Celeste Ng: Kleine Feuer überall

Celeste Ng… dieser Autorinnenname hat sich eingeprägt, nicht nur, weil er als Name, als Wort natürlich auffällig ist, sondern weil gleich der Erstling der Autorin ein so wunderbares Buch war (Celeste Ng: Was ich euch nicht erzählte). Entsprechend hoch waren bei mir die Erwartungen an ihren neuen Roman… und ich will diese Frage gleich beantworten und schon hier sagen, daß Kleine Feuer überall für mich die Erwartungen noch übertroffen hat. Auch wenn es pathetisch ist, ich habe mir gedacht, so lange es Menschen gibt, die solche Bücher schreiben können (und solche, die das lesen wollen), ist noch nicht alles verloren…. ;-)

Es war für mich – noch eine (nicht die letzte) Vorbemerkung – eine seltsame Erfahrung, in dem Roman die Beschreibung eines Hauses zu lesen und mir gleichzeitig dieses Haus anzuschauen: Ngs Geschichte spielt in Shakers Heights, Ohio (https://de.wikipedia.org/wiki/Shaker_Heights), wo die Familie Richardson zwei Häuser besitzt, eins in der Winslow Road 18434 (https://goo.gl/maps/n3eA41h538J2) und ein zweites in der nicht weit davon entfernten Sedgewick Road (https://goo.gl/maps/6WBQJBKNMoF2), in dem sie selbst wohnen. Auch hier fließen persönliche Erfahrungen der Autorin mit in ihre Geschichte ein, Ng wohnte viele Jahre lang in diesem besonderen Viertel von Cleveland. Womit wir jetzt bei den „Shaker“ (https://de.wikipedia.org/wiki/Shaker_(Religion)) wären, eine aus der Quäker-Bewegung hervorgegangene Glaubensgemeinschaft mit einer hohen Arbeitsethik. Arbeit wurde als Gottesdienst angesehen, auf Bildung wurde Wert gelegt, technischer Fortschritt nicht abgelehnt. Dies alles führte dazu, daß Shaker-Gemeinden wohlhabend und wirtschaftlich erfolgreich waren. Shaker Heights war eine nach ihren Prinzipien aufgebaute Siedlung, mit einer strengen Ordnung. Noch heute (sprich zu Zeiten, in denen der Roman spielt und das waren die, in denen eine gewisse Praktikantin im Weißen Haus die Endnote „befriedigend“ erhielt und die Zigarren eben nicht ihrem bestimmungsmäßigen Gebrauch zugeführt worden waren….) wurden zum Beispiel die Mülltonnen zum Leeren nicht an die Straße gestellt, sondern von den Müllarbeitern mit speziellen Wagen von hinter dem Haus geholt.


Elena Richardson – jetzt komme ich endlich zum Buch – stammt aus dieser Siedlung, ihre Familie wohnt dort schon seit einigen Generationen. Sie hat diese Prinzipien mit der Muttermilch aufgenommen und verinnerlicht, Regeln und deren Befolgung, das Einhalten der Ordnung sind für sie Lebensprinzipien, die sie nicht aufgibt. Die große Gelegenheit, aus diesem System auszubrechen, wehrte sie einst mit einem Kuss ab, Larry, ihr Mitschüler und Schwarm, der eines Tages die Schule hinschmiss und mit einem kleinen VW-Bus nach Kalifornieren fuhr, musste alleine fahren…

Zu den Richardson gehören neben der bei einem Lokalblatt als Journalistin arbeitenden Elena ihr Mann, der als Jurist in einer Kanzlei arbeitet und die vier Kinder Lexie, Trip und Moody einerseits sowie Izzy, die Jüngste, die für Elena das Sorgenkind ist: sie ist unangepasst, aufmüpfig, hat ihren eigenen Willen und der Konflikt zwischen ihr und ihrer Mutter ist ein Dauerzustand. Geld ist kein Problem für die Richardsons, sie haben es. Und da es zur Ethik Elenas gehört, denen, die es nicht so reichlich haben, zu helfen, vermietet sie ihr Zweithaus in der Winslow Street (das wie alle anderen dort so gebaut ist, daß es wie ein normales Haus für eine Familie aussieht, um zu kaschieren, daß dort zwei Parteien zur Miete wohnen) an Menschen, denen sie damit etwas Gutes tun will.

