Irmgard Keun: Das kunstseidene Mädchen

Der Name Irmgard Keun (http://berlin-woman.de/index.php/2015/02/03/berlin-women-irmgard-keun-das-kunstseidene-maedchen/) ist mir zum ersten Mal in Bettina Baltschevs sehr empfehlens- und lesenwerter Arbeit über die Emigration deutscher Künstler nach Amsterdam (Bettina Baltschev: Hölle und Paradies) begegnet. Sie, d.h. die ebenfalls in die Emigratin gegangene Irmgard Keun, hatte sich dort mit Joseph Roth angefreundet (Die Legende vom heiligen Trinker (https://radiergummi.wordpress.com/2017/04/16/joseph-roth-die-legende-vom-heiligen-trinker/) und Hiob (https://radiergummi.wordpress.com/2016/11/02/joseph-roth-hiob/) sind die beiden Titel Roths, die ich hier im Blog schon vorgestellt habe), der so tragisch sein Ende fand – und, Ironie des Schicksals (?), das ein Ende war, das auch Keun in Teilen und in ferner Zukunft erleben sollte.

Seit dieser Zeit ist Keun auf meiner Wunschliste, und jetzt endlich habe ich es auch mal umgesetzt und ihren wohl bekanntesten Roman von Doris, dem ‚kunstseidenen Mädchen‘, das von der mittleren Stadt nach Berlin geht, um dort ein „Glanz“ zu werden, gelesen.

Das kunstseidene Mädchen spielt nach der Weltwirtschaftskrise in den Endjahren der Weimarer Republik, die Handlung setzt im Sommer 1931 ein und geht bis zum Frühjahr 1932. Doris ist achtzehn Jahre alt, arbeitet, muss von dem Geld, das sie verdient, zu Hause abgeben, der Vater (wobei fraglich ist, ob es der Vater ist, es gibt Auswahl an Kandidaten) versäuft das meiste davon. Und auch draußen, in der Stadt, auf der Straße… Die Zeiten sind furchtbar, keiner hat Geld und es herrscht ein unsittliches Fluidum – denkt man bei einem, den kannst du anpumpen – pumpt er einen im Augenblick schon selber an.

Doris träumt davon, aus diesem Milieu zu entkommen, ein „Glanz“, etwas Besseres, zu werden, Geld zu haben, Bekannte zu haben, eingeladen zu werden, sich intelligent unterhalten zu können. Aber wie? … immerzu sind in meinem Leben Dinge, die ich nicht weiß, und immer muss ich tun als ob und bin manchmal richtig müde vor lauter Aufpassen, und immer soll ich mich schämen müssen, wenn Worte und so Sachen sind, die ich nicht kenne und nie sind Leute gut und so, dass ich Mut hätte zu ihnen, um zu sagen: ich weiß ja, dass ich dumm bin, aber ich habe ein Gedächtnis, und wenn man mir was erklärt, gebe ich mir Mühe es zu behalten. So setzt Doris notgedrungen auf das, was ein junges Mädchen hat, das sonst nichts hat, nämlich, das, war ihr die Natur mitgegeben hat an Körper und Aussehen. Nicht, daß sie an der Straße steht und Freier wartet oder daß sie eine wird wie Hulla, die sich von ihrem Zuhälter das Gesicht zerschlagen lassen muss und die später dann einmal aus dem Fenster springen sollte, eines Goldfisches wegen.. nein, Doris sucht einen Begleiter, einen mit Geld, der sie einlädt, sie mit ins Hotel nimmt, ihr Kleider schenkt und zum Essen einlädt. Wobei sie bedauernd konstatieren muss, daß die Galane beim Ausgeben von Wein und Sekt viel großzügiger sind als beim Einladen zum Essen…

Doris muss die mittlere Stadt verlassen, genauer gesagt, sie muss fliehen, denn sie hat den Feh mitgenommen, diesen weichen, wunderbaren Pelz, in den sie sich schmiegen kann und der zu ihrem Fetisch wird. Sie wird von der Polizei gesucht, geht nach Berlin. Sie lernt dort Männer kennen, weil sie überleben muss, Männer mit Geld, deren Frauen zu früh zurück kommen und sie aus dem Bett schmeißen, in dem sie überrascht wird, Männer, die blind sind, denen sie Berlin erzählen muss, Männer, die selbst arm sind und ihr nichts bieten können außer, daß sie sie lieben. Männer, die den weggelaufenen Frauen nachtrauern und sie mit nach Hause nehmen, damit die Wohnung nicht so leer ist, ein Wesen dort drin schläft, badet, isst und sich bewegt. Ausgerechnet hier, bei Ernst, wie er heißt, ein Mann, der nichts von ihr will, fängt sie an, sich heimisch zu fühlen, von „wir“ zu reden und zu denken und zu reden und auch so zu leben: gemeinsam spazieren zu gehen, gemeinsam einzukaufen, zu kochen, zu putzen – und irgendwann auch, Liebe zu machen…

Keun schenkt ihrer Doris kein Happy End, das Ende ihrer Geschichte ist offen, Doris ist desillusioniert, die unsichere Rückkehr zu Karl, dem, der selbst nichts hat, außer sie lieb, scheint ihr noch die einzige Möglichkeit für sich zu sein. Ich will alles mit ihm zusammen tun. Wenn er mich nicht will – arbeiten tu ich nicht, dann gehe ich lieber auf die Tauentzien und werde ein Glanz. – Aber ich kann ja auch eine Hulla werden – und wenn ich ein Glanz werde, dann bin ich vielleicht noch schlechter als eine Hulla, die ja gut war. Auf den Glanz kommt es nämlich vielleicht gar nicht so furchtbar an.


