Daniel Kehlmann: Tyll

Der Eulenspiegel, der Till, werden dessen Streiche heute noch bei den Kindern erzählt? Zu meiner Zeit war es noch so, die Marktfrau, die auf eine Beschwörung von ihm ihre Tontöpfe zerschlug oder auch das Pferd, das er mit der Warnung verkaufte, es ginge nicht über Baumstämme… mir im Gedächtnis geblieben, also kann man wohl sagen, daß es mich als Kind beeindruckte und möglicherweise sogar mitprägte…


Der Tyll also, in dieser von Kehlmann gewählten Schreibweise, die historisch wohl so nicht auftaucht (hier schreibt man Dyl, Dil oder Till, vg. 2], der Tyll also, von dem man annimmt daß er geboren wurde im Jahre des Herrn 1300 (wenn er überhaupt geboren worden ist, man ist sich da nicht völlig sicher), bei Kehlmann lebt er ein paar Jährchen später, in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts. Diese Epoche vollbrachte bekanntlicherweise das, was die Pest drei Jahrhunderte früher schon einmal geschafft hatte: sie entvölkerte ganze Landstriche. Nur brauchte der Mensch dafür viel länger (womit auch gezeigt wäre, daß die Natur viel effektiver arbeitet als der Mensch…), dreißig Jahre, um genau zu sein, eine ganze Generation und um Frieden zu schließen, einen im Grunde fast unmöglich zu schließenden Frieden, betrachtet man all die einzuhaltenden Randbedingungen, brauchte es ebenfalls Jahre. Das geschah dann im Münsterländer Raum, einer neutralen Zone und nannte sich dann ‚Westfälischer Friede‘, ein Zustand, der politisch prägend war für die Zeit, die danach kommen sollte.

Nun ist der Tyll Kehlmanns keineswegs dreihundert Jahre alt, der Autor verpflanzt ihn kurzerhand, denn er brauchte wohl einen Narren (etwas, was der richtige Till möglicherweise nie war [2]), denn der Narr war der einzige, der die Wahrheit sagen durfte, nein: musste! Der Winterkönig beispielsweise zeigte sich gar nicht amüsiert, als der Narr nicht frech war, sondern einfühlsam und lieb. Freilich, es war eine besondere Situation, der Winterkönig lag mit der Pest darnieder irgendwo im verschneiten Wald, eine politische Niederlage (eine von vielen) hatte er ebenfalls gerade hinter sich beim Schweden (der gar nicht alt war, insgesamt sollten es nur paarundreißig Jahre bei ihm werden, er lebte zudem nicht viel länger als der Winterkönig Friedrich, denn ihn streckten in Lützen Schüsse und Stiche darnieder). Wie dem auch sei, der Tyll war der einzige, der beim sterbenden König im Schneetreiben blieb, all die anderen seines ‚Hofstaates‘ (wenn man diese Grüppchen verbliebener Bediensteter so bezeichnen will, der Zahl nach weniger als Finger an einer Hand, selbst wenn dort schon ein Finger fehlen sollte, was damals gar nicht so selten war – kriegsbedingt halt) waren nicht mehr da, hatten das Weite gesucht, den König verlassen…

Derweil der Tyll mit dem König ohne Reich beim Schweden war, war Nele bei der kleinen Liz geblieben. Nicht viele durften die Winterkönigin kleine Liz nennen, der Tyll durfte es. Und er durfte ihr die Wahrheit sagen ins Gesicht und er war ihr ein Narr, ein guter Narr, ein Freund? Kann man das sagen? Aber ich wollte von Nele sprechen, der Schwester Tylls, die nicht seine Schwester war, sondern mit der er damals davon lief, bevor man ihn noch einmal befragen konnte, denn wenn der Vater, der Müller Claus Ulenspiegel, der Bücher besaß (auch wenn er sie nicht lesen konnte), der sich viel mehr für Fragen interessierte und nach Antworten suchte, als fürs Mehl machen, wenn der also schon gestand mit Hilfe des Henkers Tilmann und seiner Geräte (und gestehen musste er, weil man – und damit sind in diesem Fall gemeint der Athanasius Kircher und sein Mentor, der Tesimond – zwar natürlich die Wahrheit schon lange wusste, aber ordnungsgemäß gehörte es sich, daß auch der der Hexerei Verdächtige sie wusste (man sagte sie ihm also) und er sie daraufhin zugeben konnte), wenn der also gestand, auch weil es Zeugen gab, die sich angesichts des Henkers und seiner Geräte erinnerten an Zauberei und Hexenkünste des Claus Ulenspiegel, wenn dies also so war, dann konnte man sich als Sohn sicher ein, auch noch einmal befragt zu werden vom Richter, vom Tesimond und vom Tilmann. Besser also, vorher abzuhauen – und Nele zu fragen, ob sie mitkommen will, denn Nele hatte im Dorf ein Leben zu erwarten zwischen Arbeit, ungeliebten Mann und Kindbett. So ging man mit dem Barden, dem Moritatensänger Gottfried, dessen Darbietung wohl selbst eine formidalbe Moritat war, übte selbst fleißig den Tanz, die Gedichte und Schauergeschichten, das Laufen auf dem Seil und das Jonglieren.

