Carmen Korn: Töchter einer neuen Zeit

Die gelernte Journalistin Carmen Korn ist als Schriftstellerin recht produktiv, Schwerpunkte ihrer Arbeit liegen im Bereich der Kriminal- und der Jugendliteratur (siehe hier die Werkliste: https://de.wikipedia.org/wiki/Carmen_Korn). Der vorliebende Roman Töchter einer Neuen Zeit ist der Auftakt einer Trilogie, die zum Ende des Ersten Weltkrieges einsetzt und vier Frauen in den Mittelpunkt stellt. Zugleich ist der Roman aber auch eine Hommage an Hamburg (Uhlenhorst), wo praktisch die gesamte Handlung spielt, viele der Szenen, an denen Korn ihre Figuren agieren läßt, erinnern an historische Ort oder Lokalitäten in dieser Stadt, die es häufig nicht mehr gibt und die nur noch in der Erinnerung der Menschen, die sie noch kennen, existieren.


Die vier Frauen…. das sind Henny Godhausen, eine Krankenschwester, die sich an der Frauenklinik Finkenau zur Hebamme weiterbilden will. Sie ist Halbwaise, der Vater ist im Krieg gefallen, sie lebt mit ihrer Mutter Else zusammen. Ihre beste Freundin ist Käthe Laboe aus der Nachbarschaft. Deren Vater ist durch einen Unfall versehrt, die Mutter hält die Familie mit Putzen über Wasser, Käthe beginnt mit Henny zusammen die Ausbildung zur Hebamme.  Lina Peters und ihr jüngerer Bruder Lud sind verwaist, ihre Eltern verhungerten im Krieg, um das viel zu wenige Essen ihren Kinder zu lassen. Letzte im Bunde der Frauen ist Ida Bunge, Tochter aus wohlhabenden bis reichem Haus, die von der Langeweile ihres Lebens gelangweilt ist und die das Hausmädchen unter Druck setzt, sie dorthin mitzunehmen, wo das ‚richtige‘ Leben stattfindet, beispielsweise in der Hafengegend…

Diese Frauen sind etwas gleich alt, alle um die vorletzte Jahrhundertwende geboren. Sie unterliegen den gesellschaftlichen Zwängen ihrer Zeit. Lina beispielsweise, die Lehrerin werden möchte und der Reformpädagogik anhängt, muss als Lehrkraft unverheiratet bleiben, Ida dagegen wird als Sicherheit eines Kredits ihres Vaters, dessen Laufzeit eng mit der Dauer ihrer Ehe mit dem von ihr ungeliebten Kreditgebers Camphausen korrespondiert, verschachert. Henny und Lud ihrerseits, die sich durch einen Zufall treffen, heiraten viel zu schnell, ein Kind ist unterwegs… und die rebellische Käthe, die sozialistischem Gedankengut gegenüber aufgeschlossen ist, heiratet ebenfalls, wenngleich eher gezwungenermaßen: sie und ihr gedichteliebender Freund Rudi Odefrey, den sie in der sozialistischen Arbeiterjugend kennen gelernt hat, bekämen sonst keine eigenen Wohnung vermietet. Kein Kind zu bekommen (was der innige Wunsch Rudis ist), das schafft Käthe jedoch, schließlich ist sie als angehende Hebamme vom Fach…

Es sind sehr viel Figuren in diesen Roman eingeführt, denn die Frauen haben wenigstens zum Teil noch Familie, sie haben Bekannte oder wie Bunges Personal, später kommen die Ehemänner bzw. Partner dazu und auch Kinder. Weiter wichtig sind die beiden Ärzte in der Finkenau, Kurt Landmann und Theo Unger, Alle diese Personen (und weitere!) spielen eine Rolle in dem Roman, so da man teilweise schon aufpassen muss, den Überblick nicht zu verlieren.


Die Handlung setzt im März 1919 ein und endet im Dezember 1948, überstreicht also drei Jahrzehnte, die Frauen haben in ihren knapp fünfzig Lebensjahren zwei Weltkriege, eine Zeit zwischen den Weltkriegen und die ersten drei großen Jahre der Not nach dem Zweiten Weltkrieg erlebt. Es ist müßig, an dieser Stelle die vielen politischen und wirtschaftlichen Ereignisse dieser Jahrzehnte zu schildern, Stichworte sollen reichen: Weimarer Republik, die Weltwirtschaftskrise, der Aufstieg der Nazis, die immer brutalere Verfolgung der Juden, der Zweite Weltkrieg mit dem Bombenkrieg an der ‚Heimatfront‘, die ersten Nachkriegsjahre bis zur Währungsreform.

Das Schicksal meint es nicht immer gut mit den Frauen, es teilt Schläge aus, die nur schwer ertragen werden können. Aber das Leben geht weiter, auch wenn manchmal nicht klar ist, wie. Und es hält Unvorhergesehenes bereit, beispielsweise für Ida, die auf ihren heimlichen Streifzügen durch Hamburgs Straßen Tian kennenlernt, einen Chinesen… Daß Hitler eine wirkliche Gefahr werden sollte und nicht nur eine vorübergehende Eintrübung der  Lebensumstände war, das wurde nur sehr langsam realisiert. Kurt Landmann beispielsweise, Jude, wurde als Pessimist angesehen, erst als Gesetze wie das zum Berufsbeamtentum brutal und ohne Rücksicht auf Verluste durchgesetzt wurden, drang der Ernst der Lage langsam in das Bewusstsein der Menschen. Und selbst Landmanns Befürchtungen waren noch nicht realistisch genug. Käthe und Rudi dagegen kämpften mit ihren kommunistischen Freunden gegen die Faschisten, sie druckten Flugblätter, sie gerieten in blutige Straßenkämpfe und natürlich immer wieder in das Visier der Gestapo.

