Sue Monk Kidd: Die Erfindung der Flügel

Dieser Roman der amerikanischen Autorin Sue Monk Kidd (von der ich mittlerweile schon mehrere Bücher hier vorgestellt habe: https://radiergummi.wordpress.com/?s=Sue+Monk+Kidd) ist der nächste Titel, der in meinem Lesekreis besprochen wird. Ich war mit diesem Vorschlag sehr zufrieden, dann ich mag die Art und den Stil der Autorin. Als Vorbereitung hatte ich dann jedoch zuerst zu den Granatapfeljahren (https://radiergummi.wordpress.com/2018/05/29/sue-monk-kidd-ann-kidd-taylor-granatapfeljahre/) gegriffen (in der berechtigten Hoffnung, damit die Autorin etwas besser kennen zu lernen), die schon seit geraumer Zeit in meinem Regal auf mich warteten. Nun also Die Erfindung der Flügel….


Die Erfindung der Flügel ist ein historischer Roman, der die wichtigen Stationen im Leben zweier mutiger und bemerkenswerter Frauen, der Grimké-Schwestern, nachzeichnet. Dazu führt uns Kidd zurück in das im Süden der USA gelegene Charleston des frühen 19. Jahrhunderts. Damit ist ein Bezug zur Autorin gegeben, denn diese wohnt in Charleston (wie sie dorthin gekommen ist, beschreiben die Granatapfeljahre); in einer New Yorker Ausstellung sah Kidd ein Bild, in dessen Legende sie auf die beiden Frauen stieß und die Frage hochkommen ließ, warum sie, die in Charleston wohnt, von dem beiden nichts wusste.

Den Lebensweg der Sarah Grimké (1792–1873) und ihrer Schwester Angelina Grimké (1805–1879) nachzuzeichnen bedeutet also cum grano salis den roten Fades des Romans in der Hand zu haben. Ich skizziere dies jedoch nur sehr kurz, denn für jeden, der das vertiefen möchte, bietet das Internet sowohl auf deutschen als auch auf englischsprachigen Seiten Informationen in gewünschter Ausführlichkeit.


Die Grimkés waren eine wohlhabende, sklavenhaltende und kinderreiche Familie in Charleston. Sarah war das sechste, Angelina das letzte der insgesamt vierzehn Kinder. Die schon als Kind unangepasste, aufmüpfige Sarah konnte ihrer Mutter das Versprechen abringen, Patin der Letztgeborenen zu werden. So entwickelte sich schon früh eine sehr tiefe Bindung zwischen den beiden Mädchen bzw. Frauen. Sarahs (die die Behandlung der Sklaven schon als Kind verabscheute) Traum war es, wie einer ihrer Brüder Rechtsanwältin zu werden, ein unerhörter Traum, denn sie war (was der strenge Vater durchaus anerkannte) bei weiten intelligent genug dafür, aber sie war en Mädchen bzw. eine Frau… und damit war das Thema vom Tisch, die Erlaubnis, die Bibliothek zu betreten, wurde entzogen, das Lesen auf das Studium erbaulicher Literatur beschränkt.

Eiine schwere Erkrankung des Vaters machte eine Reise zu einem Arzt nach Philadelphia ratsam, auf der ihn Sarah begleitete. Der Arzt konnte dem Vater zwar nicht helfen (John Grimké starb auf dieser Reise), aber Sarah lernte eine Welt kennen, die sich von der des Südens stark unterschied, es gab dort keine Sklaven. Sarah suchte Anschluß an die Quäker, wagte dann sogar den radikalen, unerhörten Schritt, nach Philadelphia zu ziehen. 1829 kam ihre Schwester Angelina nach.

