Peter Handke: Versuch über den stillen Ort

Ich selbst erinnere mich an diesen Raum, der deutlich länger war als breit und in dem ich hier als damaliges Ich zu sehen bin. Wird es der erste halbwegs selbstständige Toilettengang gewesen sein? Wahrscheinlich nicht, aber ebenso wahrscheinlich war dieser Gang noch keine Selbstverständlichkeit, hatte noch den Charakter eines Versuchs, diese Errungenschaft der Zivilisation mir anzueignen. Ganz sicher jedoch war das damals, zu diesem Anlass, kein stiller Ort, auch kein Stiller Ort, meine ich doch noch die Stimmen meiner stolzen Eltern zu hören.

Dieses Bild gehört zu den tiefsten Erinnerungen, die ich habe. Ich erinnere mich an die Wanne, an deren Rand ich mich festhalte. Oft war sie voll mit Wäsche, die dort noch von Hand gewaschen wurde, ein Waschbrett, etwas, das man heute nur noch von Bäuchen kennt, gab es zum Schrubben der Wäsche, eine Mangel, das waren zwei über eine Kurbel angetriebene gegenläufig rotierende Walzen, die das Wasser aus den Wäschestücken pressten. In späteren Jahren (ich darf die Erinnerungen nicht vermischen!) gaba es eine andere Wanne, in der lagen Gurken und wurden geschrubbt, aus ihnen machte die Mutter Essiggurken, Gurkendoktors große Stunde. In der Wanne dagegen, die man auf dem Bild sieht, saß häufig auch ich, man hatte damals noch die kleinhandtellergroßen Brausetabletten, um ein Schaumbad herzustellen. Gibt es die noch? Vater musste dazu mit der Hand ganz kräftig im Wasser quirlen, ich trug meinen Teil zur Überschwemmung ganz sicher bei, Spaß hatten wir beide und der Raum roch nach Fichtennadeln.

Ein anderer stiller Ort, bei meiner Tante in einer Bergarbeitersiedlung. Ein Häuschen auf dem Hof mit einer Sitzbank und einem Loch, darunter eine Grube, die alles aufnahm, was von oben kam. Das Bild finde ich nicht mehr, ich habe gestern alles durchsucht. Das Haus, ein Bergarbeiterhäuschen im Kohlenpott, ist auf der linken Seite des Bildes abgeschnitten, etwas zurückgesetzt besagter Verschlag mit halboffener Tür. Ich stehe mit geringeltem Pullover und Pudelmütze (es muss also kalt gewesen sein) davor, ein Zeigefinger friert, sucht Wärme in meiner Nase, meine Tante stützt mich und beugt ihren Oberkörper zu mir herunter. Wer das Bild gemacht, weiß ich nicht mehr, ich weiß nur, daß ich es  bedaure, daß ich dieses Bild vielleicht nur noch in der Erinnerung besitze.


Peter Handke [1] hat diesen Versuch über den Stillen Ort 2011 in der Einsamkeit und Dunkelheit sowohl der Rauhnächte als auch der menschenleeren Landschaft zwischen Paris und dem Meer, niedergeschrieben. Auch diese Situation eine Situation der Stille und der besonderen Atmosphäre in diesen letzten Tagen eines Jahres, die die welligen Weiten durchwirkt von düsterem Licht darbietet, kaum belebt von anderen Menschen, manchmal jedoch durchleuchtet für eine Stunde von der Sonne mit einem Schimmern, das herzhafter sich der Autor kaum vorstellen konnte, mit einem fast horizontal einfallendes Dezemberlicht, kein umfassenderes, belebenderes Grünen und Blauen, kein innigeres Glänzen als jenes der Grasmittelstreifen auf den den Feldwegen.

Handkes Büchlein ist eine Mischung aus Erinnerungen an und kleinen Betrachtungen und einem Sinnieren über die Bedeutung dieses besonderen Ortes. Dieses Stillen Örtchens, das still ist, weil es zweierlei im Besucher bewirkt: er ist allein auf diesem Ort, den er möglicherweise als Fluchtort sich ausgesucht hat, um für eine Weile einer Gesellschaft, für die er sich kurz erholen musste, um sie wieder zu ertragen, zu entkommen. Und still ist er, weil wir uns auf uns konzentrieren, jenes, was von außen kommt, zu einem Hintergrund verschmilzt, der nicht mehr stört. Mag uns das auch nicht bewusst sein, so merken wir es spätestens dann, wenn Schritte zu hören sind und wir vermuten, es seien Schritte gemacht in der Absicht, diesen Stillen Ort, den wir schon besetzen, (vergeblich) aufzusuchen: wir fühlen uns gestört, verunsichert, verteidigen den Ort möglicherweise mit einem Warnruf, der dem potentiellen, dem vermuteten, Eindringling ‚Halt!‘ gebieten soll.

