Gertrud von le Fort: Die Frau des Pilatus

Und Pilatus erschrak und wollte sich von seinem Richterstuhl erheben. Da ließ ihm seine Frau durch einen Boten sagen: Habe du nichts zu schaffen mit diesem Gerechten; ich habe in der Nacht viel erlitten seinetwegen. Da rief Pilatus die Juden heran und sprach zu ihnen: Ihr wißt, daß meine Frau gottesfürchtig ist und es in der Religion mehr mit euch Juden hält. Hört, was sie mir sagen ließ: Habe du nichts zu schaffen mit diesem Gerechten; ich habe in der Nacht viel erlitten seinetwegen. Doch die Juden antworteten dem Pilatus: Wir haben dir gesagt, daß er ein Magier ist! Siehe, er hat deiner Frau einen Traum geschickt! 

So steht es im zweiten Kapitel der apokryphen Schrift des Evangeliums nach Nikodemus, eine Episode, die in den kanonischen Evangelien nur bei Matthäus noch auftaucht, aber dort deutlich kürzer: Während Pilatus auf dem Richterstuhl saß, sandte seine Frau zu ihm und ließ ihm sagen: Habe du nichts zu schaffen mit jenem Gerechten! Ich habe heute seinetwegen im Traum viel gelitten. (Mt 27,19).

Das neue Testament ist nicht besonders reich an Frauengestalten, die Zeiten waren damals so. Maria natürlich, die Mutter Jesu, ferner Maria von Magdala (vgl. hier:http://www.seinetoechter.de/?page_id=632) , die eine sehr bedeutende Rolle spielt, auch wenn sie in späteren Jahrhunderten von einer männlich dominierten Kirche als Prostituierte verunglimpft wurde. Andere Frauen, die Jesu folgten, werden erwähnt, bleiben aber meist im Anonymen, auch an die Frau des Pilatus erinnert sich wohl kaum jemand.

Dabei ist es doch interesssant, was beispielsweise bei Nikodemus steht: sie als Römerin, hält es mehr mit dem jüdischen Glauben, sie hat ferner einen Traum, der sie quält und uns zu der Frage führt, woher dieses Gesicht, daß ihr die Zukunft des nächsten Tages offenbarte, herrührt? Und wer war diese Frau überhaupt? [Eine schöne Analogie findet man übrigens bei Calpurnia und Cäsar vor dessen Ermordung: In der Nacht plagten Cäsars Frau Calpurnia böse Träume. Alle Türen und Fenster des Schlafzimmers sah sie plötzlich aufspringen, den Giebel des Hauses einstürzen – ihren Mann wähnte sie leblos auf ihrem Schoß: erdolcht. (http://www.spiegel.de/spiegel/spiegelgeschichte/d-84408274.html)]

Ich bin auf Claudia Prokula, so Name dieser Frau (https://de.wikipedia.org/wiki/Claudia_Procula) erstmals gestoßen durch einen Roman von Eric-Emmanuel Schmitt: Das Evangelium des Pilatus (das ich hier im Blog aber erst aus gegebenen Anlaß zu Ostern vorstellen werde, es dauert also noch ein wenig….) und über diesen Einstieg (und weil ich kurz danach schon einen Roman von dieser fast vergessenen deutschen Schriftstellerin gelesen hatte) auf die Novelle Gertrud von le Forts: Die Frau des Pilatus.


Jesus vor Pilatus, der seiner Frau zuhört.

