Charlotte Link: Sechs Jahre

4. Oktober 2017

Die Schriftstellerin Charlotte Link wird von ihrem Verlag als erfolgreichste deutsche Autorin der Gegenwart beworben, ihre psychologischen Spannungsromane sind auch international erfolgreich [1]. Dieses Buch hier ist jedoch etwas völlig anderes, es ist ein sehr persönliches Buch, das Verfassen dieses Textes gehört, so Link, zu den Aufräumarbeiten nach einem unsagbar schweren Verlust, stellt ein Stück persönliche Bewältigungsstrategie dar. Vielleicht sogar den Versuch, das, was geschehen ist, irgendwie dadurch zu begreifen, daß ich es in Worte fasse. Denn noch immer ist dies das vorherrschende Gefühl in mir: Ich begreife nicht, dass sie nicht mehr da ist.


Die nüchternen Fakten sind schnell aufgezählt: Im Frühjahr 2006 wurde bei der Schwester Charlotte Links, Franziska, zu diesem Zeitpunkt 41 Jahre alt, mehr oder weniger durch Zufall eine inoperable Metastase in der Lunge festgestellt. Die erste Prognose dazu war infaust, die Onkologin gab einen Zeitrahmen von ca einem Jahr bis zum Tod an. Die Suche nach dem Primärtumor führte zu einem Darmtumor im fortgeschrittenen Zustand. Letztlich ergab sich, daß diese Tumore Folge waren der Behandlung eines Hodgkin-Tumors, der knapp zwei Jahrezehnte zuvor erfolgreich mit Chemo- und Strahlentherapie behandelt worden war, das Auftreten solcher Spätschäden ist mittlerweile gesichert [3]. Die Heilung vom Hodgkin, wird sehr, sehr teuer erkauft, so wird es eine Ärztin  der Autorin später sagen. In Sechs Jahre schildert Link den Kampf der gesamten Familie gegen diese Krebserkrankungen, zu denen dann nach einigen Jahren noch eine weitere gravierende Spätfolge des Hodgkins kam, die 2012 letztlich auch zum qualvollen Sterben Franziskas führte: eine Lungenfibrose, d.h., das Lungengewebe vernarbt und verliert die Fähigkeit zum Luftaustausch, im Extremfall folgt der Tod durch Ersticken.


Ach, sie sind gar nicht der Eierstockkrebs? …
Wer um Himmels willen sind Sie denn dann?

Das Buch ist anstrengend zu lesen, es nimmt mit, ich habe gelitten und brauchte viele Pausen. Es gab Absätze, da glaubte ich eher einen makabren Sketch zu lesen als eine Krankengeschichte, wenn etwa die Onkologin bei der Erstinformation über das Diagnoseergebnis (inoperable Lungenmetastasen und damit längeres Überleben ausgeschlossen, Darmkrebs…) auf die Äußerung Franziskas, sie habe Kinder, mit folgendem Vorschlag reagiert: In diesem Fall würde ich an Ihrer Stelle sofort mit der Erstellung einer Dokumentation Ihres Sterbens beginnen. Ein Rat, den sie Jahre später in etwas abgewandelter Form von einem anderen Arzt noch einmal bekommen sollte: „Was soll ich jetzt machen?“ – „Am besten, ihr Testament schreiben.“ [dem Sinne nach zitiert]. Oder auch als letztes Beispiel für die Empathiefähigkeit vieler Ärzte die Reaktion des Chefarztes auf den Einwand einer seiner Ärztinnen bei der Visite (Franziska bekam zu diesem Zeitpunkt eine sehr aggressive Chemo plus Bestrahlung gegen die Lungenmetastasen): „Wir sollten vielleicht die Bestrahlung aussetzen. Das hält die Patientin nicht mehr durch!“ Er schaute Franziska kurz an. „Weitermachen“, sagte er dann einfach nur. Und verkündete im Hinausgehen: „Ich gehe immer an die Grenze!“ Man kann es sich so gut vorstellen, wie er mit wehendem Kittel und erhobenem, zum Kampf bereiten Haupt auf den Flur tritt…