Der Gottfried war gut, aber schlecht. Was das Handwerk anging. Der Pirmin war gut, aber schlecht, was das Menschliche anging. Die beiden Kinder, die er dem Bänkelsänger abspenstig gemacht, lernten viel so wie sie auch hungerten beim Pirmin, geschlagen, gekniffen und mit Steinen beworfen wurden. Bis der Pirmin die Pilze aß, die Nele ihm zubereitet hatte, sich darauf krümmte und im Laub sich wälzte. Die Kinder waren nun frei, aber der Tyll war dumm, damals, denn als Fahrender war er nicht nur frei, sondern auch vogelfrei. Und die drei Marodeure, denen sie begegneten – und nur Nele lief weg, Tyll war wie gelähmt – sorgten dafür, daß der Tyll blutete, nachdem sie ihren Spaß gehabt hatten. Ob es wirklich so war und wenn, wie es war, wird man niemals klären können, die Erinnerung erweist sich als ein gar flüchtiges und wandelbares Ding, jeder Mensch erinnert sich anders und nicht immer läßt sich entscheiden, was wirklich geschehen ist und die Frage ist, ob nicht möglicherweise für jeden genau das geschehen ist, an das er sich erinnert… Lange sollten sie zusammen durch die Lande ziehen, der Tyll und die Nele, bis die Nele von jemandem, mit dem sie die Nacht verbrachte (das kam hin und wieder vor) gefragt wurde, ob sie ihn heiraten wollte… der Tyll riet es ihr, auch wenn er inwendig wohl traurig war, es war ihre Chance im Leben… und der Tyll zog daher mit dem Origines, seinem sprechenden Esel, alleine weiter…

Berühmt war er, der Tyll, alle Welt kannte ihn, von Flugblätter und vom Hörensagen, von Gerüchten, Erzählungen und vielleicht hatte ihn der eine oder andere gesehen. Seine Scherze waren derb und schadenfroh, er lockte das, was die Menschen sonst verbargen, aus ihnen hervor, häufig sogar floß Blut… er tanzte und sang und balancierte und jonglierte… sein Ruhm war groß, so groß, daß am Ende der Kaiser selbst sogar ihn sehen wollte und haben wollte in seinem Hofstaat und ihn auftreten ließ in Münster, wo sie noch einmal zusammentrafen (welch ein Zufall), die kleine Liz, seit Jahren ohne ihren Friedrich und der Tyll, seit Jahren ohne seine Nele…

Der Tyll war unkaputtbar, er überlebte, daß ihn der Knecht, als er noch ein schmächtiges Kind war, vor dem Mühlrad in den Bach warf, er überlebte die Nähe zum pestilenten Winterkönig, die kurze Zeit, die er – die Kameraden nannten ihn ‚Gerippe‘ – als Mineur teil zwangs-, teil freiwillig rekrutiert war, er überlebte den Krieg und die Menschen. Er war heimisch geworden in dieser Welt der Not, des Todes, des Gestanks, in der er sich eingerichtet hatte, in die er gehörte. Nein, mit der kleinen Liz nach England gehen, dort in Pantoffeln vor dem Herd zu sitzen, nein, das wollte er nicht. Und als sich Liz wieder umdrehte, nach ihm schaute, da war er schon wieder weg, so unmerkbar leise, wie er auch zu ihr auf den Balkon gekommen war, auf den jetzt die Schneeflocken nieder rieselten, die Liz, so wie damals als Kind, mit dem Mund auffing und auf der Zunge zergehen ließ…


Der Dreißigjährige Krieg – es ist kompliziert. Es ging um Religion, es ging – ach, wie es meist ist, um Macht [3] und alle waren dabei, die in Europa was zu sagen hatten. Außer den Engländern, um sie herauszuhalten aus dem jahrzehntelangen Gemetzel, hatte der englische König (Jacob I. ) seine Tochter Elisabeth (Stuart) und seinen Schwiegersohn geopfert. Mit denen alles, die Auseinandersetzungen und überhaupt der ganze vermaledeite Krieg begonnen hatte, als Kürfürst gestartet, als König von Böhmen einen kurzen Höhenflug erlebt und dann als Winterkönig die harte Landung. Ihr habt diesen Krieg angefangen, Madame. Ich beende ihn. So sollte es fast drei Jahrzehnte später in Münster der kaiserliche Gesandte der Witwe Friedrichs entgegnen.

