Ursula Krechel: Shanghai fern von wo

Ich habe hier im Blog vor kurzem Ursula Krechels Lebensgeschichte des Juristen Richard Kornitzer vorgestellt, der als Jude im Dritten Reich um sein Leben flüchten musste und der nach seiner Rückkehr in die BRD letztlich daran scheiterte, daß die Begriffe und Vorstellungen, was unter Gerechtigkeit und Wiedergutmachung zu verstehen ist, zwischen ihm und diesem neuen Staat, in dem so viele der alten Diener Unterschlupf fanden, nicht zur Deckung gebracht werden konnten [Ursula Krechel: Landgericht]. Der vorliegende Roman Shanghai fern von wo ist früher entstanden und deutet in seinem Ende dieses Thema der Wiedergutmachung, das Krechel in Landgericht zu mehr Gewicht verhilft, schon an. Zuvörderst aber schildert Krechel in Shanghai fern von wo exemplarisch Schicksale vertriebener und um ihr Leben geflüchteter Juden in dieser fernen, exotischen Metropole.

Der Name Shanghai taucht früher oder später immer auf, wenn man sich auf Literatur einläßt, die sich mit der Verfolgung der Juden im Dritten Reich befasst. Dies liegt daran, daß diese Stadt zu dieser Zeit einen ganz speziellen Status innehatte: sie war einen offene Stadt, die von mehreren Staaten verwaltet wurde und in der für Europäer keine Visumspflicht bestand. Somit wurde Shanghai das letzte Schlupfloch, das um ihr Leben flüchtenden Juden noch offenstand, nachdem immer mehr Staaten die Aufnahme weiterer Juden ablehnten.

Shanghai ist weit weg…. und der Juden waren es viele, die dorthin wollten bzw. mussten. In der ersten Zeit gab es noch Schiffe, die beispielsweise von Italien aus dorthin ablegten, der Andrang auf die Schiffe war enorm, eine Passage zu erhalten, ein reines Glücksspiel: Man sagte uns, dass wir Glück hätten. Die Besitzer dieser Passagen hatten am Vortag Selbstmord verübt, der Dampfer war von der Gestapo gechartert worden und sollte nach Shanghai fahren. ‚Uns‘, das sind die Tausigs, die wir später noch ein wenig kennenlernen werden, die gerade zurückkamen von der Donaubrücke, auf der sie selbst über ihre allerletzte, ultimative Fluchtmöglichkeit nachgedacht hatten…. Später dann, als sich Italien mit Nazi-Deutschland zusammentat, verschloss sich diese Möglichkeit und es blieb die noch abenteuerlichere Route via Eisenbahn durch Russland und hinter Russland durch Mandschuko, diesem Marionettenstaat der Japaner in Nordchina, von dessen Existenz die meisten noch nicht einmal wussten… Viel hatten sie nicht dabei, an Geld durften sie gerade mal zehn Mark mitnehmen, an Gegenständen und Kleidung zwar mehr, aber auch hier limitierte sich die Menge durch die Realität der äußeren Bedingungen.

In Shanghai angekommen wurden die Menschen mit etwas konfrontiert, was außerhalb ihrer bisherigen Vorstellungswelt lag. Ein Klima, das schier unerträglich erschien und nicht unerheblich zu den unsäglichen hygienischen Verhältnissen beitrug, eine Armut, die kaum fassbar war, denn natürlich lagen die Quartiere (sogenannte „Heime“, die von schon vorher dorthin Geflüchteten notdürftig instand gesetzt worden waren) nicht am Bund, dem großen, eleganten Boulevard der Stadt, sondern in den Elendsvierteln. In Shanghai war sich jeder selbst der nächste, wer sich nicht am eigenen Schopf aus dem Sumpf ziehen konnte, war verloren. Arbeit gab es kaum, es sei denn, man kreiierte eine solche für sich selbst, denn Geschäfte konnte man mit allem machen, einen Markt gab es sogar für solche Sachen wie abgebrannte Streichhölzer… Nichts charakterisiert die Stadt mehr als das Bonmot, Gott müsse sich bei den Einwohner von Sodom und Gormorrah entschuldigen, daß er Shanghai vergessen habe.