Sechs Jahre ist also auch ein Protokoll über die Unfähigkeit vieler Ärzte, Patienten als Menschen zu sehen, wahrzunehmen und zu behandeln. Um nicht ungerecht zu sein, muss man allerdings zugeben, daß diese Unfähgikeit nicht nur bei Ärzten angetroffen wurde, Pflege- und anderem medizinischen Personal, mit denen Franziska und ihre Angehörigen in den Krankenhäusern zu tun hatten, standen den Medizinern häufig kaum nach. Beispielsweise scheint es nirgends so leicht zu sein, zu verhungern, wie in Krankenhäusern: das Essen wurde Franziska gebracht, und später wieder abholt. Ob sie tatsächlich etwas gegessen hatet, interessierte keinen. Im Spätstadium der Krankheit beispielsweise war sie extrem untergewichtig (unter 40 kg bei 1, 73 Körpergröße), kreuzte im Krankenhaus auf der Essensliste leichte vegetarische Kost an und bekam Schweinebraten mit Rotkohl…. dies war kein Einzelfall, Proteste dagegen wurden a) als lästig empfunden und b) ignoriert.

Es ging – Gott sei Dank – auch anders, war nicht nur so, es gab auch Ärzte voller Empathie, Krankenhäuser mit sorgsamen Personal, aber die Häufigkeit, mit der Link über solche und andere Schrecken wie oberflächlich hingeworfene Fehldiagnosen (u.a. ‚Herzmetastasen‘: Er sagt, man kann jetzt gar nichts mehr machen) berichtet, ist erschütternd.

Die Hoffnung stirbt zuletzt… und manchmal, wenn es nur bergab geht, ruht die Hoffnung auch auf der Nicht-Schulmedizin. Positive Berichte im Internet (die man selbstredend nicht nachprüfen kann) machen Mut, flößen Zuversicht ein … eine deutliche Zustandsverschlechterung und viel, viel Geld, was gezahlt werden musste, war das einzige Ergebnis eines solchen verzweifelten Versuchs einer alternativen Therapie.

Das Jahr, das ihr bei der Erstdiagnose von der Onkologin prophezeit worden war, hat Franziska weit überlebt. Die gesamte Familie war daran beteiligt. Die als inoperabel bezeichneten Metastasen konnten operiert werden, das unermüdliche Recherchieren der Autorin führte sie zu einem Professor, der auch solche hoffnungslosen Fälle noch operiert, der Darmkrebs-OP war ebenfalls erfolgreich. Es gab bei allem Elend auch Phasen, in denen es Franziska relativ gut ging, sie sich zuhause um ihre Kinder und die Tiere, die sie so liebte, kümmern konnte. Immer wieder kam es jedoch zu gesundheitlichen Problemen, zu Komplikationen, auch ‚Fehlalarme‘ gab es, weil das Vertrauen in den eigenen Körper verloren gegangen war.

Anfang 2009 bekam Franziska vermehrt Probleme mit der Atmung, man vermutete Spätfolgen einer Bronchitis, behandelte dann auch lange auf Lungenentzündung – letztlich und sehr spät ergab sich die Diagnose: Lungenfibrose als Spätfolge des Hodgkin. Man nehme einen Strohhalm und versuche, nur durch diesen Strohhalm zu atmen, vielleicht sogar, dabei eine Treppe hochzugehen: es vermittelt die Ahnung einer Ahnung, was es bedeutet, Tag und Nacht, jede Sekunde des Lebens zu wenig Luft zu bekommen.

In der folgenden Zeit verschlechterte sich der Zustand Franziskas immer mehr, verstärkt durch ihre physisch oder psychisch (das ist nicht klar) bedingte Unfähigkeit, Nahrung zu sich zu nehmen, ihre Krankengeschichte ging unmerklich in eine Sterbegeschichte über. 2011 beginnt die Zeit des ‚Das-letzte-Mal,-daß‘ …, am 7. Februar 2012 verstarb Franziska an einer inneren Blutung, die nicht mehr gestillt werden konnte.


Die beiden Schwestern Charlotte, die anderthalb Jahr älter war, und Franziska hatten ein außergewöhnlich enges Verhältnis miteinander, sie waren sich Schwestern, Vertraute und allerbeste Freundinnen. Franziska lebte mir ihrer Familie in Bayern, Charlotte Link sowei die Eltern im Rhein-Main-Gebiet. Zwischen diesen beiden Regionen pendelt das Leben und die Krankheit Franziskas hin und her. Die gesamte Familie beteiligte sich am Kampf gegen den Krebs, recherchierte Infos, organisierte und half, wo es zu helfen galt. Nach außen hin schotteten sie sich, vor allem im späteren Stadium der Krankheit, ab, keiner der Freunde wusste am Ende, wie schlecht es wirklich um Franziska stand, die Familie vermittelte nach außen hin ein stark geschöntes Bild. Hilfe von Aussenstehenden bekamen sie nicht, wollten sie wohl auch nicht. Ein einziges Mal berichtet Link davon, daß sie in tiefster Verzweiflung einen Pfarrer aufgesucht hat, das Gespräch mit ihm hatte sie erleichtert, war aber kein Anlaß, später noch einmal auf positiv erfahrene externe Hilfe zurückzugreifen.

