Han Kang: Menschenwerk

22. Oktober 2017

Nach dem Korea-Krieg, der von 1950 bis 1953 dauerte und zur Teilung des Landes führte, lief die wirtschaftliche Entwicklung Südkoreas nur schleppend an, es kam in den nachfolgenden Jahren zu politischen Unruhen. Präsident Rhee dankte 1960 ab und ging ins Exil. Nach einem kurzen Interregnum putschte sich 1961 das Militär unter Leitung von General Park Chung-hee an die Macht. Das Parlament wurde aufgelöst und durch eine Militärregierung ersetzt, an deren Spitze Park stand. Unter Park setzte im Lauf der Jahre der wirtschaftliche Aufschwung des Landes ein, auf der anderen Seite wurden unter seiner Regierung wesentliche demokratische Rechte verletzt und stark eingeschränkt. 1979 fiel Park einem Attentat zum Opfer. Im Dezember 1979 fanden Wahlen statt, doch schon eine Woche später putschte das Militär gegen die gewählte Regierung. Im darauffolgenden Jahr kam es zu großen Demonstrationen im ganzen Land, die Menschen forderten Rechte und Reformen ein. Um eine Destabilisierung des Landes zu vermeiden, die nach damaliger Ansicht den Norden zur Invasion hätte verleiten können, ging man mit äußerster Brutalität gegen die Aufständische vor. Insbesondere in der im Südwesten des Landes liegenden Stadt Gwangju wurde im Mai 1980 ein Exempel statuiert und der Aufstand der Bevölkerung brutal niedergeschlagen. [2]


Dong-Ho, 1980
Jeong-Dae, 1980
Eun-Suk, 1985
Jin-Su, 1990
Seon-Ju, 2002
Dong-Hos Mutter, 2010

 

……….

Han Kangs [1] meisterlicher Roman Menschenwerk hat diesen Aufstand in Gwangju, wo sie selbst im November 1970 geboren worden ist, zum Thema. Sie unterteilt ihren Roman in sechs Abschnitte, in denen sie jeweils eine Person über ihre Erinnerungen und Erlebnisse berichten läßt. Verbindendes Glied dieser Abschnitte ist der fünfzehnjährige Junge Dong-Ho, dessen Geschichte das Buch eröffnet. In einem Epilog schildert Kang abschließend ihre eigenen Erinnerungen als Kind an diese Tage zwischen dem 18. und dem 27. Mai 1980, es zeigt sich hier auch ein weiterer, direkter Bezug, den die Familie Han zu Dong-Ho (und seiner Schwester) hat. Literarisch ist das Buch als Roman klassifiziert, ich befürchte nur, nein, ich gehe davon aus, daß nichts von dem, was Han berichtet, erfunden ist.

Schon mit den ersten Seiten führt die Autorin uns Leser an Grenzen. Dong-Ho, ein fünfzehnjähriger Schüler ist auf der Suche nach seinem Freund Jeong-Dae, mit dem er auf einer Demonstration war und der von einer Kugel getroffen worden war. Die Leichen der Erschossenen, der Massakrierten, der Erschlagenen sind in der Turnhalle aufgebahrt, um dort möglicherweise von Verwandten identifiziert zu werden, still daliegende Körper und ein furchtbarer Gestank.

Seinen Freund findet Dong-Ho nicht, aber er bleibt bei den Menschen, die in der Halle arbeiten, die Toten zurecht machen, sie aufbahren und die Angehörigen begleiten. Es ist jedoch nicht Dong-Ho selbst, der uns seine Suche schildert, Han erzählt aus der Sicht seiner Seele, die beschreibt, was damals geschehen ist: Du nahmst die Hand herunter, die du wegen des Gestanks vor die Nase gehalten hattest, und sagtest: „Ich suche einen Freund.“ – „Seid ihr verabredet?“ – „Nein, aber ich dachte unter den vielen Leichen …“ – „Oh, ich verstehe, dann schau dich um.“

Die Menschen in der Turnhalle erwarten den Angriff der Soldaten – wie alle Menschen in der Stadt. Sie bereiten sich darauf vor, Dong-Ho ist zu jung zum Kämpfen, er wird nach Hause geschickt, gehorcht aber nicht.

