Michael Cunningham: Ein wilder Schwan

Michael Cunningham ist 1952 geborener Amerikaner und als Schriftsteller u.a. mit dem Pulitzer-Preis für seinen auch verfilmten Roman Die Stunden ausgezeichnet [1]. Im vorliegenden Werk, schon von außen als Buch ein Genuss, hat er etwas ganz anderes als einen Roman geschrieben. Er hat sich den Märchen gewidmet, Rapunzel beispielsweise, die Schöne und das Biest, Hänsel und Gretel, Rumpelstilzchen, den standhaften Zinnsoldaten (um einige zu nennen) und hat diese ‚hinterfragt‘, uminterpretiert, in unsere Zeit transferiert oder auch fortgeschrieben.


Manchmal führt dies zu ganz anderen Geschichten wie beispielsweise bei Hänsel und Gretel. Die im Märchen böse Hexe ist bei Cunningham eine durch ein ausschweifendes, mehrere Ehemänner verschlissen habendes Leben gealterte Frau, die sich, nachdem das Alter (auch der eigene Körper hat Spuren dieses Lebens davon getragen) sie gezeichnet hat, ein Häuschen, ein Zuckerhäuschen, im Wald gebaut hat, in der Hoffnung, Anlaufstelle zu werden für die, die etwas vorhaben, was keiner sehen soll. Die einzigen, die jedoch nach Jahren des Wartens auf ihr Häuschen stoßen, ist ein psychopathisches Pärchen…

Enger am ursprünglichen Märchentext bleibt Cunningham dagegen bei seiner Geschichte vom Gnomen (… aus einer Sippe unbedeutender Zauberer…), der unbedingt ein Kind haben bzw. aufziehen möchte, ein Begehr, das zu Verwirklichen ihm auf natürlichem Wege verwehrt ist. Als die Müllerstochter jedoch des großmäuligen Vaters wegen vom König mit Spinnrad, Stroh und dem Auftrag, daraus Gold zu spinnen, in ein Verließ gesperrt wird, sieht er seine Chance…

… oder die Schöne… auch sie vom Vater geopfert… wohl kann sie das Biest erlösen, doch als der schöne, muskulöse Prinz dann vor ihr steht und sie seine Augen sieht, fragt sie sich, ob dessen Verwandlung in ein Biest nicht einfach nur eine angebrachte Schutzmaßnahme war…

… oder auch der letzte, der zwölfte Prinz aus Andersens Die wilden Schwäne, der dort nur erwähnt wird, bei Cunningham kommt ihm die Hauptrolle zu. Er, mit seinem Schwanenflügel, wird zum und ist Aussenseiter, Ausgestoßener auch: die billigen Schänken und Bars und deren Bewohner werden seine Begleiter, Vergessen und Trost sucht er im Alkohol…

Das soll als Beispiel für den Inhalt des Buches und den Ansatz des Autoren reichen.


Märchen, diese alte, ursprünglich mündlich tradierte Form – bevor sie schriftlich fixiert wurde – von Geschichten sind ja nicht einfach nur schöne und/oder erbauliche Texte, sie (als Volksmärchen) sind tiefgründig, übermitteln verschlüsselte Wahrheiten und Botschaften. Ich hatte mich vor einigen Jahren einmal damit befasst, als ich gebeten worden war, etwas über Aschenputtel zu erzählen [siehe unten]. Verfremdet man solche Geschichten, die offensichtlich mehr als nur einen Boden haben, verflacht man sie notwendigerweise, weil man das in ihnen Versteckte mit der Umwandlung in eine neue Geschichte verliert. Das Märchen der beiden Kinder Hänsel und Gretel beispielsweise ist in vielfacher Weise deut- und interpretierbar [2], kehrt man die Rollen jedoch um (wie der Autor es hier gemacht hat)  wird aus dem vielschichtigen, uralten Schatz der Volksüberlieferung eine einfache Geschichte, die zwar auch eine Botschaft vermitteln kann, aber im Grunde doch ‚flacher‘ ist als das Original. Diese Tatsache tut – das möchte ich betonen – dem Lesevergnügen jedoch keinen Abbruch, da man sich als Leser (oder auch Hörer…) meist weniger auf tiefenpsychologische Aspekte von Märchen konzentriert, sondern man sich einfach nur dem Genuss der Geschichten hingibt… Märchen erzeugen schließlich auch Gefühle und Emotionen.

Wer Märchen kennt, ist klar im Vorteil, denn Cunningham hat sich natürlich nicht nur an die bekannten Volksmärchen der Grimmschen Brüder oder Andersens gehalten, die meisten der zugrunde liegenden Originale sollten aber bekannt jedem und damit erkennbar sein. Nicht jede Geschichte gefällt gleich gut, das ist normal bei Märchen (und als (Kunst)Märchen werden auch Cunninghams Geschichten im Untertitel bezeichnet), aber zusammen mit den zauberhaften Illustrationen der japanischen (und in NY lebenden) Künstlerin Yuko Shimizu ist ein sehr, sehr schönes Buch entstanden, schon der Umschlag ist optisch und haptisch ein Genuss für die Sinne. Damit ist Ein wilder Schwan eine erste Adresse als Buch zum (Ver)Schenken, sich selbst und anderen…

Links und Anmerkungen:

[1] Über Cunningham hat die Wiki nicht allzu viel zu bieten, aber immerhin:  https://de.wikipedia.org/wiki/Michael_Cunningham, dafür gibt es aber eine Homepage: http://www.michaelcunninghamwriter.com
[2] Wie es hier im Überblick geschrieben steht…: https://de.wikipedia.org/wiki/…Deutungen

Es gibt nicht allzu viel ‚Märchenhaftes‘ auf aus.gelesen, aber zumindest dies:

ein wenig was zu Aschenputtel
José María Guelbenzu: Spanische Hunger- und Zaubermärchen
E.T.A. Hoffmann: Meister Floh (ein Kunstmärchen)
Blaise Cendrars: Kleine Negermärchen

Michael Cunnigham
Ein wilder Schwan
Andere Märchen
Übersetzt aus dem Amerikanischen von Eva Bonné
Illustrationen von Yuko Shimizu
Originalausgabe: A Wild Swan and Other Tales, NY, 2015
diese Ausgabe: Luchterhand, HC, ca. 156 S., 2017

Ich danke dem Verlag für die Überlassung eines Leseexemplars.

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