Anthony McCarten: Licht

Um 1890 tobte in den USA ein Krieg, der sogenannte war of currents, der Stromkrieg (https://de.wikipedia.org/wiki/Stromkrieg). Kontrahenten dieses Krieges waren auf der einen Seite der Erfinder Thomas Alva Edison, dessen Einfluss auf die technische Entwicklung der modernen Industriegesellschaft, die damals am Anfang stand, kaum zu überschätzen ist und auf der anderen Seite Nicola Tesla, ein genialer Techniker mit, sagen wir einmal, etwas exzentrischen Eigenschaften. Beide Erfinder hatten ihre Geldgeber: bei Edison war dies der Bankier J.P.Morgan, bei Tesla war es der Bankier und Industrielle Westinghouse, beides Namen die heute noch geläufig und (als Firmen) bedeutend sind. Dieser Stromkrieg, die Auseinandersetzung, ob zur Nutzung der immer noch mysteriösen Elektrizität zur Erzeugung von (elektrischem) Licht Gleichstrom – Edisons Überzeugung – oder Wechselstrom – wie Edisons Kontrahenten meinten – geeignet sei, steht im Mittelpunkt des biographischen Romans des Neuseeländers McCarten.

Die Geschichte als solche, die hinter diesem Roman steht, ist kein Geheimnis, sie ist in vielen Publikationen nachlesbar (z.B. hier: https://www.geo.de/magazine/geo-kompakt/6553-rtkl-erfinder-nikola-tesla-das-betrogene-genie oder auch im SpON: http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/duell-der-erfinder-gleichstrom-gegen-wechselstrom-a-549109-2.html, andere Quellen sind leicht zu finden). Es ist die Auseinandersetzung zweier genialer Erfindert, Edison und Tesla, wobei McCarten letzteren von  nur am Rande in der Geschichte erscheinen läßt, Licht ist ein Roman, der den Berühmteren der beiden in den Mittelpunkt stellt [Im gewissermaßen Ausgleich für die geringere Popularität ist das „Tesla“ aber 1960 als SI-Einheit für die magnetische Flussdichte festgelegt worden, wird die Stärke von Magnetfeldern beschrieben, stößt man immer wieder mal auf diese Einheit]. Die Zeitumstände waren damals revolutionär: die technische Entwicklung begann mir Siebenmeilenstiefeln voran zu schreiten, der Charakter der Wirtschaft änderte sich fundamental, Morgan, der Geldgeber von Edison, steht exemplarisch für diesen Wandel: er war der Meinung, daß die weitgehend korrupte Klasse der Politiker sowie die Industriemagnaten wie Rockefeller ausgedient hätten und jetzt die Bankiers die ‚Macht‘ übernehmen sollten. Gerade Morgan, dies wird gegen Ende des Romans in einer kurzen Episode geschildert, war beim Aufbau solcher Industriekonglomerate, die er mit seinem Bankenimperium beherrschte, sehr erfolgreich, so erfolgreich, daß sie durch Gerichte zerschlagen werden mussten: er war so beherrschend, daß  Konkurrenz und Wettbewerb quasi ausgeschaltet waren [ein Zustand, der von/in bestimmten Bereichen des heutigen Wirtschaftslebens nicht ganz unbekannt sein dürfte], die beschäftigten Arbeiter wurden ausgebeutet und schlecht behandelt.



Licht spielt auf zwei Ebenen. In der Rahmenhandlung finden wir den achtzigjährigen Edison, der mit einem Sonderzug in der Begleitung seiner Frau Mina zu einer ehrenvollen Feier fährt: dem 50. Gebutstag seiner [was angezweifelt werden kann] wohl größten Erfindung, der Glühbirne. Diese Feier ist ihm keineswegs recht, am liebsten würde der eigenbrötlerisch Gewordene ihr entkommen. Und genau das setzt er auch in die Tat um: er verläßt den an einem Zwischenstopp haltenden Zug heimlich genau in dem Moment, in der er wieder zur Weiterfahrt in Bewegung setzt.

