Fischl Schneersohn: Grenadierstraße

So grob weiß man ja Bescheid (oder glaubt es zumindest) über die Verhältnisse der Juden in Deutschland am Ende des 19. bzw. Anfang des 20. Jahrhunderts. Da gab es zum einen die assimilierten Juden z.B. in Berlin, die geschäftlich erfolgreich waren und die irgendwie von oben und etwas fremdverschämt auf die immer zahlreicher aus dem Osten nach Berlin strömenden chassidischen Juden mit ihrem wilden, oft ungepflegt wirkenden Äußeren und dem seltsamen Benehmen herabschauten. Diesen begegnet man beispielsweise in Romanen wie Die Straße der kleinen Ewigkeit von Martin Beradt oder Die Familie Karnovski von Israel Joshua Singer, die ich beide hier vor längerem schon vorgestellt habe. Diese Annahme ist nicht direkt falsch, hat man jedoch Scheersohns Roman gelesen, erkennt man, daß es jedoch nicht die ganze Wahrheit ist.

Der Autor, Fischl Schneersohn [der keinen (!) Eintrag in der Wiki hat, was man ja nicht so häufig findet, jedoch hat der Verlag eine kleine Autorenseite online gestellt: https://www.wallstein-verlag.de/autoren/fischl-schneersohn.html], wurde 1887 in der heutigen Ukraine in ein frommes Elternhaus geboren. Er war ein Überflieger, kommentierte schon mit zehn Jahren den Talmud in der großen Synagoge und bekam kurz nach seinem fünfzehnten Geburtstag die Ernennungsurkunde zum Rabbiner ausgehändigt (so schreibt er selbst in seinem Lebenslauf). Jedoch schlug er letztendlich nicht die religiöse Karriere, die sich damit andeutete, ein, sondern verschrieb sich der Wissenschaft, denn in ihm war die Überzeugung gewachsen, dass mir der allumfassende Talmud nur wenig half, die Welt zu begreifen, dass seien Philosophie in eine für mich als Jüngling undurchdringliche mystische Schutzschicht gehüllt war. So ging er 1908 (1910 ?) nach Berlin, um dort wie viele andere jüdische Russen auch Medizin zu studieren. Später spezialisierte er sich auf Fragen der kindlichen Sozialpsychiatrie insbesondere auch nach Traumata. Ich schreibe dies deshalb so relativ ausführlich, weil der vorliegende Roman Grenadierstraße einige diese biografischen Elemente aus Schneersohns Leben enthält. Der Vollständigkeit halber sei noch gesagt, daß Schneersohn beide Kriege überlebte und 1937 letztlich nach Palästina ausgewandert war, wo er 1958 in Tel Aviv verstarb.


Grenadierstraße ist zweierlei. Es ist zum einen die Geschichte des Johann Ketner, Sohn eines reichen assimilierten Juden, der als Bankier Macht und Einfluss hat. Die Mutter ist bzw. war eine zarte, stille Frau, die die Übermacht ihres Mannes nicht ertragen konnte und letztlich daran psychisch erkrankte und starb, als Johann acht Jahre alt war. Sie entstammte einer konservativen jüdischen Familie aus Hamburg. Dieser Tod der Mutter hatte Johann tief verstört, insbesondere trieb seine Seele der „tote Blick“ der Mutter um, den er bei einem heimlichen nächtlichen Besuch am Krankenbett wahrnahm und der ihn im innersten seiner Seele verletzte. Möglicherweise selbst erblich dafür disponiert sollte er immer wieder an ‚melancholischen Anfällen‘, sprich tiefer Verzweiflung und Depression, leiden. Das Verhältnis Johanns zu seinem Vater ist schwierig, gleich dem Autoren sollte er später Medizin studieren, er versucht sich im studentischen Milieu der damaligen Zeit mit ihren Burschenschaften einzufinden, fremdelt aber. Auch ein sich immer deutlicher artikulierende Antisemitismus vertreibt ihn letztlich aus der Burschenschaft, auch die zionistische Bewegung verläßt er wieder, nur Kunst (er scheint ein Talent als Maler zu haben) und Wissenschaft seien geeignet, die Welt zu verstehen.

Ich überspringe jetzt vieles…. Johann überlebt den ersten Weltkrieg in einer psychiatrischen Klinik. Der Ausbruch des Krieges hat ihn auf seiner Welt-/Hochzeitsreise erwischt. Nach Hause geeilt triggern zwei Ereignisse das nie verarbeitete Kindheitstrauma des „toten Blickes“ an: der Tod des Vaters und die Reihen der einer Maschine gleich in die Schlacht marschierenden Soldaten verursachen einen absoluten, Jahre dauernden Zusammenbruch bei ihm.

Die Tatsache, daß der Roman 1935 auf jiddisch erschienen ist, weist auf die andere, die meines Erachtens wichtigere Zielrichtung des Buches hin. Hier will ein jüdischer Autor nicht den Deutschen das Judentum oder die Juden (oder die Grenadierstraße…) erklären, sondern hier soll den jiddisch sprechenden Juden das westlich assimilierte Judentum in Deutschland (insbesondere in Berlin) beschrieben und erklärt werden. Insofern verwundert es auch nicht, daß die titelgebende Grenadierstraße nur als Metapher, als Bild für den Ostjuden, das Ostjudentum, vorkommt, Schneersohn führt uns kein einziges Mal in dieses Zentrum des Berliner chassidischen Judentums. Überhaupt treten Chassiden nur an wenigen Stellen im Geschehen auf: in der Eingangsszene zum Buch mit dem Eintreffen eines berühmten Rabbis, der in Berlin ärztlich behandelt werden soll, mit den Mitstudenten Johanns im Anatomiekurs und mit dem meschulech, der für eine Jeschiwa Geld sammelt und von den Schwiegereltern Johanns zum Schabbatessen eingeladen worden war.