Die Klammer dieses Romans ist die Figur des Ludwig Lazarus, einem Berliner Buchhändler aus einer Buchhändlerfamilie, der etwas vom ‚geraden‘ Weg der Familie abgekommen war und der später dann eine eigene, kleinen Buchhandlung betrieb, in der sich Mitglieder der Gruppe Neu Beginnen trafen (vgl. z.B. hier: https://www.gdw-berlin.de/fileadmin/bilder/publ/beitraege/B20.pdf). Die Gruppe flog jedoch auf, die Mitglieder kamen in Haft und vor Gericht. Aberkennung der Ehren- und Bürgerrechte, Zuchthaus, später dann Dachau war die Folge für Lazarus… Lazarus hatte Deutschland laut richterlicher Verkündigung zu verlassen, es war noch die Zeit, in der die Juden nicht direkt ermordet wurden. So gelangte er nach Shanghai und die Autorin läßt ihn in einer Tonbandaufnahme über diese Zeit und die Flüchtling in ihr berichten. Man kann sein schepperndes Lachen, das hin und wieder erwähnt wird, förmlich hören.

Es ist ein recht fest umrissener Personenkreis, auf den sich die Autorin konzentriert. Lazarus spielt natürlich eine große Rolle [es ist, hat man den Roman gelesen, übrigens interessant, den Wiki-Artikel zu dieser Persönlichkeit zu überfliegen, man hat das Gefühl, es wird von Männern mit zwei unterschiedlichen Leben geredet, insbesondere, was die Zeit nach der Rückkehr in die BRD angeht:  https://de.wikipedia.org/wiki/Ludwig_Lazarus_(Schriftsteller)], die Familie Tausig aus Wien, die (wie vorstehend zitiert) so viel Glück hatte, eine Passage zu erwischen (übrigens das zweite Mal Glück, denn der schon siebzehnjährige Sohn Otto konnte trotz seines Alters noch mit Kindertransporten nach England in Sicherheit gebracht werden). Dann Lothar Brieger, ein renommierter, schon etwas älterer Kunsthistoriker aus Berlin, der allein geflüchtet war, weil seine nichtjüdische Frau nicht mitkommen wollte. Die Nobels, mit ihrer politischen Überzeugung strikt auf Moskaukurs, auch wenn Moskau sich einen Dreck um seine Leute kümmerte, immer rätselnd, wie welche Ereignisse im Sinne der Partei korrekt zu interpretieren seien. Anne und Ernst Kronheim, er mit seinen Uhrmacherwerkzeugen, die er auf den weiten Weg nach Asien rettete. Der gewiefte Jurist Max Rosenbaum hatte gedacht, er hätte die Nazis mit ihren Rassegesetzen ausgetrickst, in dem er die Tschechoslowakin Amy heiratete, ein Heirat, die in Nazideutschland verboten gewesen wäre. Aber dann wurde die Tschechoslowakei zum Protektorat Böhmen und Mähren und die Rosenbaums bestiegen den Zug nach Osten, um ihr Leben zu retten…

Überleben, es gelang ihnen mehr schlecht als recht – und es gelang nicht allen. Franziska Tausig beispielsweise gab an, sie können kochen und bejahte die Frage, ob sie einen Apfelstrudel backen könne. In Shanghai, ohne Rezept… aus den hintersten Winkel des Gedächtnisses kramte sie es heraus, mit anranzigem Fett, miefigem Pinsel… eine Zeitung muss man durch den Teig lesen können…. jedoch: alle waren verzückt, als der Strudel fertig gebacken war, sie bekam Arbeit, die Tausigs waren materiell erst einmal gerettet. Und die Erfindung der Frühlingsrolle lag noch vor Franziska… ihr Mann dagegen war innerlich gebrochen. Ein Rechtsanwalt aus Temeswar, im Geschützdonner des 1. Weltkriegs schwerhörig geworden, durch den Zusammenbruch der Doppelmonarchie nach Wien verschlagen als ungarischer Jurist, und jetzt nach Shanghai. Gebrochen, schwächlich, kränklich, fast taub… er sollte das Exil nicht überleben.

