T Cooper: Lipshitz

Der vorliegende Roman Lipshitz ist der dritte Roman T Coopers [http://t-cooper.com/]. Lipshitz ist eine Familiensaga der besonderen Art, sie ist nicht dokumentarisch, sondern fiktional an plausiblen Erklärungen und Darstellungen des Schicksals der einzelnen Familienmitglieder orientiert: The New York Times: „Ist das alles wahr?“ – T Cooper: „Nicht ein Fitzel ist wahr, auch wenn einige Vorfälle stimmen, und andere auch, obwohl ich sie erfunden habe.“ [https://www.mare.de/buecher/lipshitz-433]. Zu dieser „Verwirrung“ trägt die Person T Coopers nicht unerheblich bei: T Cooper ist transgender und tritt im zweiten Teil des Buches gleichzeitig als männliche Figur in der Handlung auf, einer Figur, bei der jedoch das offensichtlich scheinende Geschlecht ebenfalls nur oberflächlich so ist. Aber nun zum Roman:

Dessen Geschichte setzt im Ansiedlungsrayon der Juden im zaristischen Russland ein. Dort leben Hersch und Esther Lipshitz mir ihren vier Kindern Ben, Schmuel, Miriam und Ruben, sie teilen sich ein Haus mit Avi, dessen Frau Ruth und der kleinen Tochter Leah. Avi und Esther sind Geschwister mit einer sehr engen Bindung aneinander.

Die Zeit nach der Wende vom 19. in das 20. Jahrhundert ist für Russland voller Unruhen, es gibt Aufstände und 1905 setzt die russische Revolution ein. Wie so häufig richtet sich die Wut und die Aggression vieler gegen die jüdische Bevölkerung, die Literatur ist voll von Romanen, in denen die aufflammenden Verfolgungen und Progrome beschrieben werden, viele Juden fliehen, verlassen Russland in Richtung Amerika, sowohl nach Nord-, aber auch nach Südamerika [dazu gibt es bei im Blog auch Beispiele wie z.B. Edgardo Cozarinsky: Man nennt mich flatterhaft und was weiß ich….]

Das Dorf, in dem die Lipshitz‘ leben, bleibt nicht verschont. Der zurückhaltende Hersch schätzt die Gefahr realistisch ein, als er die Zusammenrottung der Christen sieht und flieht für die Nacht mit seiner Familie. Avi dagegen glaubt sich durch seine Bekanntschaft mit der Polizei, für die er viel arbeitet, geschützt und bleibt. Dies wird ihm zum Verhängnis, er wird selbst niedergeschlagen und schwer verletzt, seine Tochter wird zu Tode misshandelt und seine Frau begeht später in der Folge dieser Katastrophen Suizid. Avi verstummt bis er auf einem Flugblatt liest, daß es eine Gelegenheit gibt, nach Amerika auszuwandern. Diese Chance nutzt er, er kommt nach Texas und lernt dort auch eine andere Frau kennen.

Hersch und Esther bleiben vorerst in ihrem russischen Dorf, aber ein paar Monate später entscheiden auch sie sich zur Flucht. Sie lassen fast alles zurück, es ist eine sehr quälende und gefahrvolle Reise, bis sie endlich in Bremerhaven sind und auf das Schiff kommen. Unter unsäglichen hygienischen Bedingungen erreichen sie schließlich Ellis Island…

Dort, im Gedränge und Durcheinander vor den diversen Kontroll- und Untersuchungsstationen bei der Einreise ist auf einmal Ruben, der weizenblonde, so überhaupt nicht jüdisch wirkende Sohn verschwunden. Im einen Moment war er noch da, im nächsten spurlos weg. Alles suchen ist vergebens, über ein Jahr leben die Lipshitz‘ in New York bei einer Cousine Esthers und versuchen, Ruben zu finden… Dann geben sie praktisch auf, nur Ben, der eh nicht mit nach Texas will, bleibt in NY, sozusagen als Alibi, mit dem Auftrag, weiterhin regelmäßig das Büro der jüdischen Hilfsorganisation zu besuchen und nach den Ergebnissen der Suche zu fragen.

So landet die Lipshitz-Sippe in Amarillo, Texas.

