Meine Lesehöhepunkte 2017

Eine Rückschau gehört dazu, der Jahreswechsel bietet sich an: was war im vergangenen Jahr so besonders beim Lesen, daß es hängen geblieben ist. Mein Kriterium ist das Bauchgefühl, ich scrolle die Veröffentlichungsliste Monat für Monat durch und dort, wo es ‚anschlägt‘ denke ich, dieser Titel gehört wohl dazu. So kommt es, daß meist mehr als 10 Titel in den Top-10 sind, aber was schert es mich. Dieses Jahr jedoch war es anders. Obwohl ich es keinesfalls als schlechtes Lesejahr empfunden habe, hatte ich Mühe, zumindest die obligatorischen zehn Bücher zu finden, die in dieses Aufstellung hineingehören… Diese sind’s jetzt also, die vom letzten Jahr bei mir besonderen Nachklang gefunden haben. Die Reihenfolge ist absolut willkürlich, noch nicht einmal alphabetisch…

John Williams: Augustus

John Williams Augustus wollte ich nicht lesen, seine bis dahin veröffentlichten zwei Romane (Butcher`s Crossing und Stoner) waren dermaßen gut, daß ich davon ausging, daß solch ein Coup ein drittes Mal nicht wahrscheinlich sei. Es war aber so. Williams‘ Roman über den römischen Herrscher Augustus in ein wunderbares, fesselndes, interessantes und sprachlich wunderschönes Buch. Gut, daß man hin und wieder mal was geschenkt bekommt….

Edmund de Waal: Die weiße Straße

Edmund de Waal hatte mit seinem Hasen-Buch die Geschichte seiner Familie, die unter Hitler fast vollständig ausgelöscht worden war, erforscht. Hier legt er mit Die weiße Straße eine sehr persönliche Auseinandersetzung mit seiner Arbeit als Töpfer vor. Es ist die/eine Geschichte des Prozellans, erfunden in China, wieder erfunden an diversen anderen Orten: Dresden und auch in England und Frankreich. Wie auch sein erstes Buch ein sehr persönlicher Bericht, bei dem man an einigen Stellen das Gefühl hat, der Autor würde sich überfordern, an der Bürde seiner Aufgabe scheitern. Er tut es nicht, und das Buch ist absolut wunderbar.

J. D. Vance: Hillbilly-Elegie

Was immer man auch gegen Trump sagen kann: er ist (gut, das Wahlsystem ist etwas seltsam…) gewählt worden und das zeigt, daß es eine sehr, sehr große Zahl von Menschen in Amerika gibt, die ihn und seine Art gut finden, die an Lügen nichts auszusetzen haben, der Wut auf alles mögliche ‚da oben‘ so groß ist, daß sie kein Problem damit haben, selbstzerstörerisch zu wählen. Was sind das für Menschen, die dort im zentralen Teil Amerikas, unbeleckt von der Aussenwelt, leben? Der Autor dieses Buches, J.D. Vance, gehört(e) zu ihnen, durch eine Menge glücklicher Umstände gelang es ihm, zu studieren und Karriere zu machen. Wenn also jemand dieses oben genannte Phänomen erklären kann, dann jemand wie Vance, der beide Seiten der amerikanischen Gesellschaft kennt.

Hisham Matar: Die Rückkehr

Die Rückkehr Hisham Matars nach Libyen ist eine Auseinandersetzung mit seinem Schicksal, das ihn früh im Leben aus seiner Heimat in ein anderes, ein dunkles, feuchtes Land vertrieben hat und das ihm den Vater nahm. Matar fühlt sich sowohl aus dem Raum als auch aus der Zeit gefallen, er lebt mental in einem Zwischenreich des Unentschiedenen, die Höchstwahrscheinlichkeit, daß sein Vater tot ist, kann ihm das Wissen darum nicht ersetzen und so auch nicht die Ruhe vermitteln, die der endgültige Abschied von einem Toten ermöglichen würde. 2012 schließlich ist für kurze Zeit der Besuch in der alten Heimat möglich…

Anna Kim: Die grosse Heimkehr

Kims Buch widmet sich einem Land, das im Moment immer wieder in die Schlagzeilen gerät, nicht aus erfreulichen Gründen. Die Geschichte Koreas ist tragisch, gab es überhaupt Perioden, von denen man sagen kann, es sei ein glückliches Land gewesen? Nach dem Zweiten Weltkrieg zeichnete sich bald eine Aufteilung des Landes in einen kommunistisch geprägten Norden und einen unter amerikanischer Obhut stehenden Süden ab. 1953 mündete diese Entwicklung in einen Krieg, der nach einem Waffenstillstand die Teilung des Landes zementierte. Meisterhaft schildert Kim die Zerrissenheit des Landes anhand der Schicksale dreier Figuren.

Margret Greiner: Charlotte Salomon

Charlotte Salomon, eine junge jüdische Frau im Dritten Reich, eine Künstlerin, sollte vor dem Regime in Sicherheit gebracht werden, und zwar in den Süden Frankreichs, zusammen mit den Großeltern. Dort erst, nach dem Suizid der Großmutter, erfuhr sie vom dunklen Schicksal, das über ihrer Familie schwebt: deren Geschichte weist eine auffällige Häufung von Selbsttötungen auf. Charlotte erkrankt nervlich, das Zusammensein mit dem Großvater, die Internierung in Gurs – das alles ist zuviel für sie. Auf Anraten ihres Arztes erzählt sie ihre Lebensgeschichte – in Hunderten von Bildern. Greiners Buch schildert das tragische Leben dieser Frau in sensiblen, einfühlsamen Worten. Zusammen mit den Bildern ist diese Biographie mehr als ein Buch.

