Milena Agus: Die Flügel meines Vaters

Der Roman der sardischen Autorin beginnt mit einer genauen Positionsangabe, die uns in den Süden der Insel, an dessen Ostküste führt (https://goo.gl/maps/yrS8Y76NRfk). Die in der Bildmitte zu sehende längliche Insel spielt eine kleine Rolle im Roman, der Hauptschauplatz der Handlung liegt dieser Insel namens Serpentara gegenüber. Es ist eine unwirtliche Gegend, von Macchia überwuchert, von der Sonne ausgedörrt, eine arme Landschaft, aber eine Landschaft voller Reiz, voller karger Anmut, voller Licht und Wind, voller herber Schönheit, mit einem wunderbaren Strand, an den ein Meer anklopft, dessen Blau von Augenblick zu Augenblick wechseln kann, auf seinem Weg zum Horizont das ganze Spektrum möglicher Blauheiten durchlebt. Eine Landschaft wie geschaffen für ein Touristenzentrum.

agus

Daß es das nicht gibt; ist Madame zu verdanken, einer, nein der Hauptfigur des Romans Die Flügel meines Vaters der italienisch- (weil in Genua geboren) sardischen (die Eltern sind Sarden, so wie Milena Agus auch in Cagliari lebt) Autorin. Madame, die jeder so nennt, da sie das Französische so liebt, ist ein wenig eine Aussenseiterin. Als einzige weigert sie sich, ihr Land an die potentiellen Bauherren zu verkaufen. Ihr ist ihr Land mehr als ein Spekulationsobjekt, es ist ihr Leben, denn hier steht ihr kleines Hotel, in dem sie ihre Gäste, die auf den normalen Komfort eines Hotels verzichten müssen, die für diesen Verzicht aber mit Einfachheit und Schönheit reich entschädigt werden, beherbergt.

Um uns die Geschichte von Madame zu erzählen, führt Agus eine Erzählerin ein, die vierzehnjährige Tochter der Nachbarn. Als Chronistin, das muss man berücksichtigen, ist dieses namenlos bleibende Mädchen, das noch auf ihr Frauwerden wartet, recht unzuverlässig, Agus berichtet uns gleich am Anfang, daß sie die Realität eher als eine Art Inspiration für die von ihr wiedergegebenen Ereignisse ansieht. In tagebuchartigen, teilweise recht kurzen Abschnitten erfahren wir jedoch derart peu a peu vom Leben Madames und ebenso vom Schicksal der Familie der Erzählerin wie dem einer weiteren Nachbarsfamilie, die alle auf die eine oder andere Art und Weise miteinander verknüpft sind.

Kapernstrauch mit Blüten
(Klaus Reger [CC BY-SA 3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/)%5D)
Es geht in diesem Buch um Gefühle, Gefühle verschiedenster Art. Um Ängste wie die der Madame, die sich schon als Kind am liebsten vor allem versteckte, die schmutzigen, unansehnlichen Ecken als Versteck nicht mied. Eine Angst, die sich in der Erzählerin wieder findet: auch diese leidet darunter, wenn beispielsweise ein Familienmitglied das Haus verläßt und sie angstvoll auf die Rückkehr wartet. Es ist ein Buch über das gute Gefühl, arm zu sein, und natürlich – wie könnte es anders sein – ist es ein Buch über die Liebe. Die Liebe Madames zu ihren Mitmenschen, eine Liebe, die auch tätig ist, in der sie sich auch körperlich verschenkt, ohne daß dies erwidert wird. Im Gegenteil, ihre Liebhaber, von denen wir mehrere kennenlernen, nutzen dieses Angebot Madames, aber erwidern es ist: Madame liebt, wird aber nicht wieder geliebt… Dabei wäre es doch eine Art Erlösung für sie und spät erst im Buch erwartet sie diese Erlösung, erhält sie sogar einen Namen – und taucht die andere Angst auf, die vor dem Verlust des Geliebtwerdens, die vor dem Vergleich mit anderen Frauen, die so viel mehr Lieben können…

Es ist ein Buch über die Verzweiflung am Leben, die fast bis hin zum Tod führt, über die Schuld, über das Verlangen, Schmerz zu erleiden, zugefügt zu bekommen, Opfer zu sein, gedemütigt zu werden… letzteres ist verstörend für uns Leser, die deutlich geschilderten Szenen, von denen nicht ganz klar wird, ob sie real oder nur in der Fantasie der Erzählerin spielen, sind ein deutlicher Bruch im ansonsten ruhig fließenden Strom der Erzählung.

In meinem Lesekreis, in dem wir den Roman diskutierten (Herzlichen Dank an alle für diese Diskussion!) wurde die These aufgestellt, Die Flügel meines Vaters sei ein Buch, das sich in einer zweiten Ebene mit unserem Umgang mit der Natur, die sich auch in der Figur der Madame darstellt, befasst: wir nutzen sie aus, missachten sie, zerstören sie, exemplarisch gezeigt am Bestreben der Investoren, hier, an diesem wunderbaren Fleckchen Erde ein Touristendorf zu errichten. Madame dagegen schützt die Natur, sie verhindert dieses Projekt, sie ist Bild für die Mütterlichkeit der Natur, die reif ist, die hervorbringt, die verschenkt, die uns ernährt… und der wir eben keine Liebe entgegenbringen….

Es ist eine Interpretation, die mir gefällt, auch wenn ich denke, daß man sie nicht zu weit treiben sollte. Die Demütigung Madames als Bild der Demütigung der Natur durch uns – sicher so deutbar, jedoch verlangt Madame im Buch ausdrücklich nach Schmerz, nach Strafe… der Bruch, auf den ich schon anspielte, bleibt für mich bestehen.

Die Flügel meines Vaters, von dem die Erzählerin ausgeht, daß er tot ist, ist ein schmaler Roman mit einer einfachen, ja teilweise fast naiven Sprache. Er ist so wie die Landschaft, in der er spielt, er beschreibt das, was man sieht, doch bietet er gleichzeitig ein Fenster in die Seele seiner Figuren und damit ebenso in die Besonderheit der Insel. Man könnte sich an dieser Stelle beispielsweise über die Rolle der Magie in diesem Roman auslassen, über die der Religion oder über die von Leibnitz, dem alten deutschen Philosophen… all diese Themen werden angeschnitten und spielen eine Rolle, ohne daß die Diskussion darüber aber in die Tiefe geht.

Neben der Landschaft spielen natürlich die Menschen eine Hauptrolle, und sind ihrer viele, denen Agus ein Podium gibt; über sie alle hier zu schreiben, würde zu weit führen. Lasst euch also überraschen und genießt den Roman, der für den Sommer wie geschaffen scheint und der eine Botschaft enthält, der wir uns nicht verschließen sollten.

Milena Agus
Die Flügel meines Vaters
Übersetzt aus dem Italienischen von Monika Köpfer

Originalausgabe: Ali di babbo, Rom, 2008
diese Ausgabe: Hoffmann und Campe, HC, ca. 156 S., 2008

3 Kommentare zu „Milena Agus: Die Flügel meines Vaters

  1. Ui, das sind Erinnerungen an die Italienischstunden am Gymnasium. Dort musste jeder ein anderes Buch von Milena Agus lesen und dann sollten wir Gemeinsamkeiten und Unterschiede diskutieren…

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    1. ahh… das klingt nach einem interessanten ansatz! mir tut es immer ein wenig leid, daß ich literatur nicht im original lesen kann, ich denke, in der übersetzung (so gut sie auch sein mag) geht viel verloren….
      herzliche grüße!

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