Michel del Castillo: Der Plakatkleber

Zu den großen Kriegen, die im letzten Jahrhundert in Europa stattfanden, gehört, auch wenn man ihn meist nicht so präsent hat, der Spanische Bürgerkrieg von Juli 1936 bis August 1939. Hier im Blog ist dieser Krieg ebenfalls mit ’nur‘ zwei Titel vertreten, einem älteren Roman von Stefan Andres Wir sind Utopia  (https://radiergummi.wordpress.com/2014/08/07/stefan-andres-wir-sind-utopia/) und einem neueren Titel von Jason Webster: ¡Guerra!, einer Art Reisebericht durch Spanien auf den Spuren des Bürgerkriegs (https://radiergummi.wordpress.com/2014/11/04/jason-webster-guerra/).

Von Nordafrika ausgehend putschten seinerzeit die Faschisten unter General Franco gegen die Zweite Spanische Republik, einem Bündnis aus Republikanern und Sozialisten. Dieser Krieg Spaniens gegen sich selbst wurde von beiden Seiten mit großer Grausamkeit geführt, er war sozusagen ein Vorspiel zum Zweiten Weltkrieg. Die Faschisten aus Deutschland und Italien unterstützten Franco, die Legion Condor ist Symbol dafür geworden, mit seinem Gemälde Guernica  (https://de.wikipedia.org/wiki/Guernica_(Bild)) hat Picasso ein Mahnmal gegen deren Wüten geschaffen. Andere Staaten, wie die USA, Frankreich oder England, hielten sich heraus, auf der anderen Seite war die Unterstützung der Sowjetunion für die Sozialisten und Kommunisten gering, musste ausserdem teuer bezahlt werden. (Ein kurzer Überblick über die damaligen Ereignisse findet sich z.B. hier: http://www.bpb.de/politik/hintergrund-aktuell/231078/1936-spanischer-buergerkrieg-14-07-2016.)

Das Leben des Autoren ist durch diesen Krieg geprägt. Michel del Castillo wurde 1933 als Kind eines französischen Vaters und einer spanischen Mutter in Madrid geboren. Nach der Scheidung der Eltern versuchte die Mutter dem Bürgerkrieg mit ihrem Kind in Südfrankreich zu entgehen. Dort kamen sie in ein Internierungslager, wurden später denunziert und 1942 nach Mauthausen deportiert. (http://www.elle.fr/Personnalites/Michel-Del-Castillo, bzw. auch https://de.wikipedia.org/wiki/Michel_del_Castillo)


Den vorliegenden Roman hat del Castillo als fünfundzwanzigjähriger junger Mann veröffentlicht, er verarbeitet darin sowohl die eigenen Erfahrungen des Bürgerkriegs als auch die anderer: Ich habe mich nur an das gehalten, an das ich mich erinnere, und an das, was mir Dutzende von glaubwürdigen Zeugen erzählt haben.  Ebenso hält er fest:  Als ich die Augen [als Kind] öffnete, fiel mein Blick zunächst auf blutige Szenen. Die lyrischen Tiraden der Republikaner und Einschläge der Bomben waren die Wiegenlieder meiner frühen Kindheit. In einem Alter, in dem Kinder sonst mit einem Teddybären in den Armen einschlafen, ging ich mit leerem Magen und zugeschnürter Kehle in den Keller des Hauses, das ich mit meiner Mutter bewohnte. Der Bürgerkrieg, der das Land, in dem ich geboren war, zerriß, hat mich für lange Zeit zu einem Verbannten und Geächteten gemacht. Ich bin ein Produkt dieses Krieges.

Die Handlung des Romans setzt schon auf den ersten Seiten unvermittelt und brutal ein. Die Mutter schlägt den kleinen Bruder, der große Bruder schlägt die Mutter, erfährt daraufhin von dem Kleinen, daß er diese gesehen hat, wie sie es mit einem anderen Mann in irgendeiner Hausecke getrieben hat. Olny, der irgendwann in späteren Jahren mal ‚Plakatkleber‘ genannt werden wird, der jetzt der größere Bruder ist, nimmt daraufhin sein Messer, geht zu dem Mann, fordert ihn zu einem Kampf und tötet ihn. Es interessiert keinen außerhalb des Viertels, und innerhalb? Wird er zum Helden, sein Kampf wird von den Zuschauern diskutiert und analysiert.

