Sue Monk Kidd / Ann Kidd Taylor: Granatapfeljahre

Ich habe die amerikanische Autorin Sue Monk Kidd in meinem Blog vor vielen Jahren mit zweien ihrer Romane vorgestellt: mit ihrem Erstling Die Bienenhüterin (https://radiergummi.wordpress.com/2010/06/16/sue-monk-kidd-die-bienenhuterin/) und mit ihrem Titel Die Meerfrau (https://radiergummi.wordpress.com/2010/05/16/sue-monk-kidd-die-meerfrau-2/)beides sehr einfühlsame Romane mit einer spitituellen Komponente. Zumindest Die Bienenhüterin ist auch für den vorliegenden Text von Bedeutung, weiß man, daß dies das (sehr erfolgreiche) Debut Kidds ist, erscheinen einem einige Passagen des Buches klarer. Die Meerfrau hat noch eine weitere Bedeutung für mich persönlich, es war der erste Text, aus dem ich sozusagen öffentlich, vor einem größerem Kreis von Bekannten vorgelesen habe. Mittlerweile hat sich daraus ja eine kleine Veranstaltungsreihe ergeben, zu der die üblichen Verdächtigen immer wieder kommen, Menschen eben, die sich durch nichts vergraulen lassen….


Die Granatapfeljahre sind  ein sehr persönliches Buch der beiden Autorinnen. Im Untertitel ist zwar vom Glück die Rede, vom ‚Glück, unterwegs zu sein‘ und zweifelsohne sind die beiden Frauen, Mutter und Tochter (wie unschwer zu erraten ist) viel unterwegs, aber diese Reisen sind allenfalls die Bühne für etwas sehr viel tiefgreifenderes, elementareres: es sind Pilgerreisen zweier Menschen, deren Leben sich im Umbruch befindet und die – rückwärts gewandt – mit Verlusterfahrungen umgehen lernen müssen und die sich andererseits auf eine neue Lebenssituation einstellen müssen.

Die Mutter Sue Monk Kidd ist gerade fünfzig Jahre alt geworden, sie spürt, daß ihr Körper sich im Wandel befindet, daß sie sich bald von der Phase der reifen Frau verabschieden muss, daß sie in eine neue Lebensphase eintreten wird. Immer wieder taucht das Bild der ‚Alten Frau‘ vor ihr auf, die noch nicht da ist, die sie aber erwartet und sucht. Gleichzeitig wird ihr schmerzlich bewusst, daß sie ebenfalls ihre Tochter ‚verlieren‘ wird, die jetzt ihr eigenes Leben, unabhängig von ihr, aufbauen wird. Der Mythos von Persephone und Demeter ist Metapher für diese Situation, Dieser antike Mythos erzählt von einer Entführung: Hades, der Gott der Unterwelt, verliebt sich in die junge Persephone und verschleppt sie in sein Reich. Ihre Mutter Demeter – Göttin des Korns und der Fruchtbarkeit – lässt aus Zorn und Schmerz über den Verlust der Tochter die Pflanzen auf der Erde verdorren. Göttervater Zeus schaltet sich ein, und Persephone kehrt zur Mutter zurück.  (https://www.swr.de/swr2/programm/sendungen/wissen/persephone-und-demeter/-/id=660374/did=17212244/nid=660374/17ctmks/index.html)

Raub der Persephone. A-Seite des »Persephone-Kraters«, ein apulischer rotfiguriger Volutenkrater, um 340 v. Chr.
(Staatl. Museum Berlin)