Die deutschen Juden waren seinerzeit keineswegs eine homogene Gesellschaftsschicht, im Gegenteil bestanden erhebliche Differenzen: Auf dem Heimweg [von besagtem Schabbatessen] dachte Johann darüber nach, dass er ebenso wie sein Vater, der Liberale, die „fanatischen“ Gerbers [i.e.  die Schwiegereltern], die Konservativen, wegen ihrer ernsthafteren Frömmigkeit hasst, die Gerbers selbst die „wild-fanatischen“ misjech-jidn [Selbstbezeichnung der Ostjuden] aufgrund ihrer echteren Frömmigkeit, die zu den feurigen Tiefen der Religion führt, hassen. Die „fanatischen“ misjech-jidn ihrerseits vergleichen das deutsche konservative Judentum mit einer Fotografie, so erklärt es der meschulech seinen Gastgebern mit einem Bild: eine exakte, aber leblose Kopie echter Jüdischkeit, kein bischen fehlt, es ist nur nichts lebendig.

Noch ein zweites Zitat zu diesem Thema, das auch aufzeigt, wie sehr die Liberalen ihre Situation als Deutsche jüdischen Glaubens falsch einschätzen, (andere Figuren des Romans sind da weitsichtiger): In jedem Land haben mutige Juden zusammengefunden, die sich zu Staatsbürgern jüdischen Glaubens erklärt und moderne Chorschulen eingerichtet haben. Und jetzt das! Mitten in Berlin, im Zentrum des in seiner Blüte stehenden liberalen Judentums, entsteht vor unserer Nase eine Grenadierstraße, ein gefährliches Nest langbärtiger Fanatiker, die unsere Luft verpsten. Erinnern Sie sich nur, als in Wien und Berlin plötzlich fanatisch Zionisten unter unseren Füßen wie Pilze aus dem Boden geschossen sind, die die Juden schon wieder zu einem Volk erklären und uns nach Asien verschleppen wollen, um dort einen jüdischen Staat zu gründen …  Der Geist der Grenadierstraße wildert in unseren Reihen, drängt sich unter unsere Dächer. Er entwickelt sich eine große Katastrophe für das liberale Judentum. … Die Erwiderung darauf, daß diese Anpassung letztlich nicht schützen wird, erfolgt auf dem Fuß, denn – so das Gegenargument – das liberale Judentum (so die Hetze) zerstört das Deutsche, in dem es von innen heraus, z.B. durch Mischehen, zersetzt, sprich: es ist noch gefährlicher als das offensichtliche, fanatische Judentum.

Verbindendes Element der beiden Handlungsstränge ist eben erwähnter Johann Ketner mit seiner Suche nach Erlösung und Erkenntnis. Findet er sie letztlich in der Grendadierstraße? Hier schließt sich der Kreis des Buches, bei den fern der Heimat lebenden und dennoch verwurzelten bärtigen Juden, in der wundersamen Atmosphäre bei der Ankunft des Gralnier Rebben, bestätigte und vertiefte sich in ihm die gläubige Sehnsucht….


So ist Grenadierstraße eine in einen Roman gepackte Darstellung der verschiedenen Strömungen der seinerzeit in Deutschland lebenden Juden. Dies erklärt auch die teilweise ausführlicheren Erklärungen und Beschreibungen, die das Buch enthält. Ein weiteres Stilelement ist erst einmal befremdlich: immer wieder – in der Art eines mündlichen Erzählers, der die nachlassende Aufmerksamkeit seiner Publikums wieder anfachen will – leitet Schneesohn mit Sätzen wie: Die Geschichte ging so: oder auch: Es trug sich aber Folgendes zu: Einschübe ein, die bestimmte Handlungselemente verdeutlichen sollen. Das alles kann dem Roman aber schnell nachgesehen werden, denn ebenso wie dem jiddischen Leser, für den Schneersohn den Text verfasst hat, sind wahrscheinlich den meisten deutschen Lesern diese Einzelheiten fremd und so lernt man viel aus dem Roman über jüdisches Leben in Deutschland als auch über den allzeit virulenten Antisemitismus, der mit diesem Leben einherging – und leider immer noch einhergeht.

Der 1935 in Warschau publizierte Text wurde offensichtlich erst 2012 ins Deutsche übertragen, er wird von einer Einführung ein- und von einem Nachwort ausgeleitet. Beides sind wertvolle und informative Ergänzungen und Erläuterungen, die Text und Autor in einen größeren Sinnzusammenhang stellen. Zusätzlich ergänzt ein Glossar den Textteil. Grenadierstraße: ein schönes Buch, ein interessantes Buch, auch ein wichtiges Buch.

Fischl Schneersohn
Grenadierstraße
Herausgegeben von Anne-Christin Saß (die auch die Einführung verfasst hat)
Nachwort von Mikhail Krutikov
Übersetzt aus dem Jiddischen von Alina Bothe
Originalausgabe: Grenadir-Schtrase. roman fun jidischn lebn in dajtschland; Warschau, 1935
diese Ausgabe: Wallstein, HC, ca. 280 S., 2012

Datenschutzhinweise: Die Kommentarangaben werden an Auttomatic, USA (die Wordpress-Entwickler) zur Spamprüfung übermittelt und die E-Mailadresse an den Dienst Gravatar (Ebenfalls von Auttomatic), um zu prüfen, ob die Kommentatoren dort ein Profilbild hinterlegt haben. Zu Details hierzu sowie generell zur Verarbeitung Ihrer Daten und Widerrufsmöglichkeiten, verweisen wir Sie auf unsere Datenschutzerklärung. Sie können gerne Pseudonyme und anonyme Angaben hinterlassen.

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.