Franziska Tausig: Shanghai-Passage

Wer meinen Blog halbwegs regelmäßig besucht, dem wird der Name der Autorin dieses Buches möglicherweise bekannt vorkommen: Franziska Tausig [https://de.wikipedia.org/wiki/Franziska_Tausig] ist eine wichtige Person des Romans Shanghai fern von wo von Ursula Krechel, den ich vor einigen Wochen hier vorgestellt hatte.

Shanghai, diese große Stadt im Mündungsgebiet des Jangtsekiang, war Ende der 30er Jahre durch eine Besonderheit zur letzten Zufluchtsstätte für Juden aus Europa geworden, denn alle anderen Orte dieser Welt waren ihnen zwischenzeitlich aus den verschiedensten Gründen versperrt. In Shanghai jedoch gab es eine „Internationale Siedlung“ (https://en.wikipedia.org/wiki/Shanghai_International_Settlement),mit weitreichenden Befugnissen der westlichen Staaten Großbritannien und Amerika. Hierhin flohen Flüchtlinge aus aller Welt und bildeten ein Vielvölkergemisch, das in einer völlig fremden und man möchte fast sagen, (für Europäer) lebensfeindlichen Umwelt überleben musste. Lebensfeindlich, weil kaum jemand der Flüchtlinge chinesisch sprechen lernte, weil das Klima und die hygienischen Bedingungen extrem belastend waren (abgesehen von den Krankheiten, die man sich fangen konnte), weil man im Grunde mit den Armen und Ärmsten der Chinesen um die verfügbaren Resourcen kämpfen musste – und viele der Flüchtlinge hatte kaum mehr aus der Heimat retten können, als ihre Haut und ein paar Koffer… Im Vorwort zum vorliegenden Bericht Tausigs gibt Helmut Opletal einen Überblick über dieses Shanghai, wie es bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges „funktionierte“.

Wer einen möglichst praktischen Beruf bzw. solche Fähigkeiten hatte, hatte eventuell die Möglichkeit, eine Stellung zu finden. So wie Franziska Tausig, die die meiste Zeit ihrer Jahre in Shanghai aus Köchin arbeitete, aber auch zeitweise als Putzkraft oder als Wäscherin. Ihr Mann dagegen, ein (ungarischer) Rechtsanwalt, zudem noch schwerhörig und körperlich schwach, hatte keine Chance auf irgendeine Arbeit, Last und Verantwortung ruhten fast die ganze Zeit auf den Schultern Franziskas. Aber es war ihr Mann, es war viele Jahre zuvor eine Liebesheirat gewesen, und der Verlust des Mannes, der eines Tages an Heimweh und Entkräftung starb, traf sie schwer…

Die Tausigs stammten noch aus dem 19. Jahrhundert, Franziska war 1895 im (späteren) ungarischen Temesvar in guten Verhältnisse geboren worden. Entsprechend wohlbehütet wurde sie groß, sie heiratete im damaligen Habsburger Reich einen jüdischen Rechtsanwalt aus Ungarn. Der erste Weltkrieg kostete diesen sowohl einen Großteil des Hörvermögens und seine Arbeit, denn das Habsburger Reich zerfiel und seine Kenntnisse des ungarischen Rechts waren in Österreich, wo das Paar lebte, nicht mehr gefragt. Und dann kam der Anschluss ans „Reich“ und die Juden, also auch die Tausigs, mussten um ihr Leben fürchten. Der mittlerweile schon 16jährige Sohn Otto konnte noch nach England in Sicherheit gebracht werden, die Eltern dagegen standen vor lauter Hoffnungslosigkeit kurz vor dem Suizid und ausgerechnet ein Suizid rettete sie: zwei Schiffspassagen nach Shanghai waren derart tragisch frei geworden!

Franziska Tausig erzählt nach dieser Einleitung von ihren Erlebnissen auf der Passage selbst und dann von ihrem Leben in Shanghai. Während Krechel in ihrem Buch (siehe oben) ein weiteres Spektrum an Personen als nur die Tausigs betrachtet und auch die politischen Hintergründe zu analysieren versucht, beschränkt sich Franziska Tausig in ihren Aufzeichnungen verständlicherweise auf die Ereignisse, die sie ganz persönlich angingen und betrafen. Die großen Zusammenhänge der Weltpolitik sind allenfalls im Hintergrund zu erahnen, die Emigranten in Shanghai hatten genug damit zu tun, ihr Überleben zu sichern, das immer fragil war und auch, wenn Arbeit und Unterkunft vorhanden war, von einem auf den anderen Tag gefährdet sein konnte.