Kehlmann erzählt keine Geschichte dieses Krieges, er malt einzelne Bilder, Momentaufnahmen quasi, in denen sich die Zeit spiegelt: die fanatische Verfolgung der Hexen und der Hexerei beispielsweise am Beginn des Romans, die unfassbare Brutalität des Kriegsalltags mit dem Hunger, dem unbeschreiblichen Dreck, Modder und Gestank nach Kot, Fäulnis, Verwesung, der wie eine Decke über den Heerlagern wabert und der sein Pendant hat in der Rohheit der Menschen, für die Mitgefühl ein Fremdwort geworden ist… den einfachsten Lebensbedingungen des Volkes. Die Wissenschaft, so wie wir sie heute kennen, war noch lange nicht so weit auch wenn sie am Horizont schon erkennbar war, Aberglaube und absurde Vorstellungen wie die Drakontologie [4] beherrschten das Denken, andererseits – und dies freut Kahlmann als Schriftsteller natürlich – gab es erste Dichter, die anfingen, auf Deutsch zu schreiben, namentlich taucht Paul Fleming [5] im Tyll auf. Das verbindende Glied dieser Momentaufnahmen (die nicht chronologisch angeordnet sind) zwischen diese Episoden und Abschnitten ist der Tyll, auch wenn immer wieder diverse Querverbindungen zwischen den anderen Figuren auftauchen. Viele/die meisten dieser Figuren, die Kehlmann einführt in seine Geschichte, sind historisch und haben ihre Rolle in der damaligen Zeit gespielt – wie auch im Roman, von daher müsste man parallel zum Roman eigentlich auch das entsprechende Geschichtsbuch lesen.

Trotzdem blieb der Tyll für mich unfassbar als Mensch. Plastisch und farbig war er in den beiden Eingangskapiteln, sein Auftritt (damit startet das Buch) als Fahrender in einem zu dieser Zeit noch vom Krieg verschonten Dorf, in dem er einen wüsten Streit provoziert und dann die Schilderung seiner Kindheit bzw. Jugend bis hin zum Hexenprozess gegen seinen Vater. In den späteren Episoden ist er dagegen ganz Narr geworden, jemand der, obwohl natürlich mittendrin, über allem zu schweben scheint, der die Wahrheit sagt, der auch in gewisser Weise weise ist, der hinter den Narrenspiegel schaut…. Aber Tyll selbst als Mensch ist unsichtbar geworden, ist nicht mehr fassbar, hat sich in seinem Kostüm verborgen…


Kennt ihr das? Man hat ein wunderschön zubereitetes Essen auf dem Teller, das sehr gut schmeckt und dann ist der Teller leer – und der Magen auch noch, es hat nicht gesättigt. So ähnlich ist es mir mit diesem Buch gegangen. Es hat wunderbare Passagen, der ganze Abschnitt beispielsweise über Friedrich und Elisabeth, die Drachensuche des Athanasius mit der absurden Logik seiner Argumentation, die Beschreibung des Treffens zwischen der böhmischen Königin und dem kaiserlichen Gesandten auch… oder ganz Beginn des Buches, der Auftritt des Tylls in diesem Dorf: wunderbare Schilderungen sind das. Aber wenn ich das Buch zugeklappt habe, hat die Geschichte Kehlmanns mich nicht mehr beschäftigt, beschäftigte mich vielmehr die Frage, wie ich diese erstaunliche Tatsache erklären könnte…

Ich kann es nicht. Möglicherweise bräuchte ich nur ein Stichwort, um die ‚Botschaft‘ zu erkennen, hinter die Oberfläche des Textes zu schauen: ach ja, natürlich… wieso bin ich nicht von allein darauf gekommen…. ich habe es nicht, dieses Stichwort. Und so bin ich schlussendlich ein wenig traurig, daß der Tyll, so viel Spaß und Freude ich beim Lesen hatte, mir so wenig gesagt hat… und doch kann ich trotz meiner Schwierigkeiten, weil das Lesen einfach ein Vergnügen war, jedem nur zuraten, diesen Roman selbst zu lesen und sich dran zu erfreuen, müssen meine Probleme ja nicht unbedingt auch die euren sein…

Links und Anmerkungen:

[1] zum Autoren der Überblick in der Wiki: https://de.wikipedia.org/wiki/Daniel_Kehlmann und die eigene Webpräsenz: http://www.kehlmann.com
[2] über den ‚historischen‘ Eulenspiegel gibt es natürlich viel Material… hier nur die Wiki:
http://www.braunschweig-touren.de/Seiten/Till_Eulenspiegel.htm und noch dieses alte Buch über ihn: http://gutenberg.spiegel.de/buch/till-eulenspiegel-1936/1
[3] in Stichworten kann man es hier nachlesen: https://www.uni-muenster.de/FNZ-Online/politstrukturen/dreikrieg/unterpunkte/wf.htm
[4] Bei Kehlmann die Wissenschaft von den Drachen, interessanterweise gibt es dieses Fach (mit ‚c‘ geschrieben) bei den Kryptozoologen, dort bezeichnet es die im Wasser lebenden Kryptiden.
[5] etwas mehr z.B. hier: http://gutenberg.spiegel.de/autor/paul-fleming-169. Den dort erwähnten Olearius treffen wir übrigens auch an….

von Daniel Kehlmann habe ich bisher seinen Roman Die Vermessung der Welt besprochen.

Daniel Kehlmann
Tyll
diese Ausgabe: rowohlt, HC, ca. 470 S., 2017

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