Dr. Lothar Brieger unterrichtete, er hatte eine Sammlung von Kunstpostkarten mitgebracht. Später dann, als er eine große Gelegenheit hatte, war er wohl nicht skupellos genug, einen Turner fälschen zu lassen, den (in echt) zu beschaffen sein reicher Arbeitgeber, dem er sich angedient hatte, ihn beauftragte… Die Rosenbaums fertigten und vertrieben Handschuhe, die Profession, aus der Amy kam; Lazarus organisierte Zeitungen und Bücher, viele Japaner waren wild nach deutschen Büchern, japanische Ärzte mussten ein ‚Germanicum‘ ablegen. Mal reichte es diesen Menschen zum Leben, mal war es wieder knapper als knapp.

Insgesamt umfasste die Gemeinde der jüdischen Flüchtlinge in Shanghai 18.000 Köpfe. Köpfe, auf die im Lauf der Monate und Jahre das Deutsche Reich wieder zugreifen wollte, obwohl ihnen zwischenzeitlich die Staatsangehörigkeit entzogen worden war (Man fragt sich natürlich, wie schwer der Verlust konsularischer Betreueung  für Juden wirklich wog. Bis dato bedeutete er eher, daß die nicht jüdische Ehefrau vorgeladen wurde und zur Scheidung überredet werden sollte oder daß der Vater, der seinen Neugeborenen korrekt (und ein wenig naiv) anmelden wollte, erfuhrt, daß Peter ein arischer Name und damit für jüdische Bälger verboten war…). Zwar verstanden die Japaner nicht wirklich, warum die Juden zu hassen und auszurotten waren, aber der drängenden Aufforderung des Alliierten gab man schließlich nach: es wurde ein Ghetto in Shanghai errichtet [ob dies ein ‚richtiges‘ Ghetto‘ im Sinne von z.B. der osteuropäischen gewesen sei mit Zäunen (wie hoch? woraus?, Zugangsbeschränkungen u.a.m. sollte später bei den Fragen der Wiedergutmachung in der BRD noch eine absurde Rolle spielen], die Lebensbedingungen verschlimmern sich damit noch einmal deutlich. Beschäftigungslosigkeit, Langeweile, das sich auf der Pelle hocken – eine deprimierende und zusätzlich entwürdigende Situation.


Der Krieg endete, die Japaner flüchteten und Hilfsorganisationen kamen mit hilfsbereiten, freundlichen, ahnungslosen MitarbeiterInnen. Bleiben oder Gehen, das wurde zur Frage unter den Exilanten, bzw. wohin überhaupt? Nach Deutschland zurück? Brieger beispielsweise bekam einen Brief aus Berlin, von Kollegen, die ihn baten, wieder zurückzukehren. Große Freude rief dieser Brief hervor, jedoch: es sollte eine Reise werden, von einer Hilfstruppe so stümperhaft und entwürdigend organisiert, daß Brieger daran zerbrach… Palästina bzw. dann Israel: die Kronheims beispielsweise gingen diesen Weg, Franziska Tausig ging zurück nach Wien, traf dort ihren Sohn wieder. Und Lazarus? Den verschlug es nach Hannover und dort wurde eine groteske Auseinandersetzung mit der BRD-Bürokratie, die über Wiedergutmachung und Entschädigung zu entscheiden hatte, zu einem Hauptlebensinhalt des schütter gewordenen Mannes.


Ursula Krechels Shanghai fern von wo ist ein Tatsachenroman, der seine eigene, langjährige Geschichte hat. Daniel Graf hat dies in seinem kurzen Beitrag zum Buch komprimiert dargestellt [Daniel Graf: Die Nähe der Ferne; http://danielgraf.net/rezensionen/ursula-krechel-shanghai-fern-von-wo/], deswegen will ich hier nur kurz auf die gleichnamige Hörfolge hinweisen, die Mitte der neunziger Jahre als Ergebnis der akribischen Recherchen der Autorin gesendet wurde [Infos dazu im Archiv der ARD: http://hoerspiele.dra.de/vollinfo.php?dukey=1413531], und die letztlich Grundlage des vorliegenden Romans ist.