Wie schon angedeutet überlebte Franziska Tausigs Mann Aladar die Emigration nicht. Zu allem Unglück kam für ihn noch die Tatsache hinzu, daß er aufgrund seiner Schwerhörigkeit keine Arbeit fand, er von seiner Frau abhängig war und (wohl auch infolge der Tatsache, daß er dadurch viel Zeit hatte) er sehr an der Trennung zum Sohn litt und wohl auch depressiv war. Seine Frau Franziska dagegen war viel zu sehr mit Arbeit eingespannt, um sich dieser Trauer so sehr widmen zu können. Briefe vom Sohn kamen selten an in Shanghai – dies war den Zeiten geschuldet. Auch die Antwortbriefe der Eltern und später der Mutter enthielten nicht die Wahrheit über die Verhältnisse, man kann es den Tausigs bzw. Franziska nicht verargen.

Eine Verschärfung der Lebensumstände trat nochmals ein mit der Herrschaft der Japaner ab 1941 über Shanghai, die alle Juden auf Betreiben der Nazis in ein Ghetto umsiedelten, in dem die Lebensverhältnisse noch einmal armseliger waren. Da die Japaner den Vernichtungswillen der Nazis jedoch nicht nachvollziehen konnten, blieb wenigstens das Äußerste aus für die jüdischen Flüchtlinge – hart genug war es trotzdem.

Nach dem Ende des Krieges – was tun, wohin gehen? Auch Franziska stand vor dieser Frage… der Mann tot, der Sohn in England, die Eltern in Theresienstadt ermordet, Wien in Trümmern. Da jedoch der Sohn nach Wien zurückwollte, entschied sich auch Franziska, in ihre alte Heimatstadt zurück zu kehren.


Interressant ist das Nachwort des Sohnes Otto [https://de.wikipedia.org/wiki/Otto_Tausig] im Buch. Es ist keins der üblichen, zu erwartenden Nachworte, die die Verfasserin rühmen oder einen Mantel des Verklärens über sie legen. Ehrlich schildert er die Probleme, die er als Sohn mit seiner Mutter nach dem Wiedersehen hatte: Franziska, so wurde ihm später klar, hatte Mann und Eltern verloren, den Sohn in die Emigration schicken müssen, die alte Existenz in Wien war ausgelöscht, hatte jahrelang selbst in armseliger und fremder Umgebung gelebt: sie wollte jetzt, nach dem Krieg, nicht auch noch ihren Sohn verlieren und klammerte sich an den mittlerweile Erwachsenen und Verheirateten, den sie nicht in ein eigenständiges Leben loslassen konnte…

Man muss Otto Tausig dankbar sein für diese Ehrlichkeit, denn sie verdeutlicht noch einmal, welchen seelischen Verheerungen auch die Überlebenden ausgesetzt waren, Traumata, die das weitere Leben nach dem Krieg entscheidend mitprägten. Aber auch abgesehen von Otto Tausigs Nachwort natürlich sind die Erinnerungen von Franzsika Tausig, die um die Wende zum 20. Jahrhundert einsetzen, lesenswert und – weil Shanghai als Fluchtort nicht jedem präsent ist – auch sehr informativ, da die Franzsika auch sehr anschaulich erzählen und schildern kann. Ich könnte mir auch gut vorstellen, daß diesen Buch für Jugendliche oder junge Leser sehr interessant ist, eben wegen dieser Anschaulichkeit und weil Shanghai allen vom Namen her eine gewissen Exotik ausstrahlt, die in diesem Buch durch die bittere Realität jedoch gründlich zerstört wird.

Franziska Tausig
Shanghai-Passage
Emigration ins Ghetto
Vorwort von Helmut Opletal
Nachwort von Otto Tausig 
diese Ausgabe: Milena-Verlag, brosch., mit Abb., ca. 208 S., 2007

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