Anne Tyler: Launen der Zeit

Die amerikanische Autorin Anne Tyler, 1989 mit dem Pulitzer Price ausgezeichnet (http://www.pulitzer.org/prize-winners-by-year/1989; eine Würdigung, die der Verlag auf seiner Autorenseite kurzerhand in das Jahr 1988 vorverlegt hat, er wird seine Gründe dafür haben…. https://keinundaber.ch/de/autoren-regal/anne-tyler/) war mir bis dato unbekannt. Dabei ist die in Baltimore lebende Anne Tyler eine produktive Schriftstellerin, auf der schon zitierten Autorenseite wird die Zahl von zweiundzwanzig Romanen angegeben. Nun ja, man kann nicht alles und jede/-n kennen und das hat sich ja nun auch mit diesem Roman geändert.


2013 erschien in der ZEIT eine lesenswerte Würdigung der Autorin (Ilka Piepgras: Der Wert des Schweigens; in: https://www.zeit.de/2013/11/Schriftstellerin-Anne-Tyler-Gegenwartsliteratur/komplettansicht), in der ich vieles, was den vorliegenden Roman angeht, wieder erkannt habe, Tyler ist ganz offensichtlich ihrem Sujet treu geblieben. Es geht um Familie, um Geborgenheit, um Beziehungen, um das komplexe Leben miteinander, um die Frage auch, wie man mich in dieser Familienstruktur platziert. ‚Man‘ ist in diesem Fall Willa, die wir als elfjähriges Mädchen kennenlernen, im Jahr 1967. Sie leidet mit ihrer jüngeren Schwester Elaine (und ihrem Vater) unter der Sprunghaftigkeit, der Unzuverlässigkeit der Mutter, die hin und wieder einfach verschwindet, nicht mehr da ist und die so in den Kindern Angst hervorruft, was dieser, was jeder anbrechende Tag bringen mag. Kommt sie wieder, wann und in welcher Stimmung ist sie dann? Zusammen mit dem ruhigen und leisen Vater überbrücken sie diese Zeit der Verlorenheit, bis die Mutter dann wieder da ist als ob nichts gewesen wäre.

Damit hat mich Tyler – ich muss es zugeben – anfangs in die Irre geführt, dachte ich doch, es ginge um eine ’normale‘ Mutter-Tochter-Beziehung. Doch dem ist nicht so. Dafür sind die Sprünge, in denen Tyler durch das Leben ihrer Protagonistin zieht, zu groß. So begegnen wir Willa im nächsten Abschnitt erst zehn Jahre später als Studentin wieder, die mit ihrem Freund Derek zusammen ist und diesen mit zu ihrer Familie nimmt. Die beiden sind heftig verliebt, Derek macht Willa einen Antrag, sie zögert, aber als Verlobte betrachten sie sich, aber dieses Vorhaben wird von den Eltern Willas nicht gutgeheißen. Sie wollen, daß Willa ihre Ausbildung fertig macht, aber letztlich ist der Zug zu Derek stärker, die Fassade der Freundlichkeit, die den Besuch bei Willas Eltern dato beherrschte, bricht zusammen…

Wieder ein großer Zeitsprung von zwei Jahrzehnten, Derek und Willa haben zwei Söhne, Sean und Ian. Derek ist beruflich erfolgreich, Willa, jetzt Anfang vierzig, hat nach ihrer frühen Schwangerschaft nie fertig studiert. Ein wenig aufbrausend ist ihr Derek, wäre es gelassenere gewesen, wäre es nie zu diesem schlimmen Unfall gekommen. Jetzt steht Willa allein mit ihren Söhnen da, denen sie in Erinnerung an ihre eigene Kindheit immer versucht hat, eine unauffällige Mutter zu sein, bei der man keine Überraschungen zu befürchten hat, die verlässlich ist, die sich selbst zurücknimmt als Person. Der Verlust ihres Mannes wiegt schwer, nur langsam schafft es Willa, aus ihrer Trauer heraus wieder ein aktives Leben zu führen.

Im (so möchte ich sagen) Hauptteil des Romans, der dann ins Jahr 2017 gelegt ist, finden wir Willa erneut als Ehefrau wieder. Peter ist Rechtsanwalt, hat sich weitgehend aus seiner Kanzlei zurückgezogen und frönt in der Hauptsache dem Golfen, einer Tätigkeit, der Willa nichts abgewinnen kann. Und in Tucson, wohin das Paar der guten Golfbedingungen wegen hin gezogen ist, ist ein Kaktus ihr bester Freund. Auch in dieser Ehe sind die Verhältnisse klar, für Peter ist Willa ein ‚Kleines’…

Ein Anruf als Baltimore (der Stadt in der auch die Autorin lebt) sollte dies ändern, auch wenn das natürlich nicht von Anfang an absehbar ist. Denise, eine Verflossene von Willas Sohn Sean, ist angeschossen worden, die neunjährige Tochter Cheryl muss betreut werden und die damit völlig überforderte Nachbarin hat ausgerechnet die Telenonnummer von Willa auf einem Notizzettel in Denises Wohnung gefunden und diese in der Annahme, sie sei die Oma, angerufen und um Hilfe, vor allem aber Ablösung bei der Kinderbetreuung, gebeten.