Und das sind im Moment die alleinerziehende Künstlerin Mia Warren und ihre fünfzehnjährige Tochter Pearl. Die beiden sind so ziemlich das Gegenteil von allem, was die Richardsons sind. Sie sind ruhelose Wanderer, zigmal haben sie in den letzten Jahren ihren Wohnort gewechselt, immer wenn ein Projekt der Fotografin fertig ist, wird der Besitz, den sie haben, in einen alten VW Golf gepackt. Es reicht zum Leben – die Ansprüche der beiden sind gering.

Es ist Moody, der auf Pearl aufmerksam wird und sich in sie verliebt, auch wenn er das selbst vielleicht so nicht formulieren würde. Jedenfalls wusste er beim ersten Aufeinandertreffen, daß es von nun an ein ‚Davor‘ und ein ‚Danach‘ geben würde. So wie Moody verblüfft war, daß man Reparaturen und Handwerkliches, so wie Mia und Pearl machten, auch selbst erledigen kann, so ungläubig starrte Pearl beim ersten Besuch bei den Richardson auf deren Wohnung, die einem Hochglanzmagazin entstiegen schien, und auf das lässige Selbstverständnis, die Selbstsicherheit der Bewohner und die Selbstverständlichkeit, mit der sie von der gesamten Familie, fast, als gehöre sie schon immer dazu, behandelt wird.

Mit den Warrens und den Richardsons hat Ng zwei Antagonisten, zwei Pole, die sich anziehen und die sich dann jedoch auch Abstoßung einschleicht. So wie sich Pearl zur leichten Sorge ihrer Mutter eng an die Richardsons anlehnt, oft ganze Tage bei ihnen verbringt, so sollte Izzy später in Mia einen Menschen erkennen, der sie einfach so akzeptiert, wie sie ist und der sogar ihre innere Wut zu verstehen scheint. Es sollte schließlich ein dummer Zufall sein, der das fragile Miteinander aus dem Gleichgewicht bringen sollte und den Stein ins Rollen brachte, auch wenn man die Konsequenzen erst später ganz erfassen sollte.

Moody und Pearl besuchen eines Tages mit ihrer Klasse ein Museum und dort hängt ausgestellt an der Wand die Fotographie einer berühmten Fotokünstlerin, Pauline Hawthorne, „Jungfrau mit Kind“, auf der ganz eindeutig Mia Warren zu sehen ist, die einen Säugling im Arm hält… und als Izzy, die mehr über das Foto erfahren will, nicht weiterkommt, sie ihre Mutter bei der Berufsehre packt und bittet, dies doch mal als Journalistin zu recherchieren, greift Elena dies freudig auf, vermutet sie doch selbst ein Geheimnis im Leben dieser verschlossenen, so ganz anders als sie ‚gestrickten‘ Mia Warren….

Je tiefer Elena in die Vergangenheit Mias eindringt, desto mehr nehmen Ablehnung und moralische Verurteilung zu.  Eine Steigerung erfährt dies noch durch einen Skandal, der Shakers Heights in diesen Tagen, in denen ein blaues Kleid mit Flecken nationales Thema war, aufregt: die McCulloughs, Freunde der Richardson, kinderlos, haben die Chance, ein Baby zu adoptieren, die Formalitäten sind fast abgewickelt. Da taucht auf einmal die biologische Mutter wieder auf und möchte das Kind zurück. Bebe ist eine junge, mittellose, alleinstehende Chinesin, die ihr Baby in einem psychischen Ausnahmezustand (Geburtsdepression) seinerzeit vor einer Feuerwache abgelegt hatte. Sie ist eine Arbeitskollegin von Mia in einem Imbiss, in dem Mia ein wenig Geld dazu verdient, und Mia hatte, nachdem sie von den Umständen der Adoption erfahren hatte, eins und eins zusammengezählt und Bebe alles erzählt. Es kommt zum Prozess um das Kind, für Elena ein Kampf des Guten, Ordentlichen, den Regeln Gehorchenden (i.e. die McCulloughs) gegen das Chaos, die Unsicherheit, das Regellose (die alleinstehende, mittellose Bebe) – und wer war’s gewesen? Nein, nicht die Schweizer, aber für Elena trägt Mia die Schuld daran….


