David Grossman: Kommt ein Pferd in die Bar

Dovele Grinstein ist ein siebenundfünfzigjähriger Stand-up Comedian, dessen Karriere wohl nicht sehr erfolgreich gewesen sein kann, denn er wohnt immer noch im selben, nicht sehr vornehmen Viertel, in dem er als Junge lebte. Wir erfahren dies später im Text, als er, Dovele, sich mit Avischai Lasar unterhält, einem ehemaligen Richter, der zwangspensioniert worden war, jetzt um seine große Lebensliebe trauert und der durch einen überraschenden Anruf von Dovele, den er einundvierzig Jahre lang nicht mehr gesehen hatte, in dieses Lokal, vor diese Bühne gelockt worden war. Er hat dort eine Aufgabe von Grinstein bekommen, nämlich auf das zu achten, was zu sehen ist, wenn aller Schein weggelassen wird, auf das zu achten, was hinter allem ist, was normalerweise verdeckt ist; Avischai fungiert als Erzähler der Geschichte, wir sehen sie durch seine Augen.

So wird aus diesem seltsamen Auftritt des Dovele Grinstein eine Art Kammerspiel: Dovele auf der Bühne, der abgehalferte Comedian, der seinem Publikum eine Achterbahnfahrt zumutet zwischen Slapstick, Publikumsbeschimpfung, bösen, unverständlichen oder langatmigen Ausführungen und Witzen, die ihre besseren Tage auch schon hinter sich haben. Und doch – auch das wird deutlich, Dovele ist ein begnadeter Schauspieler und Manipulator. Er hat sein Publikum in der Hand, kann es steuern, drohen ihm die Zügel zu entgleiten, kann er sie ruckzuck wieder anziehen. Mimik und Gestik dieses Hänflings sind wandelbar und verblüffend ausdrucksfähig – dies alles muss der Erzähler der Geschichte anerkennen, auch wenn er selbst immer widerwilliger nur in dieser Aufführung bleibt. So wird es eine Art stilles Zwiegespräch zwischen den beiden, den – auch das wird schnell klar – es gibt unausgesprochenes zwischen ihnen, es gibt etwas, was zumindest von der Seite Avischais her, das Verhältnis belastet. Diese beiden Figuren gestalten das Spiel jedoch nicht alleine. Da gibt es noch das Publikum, das von Dovele sowohl zum Grölen gebracht wird, das er aber auch in Wut und Zorn bringt durch seine Erzählungen, die die Leute, die für einen unterhaltsamen Abend gekommen sind, langweilen. Und diese kleinwüchsige Frau mit dem Sprachhandicap, die Dovele offensichtlich nicht eingeplant hatte, denn sie scheint ihn von früher zu kennen. Und sie behauptet steif und fest, Dovele sei keineswegs der Unsympathling, als den er sich zeitweise aufführt…

Doveles Leben ist kein Erfolg, das wird schnell klar. Schon als Kind war er eher der Typ, dem man im Vorbeigehen mal kurz die Faust in den Magen rammt oder eine Ohrfeige gibt, einfach so, weil es sich anbot… später dann, beruflich, na ja, …. die eigenen Kinder leben bei den Müttern, von den Frauen hat es keine bei ihm ausgehalten. Diese letzte Vorstellung, die er in der israelischen Stadt Netanja gibt, gibt Rechenschaft ab über sein Leben und offenbart das große Trauma, daß er nie verwunden hat.

Zumindest für die erste Hälfte des Romans müsste man sich mit den Verhältnissen in Israel besser auskennen, um alles, was dort geschrieben steht, einordnen zu können; es gibt wirklich böse Stellen, die Grossman seinem Helden in den Mund legt. Dazwischen immer wieder Andeutungen über die Kindheit Doveles und – womit der Text auch zu einer Art Zwiegespräch wird – die Erinnerungen des Erzählers an die gemeinsame Zeit mit dem Jungen, mit dem er sich damals so gut verstand, der ihm alle Geheimnisse entlocken konnte und der, wenn es abends auf halb sechs zuging, zunehmend nervös wurde, weil er seine Mutter abholen musste… später erfahren wir dann, was es damit auf sich hatte, und es sind dies Momente des Romans, in denen der Text einen ganz tief drinnen packt und das Herz abdrückt. Denn Doveles Mutter hatte die Shoah zwar überlebt (sie war von drei Lokführern in einem Verschlag in der Lok versteckt worden und fuhr halbes Jahr lang immer dieselbe Strecke mit…), die Angst aber ist ihr geblieben und gesund geworden ist sie nie.

Zunehmend geschieht das, was der Erzähler selbst fürchtet: Dovele nähert sich dem, was damals geschehen war zwischen ihnen und die zweite Hälfte des Romans schildert eine irrwitzige Situation: Dovele wird aus dem paramilitärischen Jugendlager nach Hause geordert, auf eine Beerdigung. Eile ist geboten (Begräbnisse finden in Israel noch am Tag des Todes statt), so wird Dovele von einem Soldaten in einem Jeep nach Jerusalem gefahren, es wird ein wilder Ritt. Doch niemand hatte dem Jungen gesagt, wer gestorben ist… und der Fahrer, der dies auch nicht wußte, versucht die ganze Zeit, ihn mit Witzen auf andere Gedanken zu bringen… Während Dovele dies alles schildert (und sein Publikum bis auf einige wenige Ausnahmen damit vergrätzt), versucht Avischai  zu rekonstruieren, was er damals gemacht hat, wie er reagiert hat – denn durch einen Zufall war er zu dieser im selben Lager wie Dovele, aber die beiden hatten sich nicht als Freunde zu erkennen gegeben. Eins ist unbestreitbar: geholfen hat Dovele nicht.

