Philip Roth: Portnoys Beschwerden

Philip Roth, einer der wichtigsten der Nicht-Nobelpreisträger (wobei diese Auszeichnung ja im letzten Jahr heftig beschädigt worden ist…) hat viele wichtige Bücher geschrieben, ein paar sehr wenige davon habe ich im Lauf der Jahre hier im Blog vorgestellt [Mein Leben als Sohn; Jedermann – Everyman und Der menschliche Makel]. Wenngleich Roth schon 1950 den National Book Award zugesprochen bekam, wurde er einer großen Öffentlichkeit weltweit wohl durch das vorliegende Werk Portnoys Beschwerden [Portnoy’s Complaints], das im Original 1969 veröffentlicht wurde und schon ein Jahr später in deutscher Übersetzung bei Rowohlt erschienen war, bekannt. Die von mir gelesene und im nachfolgenden vorgestellte Buchclubausgabe beruht auf der ersten Übersetzung von Kai Molvin, der später dann noch eine Übersetzung von Werner Schmitz folgen sollte. Beide Übersetzung werden jedoch, so steht es geschrieben [https://de.wikipedia.org/wiki/Portnoys_Beschwerden], als …“gute und verlässliche, aber mit Notwendigkeit je unvollkommene Arbeit…“ bezeichnet.

Das der Roman so erfolgreich wurde, ist nicht verwunderlich. Oder vielleicht doch, denn im Grunde ist das ganze Buch eine einziger Monolog, den der 1933 geborene Alexander Portnoy auf der Couch seines Psychoanalytikers Dr. Spielvogel hält, der selber nur an einer einzigen Stelle im Roman, auf der letzten Seite, persönlich in Erscheinung tritt, als er nämlich vorschlägt: Dann wollen wir mal anfangen. Ansonsten gibt es wenige Stellen im Text, in denen der monologisierende Portnoy sein Gegenüber direkt anspricht.

Was soll man zu diesem Roman schreiben? Sagen wir einfach was zur Person Portnoys. Dieser wurde 1933 geboren als Sohn jüdischer Eltern, der in einem jüdischen Viertel New Yorks aufwächst. Der Vater, ähnlich wie der Vater des Autoren, ist als Versicherungsvertreter im Aufschwatzen von Versicherungen auch an Menschen, die gar nicht wissen, was das ist, so erfolgreich, daß er von diesem Posten nie wegbefördert wird. Ansonsten leidet er unter chronischer Obstipation, gegen die er mit strenger Diät vorgeht. Wie auch sein Sohn steht er im Schatten der Mutter, die wie eine Karikatur jüdischer Mütter alles vereinnahmend unumschränkt über die Familie herrscht bis hin zu Handlungen, die heutzutage als sexuell übergriffig gewertet würden, sicherlich aber auch seinerzeit schon aus dem Rahmen des Üblichen fielen. Aus dieser heiklen Konstellation entwickelt Roth köstlich-beklemmende Szenen, wenn etwa die Mutter durch tätige Mithilfe dem Sohn beibringt, wie ein Mann im Stehen zu Pinkeln…

Der Sohn, nämlicher Alexander, Bruder einer älteren Schwester, fühlt sich zunehmend bedrängt von dieser Mutter, von dem jüdischen Leben der Familie, von den Einschränkungen und Massregelungen – und von seiner erwachenden Sexualität. Sein Protest gegen diese Zwänge ist ein von ihm proklamierter Atheismus, der sich an kommunistischen Idealen orientiert und die exzessive Extremmasturbation, nachdem er das entsprechende Alter erreicht hat. Auch bei letzterem weiß Roth dem Akt die peinliche Note weitgehend zu nehmen und ihn in ein groteske Slapstickstück zu wandeln: beispielsweise läßt er Alex während des gemeinsamen Mittagsessens der Familie unter der fadenscheinigen Entschuldigung eines diarrhörischen Anfalls aufspringen und aufs Klo rennen. Dort, mit einer über den Kopf gezogenen getragenen Unterhose seiner Schwester, deren BH er zwischen Türklinke und einem Haken aufgespannt hat, befriedigt er sich. Im Rubbelwahn sieht er sogar deren Brüste wackeln, doch es ist nur die Mutter, die an der Klinke rüttelt, nach dem kranken Sohn (hat er unkoscher gegessen? Schweinefleisch?) zu sehen. Während sie also diesen auffordert, seine Hinterlassenschaft nicht in die Kanalisation zu spülen, sie wolle sie kontrollieren, murrt im Hintergrund lautstark der Vater, der gerade jetzt auf die vom onanierenden Sohn blockierte Toilette könnte und wollte…. von solchen absurden Szenen gönnt uns Roth eine ganze Menge.

WEIL IHR VERDAMMTEN JÜDISCHEN MÜTTER EINFACH NICHT ZU ERTRAGEN SEID.