Ein Drittel des Jahres aber verbringt sie weiter in der Unterwelt, weil sie von den Granatapfelkernen, die Hades ihr gereicht hatte, aß. Nun durfte aber niemand, der von der Speise der Toten kostete, immer auf der Oberwelt bei den Lebenden weilen, ein Drittel des Jahres musste Persephone auch nach dem Machtwort des Zeus in der Unterwelt verbringen. In dieser Zeit bleibt die Oberwelt unfruchtbar (siehe zum Beispiel hier: https://de.wikipedia.org/wiki/Raub_der_Persephone). Unschwer ist dieser Sage das Bild der sich von der Mutter lösenden Tochter zu erkennen und damit die Analogie zu der Lebenssituation der beiden Autorinnen in dieser Lebensphase. Für die Mutter, selbst auf der Suche nach der ‚Alten Frau‘ (Ein Begriff, der mich jedesmal an die Figur der ‚Weißen Frau‘ erinnert, die ein fast vergessenes Bild für die weibliche Figur des Todes, die Tödin ist: https://radiergummi.wordpress.com/2017/01/11/erni-kutter-schwester-tod/ Diese Assoziation ist ja auch nicht völlig abwegig.) ist eine weitere Figur wichtig, nämlich die der Hekate, die Demeter als einzige auf der Suche nach ihrer Tochter half.

Die beiden Frauen unternehmen Reisen. Die erste führt sie nach Griechenland, wo sie diesem Mythos nachspüren. Ann (ich bleibe ab jetzt bei den Vornamen) war schon einmal in Griechenland, war begeistert, erlebte wunderbare Stunden hier, hatte das Gefühl, hier ihren Weg im Leben gefunden zu haben. Ein Gefühl, das verloren gegangen ist: ihr Wunsch, die Historie der Antike zu studieren, wurde durch die Absage der Uni zerstört, zusammen mit dem Selbstbewusstsein der jungen Frau, ihrem Selbstwertgefühl und ihrer Selbstachtung: Ann verfiel in eine Depression, die ihre Mutter zwar spürte, aber da sich die Tochter verschloß bzw. hinter einen harmlosen Maske nach außen hin tarnte, kannte Sue die Ursache dafür nicht. Ann also auch in der Situation, einen herben Verlust ertragen zu müssen und in einen neuen Lebensabschnitt einzutreten, wobei ersteres mit seinen psychischen Folgen diesen Übergang, der ja im Grunde mit Freude, mit Optimismus zu bewerkstelligen wäre, sehr erschwert.

Im ersten Teil des dreiteiligen Buches (‚Verlust) begleiten wir die beiden Frauen auf ihrer Reise durch das antike Griechenland. Athen mit der Akropolis und der Plaka, der unerträglichen Hitze, des Staubes (all das erinnert mich an so viele frühere, eigene Aufenthalte dort), sind der Ausgangspunkt, natürlich besuchen Ann und Sue auch Eleusis, den Ort, an dem wesentliche Ereignisse des Mythos lokalisiert werden, sie befahren die Ägäis bis hin zur türkischen Küste in die Nähe von Ephesus, wo sie das Haus der Maria besuchen. Maria, die 431 offiziell von der Kirche zur ‚Gottesgebärerin‘ (Theotókos) erklärt worden war, die Mutter Jesu, Tochter der Anna (und des Joachim, wie es im nicht zum offiziellen Kanon der Bibel gehörigen (Proto)Evangelium des Jakobus beschrieben wird) ist für Sue eine wichtige Figur, die Personalisierung des weiblichen Prinzips in einer von Männern dominierten Kirche, in der Zweiheit Anna – Maria taucht ferner wieder das Bild der Mutter auf, die ihre Tochter in die Eigenständigkeit entlassen ‚muss‘.

Dieses Bild da Vincis, das im Louvre hängt, mit Maria auf dem breiten Schoß Annas sitzend, die ihre sich nach vorne beugende Tochter und ihren nackeligen Enkel voller Liebe mit monalisigem Lächeln betrachtet, taucht immer wieder in den Reflexionen der Mutter auf ebenso wie das Urbild der ’schwarzen Madonna‘ (vgl. z.b. hier: https://de.wikipedia.org/wiki/Schwarze_Madonna und https://de.wikipedia.org/wiki/Liste_Schwarzer_Madonnen) für sie wichtig auf ihrer Suche nach der weiblichen Seite ihrer Spiritualität.