Noch einmal läßt die Autorin eine Seele berichten: die des von Dong-Ho gesuchten Jeong-Dae schildert, was mit dem Körper Jeong-Daes passiert ist und wie die Soldaten anschließend die Leichen der erschossenen Demonstranten Getreidesäcken gleich auf LKW schmeissen, irgendwo draußen zu Türmen stapeln (jeweils rechtwinklig übereinander, oben schließt ein Strohsack den makabren Turmbau ab). Es sind diese beiden ersten Abschnitte, die von Verwesungsgeruch wabern, von Maden, die die zu den Seelen gehörenden körperlichen Hüllen zersetzen, von Gesichtern, die immer unkenntlicher werden, bevor sie sich in einem Gemenge von Sekret, Schleim und sich windenden Aasfressern auflösen… Jede Nacht kommt der LKW und türmt neue Haufen, bis dann endlich Benzin über die kaum noch ertragbar stinkenden Leichentürme gegossen wird und sie verbrennen – und endlich die Seelen freigeben, die Seelen, die bis dahin an die Körper gebunden waren und die erst mit dessen Auflösung ihre eigene Freiheit gewinnen.

Es ist ein geschicktes Vorgehen der Autorin, ihre Zeugen über einen großen Zeitraum hinweg zu befragen. Es sind auch nicht alle Zeugen direkt bereit, sich an das Vergangene zu erinnern, mit diesem Kunstgriff führt sie sich selbst verfremdet als Fragerin in die Handlung ein. Auf diese Art kann Han nicht nur die damaligen Ereignisse exemplarisch darstellen, sondern auch die langfristigen Folgen für die Menschen.

So schält sich ein kaum ertragbares Bild heraus von unsäglichen Foltern, die die eingekerkerten Menschen erdulden mussten, von der Tatsache, daß die Grausamkeiten kein Exzess waren, sondern angeordnet und belohnt wurden. In Kambodscha haben sie mehr als zwei Millionen Menschen umgebracht. Es gibt keinen Grund, hier nicht das Gleiche zu tun. wird als Ausspruch eines Generals kolportiert. Es war zwar das Ziel, einen Aufstand niederzuschlagen, aber es ging auch ums reine Töten, ums Abschlachten. Es wurden 800.000 Schuß Munition ausgegeben, das waren pro Kopf zwei Schuss… Von den Dächern aus war es ein Scheibenschießen auf Demonstranten, Jugendliche, die sich mit erhobenen Händen ergaben, wurden niedergemäht. Deren Leichen fielen so ordentlich in Reihe, daß man auf Fotos glauben konnte, sie seien erst später so angeordnet worden. Es gab, auch das sagt Han, auch andere Soldaten. Soldaten, die die Lieder nicht mitsagen, die in die Luft schossen, Verletzte an die Krankenhäuser brachten. Aber das Gros war entmenschlicht.


Jeden Tag betrachte ich die Narben auf meiner Hand. Ich streiche über die Stellen, an denen der Knochen offen gelegen hatte und an denen die nässenden, entzündeten Geschwüre gewesen waren. … Ich warte darauf, dass die Zeit alle wunden heilt. Darauf, dass der natürliche Tod mich ein für alle Mal erlösen wird von der Erinnerung an den schmutzigen Tod, der mich Tag und Nacht verfolgt.

Die vom Geheimdienst oder der Polizei Eingekerkerten wurden verhört, geschlagen, gefoltert, nackt in Ameisenhaufen gelegt, penetriert mit dem was da war, … körperliche und seelische Verletzungen, die über Jahre und Jahrzehnte nicht verheilen konnten, oft im Alkohol und im Suizid ebenso mündeten…

Ich kämpfe, jeden Tag. Ich kämpfe allein. Ich kämpfe gegen die Schande, überlebt zu haben und immer noch am Leben zu sein. Ich kämpfe gegen die Tatsache, dass ich ein Mensch bin.
Ich kämpfe gegen die Vorstellung, nur mein Tod könne mich von all dem befreien. 


Han schildert die Vorgänge weitgehend sachlich, neutral, nüchtern, distanziert. Sie beobachtet, läßt die Bewertung und die Gefühle über das Gelesene beim Leser entstehen. Erst im Epilog, der über ihre eigene Rolle bzw. den Zusammenhang der Geschehnisse mit ihrer Familiengeschichte berichtet, spürt man die Anstrengung, die Belastung, die das Verfassen dieses Romans, die Recherche, die gefundenen Fakten für sie darstellen. Sie wird von Alpträumen geplagt, in denen sie sich mit den Verfolgten Menschen identifiziert, selbst zur Verfolgten, Ermordeten wird. Wenn mir doch einmal die Augen zufallen, dann bin ich wieder in den dunklen Straßen des Viertels mit dem Nachhilfeinstitut. … Gesichter tauchen schemenhaft in der Mitte einer dunklen Straße auf. Es sind die Gesichter der Getöteten. Das ausdruckslose Gesicht meines Mörders, der einen Säbel in meine Brust rammt.  

