Dan Marshall: Meine scheißkranke Familie

Nachdem ich meinen eigener Lesekreis an altersbedingtem Teilnehmerausscheiden schliessen musste, bin ich Mitglied in einem anderen Lesekreis geworden. Dort, so habe ich seinerzeit zu meinem Erstaunen gehört, werden keine Biographien gelesen, was ich damals nicht so richtig verstand. Nachdem ich jedoch dieses Buch von Dan Marshall, das ja eine verdammt wahre Geschichte erzählt, gelesen habe, habe ich mehr Verständnis für diese Einschränkung meines Lesekreises gefunden.

Denn bei einem Roman kann ich die Figuren interpretieren, ich kann mir überlegen, was der Autor mir mit seinen Worten sagen will, ich kann Symbole, Metaphern, Bilder suchen und deuten – in einer Biographie oder einer solchen Familiengeschichte, wie sie Dan Marshall erzählt, ist nichts zu interpretieren, gibt es keine Figuren, keine Symbole, es gibt nur das Faktische, das man nehmen muss, wie es dargeboten wird.


Die Marshalls sind eine siebenköpfige Familie in Salt Lake City, Nichtmormonen unter Mormonen. Sie sind finanziell abgesichert, der Vater Rob Marshall besitzt mit einem Freund zusammen Zeitungen, mit denen er gutes Geld verdient. Auf andere Art und Weise sind die Marshalls jedoch geprüft worden: die Mutter Debi erkrankte, als die Kinder noch klein waren, an Non-Hodgkin-Lymphom, als wahre Kämpfernatur unterzog sie sich im Lauf der Jahre vielen Chemotherapien, die den Krebs weitgehend in Schach halten.

Der Vater Rob ist ein sportlicher Typ, ein Marathonläufer. Sein großes Ziel war die Qualifikation für den Boston-Marathon, die er auch schaffte. Rätselhafter Muskelbeschwerden wegen ging er zum Arzt, der ihn zum Neurologen weiterschickte, die vernichtende, durch eine zweite Meiung bestätigte, Diagnose war ALS, diese unweigerlich zum Tode führende Krankheit, die durch den kürzlich verstorbenen Stephen Hawkings bekannt geworden war.

Der Autor des Buches, Daniel Marshall, lebte zu dieser Zeit in Los Angeles, er hatte einen guten Job, eine Freundin, die er liebte und ein von Sorgen freies Leben, das er in vollen Zügen genoss – und aus dem ihn der Anruf der Mutter, mit dem sie ihn über die ALS-Diagnose informierte, herauszuholen drohte. Drohte, denn eine ganze Zeit lang weigerte er sich einfach, den Ernst der Lage zur Kenntnis zu nehmen, zu akzeptieren, daß er als Sohn in der Pflicht war bzw. in die Pflicht genommen wurde. Letztlich konnte er sich aber nicht weigern, die anderen Geschwister waren schon ins Elternhaus zurückgekehrt und auch ‚Drecksack Dan‘ bat bei seinem Chef um unbezahlten Urlaub, wechselte bei seiner Freundin auf Fernbeziehung und zog zurück nach Salt Lake City.

Meine scheißkranke Familie erzählt aus dieser Konstellation heraus die Geschiche der Marshalls über die nächsten anderthalb Jahre hinweg. Der Krankheitsverlauf bei Bob ist schnell fortschreitend, die Pflegebedürftigkeit nimmt rasch zu, bis er letztlich rund um die Uhr betreut werden muss: er kann sich kaum noch bewegen, nicht mehr essen (schlucken), kann praktisch nicht mehr sprechen, seine Ausscheidungen nicht mehr kontrollieren, das Atemvermögen nimmt stark ab…. damit wird die Beanspruchung der Familie, die trotz mittlerweile engagierter Hilfe, den größten Teil der Pflege übernimmt, immer größer, die Überforderung immer offensichtlicher. Schließlich teilt Bob seiner Familie seinen definitiven Wunsch  mit, daß die künstliche Beatmung eingestellt werden soll und er sterben darf. So schrecklich die Vorstellung des Todes des Vaters für die Kinder auch ist, mischt sich doch das (ein schlechtes Gewissen verursachende) Gefühl mit ein, daß der Tod des Vaters auch Entlastung bedeuten würde und die Möglichkeit, wieder ein eigenes Leben zu führen. Am 22. September 2008 wurde ihm sein Wunsch erfüllt [http://www.legacy.com/obituaries/saltlaketribune/obituary.aspx?n=robert-wendell-marshall&pid=117845193].


Mir ist es schwer gefallen, dieses Buch zu lesen. Wenn man gerade ein so bewegendes Lebenszeugnis wie die Briefe von Daniela Berg nach dem Tod ihrer Tochter gelesen hat, wenn der neue Roman von Jesmyn Ward auf einen wartet, fällt es schwer, sich dieser Familiengeschichte, in der ein in der Pubertät irgendwo hängengebliebener Mittzwanziger das zugegeben sehr schwere Schicksal seiner Familie schildert.

