, daß er sie versteht, er ihnen nicht nur Almosen bringen will, um sich ein reines Gewissen zu schaffen. Franz lebt in der Nachfolge Jesu die Armut, er kümmert sich wie Jesu um die Ausgestossenen, die Armen, die Behinderten… Damit bringt er die gesellschaftlichen Konventionen durcheinander, wird aus Sicht des Establishments zum Störenfried, dessen Erfolg man sich nicht erklären kann und den man anzeigt und vor Gericht schleppen will. So wie Jesu teilweise als Magier verleumdet wird (z.B. in der apokryphen Schrift des Nikodemus), so wird Franz der Hexerei beschuldigt…

Der Journalist hört sich die ganzen Geschichten an, aber Franz wird für ihn nicht fassbar. Er möchte harte Fakten, Zahlen bekommen und trifft nur auf Meinungen und Erzählungen. Das Wesen Franz‘ bleibt ihm verschlossen, es ist nichts, was man berichten kann, es ist etwas, was man nur leben kann. Rinser vermeidet eine direkte Begegnung zwischen Franz und dem Journalisten, das Buch endet ausdrücklich offen, die Entscheidung, ob der Journalist in die Berge geht, um Franz zu treffen oder gar dort zu leben, überläßt Rinser dem Leser (m, w, d)

Mir hat das Buch, um es kurz zu sagen, in seinem belehrenden Stil nicht gefallen, es ist eins der typischen Lesekreisbücher, die man liest, weil es so vereinbart ist. Es hängt nicht am Thema, ich hatte einige Tage zuvor von Eric-Emmanuel Schmitt das Evangelium nach Pilatus gelesen (und auch daraus vorgelesen): der Prolog in diesem Buch ist gar nicht so weit von Rinsers Thema entfernt, es ist der Rückblick, den die Figur Jesu am Abend seiner Gefangennahme auf sein Leben angestellt haben mag – zumindest so, wie es sich Schmitt vorstellt. Auch hier ein Mensch, der die Armut lebt, der sich um die Armen, Behinderten, Ausgestossenen, Kranken, um die Frauen kümmert und schert und der zum Ärgernis für die Etablierten wird, weil er ihre Macht in Frage stellt…. Im Gegensatz zu Schmitts Darstellung hat mich Rinsers Geschichte kalt gelassen, nicht berührt.

Ein Leben zu führen in der Nachfolge Jesu, so wie sein tägliches Leben (soweit man dies der Bibel entnehmen kann) tatsächlich statt fand, kommt dem christlichen Gedanken der Nächstenliebe sicherlich sehr nahe – näher geht kaum. Der Verzicht auf weltliche Güter, auf Besitz, die freiwillig auf sich genommene materielle Armut, die jedoch zu spirituellen Reichtum führt, ist ein hehres Lebensprinzip. Den Mitmenschen als Menschen achten, unabhängig von Äußerlichkeiten – viele von uns könnten sich daran ein Beispiel nehmen… Gefragt habe ich mich jedoch, ob dieses Lebensprinzip, diese Haltung als Grundlage einer Gesellschaft dienen kann oder ob sie nur dadurch partiell realisierbar ist, weil die Gesellschaft als Ganzes anders organisiert ist. Dieses Leben in Armut und Beschränkung hat im Grunde den Gedanken einer Weiterentwicklung aufgegeben, menschliche Eigenschaften wie Neugier oder Ehrgeiz (die ja nicht per se schlecht sind), kommen nicht mehr zur Entfaltung.

… und wer mag, kann zudem noch über die sich durch den gesamten Text ziehende Gesellschaftskritik (die Geschichte ist in der Mitte der 70er Jahre geschrieben worden) diskutieren…

Ich jedoch bin hier am Ende meiner Geschichte über Bruder Feuer angelangt.

Luise Rinser
Bruder Feuer
diese Ausbabe: Thienmann, HC, ca. 140 S., 1976

 

 

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