Gerhard Jäger: Der Schnee, das Feuer, die Schuld und der Tod

Der Winter des Jahres 1951 ist in den Alpen als ‚Lawinenwinter‘ in die Annalen eingegangen [2], ein Winter, der aufgrund zweier Extremwetterereignisse mit sehr viel Schneefall und anschließend verheerenden Lawinenabgängen zu vielen Opfern und Verlusten führte. Zu den Menschen, die – obwohl man seinen Leichnam nicht fand – in diesem Winter verschwanden, gehörte auch die Figur des fünfundzwanzigjährigen Maximilian (‚Max‘) Schreiber, der einige Wochen zuvor, im Herbst 1950, in dieses Dorf gekommen war. Halb zog es ihn, halb sank er hin: vor ziemlich genau einem Jahrhundert zuvor war in diesem weit abgelegenen, noch halb archaisch existierenden Dorf eine Frau in ihrem Haus verbrannt, von der es hieß, sie sei eine Hexe und die Dorfbewohner hätten sie dort in ihrem Haus verbrennen lassen, ohne zu helfen. Als Historiker auch privat an der Geschichte der Hexen und ihrer Verfolgung interessiert, hat Schreiber (sic!) den Plan, die Geschehnisse um diese Frau Katha­rina Schwarz­mann, soweit möglich, zu erforschen. … halb sank er hin: da ihn zu Hause, in Wien, seine Freundin eines Gärtners wegen verlassen hat, hat seine Reise in die Berge auch den Charakter einer Flucht, einer Auszeit…


Was ist damals passiert in diesem Dorf? Denn Max Schreiber ist nicht nur verschwunden, sondern er war eines Mordes beschuldigt; mit seiner Ankunft – so die Überzeugung der dem Aberglauben noch anhängigen Bevölkerung – hat sich Unheil in des Dorf eingeschlichen: ein unerklärlicher Todesfall, der Brand einer Scheune in der Stillen Nacht…

Was ist damals passiert in diesem Dorf? Diese Frage stellt sich auch für den achtzigjährigen John Miller in den USA. Dieser weißhaarige, leicht zittrige, alte Mann, der noch sehr um seine vor zwölf Jahren verstorbene Frau Rosalind trauert, mit der zusammen er ein kleines Antiquariat (spezialisiert auf indianische Literatur) geführt hatte, unternimmt die letzte große Reise seines Lebens: er fliegt nach Europa, um im Landesarchiv in Innsbruck die dort verwahrten Unterlagen über den Fall ‚Schreiber‘ zu sichten: die Aufzeichnungen Schreibers, aber auch den Polizeibericht – soweit dieser nach dem Brand der Wache nicht durch die Flammen vernichtet worden war.

Der Debütroman des österreichischen Autoren Gerhard Jäger spielt auf zwei Ebenen. Da ist zum einen die Jetzt-Zeit, die quasi als Rahmenhandlung für das zurückliegende Geschehen dient. Der alte Mann und die Suche nach der oder einer Wahrheit, noch in der Trauer um seine Frau, deren Tod, wie wir gegen Ende des Romans erfahren, ebenfalls auf unglückselige Weise mit den Ereignissen des Lawinenwinters verknüpft ist. In der Hauptsache jedoch führt uns der Bericht dieses jungen Max Schreibers (auch dieser in der Trauer um den Verlust seiner Liebe), den John Miller im Innsbrucker Archiv liest, und der in die vier titelgebenden Begriffe unterteilt ist, zurück in das Jahr 1950/51.

Max Schreiber ist ein Fremdkörper in diesem von der Welt abgeschiedenen Dorf. Sein Motiv, die Geschichte dieser vorgeblichen Hexenverbrennung zu erforschen, stößt auf heftigen Widerstand im Ort, zudem leidet Schreiber unter einer Schreibhemmung – die Seiten in seinem teuren Lederbuch bleiben weiß – und unter einer innerer Unruhe, die ihn immer wieder zu langen Wanderungen antreibt. Erst als er mit dem Kühbauer ins Holz geht und sich gar nicht mal so deppert anstellt, fangen die Menschen an, ihn langsam zu akzeptieren. Auch überwindet er seine Schreibhemmung als er erkennt, daß er nicht über Katha­rina Schwarz­mann schreiben sollte, sondern über sich und seine Erlebnisse, Eindrücke und Gefühle. Denn letztere gibt es, wachsen langsam heran und werden übermächtig, treiben ihn im Verlauf der Wochen vermehrt zu manch dummer Handlung: eine junge Frau, die Stumme, die er auf einer seiner Ausflüge kurz erblickt hat, hat sie in ihm geweckt und es wird bald offensichtlich, daß er ihr, Maria, auch nicht egal ist. Problematisch ist dagegen, daß auch der Kühbauer, und zwar schon länger und doch immer noch und immer wieder vergebens, an Marias Tür klopft…

… und dann kommt der Winter und mit dem Winter der Schnee in kaum vorstellbaren Mengen. Die Dorfbewohner und mit ihnen Schreiber drängen sich in der Kirche, die als einzige noch Schutz bieten kann vor den Lawinen, die das Dorf überrollen. Die Toten werden im Pfarrhaus aufgebahrt, auch Maria hat dort Unterschlupf gefunden und die Entschlossenheit, nein, es ist eher eine durch Erschöpfung, Überanstrengung, Müdigkeit und Sehnsucht motivierte Besessenheit, mit der Schneider jetzt, in dieser Situation, Klarheit haben will zwischen sich, dem Kühbauer und Maria, führt in eine Katastrophe…


