Ursula Krechel: Landgericht

Die in Trier geborene Ursula Krechel (heute lebt sie in Berlin [1b]) hat 2012 für diesen Roman um den Juristen Richard Kornitzer den Deutschen Buchpreis verliehen bekommen [1]. Kornitzers Leben, das dadurch tragisch geprägt wurde, daß es eine Zeit gab, in der er in seinem Geburtsland gezwungen war, den Mittelnamen ‚Israel‘ zu führen, wurde von Krechel dem Schicksal eines realen Menschen nachempfunden [2]. Es ist ein Schicksal, das diesen Mann nach Studium und Hoffnung auf berufliche Karriere vor die Alternative gestellt hatte, Emigration oder Ermordung, das ihn von Frau und Kindern trennte, das ihn in die Fremde, nach Kuba, führte und das sich schwertat, ihm nach seiner Rückkehr die ihm zukommende Rehabilitierung und Gerechtigkeit zu gewähren, denn die Verhältnisse in der noch jungen Bundesrepublik waren nicht danach.


Richard Kornitzer war 1903 in Breslau geboren worden, er studierte und promovierte in Berlin, war seit 1931 verheiratet mit einer Frau, die ihr eigenes Unternehmen führte und sie hatten zwei Kinder, Selma und der drei Jahre ältere Georg. Als Selma vier Jahre alt war, sah die Familie keine andere Chance mehr, als die Kinder mit den Kindertransporten in das sichere England zu schicken [2], Georg  war schon einem Alter, daß er ungefähr verstand, was sich da abspielte, Selma dagegen empfand die fürchterliche Reise nach England als Strafe für ihr ‚böses‘ Verhalten, sie verstand nichts von all dem, eine Tatsache, die sich ihr Leben lang auswirken sollte.

Claire Kornitzer, Protestantin, ließ sich nicht von ihrem jüdischen Mann scheiden, obwohl man ihr hart zusetzte. Der Plan der Kornitzers war, daß sowohl Kinder als auch Frau an den Exilort des Mannes, Kuba, nachkommen sollten, von dort aus wollte man versuchen, in die USA zu kommen. Der Ausbruch des Krieges vereitelte diesen Plan, die Kinder blieben in England bei verschiedenen Pflegefamilien, zeitweise auch in einem Heim, auch Claire Kornitzer überlebte den Krieg.

Nach dem Krieg verschlug es sie an den Bodensee, nach Bettnang. Dort fand sie Unterkunft bei einer Bauersfamilie, arbeitete als Sekretärin in einer Molkerei. Es war eine einfache, aber gemessen an dem, was sonst in Deutschland herrschte, fast idyllische Situation. Lindau beispielsweise war unzerstört, was Richard Kornitzer verwunderte, hatte er doch von den Verwüstungen deutscher Städte durch die Bombardements gehört. Richard Kornitzer kam im Frühsommer 1948 nach Bettnang, Claire hatte ihn über das Rote Kreuz ausfindig gemacht – sie wollte ihren Mann zurück haben -, ebenso wie einige Monate danach der Aufenthaltsort der Kinder ermittelt werden konnte.


Es hatte seinerzeit alles so zukunftsträchtig angefangen. Die beruflichen Aussichten des Juristen und Richters Kornitzer waren hervorragen, mit Claire Pahl hatte er eine selbstbewusste Frau kennen- und lieben gelernt, die ein Unternehmen in einem völlig neuen Erwerbszweig führte: sie produzierte Werbefilme für’s Kino. Ein Kind, ein Kindermädchen, eine moderne Wohnung… dann endete eine Kinoarea, im Wechsel vom zweiten auf das dritte Jahrzehnts des letzten Jahrhunderts löste der Tonfilm den Stummfilm ab und parallel dazu nahm die Brüllerei zu. Die Brüllerei auf den Straßen, das hektische Gebrüll an den Podien… Richard Kornitzer erlebte die ganze Klaviatur der Verfolgung mit, die immer striktere Reduzierung des Lebensraumes, angefangen vom Berufsverbot bis zum Badeverbot im Wannsee. Letzteres, macht Krechel klar, ist nicht nebensächlich, es ist das Realität gewordene Symbol dafür, daß der Jude dreckig ist und (auch der indirekte) Kontakt den arischen Volkskörper beschmutzt. Das zweite Kind wird geboren, Claire erlebt, wie sie gesellschaftlich geschnitten wird, ein jüdischer Mann, das Kindermädchen darf nicht mehr bei der Familie arbeiten, Kornitzer selbst findet mit Mühe eine Arbeit in einer Glühbirnenfabrik. Man entschließt sich, die Kinder nach England zu schicken.