Es ist das Barackenviertel in Madrid, ein Ort unsäglich erbärmlicher Zustände, ein Ort der Gewalt, der Brutalität, des Hungers, der Arbeitslosigkeit, der Hoffnungslosigkeit, des permanenten Alkoholrausches. Olny, die Titelfigur, hat ‚Arbeit‘, wenn man das so nennen will, er läuft den ganzen Tag mit einem Plakat behängt, durch Madrids Straßen, an den Cafés vorbei, in denen die Schönen und die Reichen den Tag genießen. Dafür erhält er eine Suppe am Mittag und soviel Geld, daß es für ein Brot reicht…

Durch Ramirez, einen Arbeitskollegen, kommt er in Kontakt mit einer Gruppe von Männern, die von einem kommunistischen Agitator mit Namen Santiago de Leyes unterwiesen wird und er ist begeistert – von dem, was der Mann erzählt und von Santiago selbst. Auf dem Rückweg von dem Treffen zerstreitet er sich jedoch mit Ramirez wegen dieses Mannes, konstatiert Ramirez doch ungerührt, die Revolution werde auch Santiago liquidieren. … Er ist adlig und er ist nicht zuverlässig. … Die Revolution ist dazu da, um diese Leute zu beseitigen. ..Er kriegt dann ’ne schöne Beerdigung.

Olny hat noch Träume und er verliebt sich in Marianita, einem Mädchen, dem er früher einmal mit seiner Clique Gewalt angetan hatte. Jetzt jedoch findet er Frieden in ihrer Gegenwart und zusammen mit Francisco, Olnys jüngeren Bruder, verlassen sie das Barackenviertel, in der Hoffnung auf ein besseres Leben. Sie finden es nicht, und schließlich kommen sie zu Santiago und dieser hilft ihnen, bringt sie unter, sorgt für Arbeit und zusammen mit dem Kind, das Marianita unter dem Herzen trägt, könnte die Zukunft gelingen.

Die Zeiten sind unruhig in Madrid, immer wieder kommt es zu Schlägereien, Olny engagiert sich mittlerweile politisch, er ist Kommunist geworden, wird der ‚Plakatkleber‘. Eines Abends wird er von Faschisten aufgegriffen und erst Santiago gelingt es, seinen Aufenthalt ausfindig zu machen… Marianita trifft nicht mehr den Olny an, den sie gekannt hat. In seiner Not sucht Olny, als er wieder zuhause ist, Ramirez auf, der mittlerweile Funktionär ist und bittet ihn um Hilfe. Obwohl sich beide mittlerweile hassen, ist Olny für Ramirez unangreifbar geworden, seine Qualen unter den Faschisten haben ihn zum öffentlichen Helden gemacht. So übt Ramirez‘ seine Rache an Olny subtiler, aber um nichts weniger grausam, aus…

Olny ist zwar die Titelfigur des Romans, aber mindestens genauso wichtig ist Santiago de Leyes. Dieser entstammt einer adligen Gutsbesitzerfamilie, die anders als die meisten, sich gut um ihre Leute kümmert. Santiago teilt die Ideale des Kommunismus, den er den Arbeiten nahe zu bringen sucht, aber er merkt früh, daß etwas ins Kippen kommt, daß die Idee funktionalisiert wird, daß sich eine Clique von Kommunisten die Macht sichert und ihm wird klar, daß sie diese Macht mit allen Mitteln verteidigen wird. Die Revolution, auf die alle hoffen, ist für sie nur Mittel Zweck. Zudem kommt bei Santiago eine mystische Komponente ins Spiel. Die Frage nach Gott, nach einem gottgefälligen Leben, nach einem guten, sinnvollen Leben, tritt für ihn immer mehr in den Mittelpunkt. Santiagos Weg im Roman ist nicht einfach, für die Adligen ist er Verräter, weil er Kommunist ist, für die Kommunisten ist er Verräter, weil er Adliger ist und besonders auch, weil er die Partei verlassen hat. Jedoch findet er, je gefährlicher und entwürdigender seine Situation wird, seinen inneren Frieden. Letztlich ist er die einzige Figur des Romans, die in diesem Krieg mit Würde ausgestattet ist.

Der Bürgerkrieg wird von beiden Parteien mit großer Grausamkeit geführt, dazu kommen noch die Luftangriffe der Deutschen, die die Menschen in Angst und Schrecken versetzen, die viele Todesopfer fordern. „No pasarán – Sie kommen nicht durch“: mit diese Parole treten die schlecht oder gar unbewaffenten Männern den regulären Soldaten Francos entgegen. Sie können den einen oder anderen Erfolg erringen, aber letztlich werden sie geschlagen und Franco errichtet seinen faschistischen Staat. Die Schlussworte des Romans lauten:

Drei Jahre sind vergangen. General Franco hat den Krieg gewonnen. Seine Truppen sind über die Castellana [Der Paseo de la Castellana ist eine der wichtigsten Hauptstraßen von Madrid] marschiert. Eine begeisterte Menge hat ihnen zugejubelt.
Ramirez hat Madrid beizeiten verlassen können. Er lebt in Frankreich.
Olny ist mit Marianita zusammen wieder in die Barackenzone gezogen. Ihr Sohn ist beinahe vier Jahre alt. Die Kinder in der Zone behaupten, Olny sei verrückt geworden. Er verbringt seine Tage in den Kneipen und prügelt regelmäßig seine Frau.
Die Barackenzone ist von dem Krieg nicht sehr in Mitleidenschaft gezogen worden.