Im ersten Teil des Romans schildert T Cooper nach der Beschreibung der Ausgangssituation das Leben der Ausgewanderten in der neuen Umgebung. Es ist nicht einfach, Hersch, der nicht sehr durchsetzungsfähig ist, eher ein Dulder und Erdulder, verliert immer wieder seinen Arbeitsplatz, Es ist ferner nicht so, daß Juden direkt willkommen geheißen werden, ein unterschwelliger Antisemitismus ist allzeit präsent. Die Ehe von Hersch und Esther kann man nicht als glücklich bezeichnen, Esther verachtet ihren Mann für seine vermeintliche Schwäche und Hersch kann sich Esther nicht (mehr) erklären, er weiß nur, daß er der Ersatzkandidat ist, da Avi als Bruder unerreichbarer Traum Esthers bleiben musste…

Und Ruben, der verlorene Sohn? Er kehrt nicht mehr zurück, in der gesamten Situation, die insbesondere Esther sehr mitnimmt, verschwindet oder versteckt sich die Trauer um diesen tragischen Vorfall immer wieder, man gewinnt aus T Coopers Beschreibung eher den Eindruck, daß – zumindest phasenweise – dieses fehlende Kleinkind auch eine nicht vorhandene Belastung darstellt. Vergessen jedoch ist Ruben nicht… Esther geht sogar (heimlich) zu einen Scharlatan (was sie nicht glaubt), der ihr aus der Hand liest….

Jahre später (Ben ist mittlerweile auch bei der Familie in Texas, Schmuel ist nach seinem Kriegseinsatz an der Spanischen Grippe gestorben) ist Amerika im Taumel: Charles Lindbergh hat als erster den Atlantik im Alleinflug bezwungen. Und als Esther das Bild Lindberghs in der Zeitung sieht, 25jährig, blond, steht für sie unzweifelhaft fest, daß dieser junge Held ihr Ruben ist…


Die Lipshitz‘, die mit vier Kindern nach Amerika gekommen sind, hätten a priori die große Chance auf viele Nachkommen gehabt, durch die drei Söhne sogar auf viele Lipshitzs. Es sollte so wohl nicht sein. Nach T Cooper wird wohl niemand mehr Lipshitz-Blut in sich tragen (lassen wir den tragischen Fall Ruben mal aussen vor), schon nach zwei Generationen ist die Familie ans Ende gekommen.

Im zweiten, völlig anders gearteten Teil des Romans, schildert T Cooper zweierlei: durch einen tragischen Autounfall sind seine Eltern (Miriam war T Coopers Großmutter, deren Tochter Anne-Rose seine Mutter), verstorben, zusammen mit seinem (Adoptiv)Bruder muss der in NY lebende Rapper den Nachlass der immer noch in Amarillo ‚lebenden‘ Eltern regeln. Zum anderen hatten ihm seine Eltern, als sie über ein Interview von seinen Plänen, evtl über die Familiengeschichte zu schreiben, alle möglichen und unmöglichen Dokument, die die Großmutter Esther aufgehoben hatte (vor allem über den Fall Lindbergh), anvertraut…

So sitzt T Cooper, Eminem-Verehrer und -Imitator, der in NY als Rapper auf Bar-Mizwas aufspielt, der sich immer bemüht, möglichst wütend und böse zu sein, aber dann doch heimlich ein Trinkgeld auf den Tisch legt, der beim Rechtsanwalt festlegt, das das Geld fürs Pflegeheim des Opas von seinem Konto abgebucht wird (und nicht von dem des unzuverlässigen Bruders), er also in Amarillo, im verlassenen Haus der Eltern, vor -zig Fernbedienungen, die er nicht zuordnen kann, muss schauen, daß er den Junkie-Bruder halbwegs klar hält (was nicht immer gelingt) und bastelt einen Modellbausatz der Spirit of St. Louis zusammen…

Der amerikanische Traum hat sich für die Familie nie wirklich erfüllt. Das New York, in das sie Anfang des Jahrhunderts flohen, war ein einziges, dreckiges, stinkendes Loch, in dem es ums Überleben ging. Völlig beengte Wohnungen, schlimme hygienische Verhältnisse, Arbeit, die kaum entlohnt wurde – wenn man sie überhaupt fand. Von Tellerwaschen, geschweige denn Millionärwerden keine Spur. In Texas war es etwas besser, Avi, der Bruder Esthers, konnte der Familie etwas unter die Arme greifen, aber wirklich besser wurde es wohl erst mit Sam Lazarus, der sich so tief in Mariam verliebte und der es als Geschäftsmann wohl selbst faustdick hinter den Ohren hatte.