Die Schlupflöcher zur Flucht werden weniger und enger, die Bedingungen immer brutaler: es geht dem deutschen Staat darum, noch möglichst viel herauszuquetschen aus dem verhassten Juden. Außerdem reißt man sich im Rest der Welt nicht gerade darum, die zur Flucht Getriebenen aufzunehmen. Kuba ist eins der wenigen Länder, in die sie noch einreisen können – sofern sie Geld haben, um den Eintritt zu bezahlen und die Wächter an den Eintrittstoren zu schmieren. Kornitzer erhält das Visum, nach dem Tod der Mutter hat er noch finanzielle Möglichkeiten, außerdem scheint sein berufliches Wissen um Patente gefragt. Hätte er für Claire auch ein Visum bekommen können, wenn er mehr gegeben hätte von dem Geld? Die Frage steht im Raum.

In Kuba richtet sich Kornitzer ein. Zwar ist es von Mentalität und Klima her ein fremdes Land, das es einem Mitteleuropäer nicht leicht macht, aber er hat Glück, er trifft auf einen Rechtsanwalt, der den präzisen Deutschen auf Honorarbasis (Aufenthaltsgenehmigung bedeutet nicht auch Arbeitsgenehmigung) einstellt: er soll den Terminkalender führen. Im Lauf der Jahre (Kornitzer eignet sich wohl ein akzeptables kubanisches Spanisch an) sollten sich die Aufgaben mehren. Krechel nutzt diesen Abschnitt im Leben Kornitzers, um andere Angehörige der Exilgemeinde, in der er dort eingebunden war, zu portraitieren und an sie zu erinnern:  Fritz Lamm, Hans und Lisa Fittko, Emma Kann, Julius Deutsch und Boris Goldenberg.

Nachfolgende Flüchtlinge hatten es schwerer: Schiffe durften nicht anlegen, mussten teilweise nach Deutschland zurückkehren (von den Passagieren hörte man danach nichts mehr). Schiffe, die aus Portugal und Spanien kamen, entluden ihre Passagiere in schlimme Lager, in denen die Emigranten so lange blieben, bis aus ihnen nichts mehr herauszupressen war an Schmiergeldern, Gebühren, Abgaben und überhaupt: Geld.

Kornitzer schaut eines Tages in der engen Straßenbahn auf den Knochen eines Halswirbels. Er kann (und tut dies) der Frau, die dazu gehört aus einer ärgerlich-peinlichen Situation helfen (in der Enge der Bahn hat sich ein Mann auf ihren Rock entleert), man lernt sich kennen, man trifft sich öfter, man trifft sich oft… ein uneheliches Kind, das geht (nicht nur) in Kuba gar nicht. So bringt XXX es weit weg von Havanna zur Welt, die Kusine zieht Amanda auf. Kornitzer jedoch sollte seine Tochter erst Jahrzehnte später treffen…

Unterdessen blieb Claire in Deutschland, sie ist die einzige, der Krechel kein eigenes Kapitel widmet. Immer wieder zwar, in kleinen Absätzen, in Halbsätzen, in quasi hingeworfenen Andeutungen ist ihr Schicksal erkennbar. Der Vertrag zur Übergabe der Firma, den man sie seinerzeit überzeugend  bat, zu unterschreiben (ein Angebot, das sie nicht ablehnen konnte), an einer anderen Stelle stehen die Wörter Auspeitschung und Folterung, nach dem Krieg ist sie keine gesunde Frau mehr. Wie sie dieses Jahrzehnt jedoch überlebte, bleibt leider en Detail im Dunkeln.