Regeln gab es aus einem bestimmten Grund:
Wer sie befolgte, kam voran;
wer es nicht tat,
drohte die Welt in Asche zu legen. 

Dieser grundsätzlichen Lebenseinstellung hält Ng an einer Stelle entgegen, daß Regeln nur dann absolut gelten, wenn die Welt schwarz und weiß wäre, es nur richtig und falsch gäbe – aber die richtige Welt hat Zwischentöne, in denen diese Regeln ihre Eindeutigkeit verlieren. Der Adoptionsfall zeigt dies sehr deutlich, es gibt Argumente für jede der beiden Parteien, die sich um das Baby streiten, und außer Elena und den streitenden Parteien ist zum Schluß praktisch jeder unsicher, was die ‚richtige‘ Entscheidung ist. Sogar Mr. Richardson, der vor Gericht die Sache der McCulloughs vertritt, entwickelt im Lauf des Prozesses Verständnis für Bebe.

Und noch eins zeigt Ng, eine Amerikanerin mit chinesischen Wurzeln, an dieser Episode. Schon in ihrem Debüt Was ich euch nicht erzählte verarbeitete sie die Erfahrungen des täglichen Rassismus, den sie in ihrer normalen Umwelt erlebt hat, sie betonte seinerzeit, daß sie alles, was sie in diesem Roman eingearbeitet hat, persönlich oder aus ihrem persönlichen Umfeld erlebt hat bzw. kennt. In der Sorgerechtsverhandlung wird dies auch in diesem Roman thematisiert: Wie können die McCulloughs sicherstellen, daß ein chinesisches Baby nicht von seinen Wurzeln abgeschnitten wird, wird gefragt? Eine der hilflosen Antworten dazu ist die Aussage, man würde gerne chinesisch Essen gehen… Ng nutzt diesen Streit, den alltäglichen, dem normalen Leben inhärente Rassismus aufzuzeigen: es gibt (gab) u.a. keine Puppen, die chinesisch aussahen, keine Bilderbücher mit chinesisch aussehenden Kindern. Eine persönliche Erfahrung der Autorin dazu: My mother „bought every children’s book she could find that had Asian characters in it … she always tried to buy me an Asian doll, but there weren’t any. So at one point I got a black doll, because at least she wasn’t blond.“ (https://www.theguardian.com/books/2017/nov/04/celeste-ng-interview-little-fires-everywhere)

Elena Richardson scheitert letztlich an ihrem Glauben an Regeln, weil der nicht einschließt, daß andere Menschen Regeln dehnen, sie gar übertreten. So prallt sie mit der Realität zusammen, hinterfragt nicht, was sie erfährt bzw. was für sie offensichtlich ist. Sofort ist sie mit einem Urteil zur Stelle und löst damit eine Katastrophe aus. Zudem verunsicherte sie diese so völlig andere Person Mia Warren, die all das war, was sie, Elena, in sich unterdrückt hatte und gegen das sie sich an jeder Wegerkreuzung ihres Lebens entschieden hatte, der Sicherheit anderer Entscheidungen (Ehepartner, Wohnort, Beruf, Stellung) untergeordnet. Kaum auch Neid auf? Uneingestandener würde ich sagen, denn Mia öffnete in der ansonsten fast hermetischen Shaker Heights-Welt Elenas ein Fenster zu einer anderen Welt mit anderen Ansprüchen, anderen Chancen und Risiken, anderen Möglichkeiten. Shaker Heights erlaubte keine Entwicklung, die Regeln, die strenge Ordnung war wie ein Zaun, hinter dem ein dröges, bequemes Leben geführt werden konnte, das blind machte für alles außerhalb dieser Ordnung. Die Erlebnisse und Schicksale der Kinder (auf die ich hier nicht eingehe) sind dafür beredtes Beispiel: sie liegen ausserhalb der Vorstellungswelt Elenas.

