Erling Kagge: Gehen. Weiter gehen

Ist man von einem Buch enttäuscht, muss man aufpassen, daß man nicht über das Ziel hinausschießt, wenn man dieses Buch vorstellt und bespricht, das ist nicht immer ganz einfach. In dieser Situation bin ich jetzt. Erling Kagge, ein norwegischer Verleger, Autor, Jurist, Kunstsammler und Abenteurer hat vor einigen Monaten ein kleines Büchlein über die Stille vorgestellt, von dem ich sehr angetan war, weil es Saiten in mir berührt und zum Klingen gebracht hat (https://radiergummi.wordpress.com/2017/10/29/erling-kagge-stille/). In seinem Buch über das „Gehen“, das in gewisser Weise als zweiter Teil der persönlichen Erfahrung Kagges aufzufassen ist,- er selbst sagt: Stille ist abstrakt, Gehen ist konkret. -, ist dies leider nicht der Fall gewesen.

Der Mensch an sich ist ein Geher. Er stammt als Homo sapiens – auch wenn die Details noch keineswegs so klar sind, wie sie Kagge in einer Minikurzform darstellt – aus den Weiten Afrikas, die er zu Fuß durchstreifte. Die Bipedität, die er entwickelt hat, entband die vorderen Gliedmaßen von der Aufgabe, mit für die Fortbewegung zu sorgen, sie bildeten sich zu Armen plus Händen um, mit denen beispielsweise breithüftige Venusse geschaffen werden konnten. Wie wichtig das Gehen war zeigt sich auch sprachlich. Viele Wortwurzeln gehen auf den alten Wortstamm zurück, noch heute sind Begriffe und Wendungen wie: etwas (zum Lernen) durchgehen, jemanden übergehen, wie ergeht es dir?, das geht mich was an u.a.m. mit diesem Verb verknüpft.

Gehen ist gesund, psychisch wie physisch – eine Erkenntnis, die keineswegs neu ist, aber in Zeiten, in denen sitzende Tätigkeiten immer mehr überhand nehmen, an Bedeutung gewinnt. Als „Waldbaden“ (z.B. http://www.waldbaden.org/definition-waldbaden/) kommt dem absichtslosen Gehen im Wald mittlerweile sogar von Japan her übernommen therapeutische Bedeutung zu. Aber auch zu früheren Zeiten gingen die Menschen spazieren (soweit sie sich die Musse leisten konnten wie z.B. Kant oder Kierkegaard) und wussten um die positive Wirkung des Waldes (z.B. Henry Thoreau). Das gemeine Volk hingegen hatte im Normalfall kaum Bewegungsmangel.

Heute jedoch sitzen wir, am Tisch, im Auto, vor dem Rechner… verlieren so den Bezug zur Bewegung als auch zur Umwelt. Das Auto überbrückt Entfernungen in kurzer Zeit, jedoch bleibt der Insasse isoliert von sich mit der Landschaft ändernden Eindrücken wie Geruch oder Geräuschen. Ebenso hat man beim Autofahren (zumindest dem in dichtem Verkehr) keine Zeit Loszulassen: seine Gedanken schweifen zu lassen, möglicherweise Unerhörtes zu finden, Geistesblitze, oder neue Erkenntnisse…

In seinem Buch gibt Kagge eine Menge Beispiele für solche Momente, als extremer Geher hat er dafür ein großes Erfahrungsreservoir. Dabei schwankt der Inhalt leider zwischen Trivialem, Unverständlichem und hin- und wieder Bemerkenswertem. Beschreibt er etwa: Stimmen und Radio [im Auto] erlebe ich als Lärm. Die Playlist scheint immer dieselbe zu sein, die Nachrichten auch… möchte ich ihm zurufen: Mach das Radio doch einfach aus! Ein paar Seiten später wird es dagegen komplizierter: In der existenziellen Mathematik [??] bekommt diese Erfahrung die Form zweier elementarer Gleichungen: Der Grad der Langsamkeit verhält sich direkt proportional zur Intensität der Erinnerung; der Grad der Geschwindigkeit verhält sich direkt proportional zur Intensität des Vergessens. Wow! Munter vermengt der Autor hier Hierarchieebenen: Vergessen und Erinnern liegen auf einer Ebene, Langsamkeit ist genauso wenig wie übrigens auch Kälte etwas Eigenes, es ist einfach nur eine Bezeichnung für ein (zudem noch relatives oder auch subjektives) Maß an Geschwindigkeit. [Zur Erläuterung: es geht darum, daß man sich beim langsamen Fortbewegen besser auf Erinnerungen konzentrieren kann als bei einer schnellen Gangart]. An der Unsinnigkeit dieser Formulierung könnte man sich lange aufhalten…