Das neu geschaffene Bundesland Rheinland-Pfalz braucht Richter, man bietet Kornitzer eine Stelle als Landgerichtsrat in Mainz an. Später einmal sollte es so klingen, als hätte man ihm damit (ohne daß dazu, einer Wiedergutmachung nämlich, eine Verpflichtung bestanden hätte) einen Gefallen getan, sozusagen, eine Art Gnadenakt für ihn vorgenommen. Und die Richterkollegen – wo waren sie die letzten Jahre, welches Recht haben sie gesprochen in dieser Zeit? Es erfolgt eine Beförderung für Kornitzer, aber diesem fällt auf, daß die Gesetze, die die Wiedergutmachung regeln, schwurbelig sind, unpräzise, Platz bieten zur Interpretation, die so häufig zuungunsten des Betroffenen ausgelegt wird. Bis hin zu einem (von Krechel zitieren) Urteil, daß den Antrag einer arischen Frau, die sich von ihrem jüdischen Mann nicht getrennt hat, ablehnt mit der Begründung, sie trage durch ihre Entscheidung, bei dem Mann zu bleiben, selbst Schuld an ihrem Unglück. Man möchte selbst beim Lesen eines solchen Satzes aufschreien, heute noch und immer wieder.

Die Kinder… über die Hälfte, bei Selma zwei Drittel des Lebens hat man sie nicht gesehen: sie sind sich Fremde geworden, das Jahrzehnt fehlt. Für die Kornitzers ist Selma noch die Vierjährige; dem großen Mädchen, das es liebt, im Kuhstall zu arbeiten und das an der Schwelle zum Frausein steht, das kein Deutsch spricht, stehen sie (vor allem Claire, die nach England zur Pflegefamilie reist, der Familie, die George (mit End-e) und Selma adoptieren will, bzw. jetzt: wollte) sprachlos gegenüber, ebenso wie Selma ihrem Tagebuch anvertraut: What on earth had this big, fat woman to do with me? Letztlich bleiben die beiden (sollte man sagen ‚ehemaligen‘, weil sie sich so fremd bleiben?) Kinder in England, auch wenn sie die Eltern, die mittlerweile beide in Mainz, in einem kleinen Häuschen wohnen, in den Ferien besuchen und die Eltern sie auch finanziell unterstützen.

Claires sich eines Tages auftuenden Herzenswunsch, ein Kino zu eröffnen, lehnt Kornitzer rigoros ab: die Frau eines Landgerichtsdirektors als (halbseidene?) Kinobesitzerin – das geht gar nicht. Und ohne die Unterschrift des Mannes unter was-auch-immer ist eine Ehefrau in der frühen Bundesrepublik aufgeschmissen….

Es fehlte ihm jemand, der sagte:
Laß gut sein, Richard.
Auch anderen Menschen ist Unrecht widerfahren. 

Im Lauf der Zeit Kornitzers am Landgericht Mainz treten sukzessive Verwerfungen ein, gewinnt in Kornitzer das Gefühl, ihm würde nicht die ihm zustehende Gerechtigkeit in Form einer Wiedergutmachung zu teil werden, überhand. Schlüsselerlebnis ist wohl die Ernennung eines Kollegen zum Gerichtspräsidenten: Kornitzer fühlt sich übergangen. Diese (von ihm empfundene) Kränkung nutzt er zu einer öffentlichen Erklärung, die einen Eklat provoziert. Die Fixierung auf eine sozusagen 1:1-Wiedergutmachung bis hin zu einzelnen Buchtiteln (aus dem Erbe der Mutter, nicht aus dem eigenem Besitz damals in Berlin), die in den entsprechenden Anträgen aufgeführt werden, besetzt ihn zunehmend obsessiv. Es sind nicht nur (möglicherweise gar nicht mal an erster Stelle, die materiellen Verluste, er „zerbricht, als er in der Enge Nachkriegsdeutschlands den Kampf um die Wiederherstellung seiner Würde verliert“ [1b]. Kornitzer legt sich gegen die vermeintlichen Anfeindungen einen Panzer aus Leibesfülle zu, die Gesundheit leidet stark, er wird häufig krank, muss auch in Kur, seine fachliche Kompetenz (die jahrelang unbestritten war) sinkt: dies wird wahrgenommen. Nach vielem Hin und Her befördert das Ministerium den unbequemen, zum Querulanten gewordenen Landgerichtsdirektor zum Senatspräsidenten und versetzt ihn gleichzeitig mit diesem Titel in den Ruhestand.