So sitzt er jetzt da auf einen sich im Prozess des Verfalls befindlichen Bahnhof, an den er sich als ein früher erinnert, als hier Menschen hin und her wuselten und Leben herrschte. Aber die Ruhe ist dem alten Mann recht, auf einer Bank sitzt er nun und die Erinnerung an sein Leben drängt nach oben… Er weiß, daß er nur wenig Zeit hat, wenn man sein Verschwinden bemerkt, wird der Zug zurückkommen, ihn abzuholen….. Was hat er aus seinem Leben gemacht, was ist aus seinen Idealen geworden, wieso hat er sie ein ums andere Mal verraten, ist schuldig geworden an den Menschen, an vielen, auch an besonderen?

Wir als Leser begleiten Edison auf dieser Erinnerungstour in die Vergangenheit, die ein Ausflug wird in die Geschichte der Elektrifizierung der Welt, in die Geschichte der Konkurrenz zweier genialer Erfinder, die unterschiedliche Systeme entwickelt haben, bei der Eifersucht und Neid eine große Rolle spielen und die in der wirklich sehr abscheulichen Geschichte der Entwicklung des elektrischen Stuhls durch Edison und sein Labor als Verleumdungskampagne gegen Tesla und Westingouse gipfelt [hier kann man sich diese Geschichte per Video ansehen: Link zu youtube], denn der Gleichstromverfechter Edison entwickelt den Stuhl mit dem Teslaschen Wechselstrom, um diesen unverkennbar mit dem Begriff „tödlich“ zu diffamieren. Und sozusagen als i-Tüpfelchen auf diesem moralischen Abgrund noch folgende Infamie: Edison schlug damals sogar vor, das Hinrichten auf dem elektrischen Stuhl „to westingouse“ zu nennen. Diese Episode zu lesen ist anstrengend, weil hier wissenschaftlich-technisches Procedere pervertiert wird. Es eine Geschichte der Heuchelei, der Amoralität und der Grausamkeit ist: die Hinrichtung mit dem elektrischen Stuhl wird unter Ignorieren aller praktischen Erfahrung mit Tieren und dem ersten Delinquenten [das Facit McCartens nach seiner quälenden Darstellung der Exekution … Sie hatten ihn geröstet; der Raum füllte sich mit dem Geruch von angebranntem Rinderbraten. …] als zivilisiert, schnell und schmerzlos per Gesetz eingeführt.

Dieses Ereignis ist ein Wendepunkt im Leben Edisons. Schon die Entwicklungsarbeiten [i.e. das Rösten von Haustieren bis hin – im Roman – zu einem Orang-Utan] führten ihn an den Rand dessen, was er eigentlich ertragen konnte, doch er brauchte unbedingt den wirtschaftlichen Erfolg seines Systems, diesem vermeintlichen Zwang ordnete er alles unter, war er auch zum absoluten Verrat an seinen Idealen bereit: Wissenschaft und Technik, die der Menschheit dienen sollten, missbrauchte er zum (grausamen) Töten. Danach entfloh Edison der Welt, verließ seine junge Frau, ging in die Berge, wo er völlig sinnfrei nach Erz grub. Nach drei Jahren konnte ein ehemaliger Mitarbeiter ihn wieder in die Zivilisation zurückholen, seine Frau nahm ihn wieder auf – jedoch zu ihren Bedingungen. Ich denke, was besseres konnte ihm nicht mehr passieren, zumindest nicht in der Konstellation, wie sie McCarten darstellt.

Sein Geldgeber J.P. Morgan hatte mittlerweile die Fronten gewechselt, das System Teslas und Westinghouse‘ war besser und Morgan schlug Westinghouse die Zusammenarbeit vor. Edison wurde ausgebootet und ausgezahlt, es war nicht mehr allzuviel Geld, das ihm gehörte, er war im Vernichten von Kapital nicht weniger gut wie im Erfinden, eine Legende blieb er dennoch für ganz Amerika.