Korn arbeitet mit Momentaufnahmen. Sie greift bestimmte Zeitpunkte heraus, teilweise sind die historisch bedingt wie die Reichsprogromnacht oder der fürchterliche Bombenangriff der Briten auf Hamburg im Juli 1943 („Operation Gomorrah“), und schildert das Leben und die Lebenssituation ihrer Figuren in dieser Zeit. In Rückblenden entblättert sich so im Lauf der Seiten das gesamte Leben der Figuren und ihrer Familien.


Töchter einer neuen Zeit ist ein unaufgeregtes Buch. Bei aller Dramatik der Lebensumstände: sie waren nichts Besonderes in dieser Zeit, in der jeder sein Päckchen zu tragen hatte. Worin liegt also der Bezug des Titels: … einer neuen Zeit, was ist an dieser Zeit neu? Kleinigkeiten vielleicht nur wie die Berufstätigkeit der Frauen auch nach ihrer Geburt mit den Problemen, die wir auch heute kennen, nämlich der notwendigen Organisation der Kinderbetreuung (vgl hierzu z.B. https://www.gewerkschaftsgeschichte.de/frauen-erwerbstaetigkeit.html).  Lina beispielsweise nahm sogar (auch wenn sich dies im Verlauf der Jahre später als geringes Opfer erwies) in Kauf, daß sie als Lehrerin unverheiratet bleiben musste. Das sich wandelnde Frauenbild in dieser Zeit (ein Phänomen, das sich wohl generell nach Kriegszeiten zeigt, da die Verluste an Männern in Wirtschaft und Handwerk durch Frauen aufgefangen werden müssen, damit es überhaupt weiterläuft. In englischen Romanen beispielsweise kann man dies, wenn sie in solchen Epochen spielen, auch beobachten). deutet Korn schon ganz am Anfang ihrer Geschichte an, in dem sie ihrer Henny die Haare kurz schneidet: der Bubikopf als Frisur einer neuen Epoche. Die Frau auch als politische Engagierte in der Figur der Käthe, all dies im Gegensatz zu den jeweiligen Müttern, die noch völlig in der Rolle der bloßen Hausfrau gefangen sind. Fast hätte ich es vergessen: Käthe mit ihrer erfolgreichen Empfängnisverhütung ist sicherlich ebenfalls ein Beispiel für ein neues Selbstverständnis von Frauen.

Diese Generation hat es nicht geschafft, die Lehren aus dem Ersten Weltkrieg zu ziehen, sie ist in eine falsche Richtung gelaufen, auch das wird in dem Roman deutlich. Nationalsozialistisches Gedankengut in Verbindung mit charakterlichen Mängeln dringt auch in die Familien dieses Romans ein und schafft bitteres Unheil. Es gibt die Ausnahmen des Einzelfalls, der sich unter persönlicher Gefahr für andere, die verfolgt werden, einsetzt, die alten Ungers, Guste Kimrath, der olle Hansen… wichtige Nebenfiguren, die den Glauben an eine vielleicht doch noch kommende, wiederum neue Zeit am Leben halten…

Korn schildert das Leben aus der Sicht der kleinen Leute. Einzig Camphausen, Idas Mann, ist als Banker in einer anderen Gesellschaftsschicht angesiedelt, Idas Vater dagegen hat alles verloren und auch seine Bemühungen, wieder auf die Beine zu kommen und wirtschaftlich zu reüssieren, geraten zu Fehlschlägen. Die Machtlosigkeit dieser ‚kleinen Leute‘ wird deutlich, kaum gelingt es ihnen, Unglück aus ihrem privaten Bereich fernzuhalten. Die, die sich dagegen mit dem Regime arrangieren und mit der ‚Bewegung‘ mitmarschieren, sie haben auf einmal Macht: waren sie vor kurzem noch Jungs in kurzen Hosen, jetzt zittern die jüdischen Ladenbesitzer vor ihnen… und dann gibt es noch diese klandestine, noch schmutzigere Macht, die der Denunziant hat – und die er nutzt, um zu verraten, um Vorteile zu bekommen gegen die man sich nicht wehren kann, wenn die Gestapo dann kommt und abholt. Der Denunziant geht über Leichen, selbst, wenn er das nicht wollte – wie er sich selbst zu beschwichtigen trachtet.


Töchter eine neuen Zeit vermittelt ein stimmiges Bild ohne Brüche. Die Figuren des Romans werden einem schnell vertraut und kommen nah, man fühlt mit ihnen. Zudem entsteht langsam im Hintergrund das Bild eines verschwundenen Hamburgs, von dem in der Katastrophennacht des Feuersturms 1943 so viel vernichtet worden ist – ganz abgesehen von den vielen, vielen Toten. In der Summe also eine Lektüre, die möglicherweise zwar keinen großen Zuwachs an Erkenntnis liefert, die aber eben doch ein offensichtlich intensiv recherchiertes, einfühlsames Portraits von Menschen, Stadt und Epoche darstellt.

Carmen Korn
Töchter einer neuen Zeit
diese Ausgabe: rororo, TB, ca. 550 S., 2017; mit Stadtplan Hamburg 1919 und Glossar

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