Sarah Moore und Angelina Emily Grimké
ohne Datum

Die beiden Frauen engagierten sich gegen die Sklavenhaltung des Südens, sie traten schließlich öffentlich als Rednerinnen auf, schrieben Pamphlete und Streitschriften und eröffneten damit eine zweite Front: die der Gleichberechtigung der Frau: Ich verlange keine Privilegien für mein Geschlecht. Ich gebe meinen Anspruch auf Gleichheit nicht auf. Alles was ich von unsern Brüdern erwarte ist, daß sie ihre Füße von unseren Nacken wegnehmen und uns erlauben, aufrecht auf dem Grund und Boden zu stehen, für den Gott uns vorgesehen hat. (Sarah Grimké im Boston Spectator) (aus: http://www.fembio.org/biographie.php/frau/biographie/sarah-moore-grimke-und-angelina-emily-grimke/)


Sue Monk Kidd beschreibt in ihrem Nachwort zum Roman dessen Entstehungsgeschichte. Sie hat sich die Freiheit genommen, ein paar historische Daten geringfügig an ihre Hanldung anzupassen und sie hat neben Sarah Grimké, die historische Protagonisten, eine zweite eingeführt, die fiktiv ist: Hettie, genannt ‚Handful‘ Grimké, ein  Sklavenmädchen, das Sarah – traditionsgemäß – zu ihrem elften Geburtstag als Zofe geschenkt worden war, ein Geschenk, daß Sarah im Innersten empörte. Mit Handful hat Kidd eine Figur in die Geschichte eingeführt, durch die sie uns die Welt der Sklaven in dieser Familie (i.e. der Haussklaven also im Gegensatz zu denen, die z.B. auf Plantagen arbeiteten) schildern kann. Es ist – auch wenn es strengere (das meint brutalere) Besitzer gab als die Grimkés – eine Welt, in der Ungehorsam Schläge nach sich zog mit dem Stock oder der Peitsche und gerade bei Charlotte, der Mutter Handfuls, und auch bei Handful selbst zeigte sich die Frau des Hauses, die über die Sklaven herrschte, ohne Erbarmen.

Charlotte ist eine unbeugsame Frau, die Weißen konnten zwar ihren Körper besitzen, nicht jedoch ihren Geist und ihren Willen, eine Haltung, die ihre Tochter übernahm. Handful sollte später einmal zu Sarah sagen: Mein Körper mag ein Sklave sein, aber nicht mein Geist. Bei dir ist es umgekehrt.  Charlotte schöpft ihre Kraft aus ihrer Herkunft, ihrer Vergangenheit, die sie bildmächtig in Quilts dokumentiert. Diese Talent zu Nähen und mit Stoffen umzugehen hat sie ihre Tochter vererbt, dies machte die beiden als Sklaven wertvoll für die Familie. Im Verzeichnis der Besitztümer der Grimkés nahmen sie einen herausragenden Platz ein. Auch wenn Charlotte (und später Handful) oft gegen die Anordnungen ihrer Besitzer handelten und immer in Gefahr waren, erwischt und hart bestraft zu werden, es gab keine Rechte für sie, sie waren dem Willen ihrer Besitzer ausgeliefert.

Charlotte und Handful haben ihre Schicksale, die tragisch sind, voller Schmerzen, voller Trauer und Verlust. Während Charlotte nach einer Aufsässigkeit, die sie sich auf der Straße einer weißen Frau gegenüber erlaubt hatte, eines Tages spurlos verschwand, verbrachte Handful Jahrzehnte im Besitz der Grimkés, denn Sarah hatte – völlig unbedacht – Handful eines Tages wieder zurückgegeben – an ihre sehr herrische und schlagkräftige Mutter. Damit war sie selbst zwar keine Besitzerin einer Sklavin mehr, aber sie hatte ihre ihre frühere ‚Freundin‘ einen harten Schicksal ausgeliefert. Es war die Zeit, in der Sarah in die Gesellschaft eingeführt wurde, Bälle besuchte (auch wenn sie als wenig attraktives Mädchen keine Verehrer fand) und mühsam ihre Rolle im Leben suchte. Es war die Zeit, in der sich die beiden jungen Frauen Sarah und Handful entfremdeten. Dafür jedoch erzog Sarah ihr Patenkind ganz in ihrem Sinne, die Bindung der jungen Nina zu ihr war um vieles inniger als zu ihrer ‚richtigen‘ Mutter: mit ‚Mutter‘ sprach sie im Geheimen Sarah an.

