Julien Green: Leviathan

Es ist interessant, googelt man nach diesem Titel des französischen Autoren Julien Green, so findet man kaum Besprechungen, obwohl der Roman zu denjenigen gezählt wird, die bleiben werden bzw. denen die Chance zugesprochen wird, „… vor der Ewigkeit Bestand …“ zu haben [Iris Radisch, https://www.zeit.de/1998/35/Kind_Gottes ]. Dieser Leviathan, um den es geht, ist ein düsterer Roman des 1900 in Paris “ … als Sohn eines amerikanischen Geschäftsmannes … “ [ein Klappentext, der die Frage nach der Mutter (die früh verstarb [https://de.wikipedia.org/wiki/Julien_Green]) elegant ignoriert] geborenen Autoren, der zwischen den Religionen wanderte, bis er sich endgültig zum Katholizismus bekannte.

Es ist jedoch nicht die Freude, die Erwartung auf Erlösung, der Eingang in ein wie auch immer geartetes Paradies, die Greens Roman beherrscht, im Gegenteil ist es die Sünde, der kaum beherrschbare Trieb, sind es die dunklen Seiten der Seele, die Green uns vorführt. Die mythische Figur des Leviathan (der im Buch nie erwähnt wird) schließlich ist das Symbol gottesfeindlicher Mächte, eine dunkle, zerstörerische Kraft, die in praktisch allen Figuren des Romans zum Tragen kommt.


Die Handlung führt uns in die französische Provinz, wenngleich in der Nähe von Paris gelegen. In der Kleinstadt bewirtet die Mittfünfzigerin Madame Londe in ihrem Gasthaus eine Runde von ausschließlich Männern. Ihr Regiment ist streng, sie hat zwei Knuten, mit denen sie die Männer beherrscht: ihr Wissen um deren Schwächen, denn Madame Londe selbst wird von unerträglicher Neugier gequält, eine Qual, die umso schlimmer ist, als sie zwar in der Lage ist, zu erfühlen, daß irgendwo und irgendwie sich hinter allem, was sie wahnimmt, ein Geheimnis verbirgt, ihr dieses Geheimnis, oder gar eine Ahnung davon, jedoch absolut verborgen bleibt. So bezieht sie ihr Wissen von Angèle, einer jungen, schönen Frau, die sie seinerzeit als Waisenkind aufgenommen hat und die jetzt in der gegenüber dem Wirtshaus liegenden Wäscherei arbeitet. Die Männer können sich – gegen ein Entgelt, das Madame Londe einbehält – mit Angèle treffen, wobei Madame Augen und Ohren davor verschließt, zu welcher Art von Dienstleistungen Angele bei diesem Arragenments aufgefordert wird – ihr ist die Hauptsache, daß die junge Frau die Männer aushorcht.

Eines Tages taucht der schüchtern und linkisch wirkende Hauslehrer Guéret in ihrem Gasthaus auf und erweckt ihre Neugier. Guéret ist bei der wohlhabenden Familie Grosgeorge als Lehrer des Sohnes angestellt, er ist er vor kurzem mit seiner Frau, die er schon lange nicht mehr liebt, ja, eher verabscheut, aus Paris in diese kleine Stadt gezogen. Jedenfalls sieht Guéret Angèle und verliebt sich in sie, die junge Frau jedoch will anscheinend nichts von ihm wissen, er ist ihr seltsam unheimlich in seiner linkisch-verdrucksten Art, sie ist von den Männern ein anderes Benehmen gewohnt. Guéret, der von Madame Londe in die Runde ihres Mittagstisches aufgenommen wird, erfährt bald von den Männern, daß man sich über Madame mit Angele verabreden kann und daß diese dann die Bedürfnissen zu befriedigen zur Verfügung steht….

Die Tatsache, daß Angèle , die er liebt, ihn als Einzigen abweist, bringt alles, was in Guéret an Zorn, Wut, Enttäuschung und Hass aufgestaut ist, zum Ausbruch: er tut ihr Gewalt an und fügt ihr durch heftige Schläge mit einem Ast eine bleibende Entstellung im Gesicht zu, Angeles Schönheit, ihre Ausstrahlung ist daraufhin für immer zerstört.