Die frühesten Erinnerungen Handkes gehen zurück auf den versteckt liegenden Abtritt des bäuerlichen Großvaterhauses im südlichen Kärnten mit der zurecht geschnipselten Zeitung als Papier, dem senkrechten Schacht, der auf den Misthaufen (oder in einer Grube?) sein Ende hat. Völlig unauffällig war dieser Ort verborgen hinter einer rissigen, alten Wand aus grau gewordenen Brettern. Schon hier taucht das besondere Licht in der Erinnerung Handkes auf, sogar zweierlei Lichter … das erste der Lichter von oben, an Ort und Stelle sozusagen, … das durch das Holz und aus dem Holz selber, wie gefiltert  drang, ein seltsames indirektes Licht, wie nirgends sonst im Haus; indirekt, das heißt ohne Fenster, dafür umso stofflicher; … Und das zweite der Lichter? war das, welches schachtaufwärts steigt … bis höchstens zur halben Höhe des Schachts … ein ganz anders stofflicher Schimmer als der den Äuger oben umgebende, … immer wieder räsoniert Handke über das besondere Lichtd, das er an diesen Orten wahrnimmt in seiner einhüllenden Atmosphäre.

Das Klosett, der Abtritt als Ort des Asyls, als Fluchtpunkt. Mir kommt jetzt die Geschichte von Belá in den Sinn, diesem ungarischen Jungen, der tagsüber arbeiten musste und sich nachts auf dem Abtritt versteckte, um dort ungestört trotz Gestank beim Flackern der Kerze zu lernen [3]. Auch Handke sah das Klosett in seinem Internat als einen möglichen Asylort an, der ihm Schutz bot und die äußeren Geräusche der lärmenden Mitschüler zu etwas fast ‚Heimeligen‘ verwandelte.

In dieser Phase des Erinnerns schleicht sich bei Handke eine seltsam anmutende Assoziation ein, kommt ihm das weit häufigere Aufsuchen des Beichtstuhls im Laufe der heiligen Messe … als etwas Vergleichbares vor die Augen. Der Beichtstuhl, auch ein stiller Ort mit seiner auf sich Selbstzurückgeworfenheit, an dem sich (nicht der Körper, aber) das Gewissen erleichtert bis hin zu dem fast beschwingten Rückweg in die Stuhlreihe, ähnlich dem leichten Gang von der Toilette, wenn die Erleichterung des Körpers dessen Wohlbefinden und daher das des Menschen merklich verbessert hat.

Noch einmal sollte den Autoren so eine Assoziation mit Kirchlichem ankommen. In einem Park (kurz vor dem Niederschreiben dieser Aufzeichnungen) in der Nähe der öffentlichen Bedürfnisanstalt sitzend kommt ihm der Zug der Menschen dorthin vor wie vergleichbar höchstens beim Kommuniongang des Kirchenvolkes während der heiligen Messe, … ein Vergleich, den Handke – er betont dies – nicht blasphemisch meint. Mich schockieren diese Vergleiche nicht, verfällt man nicht der Unsitte des Lesens auf dem Klo (oh ja, auch ich natürlich folge dieser), sondern nutzt die Gelegenheit der Achtsamkeit für sich, kann sich, so wage ich zu behaupten, ein sehr nach innen gekehrtes Moment in solchem Toilettenaufenthalt einfinden.

Es gibt auch eher skurril anmutende Passagen. Der junge Handke, der auf Wanderschaft gegangen ist, und dann ohne Geld in der Toilette übernachtet, halbkreisförmig um die Schüssel geschlungen die Nacht zu verbringen versucht… die Unfälle, die sich (gar nicht mal so selten) auf Toiletten ereignen bis hin zu dem von ihm erlebten, daß ein (gottseidank genügend) breitschultriger Bekannter kopfüber in einen Abortschacht fiel und über Nacht dort hängenblieb… ungefährlicher dann schon die Situation des stillen Friedensschlusses mit dem verfeindeten Professor, nachdem sich beide wortlos nebeneinander vor den Waschbecken und den Spiegeln dieses Ortes der Körperpflege widmeten und in dieser Intimität des Augenblicks unausgesprochen Differenzen schmolzen.

Ein prägendes Erlebnis in Japan. Erst an jenem Morgen eines schon längeren Aufenthaltes in diesem fremden Land, nach Betreten der Tempeltoilette in Nara, wurde Japan mir heimisch; kam ich dort auf der Insel an; nahm das Land, das ganze, mich auf. … Ankunfts-, Aufgenommenseins-, Hiesigkeitsgefühl? Der Stille Ort von Nara war auch einer der Befreiung. … Ich wurde … unbändig in ihm, erfüllt von belebend unbestimmter Energie. Und mehr noch der Begeisterung des Autoren über diesen Ort eines Geistes der Unverwundbarkeit… an dem, einem japanischen Dichter zufolge die alten japanischen Haiku-Dichter auf zahllose Motive gestoßen sind. Auf der Toilette, wenn wir nach dem Schließen der Tür der Welt auf Zeit entzogen sind, konzentriert sich unser Bewusstsein auf unseren Leib und seine Bedürfnisse, entkommen wir sowohl der Vergangenheit als auch der Zukunft, gelangen ins Hier und Jetzt, in die Gegenwart, auch wenn sie nur wenige Augenblicke dauern mag. Verwundert es da, daß der Geist frei ist in diesen Momenten, offen für spontane Eingebungen, für Neues? Die Toilette also als Ort der Kreativität, auch der Norweger Kagge [4] berichtet davon in seinen Betrachtungen über die Stille. Es ist nicht verwunderlich, mir gefällt dieser Gedanke einer besonderen Art der Achtsamkeit dieses Stillen Ortes. Noch einmal zurück zur Toilette in Nara: auch hier wieder die Faszination durch das Dämmerlicht.