Die Novelle ist geschrieben als Brief: Die freigelassene Griechin Praxedis zu Rom an Julia, die Gattin des Decius Gallicus zu Vienna. … und gibt Bericht über das Leben ihrer geliebten Herrin Claudia Procula. Die Geschehnisse setzen mit dem Traum Claudias ein: nach einer erfüllten Liebesnacht dämmert Claudia noch einmal leicht ein, Pilatus selbst ist am Morgen schon aufgestanden und zur Verhandlung gegangen. So glücklich Claudia nach der Nacht war, so schreckensbleich erwacht sie nach dem Traumgesicht, das sie durch unbekannte Zeiten und bis dahin ungesehene Tempelarten führte, begleitet von dem Ausruf: Gelitten unter Pontius Pilatus, gekreuzigt, gestorben und begraben…. als sie den Lärm der Straße hört und Praxides ihr sagt, das dies die Leute sind, die zur anstehenden Gerichtssverhandlung kommen, erbleicht sie und schickt ihre vertraute Dienerin zu ihrem Mann: O ich wusste, daß die Morgenträume Wahrträume sind … durch diesen Gefangenen wird sich mein Traum erfüllen, der Prokurator darf ihn nicht verurteilen!

… nun ja, man weiß, wie die Geschichte ausgegangen ist…

Zurück in Rom… die Jahre sind vergangen, die Jahrzehnte… auf Claudia lastet ein schwerer Schatten, die grübelnde, nachdenkliche stille Frau passt nicht mehr in die römische Gesellschaft; auch die Ehe leidet, wird aber nicht geschieden. Claudia ist auf der Suche nach einer – so würden wir heute vielleicht sagen – spirituellen Heimat, doch jeder Glaube, dem sie anzuhängen versucht, enttäuscht sie. Dann wird sie eines Tages von einer Wahrsagerin in das ärmste Viertel der Stadt geschickt… verhüllt gehen sie und ihre treue Dienerin dorthin, zu den Ärmsten der Armen und hören dort im Gebet die seinerzeit im Traum gehörten Worte: Gelitten unter Pontius Pilatus, gekreuzigt, gestorben und begraben…. Auch wenn Claudia und ihre Dienerin verhüllt bleiben und sie sich nicht als Gattin des Pilatus zu erkennen gibt, findet sie in dieser Gemeinschaft ihren Glauben und ihren Halt. Doch dann kommt es zu den Verfolgungen der Nazarener, wie sie hier heißen, durch den jungen Kaiser Nero, man macht sie für den Brand Roms verantwortlich (https://de.wikipedia.org/wiki/Neronische_Christenverfolgung). In ihrer klandestinen Gruppe verlangt man jetzt, ihren Namen zu hören, sie nennt ihn, doch als sie um Gnade und Vergebung für ihren Mann fleht – denn auch er wusste nicht, was er tat – weist man sie ab: … dein Gatte ist verurteilt, weil der den Herrn verurteilte ….

Noch einmal träumt Claudia diesen alten Traum, durchmisst jetzt die zerfallenen Kathedralen der Zukunft und sieh Jesu als sich erbarmenden Richter auf dem Richterstuhl. Wiederum versucht Claudia, ihren Mann umzustimmen, denn dieser erhält vom Kaiser den Auftrag, die Nazarener zu verfolgen. Und wieder hört ihr Mann nicht auf sie… So kann sie nur noch die Verfolgten warnen, heimlich verläßt sie das Haus, wohlwissend um die Gefahr, in die sie sich begibt. Und tatsächlich, sie wird gefangen genommen und der Kaiser weidet sich bald darauf an den Qualen des Pilatus, den er mit in seine Loge im Circus nimmt, wo beide der Zerfleischung der Gefangen, unter ihnen Claudia, durch die Löwen zusehen.


Claudia, so erfahren wir bei Nikodemus, hängt dem Glauben der Juden mehr nach als dem der Römer. Inwieweit sie Jesus kennt, ihm vielleicht sogar folgt, darüber schweigt der Text. Der Traum, den sie hat, ist jedenfalls rätselhaft. Haben sie und ihr Mann, dem der anstehende Prozess unangenehm war, da er durchaus spürte, daß er hier vom Sanhedrin funktionalisierte werden sollte, am Abend darüber gesprochen? Spekulationen… in von le Forts Novelle jedenfalls erlebt Claudia ein Wechselbad der Gefühle: nach einer offensichtlich sehr befriedigenden und anstrengenden Liebesnacht (sie schlummert nach dem Aufwachen noch einmal ein) träumt sie diesen rätselhaften Traum, der mit der Durchmessung der vielen offensichtlich sakralen Räume weit in die Zukunft deutet und das Schicksal Jesu, das sich noch nicht erfüllt hat, vor dem sie ihn zu bewahren sucht, offenlegt: Gekreuzigt und gestorben…