Alexander Portnoy ist sehr intelligent, weit über MENSA-Eingangsniveau. So ist er beruflich (biografisch überspringe ich jetzt viel) durchaus erfolgreich, jedoch weit davon entfernt, mit seinem Leben zufrieden zu sein. Ein jüdischer Mann, dessen Eltern noch leben, ist immer so hilflos wie ein Säugling. Wobei es in Portnoys Fall nicht wirklich um die Eltern geht, sondern um die Mutter, die ihren Sohn wie ein Dibbuk in den Klauen hält und der alle dessen Versuche, ihr zu entkommen, nichts anhaben können. Der Versuche sind es viele, der Unglaube ist einer davon, das Masturbieren ein anderer, der sich mit zunehmendem Alter immer stärker entwickelnde Drang, Schicksen an die Brüste und unter die Unterwäsche zu gehen, ein anderer. Auch dies schildert Roth in einer Art und Weise, daß man beim Lesen nicht weiß, ob man Lachen oder Weinen soll, daß sich bei Portnoy eine ausgewachsene Beziehungsunfähigkeit aufgebaut hat, muss wohl kaum betont werden… Wie auch immer, letztlich landet Alex beim „Äffchen“, einem Unterwäschemodel, das weniger durch intellektuelle Leistungen als mehr durch eine hemmungslose Sexualität auffällt. Aber selbst diese so lang von Alex erträumte Konstellation endet nicht glücklich, sondern mit einer Suiziddrohnung.

In Israel schließlich, einem Land voller Juden, einem Land, in dem eigentlich glücklich sein sollte, nein, auch dort klappt es nicht. Die hysterische Angst vor einem Schanker, den er sich beim flotten Dreier in Rom mit Äffchen und einer Prostituierten zugezogen haben könnte, lähmt den Hauptdarsteller seiner Fantasien, der einfach weiter abhängt und seinen Dienstantritt bei der Leutnantin der israelischen Armee verweigert….


Roth zeichnet Portnoy als tragische Figur, die sich nie von dem Unglück, eine jüdische Mutter zu haben, lösen kann. Hat diese ihn als Jüngling und jungen Mann in eine Art Sexsucht getrieben, führt sie später zu seiner Impotenz. Denn nie kommt Portnoy gegen das Gefühl der Scham auf, gegen Schuldgefühle und auch gegen die Angst, für seine exzessive Lust bestraft zu werden, nicht zuletzt seine fast schon manische Fixierung auf Schicksen, von denen er eine sogar mal nach Hause mitbringt, um ihr jüdisches Leben zu zeigen.

Dieses jüdische Leben zeigt eine Familie, die nach den Erfahrungen des Zweiten Weltkrieges darauf bedacht ist, das Jüdische an ihre Kinder weiterzugeben. Es ist auch für uns Leser der Hintergrund der Geschichte. Als Kind noch unterwirft sich Alex diesem Ideal, später rebelliert er dagegen, fühlt sich andererseits als Jude anderen überlegen. Es ist daher für ihn selbstverständlich, daß eine Schickse, wollte sie von ihm geheiratet werden, zum jüdischen Glauben konvertiert, was diese jedoch natürlich ablehnt – dahin die Beziehung. Überhaupt ist Portnoy unfähig, Beziehungen einzugehen. Das Äffchen beispielsweise ist für ihn nur eine Spielwiese für seine erotischen Bedürfnisse, eine Ehe, die sich die Frau insgeheim wünscht, für ihn unvorstellbar. So ist es wenig verwunderlich, daß die jüdische Leutnantin ihn nach seinem verunglückten Vergewaltigungsversuch (den sie, die ihm körperlich überlegen ist, locker abwehrt) einfach nur als „Schwein“ tituliert, das sich selbst hasst.

In seinem Monolog bietet Portnoy vielfache Interpretationen seines Handelns, seiner Gedanken, seiner Süchte. Spielvogel, sein Psychiater, dagegen bleibt stumm, er läßt seinen Patienten schwadronieren, ihn gedanklich hin- und herspringen, der biographische Pfeil Portnoys weist daher kleiner Schleifen auf. Die ganze Geschichte ist witzig geschrieben, sie scheut sich nicht vor Obszönem, das jedoch nie obszön daher kommt, sondern das so skurril erzählt wird, daß es einfach nur zum Lachen reizt. Bei aller Unterhaltsamkeit, die Roth uns mit seinem Werk gönnt, ist der Roman jedoch an keiner Stelle seicht ober oberflächlich, im Gegenteil denke ich, man kann ihn (und dies wird wohl auch geschehen sein) in extenso interpretieren und deuten.

Obwohl also schon nicht mehr ganz frisch, kann ich jedem, der sich intelligent unterhalten lassen möchte, diesen Roman nur ans Herz legen.

Philip Roth
Portnoys Beschwerden
Übersetzt ins Deutsche von Kai Molvig
Originalausgabe: Portnoy’s Complaint, NY, 1969
diese Ausgabe: Deutsche Buchgemeinschaft, HC, ca. 250 S., (nach der Ausgabe bei Rowohlt von 1970)

 

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