Nancy Mitford: Liebe unter kaltem Himmel

Nancy Mitfords Thema ist die englische Gesellschaft, vor allem die ‚höhere‘ in der Zeit zwischen den Weltkriegen. Sie weiß, wovon sie schreibt, ist selbst auf einem Gut aufgewachsen und hat diese Gesellschaftsklasse am eigenen Leib erlebt. Ob man sie als Chronistin bezeichnen darf, wird selbst von ihrem ersten deutschen Herausgeber bezweifelt, der den dokumentarischen Wert dieses Romans als gering einstuft, aber das Atmosphärische dieser Zeit und dieser Leben hat die Autorin mit bravouröser Eleganz und mit boshaft-liebevoller Distanz einzufangen vermocht, wie es an dieser Stelle geschrieben steht: https://www.die-andere-bibliothek.de/Originalausgaben/Liebe-unter-kaltem-Himmel::517.html.


Die Erzählerin der vorliegenden Geschichte ist eine junge, gerade in die Gesellschaft eingeführte Frau, Fanny. Fanny lebt nicht bei ihren Eltern, ihre Mutter führt (in der deutschen Übertragung) den sehr anschaulichen Spitznamen ‚Hopse‘, ein Name, der sich auf die Frequenz, mit der sie die Betten diverser Herren durcheilt, bezieht. So wächst Fanny im Kreis ihr Cousinen bei Onkel und Tante auf einem Gut auf. Dieser Landadel lebt noch relativ bodenständig und ist nichts im Vergleich zu der Familie der Montdores, die in der Nachbarschaft auf den Hamptons lebt. Der Hausherr, ein ehemaliger Vizekönig in Indien und seine Frau, leben in anderen Dimensionen, haben Zugang zum Hof und ähnliches. Aber das ist jetzt von mir etwas verzerrt wiedergegeben, die treibende Kraft der Montdores ist Sonia, die Frau, der Mann ist in der Wahrnehmung seiner Umwelt gerade durch den Gegensatz zu seiner Gemahlin nahezu ein Heiliger geworden. Sonia Montdore und ihr Mann haben ebenfalls eine Tochter und damit nähern wir uns der Geschichte, die Mitford hinreißend zu erzählen weiß.

Diese Polly nämlich, gut befreundet mit Fanny, welche sich daher auch oft auf dem Anwesen der Montdores aufhält und dort sogar ein eigenes Zimmer hat, versteht sich hervorragend schlecht mit ihrer Mutter. So macht sie zu deren Verdrus von ihrer übergroßen Schönheit macht keinen Gebrauch, was man heute als Flirten bezeichnen würde, gibt es für sie nicht. Im Gegenteil, ein unsichtbarer Wall scheint sie zu umgeben, auch die jungen Männer, die Lady Montdore immer wieder für sie einlädt, meiden Polly und widmen sich lieber den kurzkiefrigen und kichernden jungen Frauen der Abendgesellschaft, als daß sie sich um diese sowohl materiell als auch visuell äußerst attraktiven jungen Polly bemühen.

Lady Montdores hat es nicht mit der Heirat aus Liebe, denn Liebe vergeht, dafür hat man Liebhaber und Geliebte, wichtig für die Hochzeit ist „das alles hier“, der weltliche Besitz, der Bequemlichkeit, Reichtum und Einfluss, sprich: Macht, sichert. Lady Montdore ist eine Mutter, die – im späteren Verlauf der Geschichte – ihrer Tochter nach einer Fehlgeburt zum Trost verkündet, Kinder würden eh nur Dreck machen und Geld kosten…. womit ich schon angedeutet habe, daß Polly irgendwann doch eine Wahl aus dem Angebot des anderen Geschlechts getroffen hat….

… und die fiel auf den ehemaligen Geliebten der Mutter. Was für diese, das ist durchaus nachvollziehbar, eine Art Weltuntergang darstellt. Und in der Tat, die Montdores leiden unter dieser Entscheidung der Tochter (für den schon etwas ältlichen Bräutigam galt eher, daß er zu seinem Glück getragen werden musste: sozusagen 8/9tel zog sie ihn, den Rest stolperte er dann hin….), die zum Bruch zwischen Kind und Eltern führt und auch nach außen hin den Glanz vom Haus Montdore nimmt. Dieser kehrt erst wieder als der nach dern Enterbung Pollys jetzt in der Nachfolge stehende, bis dato unbekannte Cedric (den man, man musste sich erst aufwändig um die Ermittlung des Sachstandes bemühen, in Kanada (Stichwort: Holzfällerhemd) verortete, was sich aber nicht bewahrheitete….)

Damit will ich die Kurzdarstellung des Inhalts beenden, ein bisschen Spannung soll ja noch bleiben. Selbstverständlich werden wir auch das weitere Schicksal von Polly und der Erzählerin Fanny, deren Leben sich im Lauf der Zeit als eine Art Gegenentwurf zu dem Pollys herauskristallisiert, in Kenntnis gesetzt, denn Mitford erzählt ihre Geschichte vor dem Hintergrund der englischen Adelswelt, einer nach außen hin fast hermetisch abgeschlossenen Gesellschaft, mit großer Meisterschaft. Fanny selbst heiratet einen Universitätsprofessor aus Oxford, doch auch ihre Hoffnung, an dieser Stätte des Geistes auf entsprechende niveauvolle Gesellschaft und Gespräche werden enttäuscht: hier dienen Frauen in erster Linie stumm in Bett und Küche, wenn Männer zu ernsteren Gesprächen überwechseln, haben Frauen das Zimmer zu verlassen…

Nancy Mitfords Liebe unter kaltem Himmel ist ein sehr amüsantes Sittengemälde einer Gesellschaftsschicht, die vor ihrem Untergang steht. Verkrustet, versnobt, verschroben hat sie sich selbst ins Abseits manövriert und Mitford schildert dies mit böser Ironie und extrem unterhaltsam. Mitfords Stil ist diesem Ambiente angepasst, nun ja, der Roman ist ja auch nicht mehr ganz frisch, sondern hat schon weit mehr als ein halbes Jahrhundert auf dem Buckel. Das er dabei immer noch lesenwert ist spricht für seine Qualität.

Mit Englische Liebschaften habe ich übrigens vor geraumer Zeit hier schon ein Werk der Autorin vorgestellt, auf das ich gerne noch einmal verweise.

Nancy Mitford
Liebe unter kaltem Himmel
Übersetzt aus dem Englischen von Reinhard Kaiser
Originalausgabe: Love in a Cold Climate, London, 1949
Deutsche Erstveröffentlichung: Die Andere Bibliothek, Bd. 69, 1988

diese Ausgabe: List TB, ca. 345 S., 2014 

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