Und erst jetzt, lange im Nachhinein, merke ich: Ich habe zu erzählen vergessen, was der vordringliche und mächtigstes Anlaß zu diesem Versuch über den Stillen Ort war, nämlich: jene Übergänge, die unvermittelten, von Stummheit, Geschlagensein mit Stummheit, zur Wiederkehr der Sprache und des Sprechens – immer wieder erlebt, und im Lauf des Lebens zunehmend stärker, im Moment des Schließens und Absperrens der bewußten Tür, allein mit dem Ort und seiner Geometrie, weg von den anderen. 

Der Stille Ort, bzw. eher wohl noch die Stille des Ortes ist es, die eingesperrt-zurückgedrängte Gedanken freigibt, die sie Worte finden läßt, in denen sie denkbar, formulierbar, sprechbar werden: kein Widerspruch, der sich im ersten Lesen möglicherweise angedeutet haben mag, sondern heilsame Wirkung der Stille.

Der Stille Ort, der für den Autoren in den ersten Epochen seines Lebens mehr ein Flucht-, Asyl- und Rückzugsort war, änderte diese Funktion im Lauf der Zeit. Er wurde Schlafplatz, ein Ort auch der Reinigung des Äußeren, ein Ort zum Nachdenken, ja, ich scheue mich nicht, den Begriff ‚meditativ‘ in diesem Kontext zu nennen. Ein Ort auch der Geometrie, der Form, was ich hier jetzt nur in diesem Satz festhalten möchte, Handke läßt sich ausführlich über diesen Zusammenhang aus.

Wenn wir uns als Leser dem Thema öffnen – und es geht Handke nur um den Ort an sich, nicht um das, was dort praktisch durchgeführt und erledigt wird und dann auch anrüchig erscheint – erkennen wir die Wahrheit, die Handke ausspricht. Dieser profane Funktionsraum, ausgerechnet dieser Funktionsraum ist so viel mehr und er ist es, sind wir ehrlich, auch für uns. Auch für uns ist er Fluchtort, gewährt er uns für Minuten Asyl und Schutz, bringt er uns auf andere Gedanken. Weil er uns die Möglichkeit gibt, uns auf uns, unseren Körper, der mit Seele und Geist eine Einheit bildet, zu konzentrieren und uns damit zu öffnen. Damit wird er zum wahren Stillen Ort.

Handke, einer der deutschsprachigen ‚Groß’autoren hat diverse Versuche publiziert: ~ über die Müdigkeit, ~ die Jukebox oder ~ den geglückten Tag. Dieser erscheint möglicherweise am exotischsten, Erinnerungen und Philosophisches zum Klosett, zum Abort liegen nicht a priori auf der Hand. Um so verdienstvoller ist der Versuch Handkes, den Ort der Verrichtung profaner Körperfunktionen nicht nur als Erinnerungsort festzuhalten, sondern ebenso, ihn gedanklich zu durchleuchten. Er hebt damit implizit auch den Vorgang der inneren Reinigung des Körpers, die hier vollzogen wird, aus seiner Profanität heraus und weist ihm die Rolle und Bedeutung zu, die ihm zukommt. Greifen wir diese Gedanken als Anregung auf, die Toilette zukünftig bewusster als Ort der Ruhe und der Reinigung wahr- und anzunehmen.

Links und Anmerkungen:

[1] ach, es gibt so vieles über Handke im Internet… eine Übersicht jedenfalls hier:  https://de.wikipedia.org/wiki/Peter_Handke
[2] —
[3] János Székely: Verlockung (Besprechung im Blog)
[4] Erling Kagge: Stille (Besprechung hier im Blog)

Peter Handke
Versuch über den Stillen Ort
diese Ausgabe: Suhrkamp, HC, ca. 110 S., 2012

 

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2 Kommentare zu „Peter Handke: Versuch über den stillen Ort

    1. liebe hiltrud, ich sollte mich mal wieder mehr um meinen blog kümmern… herzlichen dank für ihre wünsche, die ich gerne zurückgebe: auch ihnen für 2018 alles gute und liebe. und über ihr lob habe ich mich natürlich sehr gefreut…. :-)

      liebe grüße
      gerd

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