Irmgard Keun: Kind aller Länder

Es ist ein wenig schade um diesen 1938 erschienen Roman der deutschen Schriftstellerin Irmgard Keun (1905 – 1982). Diese gehörte zu den vielen, die nach 1933 aus Deutschland vertrieben wurden, sie gehörte zu den wenigen, die nach Holland ins Exil gingen. Ich selbst bin durch das sehr empfehlenswerte Buch  von Bettina Baltschev über diesen Exilort: Hölle und Paradies auf Keun aufmerksam geworden. Keun hatte zu dieser Zeit eine intensive Beziehung zu Joseph Roth (hier im Blog mit Die Legende vom heiligen Trinker und Hiob vertreten), der bekanntermaßen dem Alkohol verfallen war, ein Schicksal, das in späteren Jahren auch der Autorin widerfahren sollte. Die Beziehung hielt nicht allzulange, Roth war viel unterwegs, hielt sich auch oft in Frankreich auf, publizierte aber bei Querido in Amsterdam.


Im vorliegenden Roman ist diese Beziehung der beiden Künstler Hintergrund der Handlung, die aus der Sicht der zehnjährigen Tochternamen Kully geschildert wird. Der Mann, ein Autor, ist leichtsinnig, ein Verschwender des wenigen Geldes, das er besitzt. In Deutschland mit Schreibverbot überzogen, kann er nur vereinzelt Zeitungsartikel veröffentlichen und – wenn überhaupt – nur im Ausland Verträge für neue Bücher abschließen. Auf diese erhält er dann Vorschüsse, von denen die drei sich dann wieder eine Zeitlang über Wasser halten können. Nicht immer oder eher selten erfüllt der Vater seine Verpflichtung und kann Manuskripte liefern, dann muss die Mutter um Aufschub betteln, um weiteres Geld, um Mitleid… daß der Mann dem Alkohol zugeneigt ist und auch Vergnügen nicht aus dem Weg geht, vereinfacht die Situation nicht.

Man wohnt in Hotels, drückt sich in Restaurants herum mit möglichst wenig Verzehr. Aus den Hotels kann man kaum ausziehen, man müsste in diesem Fall an der Rezeption zahlen – was nicht möglich ist… Meist sind es Mutter und Kind, die in dieser Zwangslage stecken, der Vater ist auf Reisen, neues Geld zu besorgen und es möglicherweise auch gleich wieder zu verspielen und/oder zu vertrinken. Ein Leben ohne Hoffnung auf Besserung, ein Leben von einem Tag zum nächsten, ein Leben voller Hunger und Angst, entdeckt zu werden. Ein Leben, das immer in Gefahr war.

Es gelingt Keun, diese Anspannung, diese Unruhe und auch die Angst, in der Mutter und Tochter leben, spürbar zu machen. Durch den kindlichen Ton, in dem der Text gehalten ist, wird der Angst zum einen die Schärfe genommen, zu anderen  jedoch kann ein Kind vieles aussprechen, über was ein Erwachsener meist schweigen würde. Trotzdem ist mir dieser durchgänge Kinderduktus der Sprache irgendwann auf die Nerven gegangen, ich gebe es zu.

So interessant der Roman also als Schicksalsroman eines Emigrantenpärchens ist (zumal er ja ein reales Pärchen als Hintergrund hat), so hat er mir doch nicht so gefallen wie Keuns „Kunstseidenes Mädchen„. Das wäre sicher anders gewesen, wenn die Autorin ihrer Erzählerin nicht die Bürde aufgehalst hätte, den gesamten Text zu erzählen, sondern ihre Sprache auf einzelne Passagen beschränkt hätte. Aber Kind aller Länder liest nun mal so, wie er verfasst worden ist und leid getan hat mir die Lektüre letztlich auch nicht.

Irmgard Keun
Kind aller Länder
Originalausgabe: 1938, Amsterdam (Querido)
diese Ausgabe: KiWi, HC, ca. 220 S., 2016

 

 

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