Donald Ray Pollock: Das Handwerk des Teufels

Hard stuff. Pollocks Geschichte ist eine Version von Hölle auf Erden, eine fleischgewordene Freak-Show, eine Ansammlung von Menschen, denen jedweder Wertemaßstab, ach: jeder Maßstab eigentlich, abhanden gekommen ist. Konflikte werden über das Faustrecht ausgetragen oder auch mit Waffen, jemanden zu ‚Brei schlagen‘ ist hier keine leere Redewendung. Pollock schildert Amerikas dunkelste Ecken…

Deborah Feldman: Überbitten

Deborah Feldman hat mit ihrem Erstling Unorthodox, der ihre Säkularisierung, ihre Abkehr von der ultraorthodoxen chassidischen Gemeinschaft der Satmarer schildert, einen großen Erfolg. In diesem Nachfolgebuch widmet sie sich der Zeit nach dieser Abkehr, die für sie und ihren Sohn zwar die Freiheit bedeutete, aber auch einen absoluten Neuanfang verlangte: sie konnte weder auf Freunde, noch auf Geld oder Beziehungen zurückgreifen. Das alles gab es schlicht und einfach nicht für sie. Nach Jahren des Weges findet sie ausgerechnet in dem Land, das ihre Vorfahren ausrotten wollte, eine neue Heimat: … ich habe auf unerklärlichem Wege gelernt, dieses Land und seine Menschen zu lieben, ganz so, wie ich gelernt habe, für die irregeleiteten Menschen, die mich erzogen hatten, und ihre traumatisierten, aber wohlmeinenden Methoden Zuneigung zu empfinden. 

Han Kang: Menschenwerk

Mit Han Kang hat mich der Roman einer weiteren Autorin aus Korea begeistert. Han widmet sich dem Süden des Landes, sie geht auf ein traumatisches Ereignis aus dem Jahr 1980 ein. Gäbe man sich der Vorstellung hin, nur weil Südkorea nicht kommunistisch ist, wäre es damals ein demokratischer Staat gewesen, so wäre dies im besten Fall naiv. Es war ein von den USA geduldetes/unterstütztes autokratisches System an der Macht, die diese mit allen Mitteln verteidigte. 1979/80 kam es im Land zu Unruhen, in der im Südwesten des Landes liegenden Stadt Gwangju wurde im Mai 1980 ein Exempel statuiert und der Aufstand der Bevölkerung brutal niedergeschlagen. In ihrem unaufgeregten und gerade dadurch so eindringlichen Bericht läßt die Autorin verschiedene Menschen, die damals die Aufstände erlebten, zu Wort kommen…

Christoph Ransmayr: Cox oder Der Lauf der Zeit‎

Dieser Ransmayr ist ein wenig ein Irrläufer, da ich ihn schon 2016, am Ende des Jahres gelesen habe, aber in meinem seinerzeitigen Rückblick übersehen hatte. Deswegen also dieses Jahr der Hinweis auf die Geschichte des englischen Uhrmachers Cox, der vom chinesischen Kaiser an den Hof eingeladen wird, dort eine Uhr zu konstruieren, mit der der Kaiser hofft, auch Herr über die Zeit zu werden. Die Zeit… dieser Alltagsbegriff, der sich uns sofort entzieht, wenn wir versuchen zu definieren, was das ist, die Zeit…. In Peking trifft Cox mit seinen Leuten auf einen kaiserlichen Hof, der selbst in der Präzision eines Uhrwerks funktioniert und wehe, jemand versucht, auszubrechen aus diesem strengen Zeremoniell… Der Lauf der Zeit, ein Sprachkunstwerk des Österreichers.

Pat Barkers Trilogie über den 1. Weltkrieg

Die Darstellung des 1. Weltkrieges aus englischer Sicht, wie sie Pat Barker in einem Romanwerk verfasst hat, umfasst drei Bände: Niemandsland,  Das Auge in der Tür und Die Straße der Geister. Ich bin eher durch Zufall auf dieses Werk gestoßen, dann auch noch auf den dritten Teil, aber ich war so fasziniert, daß ich mir die anderen Bände ebenfalls besorgt habe und voilà, ich kann es eigentlich jedem nur empfehlen, sich diesem Thema von einer Seite zu nähern, die man überlicherweise nicht so auf dem Film hat, weil man ja doch den Stellungskrieg in Frankreich eher mit – eben – Franzosen und Deutschen in Verbindung bringt. Daß auch die Engländer ähnlich hohe Totenzahlen aufweisen wie die Franzosen, ist wohl weniger präsent wie auch die sozialen Erschütterungen, die England im Nachgang durch dieses Gemetzel durchleben musste.

Sodele, dann schließe ich diesen Rückblick auf 2017, weiß, daß auch die anderen von mir vorgestellten Bücher des Lesens wert waren, weiß, daß ich (nicht viele, aber doch ein paar) Bücher gelesen habe, die hier im Blog nicht auftauchen, weil ich nicht dazu gekommen bin, die Besprechungen zu schreiben. Das verursacht mir ein klein wenig ein schlechtes Gewissen – den Büchern gegenüber… ,-)
Auf ein neues, wunderbares Lesejahr, auf ein Jahr, in dem jedoch auch das Lebens außerhalb des Bücherschranks zu seinem Recht kommen soll und darf!

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