Das kunstseidene Mädchen ist ein Roman, der mich berührt hat. Keun hat ihn als nicht datiertes Tagebuch geschrieben, ihre Protagonisten Doris vertraut diesem Heft ihre Gedanken und Gefühle an, wir bekommen ihre Geschichte, die im Abgesang der Weimarer Republik und in der braunen Morgendämmerung spielt, in ihrer Sprache erzählt, die immer mal wieder knapp daneben liegt, die vom Berliner Dialekt geprägt ist und die andererseits häufig wunderbare Sprachbilder und Ausdrücke parat hält. Aber zuvörderst ist eine Geschichte unerfüllter Träume, unerfüllter Sehnsüchte nach Liebe [Liebe ist noch so ungeheuer viel mehr, dass es sie wohl gar nicht gibt, vielleicht kaum gibt.], nach dem Geliebtwerden, nach auch materieller Sicherheit, nach einem Leben, das sich nicht nur nach der Befriedigung der momentanen Nöte orientieren muss. Aber wie das erreichen in einer Stadt, in der monatlich über dreihundert Menschen an Schwindsucht sterben, der Suizid ganzer Familien aus purer Not zu vermelden ist [Materialien, S. 158]? Die Männer, die Doris trifft, jedenfalls bieten die Chance, ihre Sehnsucht zu erfüllen, nicht. Sie sind selbstverliebt wie der dilletierende Poet, dem Doris immerhin ein paar Hemden klauen kann, bevor sie sich abmacht, sie werden von der Polizei geholt wie der Geschäftsmann, dessen Frau sie zu gleicher Zeit aus seinem Bett jagt… und bei Ernst wagt sie den Schritt nicht in ein anderes Leben, wagt nicht das Risiko, ihn auf sich aufmerksam zu machen, oder – wie Keun es selbst formulieren läßt -: … so richtige Gefühle, das sollte man nur mit seinesgleichen, denn sonst geht es glatt schief.

Ich hasse alle, ich hasse alle 
– schlag doch die Welt tot,
Mutter,
schlag doch die Welt tot.

Keuns Buch spielt in den sogenannten Goldenen Zwanziger Jahren in Berlin, die offensichtlich so golden gar nicht waren, wenn man nicht zu den wenigen gehörte, die ganz oben mitschwammen. Es gibt (für uns Bücherfreunde interessant) eine kleine Passage im Roman, in dem Keun das Publikum des Romanischen Cafes beschreibt [vgl. meine Buchvorstellung von Jürgen Scheberas: Damals im Romanischen Café] und aus der erkennbar wird, daß die meisten der Gäste dort den Tag bei einer Tasse Kaffee verbringen mussten, mehr war nicht drin… Wenn man von „unten“ kam, so wie Doris, (und es gab viele, die wie Doris waren und an den Straßen standen und warteten, daß sie gesehen und angesprochen wurden), sah man wenig vom Glanz der Stadt, war man der heuchlerischen Moral ausgeliefert: Wenn eine junge Frau mit Geld einen alten Mann heiratet wegen Geld uns nichts sonst und schläft mit ihm stundenlang und guckt fromm dann ist sie eine deutsche Mutter von Kindern und eine anständige Frau. Wenn eine junge Frau ohne Geld schläft mit einem ohne Geld, weil er glatte Haut hat und ihr gefällt, dann ist sie eine Hure und ein Schwein.  

Das kunstseidene Mädchen ist ein Roman über eine Zeit mit wenig Licht und viel Schatten, von der meist nur das Licht überliefert wird, Keun hat, so wird sie wiedergegeben, Beobachtetes in ihrem Werk verarbeitet [Materialien, S. 136], die der von mir gelesenen Ausgabe beigefügten „Materialien“ geben einen Einblick in die Armut und das Elend dieser großen Stadt, in der so viele auf der Strecke blieben und in der sich zu dieser Zeit die braune Brut breitzumachen begann, an einigen Stellen fließt dies mit in die Handlung ein. In einer Szene beispielsweise erzählt Doris ihrem Galan (Fragt mich die Großindustrie [i.e. ihr Begleiter], ob ich auch ein Jude bin. Gott, ich bin’s nicht – aber ich dachte: Wenn er das gerne will, tu ihm den Gefallen. … ), sie sei Jüdin – was dem strammen Nationalen wenig gefiel. Es bedurfte (eine entlarvende Szene, die Keun hier konstruiert hat] einiger Überredung und einiger Alkohlika, bis dann der Trieb die Ideologie wieder verdrängte: Wie die Großindustrie dann betrunken war, kam es ihr nicht mehr so drauf an, und sie wollte. … Aber mir war die Lust vergangen, denn wenn er wieder nüchtern wird … man kann nie wissen, ob man nicht politisch ermordet wird, wenn man sich da reinmischt. 

Irmgard Keun
Das kunstseidene Mädchen
Textausgabe mit Materialien
Erstausgabe: Berlin, 1932
diese Ausgabe: Klett, TB, 176 S., 2004

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3 Kommentare zu „Irmgard Keun: Das kunstseidene Mädchen

  1. Hallo, vielen Dank für deine schöne Würdigung dieser Schriftstellerin. Ich habe vor Jahrzehnten schon Irmgard Keun für mich entdeckt und vor einigen Jahren haben wir in meinem Lesekreis „Das kunstseidene Mädchen“ gelesen. Das ist eines der besten Bücher von ihr , wobei auch die anderen sehr lesenswert sind. In Bezug auf Joseph Roth ist „ Kind aller Länder“ interessant, weil Irmgard Keun hierin ihre Beziehung zu ihm verarbeitet. Bei Irmgard Keun erfährt man mehr über die Stimmung in der Weimarer Republik als in der hochgelobten Serie „ Babylon Berlin“. Also, lieber lesen …

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