Eine letzte Enttäuschung, eine letzte verweigerte Genugtuung sollte Kornitzer nicht mehr erleben. Wenige Jahre nach seinem Tod 1970 unterließ es sein Sohn George, die von der Redaktion Biographisches Handbuch der deutschen Emigration nach 1933 [4] erbetenen Auskünfte über seinen Vater an diese zu übermitteln. Im Biographischen Handbuch der deutschen Emigration kommt Richard Kornitzer nicht vor. Mit diesem Satz beschließt Krechel ihren Text, den sie als Roman bezeichnet, der aber nichtsdestoweniger dem Leben und dem Schicksal eines Menschen nachspürt, der gelebt und gelitten hat, der Recht gesprochen hatte, aber der mit dem Unrecht, das ihm angetan worden war, nicht zurecht kam.


Ein großer Roman, ein wichtiger, ein berührender auch trotz des weitgehend nüchternen Charakters, in dem ihn Krechel formuliert hat. Er wirkt teilweise dokumentarisch, Krechel streut häufig Zitate in ihren Text ein, verschweigt auch nicht, wenn Fragen bei ihren Recherchen (die sehr gründlich gewesen sein müssen) offen geblieben sind. Auch scheut sie sich nicht, in kleinen Exkursionen historische Ereignisse und Vorgänge darzustellen und zu erläutern.

Das Schicksal der Kornitzers ist für ihre Zeit nicht aussergewöhnlich: Die Vernichtung der Juden war Staatsräson und wurde millionenfach umgesetzt. Daran gemessen hat die Familie es noch verhältnismäßig gut getroffen: sie haben alle den Krieg überlebt, kommen nach dem Krieg auch wieder zusammen. Sicher, auch sie haben Verluste zu tragen, materielle sowieso, aber auch persönliche: die Kindern waren fremd geworden, so fremd, daß Mutter und Tochter noch nicht einmal die gleiche Sprache sprachen. Die Distanz zwischen ihnen wurde nie überwunden, die Kinder konnten sie allenfalls überbrücken durch das Wissen, das dies ihre Eltern waren, gefühlsmäßige Bande zu knüpfen, war ihnen nicht mehr möglich. Eine Tatsache, mit der sich die Eltern abfinden mussten. So fanden Eltern und Kinder zwar wieder nach dem Krieg, blieben aber trotzdem getrennt.

Landgericht ist nicht chronologisch geschrieben. In den einzelnen Kapiteln widmet sich Krechel diversen Lebensabschnitten ihrer Personen. So wird nach der Darstellung der zukunftsfrohen Zeit des jungen Ehempaars in Berlin beschrieben, wie sich der einsetzende politische Umschwung auf ihr Leben auswirkt und schließlich zum ersten großen Einschnitt führt, dem Insicherheitbringen der Kinder nach England. Auch deren Schicksal nach dem Transport wird ausführlich beschrieben, das Exil Richards in Kuba sowieso und damit verbunden ebenso Schicksale anderer Emigranten. Mit der Rückkehr Richard Kornitzers an den ‚Wohn’ort seiner Frau nach dem Krieg, an den Bodensee, beginnt der Roman, mit der Fremdheit der Eheleute, deren Versuch, Nähe zu schaffen, den Ansätzen Richards, beruflich wieder Fuss zu fassen, bis er die Anstellung als Richter, in seinem Beruf also, in Mainz angeboten bekommt.