Die weibliche Trinität ‚junge Frau – reife Frau – alte Frau‘ umfasst die Doppelrolle der reifen Frau: sie ist selbst Mutter der ‚jungen‘, aber auch Tochter der ‚alten Frau‘:  daß Monk Kidd in diesem Zusammenhang auch ihre eigene Beziehung als Tochter zu ihrer Mutter reflektiert, sei hier nur angedeutet. Wichtig ist für Sue die Erkenntnis des Verschiedenseins: während ihre eigene Mutter zufrieden und glücklich ist im Sein, ist sie, Sue, jemand der im Tun, im Machen seine Bestimmung sieht. Beide Frauen jedoch sind zu der Überzeugung gekommen, daß die Eigenschaft der jeweils anderen wichtig für sie selbst waren und sind.

Auf dieser Griechenlandfahrt, dies als letztes, reift in Sue letztendlich auch der Entschluss, einen Roman zu schreiben und die Biene ist ihr Thema, ein Motiv, das sie ihr Leben lang schon begleitete und das sie in Ephesus in einem sehr symbolhaften Erlebnis überzeugte.


The Virgin and Child with Saint Anne
Leonardo da Vinci,
Louvre

Mit Suche ist der zweite Teil des Buches überschrieben. Inhaltlich umfasst er eine selbstorganisierte Reise der beiden mit einer größeren Gruppe von Frauen durch Frankreich. Sue hat angefangen, ihre neue Rolle als älter werdende Frau zu akzeptieren, als Mutter, deren Tochter nun mir ihrer Schönheit im Mittelpunkt steht, während sie in den Hintergrund tritt. Spirituell wird Maria als lebendiges Symbol für ein weibliches Gottesprinzip immer mehr ihr Bezugspunkt: Was spricht also dagegen, die bedeutendsten Ereignisse in ihrem Leben als eine Art Wegweiser für uns Frauen zu betrachten? Es folgt eine Aufzählung von Stationen aus Marias Leben und deren mögliche symbolische Bedeutung. Während Sue also ihre Symbolfigur in Maria (und ein wenig auch in Anna) gefunden hat, wird für Ann neben Maria die Heilige Johanna (Jean d’Arc) immer wichtiger, die trotz ihrer Jugend so Bedeutendes vollbrachte. Ihr weiht die immer noch von starken Selbstzweifeln geplagte junge Frau schließlich das Versprechen, Schriftstellerin zu werden, was sie zunehmend als ihre Bestimmung erkennt.

Während Ann, die bald heiraten wird, dadurch endgültig in das Stadium der reifen Frau eintreten wird, sieht sich Sue zunehmen mit der Frage der eigenen Sterblichkeit, mit dem Tod, konfrontiert, die sie bis dato erfolgreich verdrängt hatte. Ich erkenne, dass der ehrlichste Umgang mit dem Tod eine schrittweise Neuorientierung erfordert, weg vom äußeren Selbst, hin zum wahren Selbst. Eine Loslösung von meinem Ego, … eine Identifizierung mit dem, was größer ist als ich. Der Gedanke bringt eine tiefe, verblüffende Erleichterung mit sich.


Im Jahr 2000 kehren beide (wieder im Rahmen einer Frauengruppe) noch einmal nach Griechenland zurück (Rückkehr). Die spirituelle Suche nach Erkenntnis, die nach den jeweiligen Verlusterfahrungen zwei Jahre zuvor eingesetzt hatte, geht ihrem Ende zu. Ann hat geheiratet, hat in ihre Hochzeitszeremonie die weiblichen Aspekte Gottes einbezogen, sie konzentriert sich jetzt auf ihre Schreiberei. Sue (teilweisen von ähnlichen selbstzweiflerischen Momenten wie ihre Tochter heimgesucht) hat den ersten Teil ihres Manuskripts an eine Agentin geschickt, die auch sofort einen Verlag gefunden hat, der jedoch den zweiten Teil des Romans in einem halben Jahr bekommen möchte…