Jägers Roman – mit dem sehr schönen und passenden Umschlagbild, das einen einsamen Mann beim Laufen zeigt – führt uns in eine Welt, die, auch wenn das zwanzigste Jahrhundert seine zweite Hälfte begonnen hatte, noch stark von Mythen und vom Aberglauben beherrscht war. Da gab es Gesichter, die den baldigen Tod von Personen voraussagten, selbst der Pfarrer räuchert am Ende der Raunächte das Pfarrhaus aus. Treten in einer Familie immer wieder die gleichen tragischen Unglücke auf, kann das kein Zufall sein, da haben andere Mächte ihre Hand im Spiel… Die Zeit verläuft gleichmäßig in diesem Dorf – wenngleich mit anderem Tempo-, es gibt keine große Abwechslung, das Kartenspiel und das Bier in der Gaststube ist für die Männer die einzige Unterhaltung, die der Ort bietet und die sie reichlich nutzen. In diese nach eigenen Gesetzen funktionierende Gemeinschaft kommt mit Schreiber ein Fremdkörper, der störend wirkt, weil der Fragen stellt, die an eine böse Geschichte erinnern und das schlechte Gewissen wecken, weil er als rationaler Städter in Frage stellt, was die Grundlage ist und was sogar der Pfarrer widerwillig akzeptiert: es gibt Dinge, die man nicht erklären kann… Gertraudi hat den bösen Blick und sieht die Menschen, die ein paar Tage später sterben werden, über den Hügel laufen, der blinde Seiler erzählt die Geschichte von den Saligen, deren Reich das Eis ist, es gibt Teufelssteine und versteinerte Liebespaare… Steiner fügt sich im Lauf der Zeit in diese Dorfgemeinschaft ein, erntet leise Anerkennung, fühlt sich dadurch fast heimisch. Daß er Fremder bleibt, merkt er, als offensichtlich wird, daß er ein Auge auf Maria geworfen hat – so wie der Kühbauer, den sie zwar nicht will, aber in den Augen des Dorfes ist dieser wenigstens einer von uns. Daß sich Schreiber dazu noch recht auffällig verhält, erschwert alles zusätzlich…


Jäger stellt die beiden Handlungsstränge (Schreibers Bericht und die Suche Millers nach der Wahrheit und damit verbunden dessen Erinnerungen an seine eigene bewegte Vergangenheit mit Rosalind) alternierend dar, bis gegen Ende des Romans die Zusammenhänge deutlich werden. Der Roman selbst kommt leise daher, unaufgeregt, den langsamen, meist betulichen Abläufen im Dorf entsprechend. Sehr schön kann der Autor vermitteln, daß die abgeschiedene Welt dieses Dorfes in den Bergen damals noch anders funktionierte, daß Wetter und Berge das Leben direkter und unmittelbarer mitbestimmten. Plastisch auch der Gegensatz, der sich zur modernen Zeit offenbart, denn Jäger läßt seine zweite Figur, den alten Herrn Miller, die Schauplätze des damaligen Geschehens besuchen. Miller trifft jedoch auf Straßen anstatt Feldwegen, auf Hotels und Pensionen, das alte Gasthaus verschwunden, das Pfarrhaus ebenso wie auch die Erinnerungen an damals und der Kühbauer lebt dement in einem Pflegeheim…


Der Schnee, das Feuer, die Schuld und der Tod ist ein moderner Heimatroman, eine Erinnerung auch an eine untergegangene Kultur, die uns heute fremd geworden ist, weil sie nur in der Abgeschiedenheit der dortigen Dörfer gedeihen konnte, eine Abgeschiedenheit, die heute nicht mehr existiert – genauso wenig wie es die Saligen tun, deren Eishöhlen mittlerweile vom Geheimnisvollen befreit sind und die mit dieser Bergwelt verschwunden sind.

Der Mensch lädt Schuld auf sich, durch sein Handeln und Tun, auch durch sein Wollen und Begehren, das nicht ohne Auswirkungen bleibt. Auch davon erzählt der Roman und von der Unzuverlässigkeit der Erinnerung, die im Lauf der Jahre verschwimmen und Gedachtes und Geschehenes zu einer neuen Wahrheit zusammenmischt. Und von der Lüge erzählt die Geschichte, die Jahrzehnte lang ruhen kann irgendwo im Verborgenen und die dann, möglicherweise durch eine Unachtsamkeit, hervorbricht mit der Gewalt eines Vulkans, der Leben zerstört und neue Schuld gebiert…

Davon (und wahrscheinlich von noch mehr) handelt Jägers Roman und beschreibt es. Und auch wenn mir das alles sehr gefallen hat, so dachte ich doch manchmal: ein paar Seiten weniger wären auch nicht schlecht gewesen. Aber das ist auch die einzige kleine Kritik, die ich am Buch äußern möchte….

Links und Anmerkungen:

[1] zur Autorenseite des Verlages: https://www.randomhouse.de….gerhard-jaeger/…
[2] vgl. den Wiki-Bericht: https://de.wikipedia.org/wiki/Lawinenwinter_1951 bzw. auch diesen zeitgenössischen Beitrag: http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-29192063.html

Gerhard Jäger
Der Schnee, das Feuer, die Schuld und der Tod
diese Ausgabe: Blessing, HC, Ca. 400 S., 2016

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2 Kommentare zu „Gerhard Jäger: Der Schnee, das Feuer, die Schuld und der Tod

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