Der jahrelange selbstaufopfernde Einsatz der Familie verbunden mit den seelischen Belastungen blieb auch für die Familie nicht ohne Folgen. Die Autorin selbst erlitt mehrmals eine Art Zusammenbruch, die Mutter, die oftmals den ganzen Haushalt der kranken Tochter versorgen musste, war am Ende der Zeit körperlich ebenfalls sehr mitgenommen. Die Rund-um-die-Uhr-Begleitung der Tochter in den Krankenhäusern führte nachvollziehbarerweise zu Spannungen im Innenverhältnis, man ging sich mit der Zeit gehörig auf die Nerven. Diese Begleitung stand soweit es psychisch irgend möglich war, unter dem Zeichen der Hoffnung und eines worauf sich auch immer gründenden Optimismus, daß man es auch diesmal wieder schaffen werde. Die Lebenswelten Franziskas und ihrer Familie driften jedoch langsam auseinander, eine schleichende Entfremdung war die Folge.

Es gibt eine Situation, in der Link festhält, daß es Franziska wohl am liebsten gewesen wäre, wenn jemand mit ihr geweint hätte, ein Bedürfnis, das jedoch nicht erfüllt wird. Überhaupt steht die Frage, wessen Bedürfnisse im Vordergrund stehen, immer wieder im Raum, wenn die Autorin beispielsweise bekennt, wie sehr sie ihre Schwester braucht, wie wenig sie sich ein Leben ohne sie vorstellen kann: »Doch, du überlebst das! Ich bin ganz sicher. Du musst kämpfen. Du hast all die Jahre gekämpft. Bitte, gib jetzt nicht auf. Hör nicht auf zu kämpfen!« …. Und als sie leise fragt: »Warum?«, da antworte ich ihr mit meinen Gefühlen. Mit meinen Ängsten. Einfach mit mir selbst. »Wegen mir. Meinetwegen musst du kämpfen. Und durchhalten. Wenn es wegen nichts sonst ist, dann wegen mir. Weil du mich nicht verlassen darfst. Weil das nicht denkbar ist. Bitte. Verlass mich nicht. Ich schaffe es nicht ohne dich. Lass mich nicht allein!«

Die Priorität für Franziska, der Grund, warum sich alles lohnt, lautet jedoch anders. Schon 2009, nach Diagnose der Fibrose konstatierte sie: Es geht nur noch darum, Zeit zu gewinnen. Ich will, dass meine Tochter eine klare Erinnerung an mich hat, wenn ich nicht mehr da bin. Jedes Jahr, das ich länger lebe, jeder Monat, wird ein Stück ihrer Erinnerung sein. Sie ist jetzt fünf. Ich möchte, daß sie ein Bild von mir in sich trägt. Und immer weiß, wie sich meine Stimme angehört hat. Es in der Tat einfach nur bewunderswert, wie Franziska dies umsetzt, in den Zeiten, in denen sie zu Hause ist, ihren Kindern – vor allem ihrer Tochter – ein den Umständen entsprechend weitgehend unbeschwertes Familienleben gestaltet, sich nie hängen läßt oder ihre Stimmung an andern ausläßt.

So wie sich die Familie nach außen abschottete und niemanden über das Ausmaß der Katastrophe informierte, so schottet sie sich auch nach innen ab: obwohl jedem klar gewesen sein muss, daß der Tod Franziskas immer zumindest im Bereich des Möglichen gelegen hat (das letzte Zitat zeigt dies deutlich: … wenn ich nicht mehr da bin…) , ist dies – zumindest berichtet Charlotte Link nicht davon – nie Thema: es wurde auch mit Franziska wohl nie über ihren möglichen Tod gesprochen, was aus meiner Erfahrung als Hospizbegleiter zu einer sehr tragischen Situation führt: jede der beiden Parteien weiß um diese Gefahr bzw. diese Tatsache, aber keine redet darüber, niemand traut sich, das mögliche Sterben anzusprechen. Auch am absehbaren Ende von Franziskas Leidensweg wurde wohl darüber nicht gesprochen, die Chance eines Abschieds, des gegenseitigen Weinens und Tröstens nicht genutzt. Erst in den allerletzten Momenten des Leidens von Franziska dringt die Erkenntnis, daß es jetzt vorbei sein muss, durch, weil niemand sie noch länger so unmenschlich leiden lassen darf, wir dürfen es schon gar nicht. Ich begreife, daß diese Lungenblutung eine Gnade ist, für die wir dankbar sein müssen.