Mit dieser Untat Guérets (der eine weitere folgt) ist das sorgsam austarierte Gleichgewicht der Laster in der Gesellschaft zerstört. Da Madame Londe nichts mehr über die Geheimnisse der Männer erfährt und Angèle als Lockmittel ausgefallen ist (vergeblich versucht sie, in Fernande, die erst dreizehn Jahre alt ist, einen Ersatz für Angèle zu finden), verliert sie ihre Macht über diese. Die Neugier, die sie nicht mehr befriedigen kann, ihr Nichtwissen über die Anderen bringt sie langsam in einen Zustand völliger Verzweiflung, die brüchige Basis ihres Lebens offenbart sich.

Wochen gehen ins Land.. Guéret  ist nach seinen Untaten auf der Flucht, bleibt aber in der Nähe, denn seine Liebe zu Angèle wird immer verzweifelter. Diese ihrerseits geht kaum noch aus ihrem Zimmer bei Madame Londe, die Wunden sind zwar verheilt, die Narben jedoch entstellen sie auf immer. Beide, Guéret als auch Angele suchen Hilfe und gelangen, wenn auch nicht freiwillig, an Madame Grosgeorge, eine weitere Hauptfigur des Romans.

Eva Grosgeorge ist eine hartherzige Frau, die ihren Mann verachtet und ihren Sohn, den ihr ihr Mann mit Gewalt gemacht hat, hasst. Sie kann dem Leben nichts abgewinnen, leidet unter dem Leiden der Wohlhabenden, der Langeweile. Welchen Sinn hat es, am Leben zu sein, dieser immerwährenden Abfolge immer gleicher Ereignisse, an deren Ende unausweichlich der Tod steht?

Während Angèle , die eigentlich zu ihrem Gönner, Herrn Grosgeorge wollte, letztlich Madame Grosgeorge um Geld anfleht, mit dem sie die Stadt verlassen kann, um woanders zu leben, ist es Eva Grosgeorge selbst, die auf Guéret trifft, ihm Geld verspricht, ihn in ihr Haus lockt, dort einsperrt und die Macht über ihn geniesst. Träume und Fantasien suchen sie heim, bis sie sich letztendlich ein tief verstecktes Gefühl eingestehen muss…

Guéret hat die Begegnung von Madame Grosgeorge und Angèle belauscht, so daß er Angèle , als diese wieder nach Hause eilt, hinterher rufen kann. Er gesteht ihr seine immer noch währende Liebe und daß er mit ihr zusammen fliehen will. Ferner verspricht er ihr, Geld zu besorgen und sie verabreden sich für den nächsten Abend.

So kommt es zu einem regelrechten Showdown zwischen den Protagonisten, in dem auch noch die Eifersucht eine große Rolle spielt, ein weitere der dunklen Leidenschaften, die den Menschen beherrschen können.

Der Roman, wen wunderts, hat kein Happyend. Das Schicksal Guérets bleibt offen, Angèle , die an starken Fieber erkrankt, holt sich den Tod bei dem Versuch, zum vereinbarten Treffpunkt zu kommen und Madame Grosgeorge überlebt ihren Versuch, sich selbst zu töten.