Ob eine Familie funktioniert, stellt sich am schnellsten in einer Krisensituation heraus. Den Marshalls geht es finanziell gut, die Erkrankung des Vaters an ALS mit seiner infausten Prognose wirft jedoch das gesamte Familiengefüge durcheinander, den Kinder und der Mutter gelingt es auch nicht mehr, den neuen Alltag auf einen halbwegs funktionierenden Zustand einzupegeln. Zu allem Überfluß muss sich die Mutter in dieser Zeit erneut einer harten Chemo unterziehen, die sich sehr anstrengt und nach deren Beendigung sie sich an hohe Dosen Fentanyl gewohnt hat.

Obwohl sich die Familie professionelle Pflege wohl hätte leisten können, nimmt sie sich selbst in die Pflicht – und erweist sich sehr schnell als überfordert. Das Haus verwahrlost völlig (Dan war mit dem Auswechseln einer Glühbirne schon völlig überfordert), der Alkoholkonsum nicht nur von Dan nimmt zu, die jüngere Schwester Jessica wird von den Brüdern Dan und Greg häufig volltrunken aufgelesen und ins Bett getragen; den Schulbesuch hat sie de facto eingestellt.

Die Pflege des Vaters ist anstrengend und anspruchsvoll, Begriffe wie Intimsphäre, Schamgefühl und Peinlichkeit spielen keine Rolle mehr, wenn es um den Ausfall der Funktion der Ausscheidungsorgane geht. Die beiden Brüder teilen sich in diese Arbeit („Daddydienst“), es ist eine 24/7-Pflege, da auch das Beamtungsgerät rund um die Uhr in Auge behalten werden muss.

So aufopferungsvoll dieser Teil der Pflege und Betreuung auch erledigt wird, ist anderes nicht nachzuvollziehen. Einige wenige Beispiele: Die Einführung der Betreuer in die Funktion des Beatmungsgerätes nach der Tracheotomie dauert in der Reha normalerweise eine Woche, Dan und Greg werden nach knapp sechs Wochen von den Ärzten mit ungutem Gefühl nach Hause entlassen. Sie fuhren halt lieber auf den Fluren mit Rollstühlen Wettrennen… man muss sich einfach nur mal in die Situation des Vater versetzen, der dies ja alles mitbekam. Oder dies: Ein Ausflug soll mit dem Vater unternommen werden. Er wird mit Mühe in den Van gehievt, man fährt los, kommt am Parkplatz an und muss feststellen, daß der Akku vom Beatmungsgerät fast leer ist… also schnellstens wieder zurück… zwei Beispiele, die leicht erweitert werden können und zeigen, daß insbesondere Dan, der als ältester Sohn sozusagen die erste Geige spielte, überfordert war.

Dan Marshall – ich gebe es zu – ist mir mit seiner kacke-, piss- und furzorientierten Sprache, mit der seinen Gegenüber häufig einfach nur verletzen will (ich habe seine Info, daß er im Hauptfach Psychologie belegt hatte, zweimal nachgelesen, weil ich es nicht glauben wollte), schlicht und ergreifend unsympathisch. Trotzdem tut er, der einer etwas skurrilen Logik folgen muss, mir auch leid. Skurrile Logik, damit meine ich folgendes: seine Familie erinnert ihn daran, daß er gut aufgewachsen ist, studieren konnte und damit die Chance auf eine berufliche Karriere hat, daß er jetzt an der sonnigen Pazifikküste mit seiner Abby das Leben genießen könne. Und nun erwartet sie, daß er aus Dankbarkeit für diese Möglichkeiten genau dies alles in die Tonne tritt: er seinen Job aufgibt, wieder ins ungeliebte Salt Lake City kommt, er seine Beziehung zu Abby aufs Spiel setzt und mithilft, den Vater zu pflegen. Wobei die Rückkehr ins Elternhaus nicht nur bedeutet, daß er die Poleposition bei der Pflege des Vaters einnehmen muss, sondern er auch für seine jüngeren Schwestern Verantwortung übernehmen muss (was zumindest bei Jessica gründlich schief geht) und die Mutter erst mit ihrer Chemo und später dann mit Fentanyl ist auch nicht gerade eine Hilfe. Und natürlich, was absehbar war, trennt sich Abby nach einiger Zeit von ihm, eine Fernbeziehung unter diesen Randbedingungen hatte sie nicht durchgehalten. Zu der Überforderung durch die Pflege kam also noch eine Fülle eigener Verluste, die zu verkraften waren bzw., die, da genau dies nicht wirklich gelang, in Depression, Alkohol und Burn-out führte.