Ng läßt ihr Buch völlig offen enden, ich hätte sie **** können dafür! Natürlich will ich wissen, was aus Mia und Pearl wird, wie es Izzy ergeht, will wissen, ob Pearl ihren Vater und ihre Großeltern kennen lernen wird (und wie reagiert/en die?) , wie entwickelt sich das Leben für Lexie, Moody und Trip weiter? Und Elena? Hat sie was gelernt aus dem Unglück, wird sie Izzy finden und treffen Mia und sie noch einmal aufeinander? Herrgott, das will doch gefälligst erzählt bekommen!!! An die Arbeit, liebe Frau Ng!


Ngs Sprache ist – zumindest in der Übersetzung – nicht kompliziert, sondern klar und strukturiert. Sie erzählt ihre Geschichte chronologisch und streut an den entsprechenden Stellen Rückblicke ein, die uns im Lauf der Handlung die Schicksale ihrer Personen nahe bringen und aufzeigen. Das Leben ist nicht immer einfach, gerade Mias Leben war es nie und ist damit schon von Anfang an ein strikter Gegensatz zum Lebensweg Elenas. Diese Rückblicke sind nüchtern und wirken fast wie Reportagen, Ng wertet nicht und arbeitet dadurch die Charakteristika ihrer Figuren um so deutlicher heraus. (Wer das in extenso duchdeklininiert haben möchte, sollte mal auf diese Seite schauen:  https://www.litcharts.com/lit/little-fires-everywhere). Peu a peu gewinnen die Figuren an ‚Leben‘, scheinen immer plastischer und vielschichtiger in der eigenen Phantasie, besonders galt dies bei mir für Izzy, dieses junge Mädchen, das mir vorkam wie ein Tiger, der in einem Gitterkäfig eingesperrt war und mit jedem Atemzug an den Eisenstäben rüttelt…

Es ließe sich noch viel über dieses Buch sagen. Viele der Personen, die eine Rolle spielen, habe ich noch nicht einmal erwähnt: die Ryans, die Wrights, Mr. Yang, ‚Mrs. Pisser‘, Pauline und ihre Lebensgefährten u.a.m., es würde einfach zu viel. Was ich aber mit meiner Buchvorstellung deutlich machen wollte, ist kurz gesagtdies: Kleine Feuer überall ist ein Kleinod, ein wunderbares, spannendes, intelligentes, lebensweises Buch, das ich jedem nur empfehlen kann.

Celeste Ng
Kleine Feuer überall
Übersetzt aus dem amerikanischen Englisch von Brigitte Jakobeit
Originalausgabe: Little Fires Everywhere, NY, 2017
diese Ausgabe: dtv, HC, ca. 380 S., 2018

Ich danke dem Verlag für die Überlassung eines Leseexemplars.

 

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5 Kommentare zu „Celeste Ng: Kleine Feuer überall

  1. Sehr cool ist wirklich die Sache mit den Googlemaps-Links in deiner Besprechung!👏👏Ich habe gerade heute eine Rezension bei Whatchareadin zu dem Buch eingestellt. Ich bin ähnlich begeistert.

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    1. ja, wenn solche konkreten angaben in einem buch stehen, dann bin ich einfach neugierig. aber ich war auch total baff, als ich dann sofort das haus gezeigt bekam. auf einmal wurde die handlung so real, als läse ich eine dokumentation…. ein ganz komisches gefühl, zumal ng sich in der stadt, in dem viertel wirklich auskennt… das mantra: es ist ein roman, es ist ein roman, es ist ein roman…. *lol*
      habe deine besprechung gelesen, ja, der titel ist eine ‚große empfehlung‘ wert!
      lg
      gerd

      Gefällt mir

  2. Ich lese das Buch gerade und hoffe, dass es mir ebenso gut gefallen wird, wie dir. Für mich ist es das erste Buch der Autorin. Wahrscheinlich werde ich dann ihr vorheriges hinterherschieben. :-)
    Glg vom monerl

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