Leviathan ist die schonungslose Sektion menschlicher Schwächen und seelischer Abgründe. Keine der Figuren des Romans erweckt Sympathien beim Lesen (schon die Beschreibung seiner Hauptfigur auf der ersten Seite zeichnet einen Menschen voll im Grunde abstoßender Gewöhnlichkeit: … er war noch jung, hatte aber etwas Welkes und Verbittertes an sich… Sein Gesicht war füllig, aber farblos, und das Fleisch so schlaff, daß man schon die späteren Hängebacken voraussah, … Die große fleischige Nase, die dicken Lippen deuteten auf einen Menschen von wenig Willenskraft hin, …), einzig mit Angèle, die von ihrer „Tante“ so skrupellos ausgenutzt wird, rührt sich hin und wieder Mitleid, obwohl sie sich gegen die Treffen mit den Männern auch nicht zu sträuben scheint. Die Männer ihrerseits ordnen sich widerstandslos dem strengen Kuratel einer älteren Frau unter, weil eben genau diese ihnen den Zugang zur Befriedigung ihrer sexueller Wünsche bietet. Madame Londe andererseits ist getrieben von ihrer inhärenten Unsicherheit, die sich als unbändige Neugier äußert, die sie mit allen ihr zur Verfügung stehenden Mitteln zu befriedigen sucht. Dafür prostituiert sie Angèle, ist sie später in ihrer Verzweiflung sogar bereit, das Kind Fernande zu opfern. Angèle dagegen nutzt die Macht, die Madame Londe ihr durch die Abhängigkeit von ihren Informationen quasi in die Hand legt, nicht zu ihrem Gunsten, sondern ergibt sich in ihr Schicksal, so sehr sogar, daß sie Guéret, der ihr aufgrund seiner Linkigkeit und Verdruckstheit seltsam vorkommt, obwohl er der einzige der Männer ist, der ein wirkliches Gefühl für sie zu haben scheint, ablehnt und zurückweist, zumindest aber hinhält. Er erkennt nicht, kann nicht erkennen, daß diese Situation auch für Angèle fremd ist. Sie kommt nur mit Männern zusammen, die sie stundenweise wollen, daß sich hier jemand um sie als Mensch bemüht, verunsichert sie und läßt sie zurückweichen, zumal Guéret in seiner äußeren Erscheinung nicht sonderlich sympathisch auf sie wirkt.

In Guéret hat sich über Jahre hinweg nur mühsam kontrollierte Frust und Aggression angesammelt. Beruflich wenig erfolgreich, mit einer Frau verheiratet, deren Reiz nach der Hochzeit (für ihn zumindest) verloren gegangen ist, ist er vom Leben enttäuscht, die Aussicht auf die Zukunft, die ihn erwartet, stürzt ihn in Verzweiflung. Und dann erscheint ihm die junge Angèle, die ihm ein Licht in dieser seelischen Düsternis wird – doch sie lehnt ihn, der sich ihr gegenüber nicht richtig artikulieren kann, offensichtlich  ab, ja, nachdem Guéret die Tatsache, daß sie zu mieten ist, akzeptiert hat, weist sie ihn sogar als zahlenden Kunden zurück. Diese Erniedrigung erträgt der Mann nicht, was er nicht mieten kann, will er sich mit Gewalt holen. Ein völliger Kontrollverlust ist die Folge, in dem Guéret blind und besinnungslos zuschlägt.

Fast die interessanteste Figur im Leviathan ist jedoch die erst spät in die Handlung eingreifende Frau Grosgeorge [es ist weit hergeholt, ich weiß, aber ich muss bei diesem Namen immer an George Grosz denken, diesen in Berlin geborenen Künstler, dessen „…typische Sujets … die Großstadt, ihre Abseitigkeiten (Mord, Perversion, Gewalt) …“ sind. Bei den Beschreibungen der Männer in der Runde Madame Londes sind mir immer seine Zeichnungen und Malereien vor Augen gekommen, ebenso könnte der Herr Grosgeorge dieses Romans seinem Werk entsprungen sein. Entstehungszeit des Leviathan und die Berliner Zeit von Grosz fallen übrigens zsuammen. (https://de.wikipedia.org/wiki/George_Grosz)]. Sie und Guéret sind Seelenverwandte, vom Leben enttäuscht, nichts mehr vom Leben erwartend, sind sie innerlich leer, mit verkrusteter Seele sucht sich diese Leere ein Ventil in der Gewalt. Ist es bei Guéret ein eruptiver Ausbruch, so äußert sich bei Eva Grosgeorge diese Gewalt als Gewalt gegen ihr eigenes Kind, das sie unbarmherzig abstraft, sobald es in ihren Augen versagt – und das tut es oft. Der Junge ist für sie Fleisch gewordenes Symbol ihrer in der Ehe erfolgte Vergewaltigung durch ihren Mann, der sie als ausdrucksloser, saturierter Mensch schamlos betrügt – unter anderem mit Angèle.

