Joyce Carol Oates: Die Lästigen

Vielleicht doch? Ich habe vor einigen Wochen hier ein Buch vorgestellt, in dem Romanautor Geschichten (man vermied den Begriff „Erzählungen“; Bendict Wells: Die Wahrheit über das Lügen) zusammengestellt und veröffentlicht hat. Im Gegensatz zu den meisten war ich nicht sonderlich angetan von dem Buch, zweifelte schon an mir, ob ich ein geeigneter Leser sei für kürzere Prosastücke. So testete ich das aus und nahm Die Lästigen, eine Zusammenstellung  von Erzählungen der Amerikanerin Joyce Carol Oates, der in der Die Andere Bibliothek erschienen ist, zur Hand. Und ich musste schon nach den ersten Stücken sagen: das sind Geschichten, die an die Nieren gehen!

Es sind Geschichten von Menschen, oft – aber nicht nur – aus der Unterschicht (eine der Stories ist auch White Trash betitelt), deren Leben (oder auch deren Sicht darauf) durch ein im Grunde häufig nichtiges Erlebnis durcheinander gewirbelt wird. Die nach außen hin präsentierte Oberfläche, die Lebenslüge, die man sich selbst vorspielt, wird auf einmal zerrissen. Man geht als Paar ins Konzert und der Mann verkündet urplötzlich, er ertrage das nicht mehr und führe jetzt nach Hause. Die konsternierte Frau denkt, er würde wenigstens draußen auf sie warten, aber das tat er nicht und so macht sie sich völlig verunsichert zu Fuß auf den Weg nach Hause, trifft unterwegs auf einen Mann, der früher einmal für sie im Garten gearbeitet hat, der sie zwar nicht wieder erkennt, sie aber wegen ihrer sichtbaren Verzweiflung anspricht. Sie, der auf einmal die Kraft abhanden gekommen ist, nach Hause zu gehen, läßt sich von ihm durch die Gegend fahren, widerspricht nicht mehr der falschen Vermutung, ihr Ehemann habe sie geschlagen, verhindert nicht, daß dieser fremde Mann den Wagenheber herausholt, sagt ihm sogar die Adresse ihres Hauses. Sie fahren hin…

Hier endet die Geschichte, wie so oft wie in diesem Buch im Ungefähren: man weiß nicht, was jetzt passieren wird. Genausowenig, wie Oates die Vorgeschichte zu ihren Stories darlegt, nichts analysiert und offenlegt, sondern einfach nur schildert, wie Menschen auf einmal mit einer Wahrheit konfrontiert werden, die sie teilweise jahrelang verdrängt haben.

Schon die erste der Geschichten ist erschütternd. In Nackt wird eine weiße Frau im Park, wo sie spazieren geht, von einer Bande von Kindern überfallen. Die Frau ist keine Rassisten, aber die Kinder sind afroamerikanisch und sie muss sich dies eingestehen. Es ist ein eingeübter Überfall, die Frau anerkennt in einem abgespaltenen Teil ihres Bewusstseins, die ausgefeilte Choreographie der Schläge und Tritte, die auf sie einprasseln, die sie schmerzen und verletzen. Die schlimmste Verletzung jedoch ist die letzte: man reißt ihr sämtliche Kleidung vom Leib, sie bleibt nackt zurück, blutend und verschmutzt. Die Frau ist damit aufs Tiefste gedemütigt, sie wagt es nicht, aus dem Gebüsch heraus nach Hilfe zu rufen, niemand darf sie in diesem Zustand sehen, es würde als Gerücht in der Nachbarschaft herumgehen, sie würde dies nicht ertragen. So beschließt sie, die wenigen Meilen zu ihrem Haus heimlich und versteckt durch die Hintergärten, vorbei an den Abfallhaufen der Menschen, zu ihrem Haus, ihrem Mann und den Kindern zu laufen. Eine Wanderung, in der sie sich selbst mit der Wahrheit ihres Lebens konfrontiert sieht, bis sie hinter einem Gebüsch hockend die Lichter ihres Hauses sieht, die Schattenrisse von Mann und Kindern – und sie bleibt dort hocken in ihrem Versteck…

