Lasha Bugadze: LUCRECIA515

5. November 2017

So, jetzt sitz ich ein wenig ratlos vor der Tastatur, habe ich mir zu dem vorliegenden Roman des Georgiers Lasha Bugadze doch praktisch keinerlei Notizen gemacht, geschweige denn Zitatstellen herausgeschrieben. Das ist nicht notwendigerweise ein schlechtes Zeichen, deutet es doch daraufhin, daß ich den Roman in einem Rutsch durchgelesen habe. Nur jetzt, beim Schreiben, wird es etwas schwieriger. Fang ich also ganz konventionell an, mit dem Autoren und dem Inhalt.


Lasha Bugadze (ლაშა ბუღაძე, ist das nicht eine wunderschöne Schrift?) ist ein junger, 1977 geborener georgischer Theaterautor, Schriftsteller und Cartoonist [1]. Er zählt jedoch – nach Klappentext – schon zu den wichtigsten Autoren Georgiens, der durch Übersetzungen auch international bekannt ist. An der Übersetzung von LUCRETIA515 ins Deutsche hat die ebenfalls bekannte georgische Schriftstellerin Nino Haratschiwili mitgewirkt.

Georgien, um das noch einmal in Erinnerung zu rufen, ist ein kleiner Staat auf der Nordseite des Kaukasus, der an den östlichen Zipfel des Schwarzen Meeres reicht, eine politsch nicht einfache Region. Aber keine Angst, um Politik geht es in diesem Roman nicht. Im Gegenteil, in LUCRECIA515 ist das Thema der brodelnde Hormonhaushalt der lächerlich-tragischen Heldenfigur von Sandro, dem mittdreißigjährigen Saucenkönig. Der zwar seit einigen Jahren mit Keti verheiratet ist und auch Vater ist eines Jungen, der aber diese Ehe (bzw. die Einrichtung der Ehe im Allgemeinen) nur als notwendigen Kompromiss mit gesellschaftlichen Konventionen betrachtet, der ihn keineswegs hindert, einer Motte gleich, die auf jedes Licht zusteuert, jede Frau (mit Betonung auf ‚jede‘) mit der eindeutigen Absicht – wie es zu späterer Stelle im Roman ausgedrückt wird – seinen Pimmel in sie hinein zu stecken, zum Tee einzuladen. Mit irgendwas musste man ja anfangen. Und fast jede nahm die Einladung an, denn es war unmöglich, Sandro nicht zu vertrauen. Seine Kleidung, sein Teint, seine etwas überlangen Koteletten, die rosig-gesunden Wangen – all das schloss ein Nein in jeder Hinsicht aus.

Auch Ana wurde mit ihm bekannt, jedoch war hier etwas anders als sonst. Denn Ana war als Fernsehmoderatorin selbstbewusst und taff, eine gescheiterte Ehe mit einer männlichen Niete hat sie davon überzeugt, daß Liebe nicht unbedingt sein muss, Sex allein auch schon ausreicht. Was für Sandro eine etwas ungewohnte Situation darstellte, denn im Normalfall war (i) er es, der die Regeln aufstellte und (ii) dachte Ana nicht im Traum wie die anderen an ein zukünftiges, gemeinsames Leben mit Sandro. Widerstände reizen und so fixiert sich Sandro immer stärker (sieht man mal von einer skype-gestützten gemeinsamen Masturbationsbeziehung zu einer in der Ferne weilenden Bekanntschaft ab) auf Ana.

Sandro hatte im Lauf der Jahre eine gewisse Routine entwickelt, seine ganzen außerehelichen Verhältnisse (es waren hin und wieder durchaus mehrere zur gleichen Zeit) mit Beruf und Ehe zu einem Konglomerat zu verknüpfen, das aus Lügen, Vertuschungen und Heimlichkeiten im Stundentakt bestand. Dieses Lügengebäude hielt, auch weil die beteiligten Frauen, vor allem also Keti, willfährig ihre Augen schlossen.

Interessant und turbulent wird die Geschichte in dem Augenblick, als bei Keti durch die Ana-Affäre eine Grenze überschritten wird und sie sich wildentschlossen das Passwort zu Sandros Accounts besorgt. Es dauert nicht lange, und Sandro gerät zwischen zwei Mühlsteine, die ihn langsam, aber sicher zermalmen. Denn zum einen fängt Keti an, unter Sandros Account als Sandro mit Ana zu chatten, zum anderen verrät Sandro Ana sozusagen als Vertrauensbeweis ebenfalls sein Passwort, so daß beide Frauen jetzt direkt miteinander kommunizieren können und sie sich bald darauf gegenseitig die immer verzweifelter werdenden Nachrichten von Sandro weiterleiten… fast bekommt man Mitleid mit Sandro, dessen Lügengeschichten mit immer kürzere Beine durch die bzw. seine Welt geistern.