Am Ende ist der Saal leer – bis auf diejenigen wohl, die Dovele wichtig waren, die er, der Manipulator, hergebeten, hergelockt hat – und diese kleine Frau, die ihn erkannt hat. Und der Comedian, der sich im Laufe des Abends immer weiter derangiert hat, der seine Seele offenbart hat, der sich seiner Erinnerungen gestellt hat, hat auf eine gewissen Art Erlösung gefunden; die Feierlichkeiten sind beendet.


Kommt ein Pferd in die Bar ist ein vielschichtiges Buch. Der erste Teil, der langsam auf den Höhepunkt, diese irrwitzige Fahrt, um Dovele zur Beerdigung zu bringen, hinleitet, hat viel Bezug zu israelischen Verhältnissen, er enthält das, was man sich landläufig unter stand-up Comedy vorstellt.

Hinter dieser Fassade des Comedians jedoch versteckt sich eine traumatisierte Person. Eine tragische Kindheit, wo die Eltern durch die Hölle der Shoah gegangen sind und schwer daran tragen und im Grunde ihm, dem kleinen Jungen, eine untragbare Bürde der Verantwortung auferlegen. Schon hier zeigt sich sein Talent zur Schauspielerei… zu seinem ganz großen Trauma jedoch sollte diese Fahrt zur Beerdigung werden. Man sagt ihm nicht, wer gestorben ist und in seiner Vorstellung gewinnt der Gedanke Raum, daß derjenige gestorben ist, den er in Gedanken dazu verurteilt – oder ausselektiert. Diese Situation hat mich (oder den alten Physiker in mir) an Schrödingers Katze erinnert: auch bei dieser weiß man nichts genaues, sondern erst, wenn man nachschaut, kann man die Information gewinnen, ob sie tot ist oder nicht. Analog stellt es sich für Dovele dar: ist seine gedankliche Abrechnung dran schuld, daß …. im Sarg liegt und nicht …? Und das Ganze untermalt durch den witzeerzählenden Fahrer, dessen Witze Dovele Zeit seines Lebens in seinen Auftritten begleiten sollten…

Dovele ist kein schlechter Mensch, die kleine Frau hat wohl recht.  Dovele ist ein vom Leben gezeichneter Mensch, ein Mensch voller Traurigkeit, voller Wunden, voller verdrängtem Schmerz. Dieser Abend, die Karthasis, war für sein Weiterleben notwendig, die verschütteten Erinnerungen mussten geborgen und ans Licht gebracht werden… was weiter aus ihm wird, wissen wir nicht. Wünschen wir ihm das Beste!

Parallel zu diesem Einzelschicksal stellt Grossman [1] am Einzelschicksal vor allem der Mutter sehr eindringlich dar, welche Wunden die Shoah geschlagen hat und wie sich diese Wunden in die nächste(n) Generation(en) fortpflanzen. Es war im Mai ’45 für die Überlebenden eben nicht vorbei und ihre Kinder wuchsen in dieser teilweise sehr bedrückenden Atmosphäre auf, die ihre Eltern in ihrem Bemühen, ihr Leben wieder in den Griff zu bekommen, erzeugten [2].

Vielschichtig: man könnte jetzt noch einiges an Parallelthemen, die Grossman in seinem Roman anschneidet, anführen: manches zur Figur des Erzählers (auch er vom Tod einer geliebten Person noch gezeichnet), manches über die Strategien, mit der der junge Dovele versuchte, in seiner Kindheit zu über’leben‘, über den jungen Dovele überhaupt; manches über die im Buch angeschnittenen Lebensverhältnisse in Israel. Das Publikum im Saal, seine Reaktion auf den Auftritt Doveles, seine Funktion im Roman…

Dies alles präsentiert Grossman mit einer sehr intensiven Sprache, aber auch in einer Form, die Aufmerksamkeit verlangt: es gibt häufig unvermutete Sprünge in der Erzählperspektive, wörtliche Rede ist nicht als solche gekennzeichnet. Als Leser geht man die Entwicklung des Erzählers mit: anfangs ist einem dieser seltsame Comedian recht unsympathisch und man weiß nicht so richtig, worauf das Ganze hinzielt, aber dann packt einen der Stoff auf einmal und hinter der Showfigur taucht der Dovele auf, um den es eigentlich geht, der Siebenundfünfzigjährige, der an diesem Tag im August Geburtstag hat und der endlich seinen Frieden machen will – mit sich und den anderen. Ähnlich seinem Helden versteht es Grossman meisterhaft, den Spannungsbogen seiner Geschichte aufrecht zu erhalten beziehungsweise sie im richtigen Moment wieder zu erhöhen.

Kommt ein Pferd in die Bar ist ein beeindruckender, intensiver, ein großartiger Roman.

Links und Anmerkungen:

[1] Wiki-Artikel über David Grossman:  http://de.wikipedia.org/wiki/David_Grossman
[2] ich muss bei diesem Thema an die Kindheitserinnerungen von Doron denken, die mich seinerzeit sehr beschäftigten: Lizzy Doron: Das Schweigen meiner Mutter; Besprechung hier im Blog

fern habe ich von Grossman schon vorgestellt: Aus der Zeit fallen, ein Text, in dem der Autor seine Trauer um den 2006 im Libanon-Krieg gefallenen Sohn schildert

David Grossman
Kommt ein Pferd in die Bar
Übersetzt aus dem Hebräischen von Anne Birkenhauer Molad
Originalausgabe: סוס אחד נכנס לבר (sus echad nichnas lebar), Tel Aviv, 2014
diese Ausgabe: Fischer, TB, ca. 250 S., 2017

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Ein Kommentar zu „David Grossman: Kommt ein Pferd in die Bar

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