Sie sind jetzt gefestigt, Sue und Ann, in ihren neuen Rollen, in ihren neuen Lebensabschnitten. Es ist sozusagen der zehnte Tag, der Tag, an dem Demeter Persephone wiederfand und beide wieder vereinigt waren. Es war eine spirituelle Reise mit vielen Erkenntnissen, es war eine Suche nach Selbstwert und Vertrauen in sich selbst, es war auch die Anstrengung, das Leben mit all seinen Phasen, die es bereit hält, freudig zu akzeptieren.


Granatapfeljahre ist ein Bericht, der viel über die beiden Frauen verrät. Beide verändern sich im Verlauf der zwei Jahre, die das Buch überstreicht, ebenso wie sich das Verhältnis zwischen ihnen wandelt. Besonders Ann, die anfangs verschlossen war, ihre großen inneren Nöte nicht offenlegen konnte, fand schließlich den Mut, diese selbst errichtete Mauer nieder zu reißen und in eine neues, intensiveres Stadium der Vertrautheit einzutauchen. Auch wenn die Selbstzweifel nur langsam verschwanden, gewann sie doch im Lauf der Zeit ein neues Bild auch von sich, baute Selbstvertrauen bzw. Mut, zu sich und ihren Wünschen zu stehen, auf: sie verwurzelte sich und lernte es, derart Stärke zu gewinnen. Sue andererseits ließ ihrer Tochter die Zeit, die sich brauchte, ohne sie zu drängen. So waren tatsächlich alle Entscheidungen, die Ann traf, Entscheidungen Anns, die nicht von der Mutter angeregt worden waren.

Auch Sue hat ihre Entwicklung zur ‚Alten Frau‘ durchlaufen, die Rolle, die letztlich auch der Erkenntnis der eigenen Endlichkeit verbunden ist, akzeptiert, fast möchte ich sagen: freudig akzeptiert, zumindest ohne Trauer. Mit dieser Akzeptanz verschwanden letztlich auch die gesundheitlichen Probleme, die sie hatte.

Beiden Frauen war ihr Spiritualität sehr wichtig, beide maßen der von der offiziellen Kirche zurückgedrängten weiblichen Komponente im Bild Gottes große Bedeutung bei. Die Figur der Maria, aber auch der antike Mythos um Persephone und Demeter waren ihr ‚roter Faden‘, an dem sie sich entlang hangelten, der ihnen immer wieder Kraft und Mut gab, der immer wieder auf ihre persönlichen Situation gedeutet werden konnte.

Das Buch selbst… nachdenklich, ehrlich, einfühlsam, immer wieder auch eigene Gedanken anregend. Interessant ist der Aufbau, Ann und Sue schreiben im Wechsel der Abschnitte, meist über dieselbe Situation, so daß wir diese aus zwei verschiedenen Blickwinkeln geschildert bekommen.  Ich denke mal (ich will jetzt endlich auch fertig werden), Granatapfeljahre ist ein Buch nicht nur für Frauen, auch Männer können durchaus Gewinn daraus ziehen, denn sich mit sich und seinem Leben zu ‚arrangieren‘, ist eine Aufgabe, die jedem Menschen gestellt ist.

Bildquellen:

Anna Selbsdritt:
https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Leonardo_da_Vinci_-_Virgin_and_Child_with_St_Anne_C2RMF_retouched.jpg; [Public domain], via Wikimedia Commons

Raub der Persephone:
https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Persephone_krater_Antikensammlung_Berlin_1984.40.jpg,  [Public domain], via Wikimedia Commons

Sue Monk Kidd / Ann Kidd Taylor
Granatapfeljahre
Vom Glück, unterwegs zu sein
Übersetzt aus dem Amerikanischen von Ursula C. Sturm
Originalausgabe: Traveling with Pomegranates; NY, 2009
diese Ausgabe: btb, TB, ca. 380 S., 2010

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