Noch ein Beispiel für eine Feststellung, in der es begrifflich ebenfalls wieder durcheinander geht: Heute wird auf der ganzen Welt geforscht, wie das Gehen [eine Tätigkeit] die Kreativität beeinflusst. Oder mit anderen Worten ausgedrückt: wie unsere Füße [ein Körperteil] das Gehirn beeinflussen, und nicht umgekehrt. Füße haben wir natürlich auch beim Sitzen und beim Liegen, damit wird auch dieser Satz unsinnig. Es geht natürlich auch nicht um die Füße, sondern einzig und allein ums Gehen… und was mit und nicht umgekehrt gemeint ist (wo das Gehirn doch den gesamten Organismus steuert), bleibt mir ebenso verschlossen.

Genug an den wenig positiven Beispielen im Text. Nein, nein, Kommando zurück, eins noch, es ist zu schön: Du denkst mit deinem ganzen Ich [hier wird auf Merleau-Ponty, einem Philosophen, Bezug genommen]. Mit dem Kopf, mit dem Körper. Sein Ansatzpunkt war, dass der Körper nicht nur aus einer Ansammlung von Atomen aus Fleisch und Knochen besteht. … Atome aus Fleisch und Knochen – da ist wohl etwas gehörig daneben gegangen….

Aber etwas habe ich letztlich dann doch dazu gelernt aus dem Buch: der Plural von Moos ist nicht (wie auf S. 12 geschrieben) Mose, sondern nach Duden: Moose (oder ggf. Möser; https://www.duden.de/rechtschreibung/Moos)). Tja, hätten Sie’s gewusst?

Interessant – ich möchte ja nicht nur Negatives berichten – wird das Buch an den Stellen, an denen der Extremgeher Kagge von seinen Erlebnissen erzählt: Ich quäle mich, weil ich es will, nicht weil ich muss. Ich verausgabe mich psychisch. … Am liebsten gehe ich, bis ich beinahe zusammenbreche. Ich will das Glück, die Erschöpfung und die Absurdität beim Gehen spüren, wenn sich alles vermischt und ich nicht mehr trennen kann. … die Gedanken verschwinden aus meinem Kopf, und ich werde zu einem Teil des Grases, der Steine, des Mooses, der Blumen und des Horizonts.

Gehen. Weiter gehen ist ein sehr persönliches Buch voller Episoden aus Kagges Leben, gespickt mit vielen historischen Anekdoten. Leider ist es weder eine Anleitung, wie es das Cover ankündigt, noch beschreibt es über eben Anekdotisches hinausgehend den meditativen Charakter des Gehens (Im Zen beispielsweise ist die Geh-Meditation ‚Kinhin der Sitzmeditation gleichwertig)‘. Es bleibt meist an der Oberfläche, ist trivial bis unverständlich, der Wert des Buches liebt im wesentlichen darin, daß man überhaupt den Wert des Gehens thematisiert.

Schade.

Erling Kagge
Gehen. Weiter gehen
Eine Anleitung
Übersetzt aus dem Norwegischen von Ulrich Sonnenberg
Originalausgabe: Å gå. Ett Skritt om gangen; Oslo, 2018
diese Ausgabe: Insel Verlag, HC, ca. 156 Seiten, 2018, mit Abbildungen

Ich danke dem Verlag für die Überlassung eines Leseexemplars.

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2 Kommentare zu „Erling Kagge: Gehen. Weiter gehen

    1. ups…. den kommentar habe ich ja glatt übersehen, sry! wie immer bei buchvorstellungen: es ist halt ein subjektiver eindruck, der auch dadurch entstanden ist, daß ich einfach mehr erwartet habe, weil mir das thema prinzipiell ja nicht fremd ist. ein anderer leser, der am ‚anfang‘ steht und neugierig ist, liest dieses büchlein möglicherweise anders und mit gewinn. // bösartig wie ich bin, würde es mich nicht überraschen (auch wenn ich das oben in der besprechung nicht formuliert habe), weinn autor/verlag nach dem erfolg von ’stille‘ einfach noch was nachschieben wollten, um auf der erfolgswelle zu surfen…. ;-)
      liebe grüße
      gerd

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