Wenn ich an diese zehn Tage in der Geschichte dieser Stadt denke, dann sehe ich sofort einen Menschen vor mir, der zu Tode geprügelt wird, mit vor Schreck geweiteten Augen. Ich sehe den Moment, in dem er seinen Peiniger anschaut, die verklebten Lider mühsam öffnend, Blut und Zähne ausspuckend. Ich sehe den Moment, in dem er sich an sein eigenes Gesicht erinnert, seine Stimme und seine Würde, die einem früheren Leben anzugehören schien.


Am Schluß ihrer Betrachtungen kommt sie zu einer bemerkenswerten Feststellung. Die Verteidiger des Regierungsgebäudes, das gestürmt wird, waren alle bewaffnet, aber kaum jemand hat von der Waffe Gebrauch gemacht. Auf die Frage angesprochen, warum sie überhaupt geblieben waren, obwohl sie genau wussten, dass sie unter Beschuss geraten würden, antworteten alles Überlebenden ähnlich. „Ich weiß nicht, warum, aber es schien mir einfach das Richtige zu sein. – Ich hatte mich getäuscht, sie als Opfer zu betrachten. Sie sind genau deswegen geblieben, damit sie nicht zu Opfern werden. Aber was sind sie dann? Helden würde sie sie nicht nennen, … Aushaltende …  Widersteher. Menschen, die der Gewalt etwas entgegensetzen. Umarmende. [3]

Diese Aushaltenden, die Toten des Massaker, haben soweit es möglich war, ihre Ruhestätten gefunden. Sie wurden umgebettet, in einer berührenden Passage schildert Han im Epilog die Schmerzen, die Trauer der Angehörigen, als sie die Knochen ihrer Toten reinigen. Auch Dong-Ho hat jetzt ein Grab, auf dem sein Name steht. Schmerz und Trauer der Menschen haben jetzt einen Ort bekommen [4].


Han Kang hat den aufständischen Einwohnern ihrer Geburtsstadt Gwangju mit Menschenwerk stellvertretend für alle Menschen, die sich damals gegen das autoritäre, von den Amerikanern gestützte Regime auflehnten, ein meisterliches Denkmal gesetzt. Gleichzeitig war es Arbeit an einer eigenen Wunde, die sie als Kind erlitt, als sie heimlich Bilder des Aufstandes anschaute, denn damals zerbrach etwas Zartes [in  ihr], von dem [sie] gar nicht wusste, dass es da gewesen war. Menschenwerk klagt darüber hinaus jedes totalitäre, repressive Regime an, weil es bereit ist, die Grundrechte jedes Menschen mit brutaler Gewalt zu unterdrücken und es beschreibt den Heldenmut derjenigen, die sich trotzdem dagegen stellen.

Menschenwerk – ein (literarischer) Höhepunkt, der bleiben wird.

Links und Anmerkungen:

[1] Wiki-Beitrag zur Autorin: https://de.wikipedia.org/wiki/Han_Kang
[2] Wiki-Beitrag über die Geschichte Südkoreas:
https://de.wikipedia.org/wiki/Geschichte_Südkoreas
Videoclip: vimeo.com
[3] so Han selbst in: Volker Weidemann im Interview mit Han Kang: Die Reinigung der Knochen; in DER SPIEGEL 39/2017, S. 122f
[4] https://de.wikipedia.org/wiki/18._Mai-Nationalfriedhof_von_Gwangju

ferner interessant: Südkoreas Trauma: eine Buchvorstellung in 3sat: http://www.3sat.de/mediathek/?mode=play&obj=68837 (und ein Dank an Marina, die mich darauf aufmerksam machte)

des weiteren habe ich von Han Kang noch den Roman Die Vegetarierin vorgestellt:
https://radiergummi.wordpress.com/…vegetarierin/

Han Kang
Menschenwerk
Aus dem Koreanischen übersetzt von Ki-Hyang Lee
Originalausgabe: 소년이 온다 (Sonyeoni onda), Changbi, 2014
diese Ausgabe
: Aufbau-Verlag, HC, ca. 214 S., 2017

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3 Responses to “Han Kang: Menschenwerk”


  1. Ich bin auch sehr gespannt. Habe es gerade in der Bibliothek vorgemerkt. Es gab auch auf 3sat eine Buchvorstellung:
    http://www.3sat.de/mediathek/?mode=play&obj=68837
    Viele Grüße!

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  2. […] Meinungen zum Buch bei: ausgelesen fruehlingsmaerchen […]

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