Erkennt sie intuitiv die Seelenverwandtschaft mit Guéret, der schnell als Täter erkannt und gesucht wird? Sucht sie ihn gar auf ihren Spaziergängen? Jedenfalls verrät sie ihn nicht, als sie auf ihn trifft, ihn erkennt und anspricht. Sie sagt ihm sogar, sie wolle sich am nächsten Tag mit ihm treffen… tatsächlich findet ein Treffen der beiden statt, auch wenn nicht so, wie Eva Grosgeorge es geplant hat. Daß es sogar auf die Verabredung von Guéret mit Angèle beruht, ahnt sie nicht, im Gegenteil, in ihrer nächtlichen Fantasie dringen langsam Bedürfnisse und unterdrückte Lüste (so darf man annehmen) an die Oberfläche, die sie auf den Mann, der von ihrer finanziellen Unterstützung abhängig ist und den sie in einem Zimmer ihres Hauses eingesperrt hat, projiziert.

Der Roman spielt im Winter, es ist düster draußen, Kälte herrscht und kaum ein Holzscheit im Ofen verbreitet den Anschein von Wärme. Die Ausnahme ist „Mon Ideé“, die geschmacklos eingerichtete Villa der Grosgeorges, die genügend Geld haben, um zumindest die Räume, in denen sie sich aufhalten, zu heizen. Das Düstere, Pessimistische findet sich auch in der Handlung außerhalb der direkten Verbrechen: Angèle, deren Namen Botin oder Engel bedeutet, wird entstellt und stirbt, Eva, ebenfalls mit biblischem Bezug im Namen, ist keineswegs geeignet, ihrer Namensgeberin zu entsprechen.

Greens Roman erschien 1929, er ist vom Inhalt jedoch zeitlos. Meisterhaft stellt der Autor die seelischen Verwerfungen seiner Protagonisten dar, zeichnet die Narben, die das Leben in die Psyche geschnitzt hat, nach. Diese sind durchweg den dunklen Seiten ihrer Süchte ausgeliefert: dem Hass, der Neugier, der Langeweile, der sexuellen Trieb. Entsprechend düster und dunkel ist die Atmosphäre, in der die Handlung spielt, nur an ganz wenigen Stellen kommt etwas Licht in die Szenerie, deutet der Autor an, wie das Leben wohl hätte verlaufen können, wenn sich seine Figuren der Liebe geöffnet hätten, dem Positiven. Aber sie hatten alle keine Wahl, waren Gezwungene der Umstände, die das Leben ihnen bot.

Man muss sich in das Buch einlesen, Green hat sich die Zeit genommen, seine Figuren zu durchleuchten, uns als Leser dabei mitzunehmen in die Tiefen ihrer Psyche, eine wahrhaft intensive Exkursion, die nicht zur Erheiterung beiträgt – das sei gesagt. Bei mir im Lesekreis (herzlichen Dank für die Diskussion!) sorgte es für lebhafte Gespräche: auf der einen Seite war es den meisten zu düster, zu dunkel, zu negativ, auf der anderen Seite hat niemand dagegen gesprochen, daß die Umsetzung des Themas, die literarische Darstellung ein Glanzpunkt ist. Ich möchte mich dem Ergebnis unserer Diskussion in diesem Kreis weitgehend anschließen: Leviathan ist ein düsteres Werk (aber genau das wollte der Autor: das Wüten des Leviathan in der Seele des Menschen zeigen), aber es lohnt sich auch heute noch, dieser aussergewöhnlichen Text zu lesen.

Julien Green
Leviathan
Übersetzt aus dem Französischen von Eva Rechel-Mertens
Originalausgabe: Leviathan, Paris, 1929
diese Ausgabe: Süddeutsche Zeitung (Bibliothek Bd. 43), HC, ca. 306 S., 2004

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