Der Kreis hat sich somit geschlossen. Die Lebensumstände für die Armen und Ausgebeuteten haben sich praktisch nicht geändert, alles war vergebens… die Hoffnungen waren umsonst.


In del Castillos Roman liegen die Sympathien eindeutig auf der Seite der Armen, der Arbeiter bzw. des Proletariats. Aber wie seine Figur des Santiago de Leyes sieht er, daß auch der Kommunismus, der vordergründig angetreten war, die Arbeiterklasse zu befreien, diese Freiheit nicht bringt, nicht bringen kann, in einem Nachwort rechtfertigt und erklärt er sich: Ich bin nie Mitglied der KP gewesen und bin infolgedessen auch keine Renegat. ich bin allerdings auch kein Antikommunist. Der Kommunismus hat weder Apologeten noch feindliche Kritiker nötig. Er ist, was er ist, und jeder muss Stellung zu ihm nehmen. … Die Anschuldigungen, die ich gegen die KP erhebe, die Verbrechen, für die ich sie verantwortlich mache, werden nur einige wenige einfältige Gemüter überraschen. Wir wissen alle, daß der Jubel von morgen immer mit den Tränen von heute bezahlt wird. [zur Erinnerung: der Roman wurde Ende der 1950er Jahre geschrieben].

Dieser Schilderung der politischen Situation und Lage stellt del Castillo in Santiago ebenfalls ebenfalls eine stark spitituell geprägte Sehnsucht nach Gott gegenüber. Das verbindende Element dieser beiden sich auf den ersten Blick zu fremd scheinenden Gedanken liegt in Jesu, der mit den Armen war, den Ausgestoßenen, den Geringen. Ihnen half er, ihnen brachte er Erlösung, zu ihnen sprach er… Den Widerspruch, den Santiago in der Praxis miterleben musste, daß nämlich der Kommunismus den Menschen als „seelenloses Werkzeug“ [Klappentext] missbrauchte, löste er, in dem er lossagte und sozusagen sein eigenes ‚Kreuz‘ bis zum bitteren Ende trug…

del Castillo schildert uns die Lebensläufe seiner Figuren, ihre frühen Hoffnungen auf ein zufriedenes Leben, die zunichte gemacht wurden und sie ins Elend stürzten. Er macht nachvollziehbar, daß die Menschen von der Verzweiflung übermannt/-fraut worden sind, daß sie hoffnungslos sind und sich betäuben, um darin einen Fluchtweg aus dem tristen Alltag zu finden – oder sich eben politisch zu engagieren und dem lockenden Trugbild einer gerechten Zukunft nachzulaufen. Diese Passagen des Buches nehmen ein wenig das Tempo aus der Handlung, sie sind reflektiv, beschreibend, analysierend, geprägt auch von Selbstgesprächen bzw. und Dialogen.

Die Handlung selbst stellte die trostlose Wirklichkeit des Lebens der Armen war, für die das Barackenviertel Madrids ein Symbol ist. Kurze Zeit flackert Hoffnung auf, bevor diese in einem blutigen Kampf, den die Männer mit dem an Verzweiflung grenzenden Mut führen, zerstiebt…

So ist del Castillos Roman Der Plakatkleber ein Stück Literatur, das traurig macht, aber auch eins, das mir wertvoll geworden ist, nachdem ich es durch Zufall auf einem Büchertisch (https://www.instagram.com/p/BiXHT1XAbcH/?hl=de&taken-by=aus.gelesen) gefunden hatte. Man merkt ihm sein Alter an, die Sprache ist – ohne daß ich dies in Worte fassen kann – anders als heute. Sicherlich erscheinen manche Passagen der Reflektion, des Dialoges langatmig, sind aber wichtig, die Motive und die Beweggründe der Handelnden zu verstehen. Der Roman ist wohl nur noch antiquarisch erhältlich, auf entsprechenden Plattformen wird er angeboten. Er ist für jeden, der sich mit diesem Thema Spanischer Bürgerkrieg auseinandersetzen möchte, auf jeden Fall eine Empfehlung wert, aber ist kein historischer Roman im engeren Sinne, da del Castillo – ich hoffe, ich habe dies deutlich machen können – auch viel Wert darauf legt, die inneren Konflikte seiner Figuren deutlich zu machen.

Michel del Castillo
Der Plakatkleber
Übersetzt aus dem Französischen von Sigrid von Massenbach
Originalausgabe: Le colleur d’affiches, Paris, 1958
diese Ausgabe: HC, Hoffmann und Campe, ca. 240 S., 1961

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