Der deutsche Titel des Romans, der im Original Brilliance heißt, was ja eher Brillanz bedeutet, führt ein wenig in die Irre, denn es geht nur im Vordergrund um die Elektrifizierung von Stadt und Land. Die grundlegende Frage, der McCarten am Beispiel Edisons nachgeht, ist die der Ambivalenz von Wissenschaft und Technik auf der einen Seite (die altbekannte Auseinandersetzung zwischen ‚Gut‘ und ‚Böse‘, hier: Licht vs. elektrischer Stuhl) und die nach der Bereitschaft eines ehrgeizigen, eifersüchtigen Menschen, seine Ideale – gegen besseres Wissen – über Bord zu werfen und zu verkaufen.

McCarten schildert den Menschen Edison als leicht verschroben, als genial zwar, aber auch als Menschen, der sich für einige Silberlinge, sprich: das durchaus angenehme Leben im Kreise von Morgan und seinen Kumpanen, verkauft, der seine Ideale verrät, der auch privat nicht einfach war. Es gibt einiges an skurrilen Situationen. Edison war von Jugend an schwerhörig („80 Dezibel“), durch Zufall und schon damals moralisch zweifelhafte Handlungsweisen bekommt er eine Stellung beim Telegraphenamt und lernt Morsen. Dieses Morsen wird sein Kommunikationskanal, mit seiner ersten Frau verständigt er sich nur über Morsen, man legt sich Hände unterm Tisch auf die Oberschenkel und morst… seine zweite Frau Mina schließt er aus, sie sitzt auf der ersten Gesellschaft, die sie nach der Hochzeit gibt, mit den Gästen und ihrem Mann am Tisch, kein Gespräch ist zu hören, alle klopfen nur auf dem Tisch ihre Botschaften, man unterhält sich glänzend – bis auf eben Mina.

Solche biographischen Romane sind immer schwierig zu lesen: man weiß als Leser nie, was der Fantasie des Autoren entsprungen ist und was real belegbar ist. Oder, wie McCarten selbst es in einer Nachbemerkung formuliert: Wie stets, wenn ein fiktives Werk auf realen Fakten beruht, ist der Leser gefragt, diese beiden Elemente gegeneinander abzuwägen. Jedenfalls tritt der Mensch Edison in McCartens Romans deutlich stärker in den Vordergrund als in anderen Zusammenfassungen übe den Erfinder, die sich auf mehr auf seine erfinderischen und geschäftlichen Aktivitäten konzentrieren [wie z.B. dieser Wiki-Beitrag: https://de.wikipedia.org/wiki/Thomas_Alva_Edison]. Zudem fand dieses Leben in einer Epoche statt, in der viele Weichen für technische und gesellschaftliche Entwicklungen gestellt wurden, deren Auswirkungen bis in die heutige Zeit reichen, auch dies macht den Roman interessant und lesenswert. 

Daß McCarten ein großartiger Erzähler ist, ist eigentlich mittlerweile ein Allgemeinplatz und muss nicht wiederholt werden. Dies gilt natürlich auch für diesen Roman, den man, hat man mal angefangen, nicht mehr aus der Hand legen will: er ist eine intelligente, spannende, unterhaltende und fesselnde Lektüre über eine herausragende Persönlichkeit, die viel Licht, aber auch viel Schatten warf. 

Weitere Romane von McCarten, die ich hier im Blog schon vorgestellt habe:

– Englischer Harem
– Hand aufs Herz
– Ganz normale Helden
– funny girl
– Jack 

Anthony McCarten
Licht
Übersetzt aus dem Englischen von Manfred Allié und Gabriele Kempf-Allié
Originalausgabe: Brilliance, London, 2012
diese Ausgabe: Diogenes, TB, ca. 360 S., 2017

Ich danke dem Verlag für die Überlassung eines Leseexemplars.

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