Die Frage, die sich mir gestellt hat, ist die nach der Aussage, die Bugadze in diesen Roman eingebunden hat. Mit seinen vierzig Jahren ist er ja in dem Alter Sandros, sollte also die Charakteristika dieser Alterskohorte kennen. Es ist ja nicht nur die geradezu animalische Sucht nach Sex, die Sandro auszeichnet, und damit verbunden die nahezu biblische Einstellung, sich die Frau untertan zu machen und sie nur noch hinsichtlich ihrer Betteignung einzustufen. Eine Neigung zum Alkohol ist ebenfalls vorhanden und wenn sich Sandro für seine Fernbeziehung vor der Cam positioniert, muss er den sichtbaren Bauchansatz verstecken, damit das temporär Wesentliche überhaupt ins Bild kommt. Die Frauen dagegen haben sich erst einmal ebenfalls in ihre Rolle ergeben, daß Sandro ja genug Opfer, die sich von ihm beschlafen lassen, findet, spricht jedenfalls dafür . Und Keti macht lieber die Augen zu und redet sich ein, Sandro würde sie nie verlassen. Was durchaus möglich ist, denn der äußere Schein sollte ja gewahrt bleiben.

So zeigt sich in Sandro (die anderen Männerfiguren des Romans spielen keine große Rolle) überspitzt ein archaisches Männerbild des Jägers und Sammlers, der seinen Samen weiträumig verbreiten muss und in Keti die duldsame Frau, die brav am Herd wartet und auf die Brosamen hofft, die noch für sie abtropfen könnten.

Ana ist der Störfaktor dieses eingespielten Arrangements. Sie ist selbstbewusst, denn sie hat mit ihrer gescheiterten Ehe eine Erfahrung gemacht, aus der sie ihre Lehren gezogen hat. Zum unverbindlichen Sex ist sie bereit, sie findet diesen Sandro auch durchaus attraktiv, analysiert aber aufkeimende Gefühle sorgfältig und ist dadurch vor weiteren Verwicklungen geschützt – auch wenn sie in ihren Handlungen (Vertreibung von Sandro aus ihrem Paradies) inkonsequent ist. Wie übrigens in viel größerem Ausmaß Sandros Frau Keti ebenfalls, die ihre Koffer immer wieder ein- und dann auch wieder auspackt.

Letztlich aber besinnen sich beide Frauen ihres eigenen Wertes und es entsteht so etwas wie eine Komplizenschaft zwischen den beiden Frauen, gegen die Sandro mit seine beschränkten Mitteln von Lüge und Heimlichkeit keine Chance mehr hat. Gut so.


Das alles und noch einiges mehr hat Bugadze sehr lesefreudig, flott und unterhaltsam, mit viel Situationskomik und Ironie in Sprache gebracht. Er bedient sich dabei verschiedener Mittel. Der Großteil des Romans wird von einem ungenannten Erzähler erzählt, dazwischen sind immer wieder Einschübe, in denen Sandro seine Überlegungen und Gedanken ausbreitet. Die Kommunikation zwischen Ana und Keti ist teilweise wie ein Brief- bzw. Mailroman aufgebaut und als letztes – man soll ja immer was dazu lernen – gibt es in der Art eines Ratgebers hin und wieder Aufzählungen, was und wie man in entsprechenden Situationen, die gerade in der Handlung aufgetaucht sind, vorzugsweise zu agieren hat, um sein Ziel zu erreichen.

In der Summe ist LUCRECIA515 als Roman so bunt wie das Bild auf dem Schutzumschlag. Und obwohl im ganzen Roman im Grunde keine sympathische Figur findet, hat die Handlung so viel Tempo, ist so abwechslungsreich, daß man das Buch nicht aus der Hand legen will.

P.S.: jetzt hätte ich es fast vergessen, ein Punkt sollte noch nachgereicht werden, ein Hinweis nämlich auf die Art der Sexszenen, die diese erotische Gesellschaftssatire natürlich auch aufweist. Kurz und knapp: … sie haben die Erotik einer Darmspiegelung [3]. Mehr braucht man dazu allerdings auch nicht zu sagen, sie fügen sich damit völlig harmonisch in das Lebensbild des traurigen Harlekins Sandro ein.

Links und Anmerkungen:

[1] das sagt die Wiki zum Autoren https://de.wikipedia.org/wiki/Lascha_Bugadse oder auch so: https://ka.wikipedia.org/wiki/ლაშა_ბუღაძე
[2] zu Georgien die Wiki:  https://de.wikipedia.org/wiki/Georgien
[3] liebe Renie, habe danke für diese Formulierung! in: https://whatchareadin.de/community/threads/rezension-5-5-zu-lucrecia515-von-lasha-bugadze.12776/

Lasha Bugadze
LUCRECIA515
Übersetzt aus dem Georgischen von Nino Haratischwili und Martin Büttner
Originalausgabe: LUCRECIA515, Tiflis, 2013 
diese Ausgabe: FVA, HC, ca. 312 S., 2017

Ich danke dem Verlag für die Überlassung eines Leseexemplars.

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