Durch ein deprimierendes Ereignis in Charleston und die Reise mit dem Vater in den Norden kommt wird das vorgezeichnete Weltbild der jungen Frau empfindlich gestört, es öffnen sich dadurch neue Wege für sie. Insbesondere bindet sie sich an die Quäker, eine Religionsrichtung, die die Sklaverei ablehnt und die an die Gleichheit der Menschen glaubt. Sie wird in die Gemeinschaft aufgenommen, ja, sie will sogar Predigerin werden.

Nachdem Nina vor den Problemen, die sie in Charleston hat (u.a. hatte sie als junges Mädchen die Konfirmation (?) verweigert), flieht sie letztlich zu ihrer Schwester nach Philadelphie, es ist 1829. Die beiden Frauen sind unterschiedlich, ergänzen sich. Sarah fällt ihr schwer, das innerlich als richtig erkannte in die Tat umzusetzen, denn sie fürchtet die Konsequenzen. Das lange gedankliche Abwägen, das Zögern und Zaudern bremst sie häufig aus. Ganz anders dagegen ist Angelina, was sie als richtig erkannt hat, setzt sie spontan um, sie kennt Zögern und Zaudern nicht und nimmt ihre ältere Schwester dabei sozusagen an der Hand.

Es ist unerhört, was die beiden machen. Schon der Wechsel zu den in ihrer Heimat Charleston sehr gering angesehenen, ja, verachteten Quäkern ist ein großer Affront, die Auftritte in der Öffentlichkeit sind ungehörig, das Pochen nicht nur auf die Abschaffung der Sklaverei, sondern auf die Anerkennung des pigmentierten Menschen als vollwertigen, den nicht pigmentierten Menschen gleichwertigen Menschen ist unfassbar und die sich aus der Situation fast schon zwangsläufig ergebende Forderung der Gleichberechtigung der Frau skandalös. Die beiden Frauen lassen sich jedoch nicht einschüchtern, sie finden immer wieder Unterstützung und Menschen, die ihnen Mut machen. Angelina heiratet schließlich einen Mann, der sie unterstützt, während Sarah Heiratsantrag ablehnt, da er sie vor die Wahl stellt: Heirat oder Beruf. Es war die Zeit in ihrem Leben, in der sie bei den Quäkern Predigerin (noch so etwas ungehöriges!) werden wollte.


Die Erfindung der Flügel ist ein historischer Roman, der das Schicksal der Sklaven und den Anfang ihrer Befreiung herunterbricht auf wenige Figuren: Charlotte und Handful auf der Seite der Sklaven, Sarah und Angelina auf der der Sklavengegener und der Rest der Grimkés als Vertreter der Sklavenhalter. An der Stelle ist eins der letzte Worte des Vaters an Sarah kurz vor seinem Tod entlarvend: auch er sei immer gegen die Sklaverei gewesen, hätte sich das jedoch wirtschaftlich nicht leisten können…. Natürlich enthält die Geschichte viele Ingredienzien, die ein solcher Roman braucht: Episoden von Liebe und Tod, von Annäherung und Entfremdung, charismatische Nebenfiguren wie der historische Denmark Vesey, der 1822 (angeblich) einen Aufstand plante (https://de.wikipedia.org/wiki/Denmark_Vesey) oder furchtlose Frauen wie die frühe Feministen und Freundin Sarahs Lucretia Mott (https://de.wikipedia.org/wiki/Lucretia_Mott). Das Buch ist anschaulicher Geschichtsunterricht und hat, so scheint es zumindest, in Charleston das Interesse an dieser Zeit und an den Schwester aufleben lassen, man kann heutzutage eine Grimké-Tour durch die Stadt buchen und historische Stätten besichtigen (http://grimkesisterstour.com).