So konnte ich mich bei der gesamten Lektüre des Buches nicht entscheiden, ob ich es als Krankengeschichte des Vaters lesen sollte oder als Versuch des Autoren, seinen Part und sein Schicksal darin zu schildern, lesen sollte. Man muss ihm dabei zubilligen, daß er ehrlich ist, auch und gerade die negativen Aspekte nicht verschweigt. Sein stetig steigender Alkoholkonsum beispielweise, sein immerwährendes Schielen auf Aussenwirkung, daß sich selber auf die Schulterklopfen, wie toll es doch ist, daß er dies alles macht…. Gerade die Aussenwirkung scheint wichtig zu sein für Dan, noch bei seinen Überlegungen für die Abschiedsrede bei der Bestattung sinniert er darüber, ob er sie so anlegen soll, daß die Leute weinen oder sollte er doch eher etwas Unsinniges sagen oder etwas so Braves, als würde er sich um das Amt des Schulsprechers bewerben. Immer sucht er nach einer Rolle, die er spielen könnte, dabei ist er doch der Sohn, eigentlich sollte das reichen. Ach ja, und als Symbol sieht er sich letztlich auch noch: … das Spiegelbild einer ziellosen und verwöhnten Generation, die Amerika in eine Abwärtsspirale zog.


Ich habe es angedeutet, bin aber nicht weiter darauf eingegangen, Dan unternimmt auch im Buch jeden Versuch, seinen Spitznamen „Drecksack Dan“ Ehre zu machen. Wer Meine scheisskranke Familie liest, sollte sich darauf gefasst machen, daß häufig die Sprache der Gosse gesprochen wird, daß der Humor, der herrscht, entweder als „schwarz“ oder auch als „geschmacklos“ eingestuft werden kann, auch wenn es durchaus Passagen gibt, in denen sich andeutet, daß Dan auch anders kann, intelligenter, sensibler, reflektierter. Ebenso wenig bin ich auf die anderen Kinder der Marshalls eingegangen, denn Dan war einfach die Hauptperson, die auch die größte Last zu tragen hatte, wenngleich sein Bruder Greg den „Daddydienst“ mit ihm teilte. Aber im Gegensatz zu Dan, der praktisch rund um die Uhr im Einsatz stand, schufen sich (oder hatten) die Geschwister kleine Oasen, in denen sie etwas eigenes, nicht von der Krankheit des Vater und der Mutter dominiertes hatten: Greg arbeitete als Reporter, Chelsea hatte ihre Schule und die Tanzerei, Tiffany, die älteste, lebte nicht im Haus und Jessica… hatte wohl Glück im Unglück…

Womit ich wieder bei meinen Intro wäre: wer bin ich eigentlich, daß ich mir anmaße, über andere Menschen zu urteilen, ihr Verhalten zu bewerten? Aber irgendwie liest sich das Buch, diese verdammt wahre Geschichte, eben doch wie ein Roman…. Bleibt also schlussendlich die Frage, was man aus dieser Familiengeschichte lernen kann. Eine Antwort liegt auf der Hand: die Überforderung meiden, sich nicht selbst körperlich und seelisch in den Ruin treiben oder treiben lassen. Hilfe in Anspruch nehmen, Entlastung suchen, eigene Freiräume behaupten, das eigene Leben nicht völlig vernachlässigen… Was geschehen kann, wenn man das nicht beachtet, nun dafür (und für sonst wohl wenig) kann diese Geschichte ein mahnendes Beispiel sein.

Ein allerletztes Wort zum Buch selbst. Es ist weitgehend chronologisch aufgebaut, in eingeschobenen Rückblenden eröffnet sich ein umfassenderes Bild zum Schicksal der Familie. Literarisch ist die Geschichte solider, lesbarer Durchschnitt, der keine sonderlichen Akzente setzt.

Nun, damit ist von meiner Seite aus alles gesagt, Meine scheisskranke Familie wird bei mir nicht in die Highlights des Lesejahres 2018 aufgenommen werden.

Weiere Links:

Dan Marshall im Interview über sein Buch: https://www.jetzt.de/literatur/buch-ueber-kranke-eltern
Videoporträt von Bob Marshall bei youtube: zum clip –> video

Dan Marshall
Meine scheißkranke Familie
Eine verdammt wahre Geschichte
Übersetzt aus dem Amerikanischen von Eva Kemper
Originalausgabe: Home is burning, NY, 2015
diese Ausgabe: Atrium, HC, ca. 450 S., 2016

Kurzlink zum Beitrag: https://wp.me/paXPe-9Wf

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4 Kommentare zu „Dan Marshall: Meine scheißkranke Familie

  1. Huch …
    das ist meine erste Reaktion auf deine Rezension. Und ich teile deine Meinung, dass man nicht verlangen kann, dass Kinder ihre Eltern pflegen. Ich könnte es nicht. Insofern auch Hochachtung vor jedem, der das macht. Aber nach dem, was du schreibst, ist es tatsächlich ein pubertärer Mittzwanziger. Wenn ich das mache, dann für meinen Dad und nicht, weil ich um die Außenwirkung denke. Aber so unterschiedlich sind die Leute…

    Gefällt 1 Person

    1. Man muss dazu sagen, daß es natürlich auch andere, positivere Meinungen zum Buch gibt. Aber ich habe einfach bei vielen Dingen nur den Kopf geschüttelt…. Ganz sicher war die Krankheit der Mutter auch ein prägender Faktor in der Kindheit der Geschwister….

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