Krechels Schreibstil ist ein wenig spröde, dokumentarisch. Häufig eingestreut sind Exkursionen über Sachthemen, die im Kontext des Romans eine Rolle spielen, mir fällt dazu im Moment als Beispiel die Passage über die Einrichtung eines deutschsprachigen Senders in Shanghai ein. Die im Anfang des Romans in separaten Abschnitten dargestellten Figuren und ihre Lebensläufe werden im Zuge der Handlung zusammengeführt und verknüpft, in Shanghai sind sie eingewogen in ein Netz gegenseitiger Unterstützung und Hilfe, allein konnte dort niemand überleben. Brieger und Lazarus beispielsweise bewohnen zusammen ein Zimmer, das in der Mitte durch einen Vorhang getrennt ist. Franziskas Apfelstrudel war ein erster Lichtblick im Dunkel des Exils, als Köchin hatte sie auch immer Zugang zu Lebensmitteln, die am Ende des Tages übrig waren und verbraucht werden mussten – im Klima Shanghais hielt sich wenig über Nacht. Das bisher gelebte Leben der Exilanten war vorbei, endgültig, es war eine Vergangenheit geworden, an die zu erinnern zusätzliche Bitterkeit hervorrief. Es war eine kaum zu bewältigende Lektion, die zu akzeptieren war, man musste sich auf die aktuellen Lebensumstände einlassen oder man ging unter. Lazarus mit seiner Erfahrung ‚Zuchthaus‘ und ‚Konzentrationslager‘ fiel dies relativ leichter als Herrn Tausig, dessen Lebenslinie einfach gebrochen worden war. Dazu kam die stete Angst vor Krankheiten, vor Keimen, die man sich einfangen konnte… die kulturellen Unterschiede: warum zum Beispiel ließen sich Weiße von kleinen Hunden an der Leine herumziehen, wo man diese Hunde doch genauso gut schlachten und essen könnte? Auch die Chinesen lebten schließlich am Minimum… Ausder Praxis, für die Praxis: man musste sich (so der erfahrene Lazarus) erst die Schuhe anziehen, dann die Hose, zum Schluss das Hemd. Zog man das Hemd als erstes an, schwitzte man es beim Anziehen von Hose und Schuhe schon wieder durch….

So gelingt es Krechel, ein sehr intensives Bild vom Schicksal dieser exemplarisch herausgegriffenen Menschen in einer völlig fremden Umwelt zu zeichnen. Bei allem Abstand, den sie als ‚Chronistin‘ wahrt, spürt man ihre Anteilnahme, ihre Anstrengung, das damalige Geschehen zu rekonstruieren und sichtbar zu machen. Es blieben hin und wieder Fragen offen, nach Handlungs- oder Entscheidungsmotiven etwa, nicht alles war nachvollziehbar: Krechel deutet dies an, zeigt auf, wo ihre Recherchen Grenzen fanden.

Zorn und Wut, innere Empörung dagegen spürt man als Leser am Ende des Buches bei der Schilderung des Kampfes von Ludwig Lazarus gegen die deutsche Entschädigungsbürokratie, deren Hauptmotivation es war, die Ansprüche möglichst zu drücken. Mehrdeutig formuliert wurde quasi immer gegen den Geschädigten entschieden, selbst gefällte Gerichtsurteile wurden von den zuständigen Stellen nicht immer umgesetzt. Es war eine Schande, es ist eine Schande. [Meiner Meinung nach ist schon die Begrifflichkeit eine Zumutung: weder kann man den Schaden, und sei es nur der materielle, den diese Menschen erlitten haben, wieder entschädigen noch kann man das erlittene Unrecht ‚wiedergutmachen’….] In ihrem nachfolgenden Roman Landgericht widmet Krechel diesem Aspekt deutscher Nachkriegsgeschichte wesentlichen Raum. Und schon vorher war die Wut der Autorin zu lesen bei der Schilderung, wie der schon älter Dr Brieger von den unbedarften, naiven, unerfahrenen Mitarbeitern der Hilfsorganisationen auf eine monatelange Odyssee geschickt worden war, die wesentlich zu seinem frühen Tod beigetragen hat.

Summa summarum: Für jeden, der sich für die Geschichte der Judenverfolgung interessiert, ist Shanghai fern von wo ein Muss, ein Standardwerk, daß in der Form eines Romans Tausende Exilanten dem Vergessen entreißt.

Ursula Krechel
Shanghai fern von wo
Erstausgabe: Salzburg, 2008
diese Ausgabe: btb, TB, ca. S., 512 S., 2010

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2 Kommentare zu „Ursula Krechel: Shanghai fern von wo

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