Kämpfte man jahrelang um Franziskas Leben, so schlug dies gegen Ende ihres Leidenswege um in einen Kampf mit Franziska. Diese Konstellation erinnert mich an eine Situation, die ich neulich im Bekanntenkreis hatte: die betagte Schwiegermutter, deren Kurzzeitpflege im Heim in einen Daueraufenthalt übergegangen war, lag im langsam, aber sanft verlaufenden Sterbeprozess. Aufopferungsvoll saß die Schwiegertochter jeden Tag am Bett, um der Frau in einem Stunden dauernden Procedere Essen in den Mund zu bugsieren, bis eine Pflegekraft ganz deutlich sagte: Sie nötigen ihre Schwiegermutter. Die will nicht mehr essen! Bei Franziska hatten die Essprobleme nach der brutalen Chemo eingesetzt und sich im Lauf der Krankheit immer weiter gesteigert. Ein kontaktierter Psychologe bot zwei diametral entgegengesetzte Erklärungen an. Zum einen hätte es sich bei dem Hungern um einen stillen Suizidversuch handeln können (Franziska wurde immer wieder in den ärztlichen Unterlagen als suizidgefährdet eingestuft), zum andern hätte es der unbewusste Versuch sein können, den Körper der stark verminderten Atmung anzupassen. Wie auch immer, es müssen qualvolle Momente gewesen sein: auf der einen Seite die Eltern und die Schwester, die immer wieder Druck gegen Franziska aufbauen, doch wenigstens ein bischen zu essen, auf der anderen Seite Franziska, die einfach keine Nahrung mehr zu sich nehmen kann…


Franziska ist Zeit ihres Lebens von derart vielen Krankheiten heimgesucht worden, daß man den Verdacht haben könnte, irgendjemand wollte nicht, daß sie lebt. Große Teile dieses Lebens waren ein Kampf mit dem Tod, ein erfolgreicher, wenn man berücksichtigt, daß sie ihren ersten lebensbedrohenden Krebs schon als sehr junge Frau hatte, ein tragischer, wenn man sich vor Augen hält, daß die Mittel, die diesen Krebs besiegten schon den Keim legten für die späteren Tumore und vor allem für die letztlich tödliche Lungenfibrose.

Sechs Jahre von Charlotte Link läßt uns sehr intensiv und nahe an dieser Geschichte teilhaben und schafft das Portraits einer bemerkenswerten Frau, die sich mit bewunderswerter Kraft gegen ihr Schicksal stemmte, um ihren Kindern so lange wie möglich Mutter sein zu können. Das Buch ist aber ebenso die Geschichte der Autorin, die sich diese unendlich kraftzehrenden sechs Jahre dagegen wehrte, daß ihr der Mensch, der ihr am nächsten stand, genommen wird. Neben dieser Darstellung des Geschehens wird jedoch auch deutlich, welche psychischen und seelischen Belastungen solches Schicksal darstellt und so kann die Geschichte dieser beiden Frauen uns Leser lehren, uns mit der Frage auseinanderzusetzen: wie würde ich reagieren, was würde ich machen, wie gehe ich mit dem Gedanken an meinen eigenen Tod um? Wie man an Franziskas Schicksal sieht, sind das Fragen, die durchaus auch in jungen Jahren schon auf einen zukommen können…

Links und Anmerkungen:

[1] so im Klappentext, aber auch auf der Autorenseite ihres Verlages:  https://www.randomhouse.de/Autor/Charlotte-Link/p1183.rhd
[2] vgl. z.B. hier:  https://www.krebsinformationsdienst.de..nachsorge-hodgkin.php

Eine Übersicht zu weiteren Buchvorstellungen von mir zum Themenkreis Krankheit, Sterben, Tod und Trauer findet sich hier: https://mynfs.wordpress.com

Charlotte Link
Sechs Jahre
Der Abschied von meiner Schwester
diese Ausgabe: blanvalet, HC, ca. 320 S., 2014

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