Immer wieder trifft Kornitzer auf Menschen, auf Kollegen, die sich nach dem Krieg für ein paar Jahre geduckt hatten, bis sie trotz ihrer Vergangenheit wieder an die Oberfläche kommen konnten. Auch dazu streut die Autorin verschiedentlich Einschübe in ihren Text, in denen solche Sachverhalte ausgeführt werden. Krechel führt am Schicksal Kornitzers vor, wie das große Thema ‚Wiedergutmachung‘ nach dem Krieg in der Praxis zu einem auf Verhinderung ausgelegten steinigen Weg eines nochmaligen, ja, auch in gewisser Weise entwürdigenden, Procedere gestaltet wurde. Untrennbar verbunden damit sind die Fragen nach ‚Gerechtigkeit‘ und wann ist dieser Genüge getan, wann und unter welchen Bedingungen hat auch derjenige, dem Unrecht getan worden ist, dies anzuerkennen und den (möglicherweise) unzureichenden Versuch als Akt, der ihm gerecht werden will, zu akzeptieren. Der Figur Kornitzer (und ihrem Vorbild) ist dieser Spagat offensichtlich nicht gelungen, immer weiter driftete auseinander, was der Staat zu leisten bereit war gegenüber dem, was der Wiedergutmachung Suchende forderte. Es war ein Zweikampf, viel musste der Fordende an Bedingungen erfüllen, bevor er (oft) unzureichend entschädigt wurde. Manch einer (und Kornitzer gehört dazu) erkrankte an den Verhältnissen, die Fähigkeiten, einen Schlussstrich zu ziehen und neu anzufangen war nicht jedem gegeben.

Kornitzers Schicksal ist eng verknüpft mit dem der jungen Bundesrepublik, dem Rechtsnachfolger des Dritten Reiches. Dieser neue Staat musste mit einem Dilemma umgehen: nachdem das Nazi-Regime durch die Verfolgung jeglicher anderer Meinung und Opposition für eine gleichgeschaltete, auf die herrschende Ideologie getrimmte Beamtenschaft (als Teil der Bevölkerung, für die cum grano salis ähnliches gilt) generiert hat, musste sie nach einem schematischen Entnazifizierungsprozess mit eben diesen Leuten (bzw. denen, die noch zur Verfügung standen) die neue Verwaltung, die neue Bürokratie, das neue Staatsverständnis aufbauen. Aus dem Exil kehrten, so schreibt Krechel an einer Stelle, gerade mal fünf Prozent der Emigranten zurück. Das machte sich deutlich bemerkbar, alte Seilschaften funktionierten auf einmal wieder und versuchten, ihre eigenen Interessen durchzusetzen.

Es sind Jahre auch des Aufbaus, sie spiegeln sich im Roman am Beispiel der Stadt Mainz. Sie lernt Kornitzer noch als Trümmerfeld kennen, als Landschaft aus Schutt, Staub und Ruinen. Es muss geräumt werden, es wird wieder aufgebaut, den Möglichkeiten entsprechend wird sukzessive Stockwerk auf Stockwerk errichtet. Das Aussehen scheint erst einmal egal zu sein, eine übergeordnete Planung scheint nicht zu existieren. Bequemer soll es sein als früher, glatte Flächen anstelle verzierter, verschnörkelter Kassetten…

Diesen teilweise komplizierten Verhältnissen angepasst ist auch der Schreibstil Krechels nicht immer einfach, er wirkt hin und wieder artifiziell, zwingt beim Lesen zu hoher Aufmerksamkeit, ggf. auch zum Zurückblättern und Nachlesen. Dies ist kein Nachteil, dieser Roman ist es wert, aufmerksam gelesen zu werden, außerdem gibt es auch immer wieder diese längeren, erzählenden Einschübe zu den diversen (Sach)Themen, die im Verlauf der Handlung Bedeutung erlangen. In der Summe vermittelt Landgericht das Bild eines Staates, dem die Vergangenheit wie ein Klotz am Bein hängt, der sich kollektiv der Verdrängung ergeben hat und der sich daher schwer tut, das Unrecht der vergangenen Epoche anzuerkennen und auszugleichen. Ist doch jeder Versuch eines Überlebenden, dies zu erreichen, ein Angriff auf diese Verdrängung. Es ist ein Staat, der schnell von alten Seilschaften durchzogen wird wie ein gammelndes Stück Brot vom Geflecht der Schimmelpilze – und Kornitzer und seine Familie sind ein Symbol dafür, sie stehen für viele, sehr viele andere im Mittelpunkt des Romans.