Es ist müßig, hier die Inhalte aller neunzehn in diesem Band der Anderen Bibliothek versammelten Geschichten zu referieren. Eine nur noch, die mich mitgenommen hat… es ist die Titelgeschichte Die Lästigen. Ich bin sechs Jahre alt. Erzählerin dieses in drei Abschnitten wiedergegebenen Ereignisses in ein Mädchen, Es läuft zu Hause mit, die Mutter kümmert sich nicht besonders, es gibt eine Menge Verbote, vor dem Vater hat sie sogar etwas Angst. Das Mädchen geht gerne zum Bach in der Nähe, schaut den Anglern zu, baut Dämme, betrachtet die Krebse. Als sie wieder mal unten ist, kommt ein Mann mit einer Angel, der sie mit sanfter Stimme anspricht, sie lobt, ihr erlaubt, mit ihren Schuhen (was die Mutter verbietet) ins Wasser zu gehen… sie wird etwas schmutzig dabei, er wäscht ihr den Schmutz ab… Ich bin sechs Jahre alt, so beginnt der zweite Abschnitt, eine Erinnerung, in der ein Teil des Verdrängten ans Licht kommt, zum Beispiel, daß sie, das Mädchen, ihr Kleid über den Kopf ziehen muss, damit der Mann sie waschen kann… Ich bin sechs Jahre alt. In diesem Traum, der ein Alptraum ist, den sie seit einem Jahr immer wieder träumt, sieht sie sich am Bach, sieht den farbigen Mann und das, was dann mit ihr geschieht…

Immer wieder sind es Paarbeziehungen, die auf einmal aufbrechen und vor dem Scheitern stehen, immer wieder sind es nichtige Begegnungen oder Ereignisse, die bedrohlich wirken wie die Männer, die am Weg der Joggerin in der Geschichte Laufen stehen. Ein herumstreunender Hund, dem das Ehepaar auf dem nächtlichen Weg nach Hause begegnet, erweckt das Mitleid der Frau, nicht das des Mannes, eine Dissonanz, die sich aufschaukelt (Ihr habt mich gestreichelt…). Silkie ist schwanger, aber sitzen gelassen worden und erinnert sich jetzt an einen Verehrer auf frühen Tagen…

Durch die Geschichten (die schon älter sind, die älteste aus dem Jahr 1963, die meisten aber aus den neunziger Jahren) weht eine latente, auch sexualisierte Gewalt, die jederzeit ausbrechen kann. So wird das Leben der Protagonisten zu einem Drahtseilakt, von dem Oates sie aber häufig stürzen läßt. Es sind einsame Menschen, verunsichert, sie stehen auf der Seite der Opfer, auf der Seite derjenigen, die ihr Schicksal tragen müssen. Rassismus spielt eine Rolle und wenn es nur die ist, daß man durch das Bestreben, eben kein Rassist zu sein, den „Unterschied“ gerade zeigt wie die von dem „dämonischen Rudel“ gedemütigte Nackte.

Die Lästigen enthält (zumindest in der von mir gelesenen Ausgabe) ein sehr informatives Vorwort von Gabriela Jaskulla, in der sie auf das schriftstellerische Wirken von Oates eingeht und das im Voraus zu lesen sich lohnt – wie ich überhaupt dieses Buch uneingeschränkt als Lektüre empfehlen kann. Es ist keine leichte Lektüre, darüber muss man sich klar sein, aber ein sehr intensive.

Joyce Carol Oates
Die Lästigen
Eine amerikanische Chornik in Erzählungen
Ausgewählt von Gabriela Jaskulla
Übersetzt aus dem Amerikanischen von Susanne Röckel
diese Ausgabe: Eichborn (Die Andere Bibliothek Bd. 315), HC, 2011, ca. 380 S.

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Ein Kommentar zu „Joyce Carol Oates: Die Lästigen

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