Der Traum, ihr vergeblicher Versuch, den Lauf der Dinge zu ändern, und der Tod Jesu erschüttern Claudia, sie ist ein anderer Mensch geworden, dem Äußerliches nichts mehr gilt. Somit entfremden sich die Eheleute, Kinder gibt es keine, aber eine Trennung nehmen sie auch nicht vor. von le Fort schildert in ihrer Novelle die Suche der Frau nach Gott, den sie in den vielen Religionen, mit denen Rom konfrontiert wird, nicht findet, bis sie eben auf die Nazarener trifft. Aber auch dort wartet dann eine Enttäuschung auf sie, das dogmatische Verweigern der Gnade und Barmherzigkeit, die dem Predigen Jesu so sehr widerspricht, sie jedoch auf dessen Lehre zurückführt. Die Taufe, für die sie der Gruppe nicht bereit war, erlebt sie dann schließlich in der Manege, sie wird Märtyrerin.


Die Frau des Pilatus ist leises, nachdenkliches, im Stil alterthümliches Stück Literatur über ein sehr religiöses Thema. Die Novelle rückt eine Persönlichkeit in den Mittelpunkt, die meist unbeachtet bleibt, die in der offiziellen Bibel nur mit einem rätselhaften Satz erwähnt wird, der jedoch viele Fragen aufwirft und damit viele Möglichkeiten zum Spekulieren, bis hin zu der Deutung der Frau als Symbol dafür, daß Pilatus im Grunde überhaupt keinen Grund sieht, diesen Juden Jesu zu verurteilen (es dürfte in der Tat recht ungewöhnlich gewesen sein, daß eine Frau/Dienerin/Bote während der Verhandlung zum Prokurator vordringt und sich mit ihm bespricht….). Es ist auch die Geschichte einer Suche nach Gott, die mit der Begegnung mit Jesu (auch wenn sie ’nur‘ indirekt stattfand) eine Erfüllung fand, nachdem sie mit dem alles verzeihenden, barmherzigen Blick des Todgeweihten in Jerusalem begonnen hatte. Möglicherweise spiegelt sich in diesem Vorgang auch ein wenig das eigene Schicksal der Autorin, die – evangelisch geboren – 1926 selbst zum Katholizismus übertrat. In der Figur der Claudia findet sich, wenn man mag, ein weibliches Pendant zu Jesu selbst, sie erleidet den Märtyrertod, um damit ihren Mann zu erlösen. Da spielt ihr letztlich sogar der sadistische Zug Neros in die Hände, der Pilatus mit in den Zirkus nimmt, damit er den grausamen Tod der Gattin dort miterleben muss…

Links und Anmerkungen:

Bildquelle: In dieser Darstellung aus einem Manuskript des 15. Jahrhunderts,  das sich heute in der Bodleian Library in Oxford befindet, wird der gefesselte Jesus von einer übergroßen Menge bewaffneter Soldaten  bewacht.  Die prächtige Kleidung derjenigen, die bei Pilatus steht, läßt darauf schließen, daß seine Frau hier selbst gekommen ist, um ihm von dem Traum zu erzählen und ihn zu warnen. (Bild und Text aus: http://brautdeslammes.blogspot.com/2011/04/der-traum-der-frau-des-pilatus.html?m=1)

ferner:

http://www.gertrud-von-le-fort.eu: die Webpräsenz der Literaturgesellschaft Gertrud von le Fort e. V.
https://www.deutschlandfunkkultur.de/frau-pilatus-hatte-einen-traum….Frau Pilatus hatte einen Traum von Herma Brandenburger (Kirchensendung im Deutschlandfunk, 2010)

Gertrud von le Fort
Die Frau des Pilatus
diese Ausgabe: Insel-Verlag, HC, ca 60 S., 1956

 

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