Warum eigentlich nicht? Sie hat ja sonst nichts zu tun… Willa entschließt sich, nach Baltimore zu fliegen, Peter versteht das zwar nicht, aber da Willa in seinen Augen ja doch unselbstständig ist, fliegt er kurzentschlossen mit. In Baltimore finden die beiden sozusagen das richtige Leben vor: einen Mikrokosmos von Menschen mit unterschiedlichsten Eigenschaften, von liebenswürdig bis seltsam, sozusagen eine richtige kleine Lindenstraße (obwohl ich mich bei diesem Vergleich auf dünnem Eis bewegen, habe ich doch keine einzige Folge dieser Serie gesehen…). Peter ist und bleibt ein Fremdkörper in diesem Biotop, während Willa sich im Lauf der Tage immer wohler fühlt. Sie organisiert, kauft ein, kocht, versteht sich blendend sowohl mit der ‚Enkel’tochter Cheryl als auch mit dem Hund des Hauses.

Willa hat bei Denise und Cheryl eine Aufgabe gefunden, sie stellt sich den Herausforderungen dieses speziellen Alltags, in den sie hineingeraten ist, und in demselben Maß, in dem sie zunehmend Handlungskompetenz gewinnt, tritt der innerliche Abstand zu ihrem bisherigen Leben als Peters Frau (und auch als Seans und Ians Mutter) hervor und in den Telefonaten mit Peter, der inzwischen entnervt zurück nach Tucson geflogen war, verläuft der Heilungsprozess von Denises Schusswunde sehr, sehr langsam…


Launen der Zeit ist ein hübscher, kleiner Roman über eine Frau, die erst in fortgeschrittenem Alter zu sich selbst findet. Tyler vermittelt uns in den einzelnen Abschnitten prägende Epochen oder Ereignisse dieses Lebens. Die Kindheit, geprägt durch die Sprunghaftigkeit der Mutter, die nie das Gefühl einer schützende Sicherheit und Geborgenheit bei den Kindern entstehen ließ; der Flug mit Derek zu den Eltern, auf dem Willa ein schlimmes Erlebnis hatte, das ihr aber niemand glaubte, man gab ihr eher das Gefühl, ein kleines Dummchen zu sein; dann dieser schlimme Unfall, der sie zwang, ihr Leben neu zu organisieren, was offensichtlich in einer weiteren Ehe mündete, in der sie wiederum unselbstständig die ‚Kleine‘ war, die sich unterzuordnen hatte. Von ihrem Mann als Spleen abgetan, findet Willa jedoch in dieser seltsamen Konstellation als Pseudo-Großmutter etwas, was sie bisher noch nicht erlebt hatte: Menschen, die sie so nahmen, wie sie ist, die sie akzeptierten, die ihr Erfolgserlebnisse vermittelten und die sie emotional einhüllten.

Es geht in dem Roman um Willa, die anderen Figuren werden nur insoweit dargestellt, wie sie für Willas Geschichte wichtig sind. Das läßt Fragen offen, die einen interessieren würden, warum beispielsweise ist Elaine, Willas Schwester, so schroff geworden, oder auch nach den Söhnen, die kein besonders inniges Verhältnis zur Mutter zu haben scheinen, obwohl Willa sich die große Mühe gegeben hatte, gerade anders zu sein wie ihre eigene Mutter, um den Kindern eine ‚gute‘ Kindheit zu geben….

Tyler schreibt in diesem flüssigen Erzählstil, der einem beim Lesen mitnimmt. Es gibt keine tiefgründigen philosophischen Gedankengänge zu ergründen, alles ergibt sich automatisch aus den Schilderungen der jeweiligen Situationen und den vielen Dialogen, die die Lektüre der Geschichte kurzweilig machen. Es entsteht in der Tat so eine Atmosphäre, als ob man ‚dabei‘ sei, mittendrin, wie im Film sich eine Kameraeinstellung von oben in eine Situation hineinzoomt, bis man ‚drin‘ ist. Tylers Bücher sind Gratwanderungen, denn mit Rechtschaffenheit geht schnell Biederkeit einher, mit Häuslichkeit spießige Behaglichkeit schreibt Piepgras  in ihrem Aufsatz, konstatiert aber, daß Tyler diese Gratwanderung gelingt, insofern sollten ihre Geschichte auch einen Blick freigeben auf die Gesellschaft des amerikanischen Alltags. Gilt dies auch für diesen neuen Roman? Ich kann es nicht sagen, ich kann nur festhalten, daß mir automatisch der Begriff „eine nette Geschichte“ zu Willas Schicksal in den Sinn kam, eine Geschichte, die ich gerne gelesen habe. Das Ende von Willas Geschichte läßt Tyler unentschieden, im wahrsten Sinne des Wortes: ihr stehen auf einmal viele Möglichkeiten offen, ihr Leben selbst zu gestalten und in die Hand zu nehmen. Dazu ist es, dies kann man auf jeden Fall aus der Geschichte mitnehmen, nie zu spät.

Anne Tyler
Launen der Zeit
Übersetzt aus dem Amerikanischen von Michaela Grabinger
Originalausgabe: Clock Dance, NY, 2018

Ich danke dem Verlag für die Überlassung eines Leseexemplars.

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