Links und Anmerkungen:

[1] https://www.deutscher-buchpreis.de/archiv/jahr/2012/
Es erstaunt mich immer wieder. Zitat aus obiger Quelle (und auch aus dem Klappentext des Romans): „Richard Kornitzer wagt 1947 die Rückkehr aus dem Exil zurück nach Deutschland.“ Vgl. dazu den Text des Romans selbst [S. 36/7] „Er war im März 1948 nach Deutschland zurückgekommen, …“. Bin ich einfach nur zu beschränkt, um zu verstehen, warum zwei verschiedene Jahresangaben genannt werden, gibt es einen höhere Wahrheit hinter dem Text, die ich nicht gefunden habe?
[1b] Portraits der Autorin in der Wiki: https://de.wikipedia.org/wiki/Ursula_Krechel
[2] siehe z.B. hier: http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/rezensionen/belletristik/ursula-krechels-landgericht-in-der-sache-kornitzer-11912092.html
schön auch dieser Beitrag in der ZEIT: http://www.zeit.de/kultur/literatur/2012-10/buchpreis-2012-ursula-krechel/komplettansicht
[3] z.B. hier http://judentum.net/kultur/kindertransporte.htm
[4] es gibt offensichtlich diverse solcher Handbücher, vllt (die Jahreszahl des Erscheinens, 1980, macht es denkbar), handelt es sich um das von Röder und Strauss herausgegebene, das nur noch antiquarisch erhältlich ist (deswegen kein Link)

Ursula Krechel
Landgericht
diese Ausgabe: btb, TB, ca. 508 S., 2014

 

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3 Kommentare zu „Ursula Krechel: Landgericht

  1. Der Roman hatte mich bei Erscheinen sehr positiv überrascht. Besonders starke Wirkung, weil Kornitzer, obwohl er als junger Beamter sehr deutlich die frühe antisemitische Stimmung der Weimarer Republik erfahren hat, sehr bestrebt ist sich wieder mustergültig im Nachkriegsdeutschland zu integrieren, und dafür ja auch bereit ist über zahlreiche Ungeheuerlichkeiten hinwegzusehen. Erst der lange fruchtlose Kampf um Reparationen nach dem Bundesentschädigungsgesetz sorgt für einen späten, vielleicht zu späten, Geistesumschwung. Und der wiederum belastet das sowieso schwierige Verhältnis zu den Kindern, usw, usf. Da werden mal tatsächlich Geschichte und Geschichte (im Sinne von Erzählung) gelungen enggeführt. Glaube mich zu erinnern, dass auch die Gruppe 47 und deren Behandlung Paul Celans angeschnitten wurde. (Wobei an der „wurde ausgelacht“ Version heute wohlberechtigte Zweifel gesät werden…)

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  2. Habe ich das richtig verstanden, dass es ein Roman ist, der sich am Schicksal der Familie Kornitzer orientiert, die es wirklich gegeben hat? Ich finde, da ich selbst Mutter bin, die Entfemdung der Kinder von ihren Eltern sehr tragisch. Die Passivität des Sohnes, als es darum geht, die Eltern und das Schucksal der Familie aus den Tiefen des Vergessens zu holen, ist sehr bitter.
    Der Hinweis auf die Unstimmigkeit der Buchbeschreibung auf der Seite des Deutschen Buchpreises wundert mich nicht: Mir ist schon mehrmals aufgefallen, dass der Klappentext nicht mit dem Inhalt des Buches übereinstimmt. Ein bisschen mehr Sorgfalt wäre schön, aber auch Buchverlage sparen am Personal.

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    1. Das Schicksal dieser Familie (deren Namen ich auch irgendwo gelesen habe ohne ihn hier zu nennen) ist wohl authentisch, so habe ich es auch aufgefasst. Ja, das ist alles sehr tragisch, aber im Gegensatz zu Millionen anderen haben die ‚Kornitzers‘ überlebt… Das sollte man nicht vergessen.

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