Ähnlich wie der anfangs erwähnte Erfahrungsbericht Granatapfeljahre ist auch Die Erfindung der Flügel aufgebaut. Kidd schildert die Lebenssituationen ihrer Figuren in einzelnen Zeiträumen, die zumeist mehrere Monate überstreichen, diese Abschnitte liegen jeweils einige Jahre auseinander, so daß uns die beiden Protagonistinnen im letzten Kapitel des Romans, das Mitte der 30er Jahre des 19. Jahrhunderts spielt, als mittelalte (gemessen an der damaligen Zeit) Frauen begegnen. Kidd verleiht beiden Hauptfiguren ihre Stimme. Einerseits schildert sie Situationen und Episoden aus den Blickwinkel Sarahs bzw. Handfuls, der unterschiedlicher kaum sein kann, andererseits hat natürlich jede der beiden Figuren auch ihr Eigenleben, das uns erzählt wird.


Es ist traurig. Die Ereignisse, die uns Kidd in ihrem Roman näherbringt, liegen fast zwei Jahrhunderte zurück, und trotzdem verharrt die Geisteshaltung und die Einstellung der Gesellschaft in Teilen immer noch auf diesen unwürdigen Einstellungen. Weder ist Rassendiskriminierung überwunden (zu diesem Thema verweise ich kurz auf den wunderbaren Roman von Jesmyn Ward Singt, ihr Lebenden und ihr Toten, singt: https://radiergummi.wordpress.com/2018/04/26/jesmyn-ward-singt-ihr-lebenden-und-ihr-toten-singt/) noch die vollständige Emanzipation der Frau erreicht, obwohl der Kampf zur Überwindung beider schon so lange dauert. Kidd erzählt von dessen Anfängen, sie erzählt wie von ihr gewohnt, flüssig, gut lesbar, in leisen Tönen. Sie bringt uns ihre Figuren nahe, vor allem auch macht sie das Schicksal, das Ausgeliefertsein der Sklaven greifbar. Ich kann gut verstehen, daß dieser Roman in den USA so erfolgreich war, ist das Thema doch Teil der amerikanischen Geschichte und erinnert an zwei ein wenig und zu Unrecht in Vergessenheit geratene Pionierinnen. Dabei sind die ausführlichen Anmerkungen, eigentlich eher ein Nachwort, der Autorin wertvoll, da sie noch einmal explizit auf den geschichtlichen Hintergrund des Romans eingeht und die Arbeit der Schwestern noch einmal herausstreicht und würdigt. So bleibt mir abschließend festzuhalten, daß Die Erfindung der Flügel zwar mit der Sklaverei vorwiegend ein amerikanisches Thema aufgreift, das nichtsdestotrotz auch für uns interessant ist, was in jedem Fall jedoch für den Kampf der Schwestern Grimké um die Gleichberechtigung der Frau gilt.

Bildquelle Portraitshttps://en.wikipedia.org/wiki/Grimké_sisters, See page for author [Public domain], via Wikimedia Commons

Sue Monk Kidd
Die Erfindung der Flügel
Übersetzt aus dem Amerikanischen von Astrid Mania
Originalausgabe: The Invention of Wings, NY, 2014
diese Ausgabe: btb, TB, cal 495 S., 2017

Ich danke dem Verlag für die Überlassung eines Leseexemplars.

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2 Kommentare zu „Sue Monk Kidd: Die Erfindung der Flügel

  1. Ich habe das Buch vor drei Jahren gehört und war auch total begeistert von der Geschichte! Mich berührte es sehr, wie die beiden Schwestern für ihre Werte gekämpft hatten. Und leider ist dieser „Kampf“ wirklich noch nicht vorbei. Ein sehr, sehr trauriges Ergebnis, nach so vielen Jahren. Was ist es bloß, dass uns Menschen nicht richtig nach vorne gehen lässt…?
    GlG, monerl

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