Lindbergh, der amerikanische Superstar, der sich später dann mit Nazi-Gedankengut anfreundete und der u.a. die Juden dafür verantwortlich machte, daß die USA in den Zweiten Weltkrieg eingriffen. Als Redner und Agitator fand er in den Arenen sein Publikum. Lindbergh machte seinerzeit durch zwei Ereignisse Schlagzeilen: durch seinen Flug natürlich und durch die Entführung seines Kindes. Beides dokumentiert Cooper im Roman durch (übersetzte) Zeitungsartikel, die einen Blick auf diese Vorgänge und auf die Person Lindbergh ermöglichen, in die Amerika Heldentum projizierte so wie er für Esther Ruben war. Insofern ist dieser Roman auch eine kleine Geschichtsstunde.


Der Roman liest sich gut, ist nach Daten gegliedert, an denen entscheidendes in der Familiengeschichte geschah. Eindringlich stellt er die Schrecken der Progrome und der Flucht dar, sind die unterschiedlichen Charaktere in der Familie beschrieben. Am zerrissensten ist der der Mutter Esther, die ihren Mann nicht (mehr) liebt, ihre Kinder wohl auch nicht besonders. Die ein schlechtes Gewissen deswegen hat und bei der nach Jahrzehnten der Wahn einsetzt, ihren verlorenen Sohn gefunden zu haben. So zerrissen wie Esther ist – in anderer Weise – auch T Cooper, die/der zwischen den Geschlechtern steht. Geplagt von der Furcht, von der Frau, die er liebt (jetzt kann ich das personalpronomen doch nicht vermeiden) verlassen zu werden so wie Esther und ihre Familie seinerzeit in der Furcht lebten, von den Russen, den Kosaken, massakriert zu werden. Eine weitere Analogie zwischen beiden (die T Cooper sogar durch eine Gegenüberstellung dokumentiert) ist der enge Bezug zu Lindbergh/Eminem: beide blond und von gleichem Alter, beide extrem wichtig für die Protagonisten.

Der zweite Teil des Buches, der auch von dem Hintergrund von 11/9 spielt, ist härter, wütender und aggressiver formuliert als der erste Teil. Das transgendere T Coopers spielt eine große Rolle darin, der Versuch, sich über die Ähnlichkeit zu Enimen zu definieren und die Wut auf die Gesellschaft, die manchmal recht angestrengt wirkt.

Der Roman wurde/wird in den seinerzeitigen Kritiken sehr gelobt, dieses hohe Lob kann ich so nicht nachvollziehen. Ich habe den Text gerne gelesen, er ist spannend, streift mit der Schilderung des latenten Antisemitismus in den USA ein Thema, das man so nicht unbedingt immer auf dem Schirm hat, es ist auf jeden Fall lohnend. Aber allein die Tatsache, daß ich mir praktisch keine Notizen gemacht habe, ist für mich ein Zeichen, daß mir Lipshitz zwar ein schöner Roman, aber kein wirklich erkenntnisbringendes Highlight war. Als Empfehlung für das Buch verlinke ich auf das 2006 im Spiegel abgedruckte Interview mit T Cooper: http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-48753386.html.

T Cooper
Lipshitz
Deutsch von Brigitte Jakobeit
Originalausgabe: Lipshitz Six, or Two Angry Blondes, NY, 2006
diese Ausgabe: mare, HC, ca. 490 S., 2006

Datenschutzhinweise: Die Kommentarangaben werden an Auttomatic, USA (die Wordpress-Entwickler) zur Spamprüfung übermittelt und die E-Mailadresse an den Dienst Gravatar (Ebenfalls von Auttomatic), um zu prüfen, ob die Kommentatoren dort ein Profilbild hinterlegt haben. Zu Details hierzu sowie generell zur Verarbeitung Ihrer Daten und Widerrufsmöglichkeiten, verweisen wir Sie auf unsere Datenschutzerklärung. Sie können gerne Pseudonyme und anonyme Angaben hinterlassen.

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.